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Zu Gast bei Gönnern — Ausblick auf die EM 2008

  • Zu Gast bei Gönnern
  • Die FIFA-WM 2006 ist vorbei, alle sind wieder heim gefahren. Die Welt fühlte sich wohl in Deutschland, aber nicht alle. Manchen war dort einfach zu viel Gejubel der Gastgeber. Das letzte Spiel der Schweizer in Köln war wunderbar, wenn da die Veranstalter nicht den Fehler gemacht hätten, zu viele Deutsche ins Stadion zu lassen. So konnte einfach keine Stimmung aufkommen, und die Elfmeterschützen fühlten sich erst recht gestört. Aber vergessen wir das, blicken wir frohgemut nach vorn in die Zukunft.

    In weniger als 22 Monaten beginnt die EM in der Schweiz. Gibt es eigentlich schon ein Motto für dieses ausserordentliche, anstehende Ereignis? Wir hätten da nämlich schon eine Idee vorzubringen. „Zu Gast bei wohlwollenden Gönnern“. Wir lasen im Tages-Anzeiger den aufschlussreichen Leserbrief eines gewissen René Zellweger aus Rümlang.

    Einmal mehr kann man die Deutschen beobachten, wie sie zwischen Arroganz und Verblendung changieren. Zum Beispiel am Fernsehen bei Passantenumfragen in deutschen Städten: «Im Herzen sind wir die Weltmeister. 2008 und 2010 schnappen wir uns den Europameister- und den WM-Pokal.» So sind sie eben. Vielleicht eine Antwort darauf, warum sich viele Schweizer mehr freuen, wenn die Deutschen verlieren, als wenn irgendein anderes Land gewinnt. Leider.
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 15.07.06)

    Zu Gast bei Gönnern
    (Tagi 15.07.06)

    Was lernen wir daraus? Deutsche, wenn ihr 2008 in die Schweiz fahrt, merkt Euch diese Verhaltensregeln:

    1. Klebeband mitnehmen und den Mund gut zukleben vor jedem Spiel, dass bloss kein Jubelschrei oder „Wir werden Europameister“ Ruf aus Euren Kehlen dringen mag. Nehmt Euch ein Beispiel an den zurückhaltend und still in sich hinein jubelnden Schweizer Fans. So solltet ihr euch auch verhalten, wenn ihr in der Schweiz Gast seid. Nicht singen, nicht tanzen und keine Fahnen schwenken. Kommt nicht gut an.

    2. Ein „Vielleicht schaffen wir ja die Vorrunde“ ist unter Umständen noch statthaft. Ihr solltet besser noch ein „eventuell“ einfügen, also „Vielleicht schaffen wir ja eventuell die Vorrunde“.

    3. Wenn ihr zur EM fahrt und wieder nur den Dritten Platz holt gegen 16 oder 32 konkurrierende Mannschaften, dann merkt euch, dass das nichts ist, absolut nichts, und jeder Jubel darüber beweist, wie „verblendet“ ihr seid. Also Sonnenbrille mitnehmen, oder besser gleich eine Schweissermaske (keine Schweizer-Maske!), um jeglicher „Verblendung“ von vornherein vorzubeugen.

    4. Arroganz definiert sich in der Schweiz als der Wunsch, einen Pokal erlangen zu wollen. Arroganz ist schlecht, ganz schlecht. Gott sei Dank hat nur eine Fussballnation den Anspruch auf Arroganz gepachtet. Alle anderen sind davor gefeit.

    5. Die Gedanken sind frei, die Herzen sind es nicht. Sagt bloss nie, dass ihr Euch als „Weltmeister im Herzen fühlt“, denn das ist nicht statthaft. Weltmeister sind einzig und allein die Italiener. Ihr habt, wie es sich für einen Drittplazierten geziemt, zu heulen und mit den Zähnen zu klappern vor Wut und Frustration, Freude ist ganz und gar nicht statthaft.

    6. Seid nett zu den Schweizern und verliert am besten gegen selbige, oder zumindest gegen eine Fussballnation, mit der sich die Schweiz auf Grund hoher Secondo-Zahlen im Notfall eindeutig identifizieren kann. Zur Auswahl stehen Portugal, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Albanien natürlich Italien, und warum nicht auch die Türkei?

    Im liebsten wäre uns ja, wenn ihr Deutschland besiegen würdet, diese von sich so stets überzeugte Fussballnation. Nur irgendwo gibt es da ein Problem, denn seit 1989 haben wir keine zwei Deutschen Mannschaften mehr. Wieso Problem? Es könnten doch ausnahmsweise mal 11 Deutsche gegen 11 Deutsche spielen, dann wäre auf jeden Fall die Deutschen die Besiegten und ihr hättet dem Gastland eine grosse Freude bereitet.

    Ja, so sind sie die Schweizer: Grossherzig und voller Wohlwollen. Es wird sicher eine wunderschöne EM werden für die Deutschen Fans im Heimatland des Gönnertums.

    „2008 und 2010 schnappen wir uns den Europameister- und den WM-Pokal.“

    Diesen hässlichen Satz werden wir aus unserem Vokabular streichen und endlich die Lektion der Schweizer Demut und Höflichkeit begreifen lernen. Damit lüftet sich das ewige Geheimnis, wie in der Schweiz „Arroganz“ definiert wird:

    Nach Höherem streben, Optimismus äussern und Zuversicht zum Lebensmotto machen. Das geht nicht. Bleibe stets bescheiden, niemals fröhlich, und wenn Du Dich doch als „Weltmeister im Herzen“ sehen solltest, dann behalt es für Dich, denn erstens will es niemand wissen, zweitens gehört sich so eine Selbsteinschätzung nicht, und drittens sind die Italiener Weltmeister, und sonst niemand.

    Und erwähne auf gar keinen Fall, dass Du trotz allem nicht weinerlich oder maulig gestimmt bist, sondern immer noch eine ganz klitzekleine Freude als „Weltmeister im Herzen“ hast, jawohl.
    Dank an die Weltmeister der Herzen
    (Quelle: meinBerlin.de, Foto dpa)

    P.S.: Wir freuen uns auf die Schweiz 2008!

    

    51 Responses to “Zu Gast bei Gönnern — Ausblick auf die EM 2008”

    1. Fannie Says:

      Ich (Deutsch seit 11 Jahren hier lebend)habe nur einen Wunsch: Dass es bei der EM 08 bitte, bitte bitte nicht zur Partie Deutschland-Schweiz kommt! Mir kommt es nämlich auch immer so vor als ob die meisten Schweizern eher allen anderen Nationen einen Sieg gönnen als dem Nachbarland Deutschland. Schade eigentlich, wo die meisten Deutschen doch so bewundernd auf die Schweiz schauen. Ich denke oft wie sie wohl darüber denken würden wüssten sie von der leider immer wieder „durchschimmernden“ Deutschfeindlichkeit vieler Schweizer. Man denke nur an die junge deutsche Journalistin (aus Saarbrücken) die bei einem Zürcher Lokalsender arbeitete und regelrecht aus dem Land gemoppt wurde…..Schade eigentlich!

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