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Wenn es in der Schweiz zu eng wird — Warum geht ein Schweizer fort?

  • Wenn es in der Schweiz zu eng wird
  • Die Schweiz ist momentan ein Einwanderungsland. Die wachsende Zahl von gut ausgebildeten Facharbeiten und Hochschulabsolventen, die zur Zeit aus Deutschland in die Schweiz strömt und für länger zu bleiben gedenkt, verstärkt diesen Eindruck. Die Vorzüge der Schweiz dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht für alle Schweizer dieses Land das Land ihrer Träume ist. Uns erzählten wiederholt Schweizerinnen und Schweizer, die wir schon in Deutschland kennen gelernt hatten, dass es ihnen irgendwann zu eng und zu „bünzlig“ wurde in ihrer Heimat. Wenn jeder im Dorf dich kennt, wenn jeder deiner Schritt überwacht wird, wenn Du das Gefühl hast, stets Rechenschaft über dein Tun ablegen zu müssen, dann wird es Zeit, sich im Norden umzusehen.

  • Das Schwabenland ist fast noch Schweiz
  • So erzählte uns Susann aus dem Aargau, die seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebt und mit einem Deutschen verheiratet ist, dass sie es einfach nicht mehr aushielt unter dem Anforderungsdruck der Schweizer Umgebung. Sie fühle sich in Deutschland freier, weniger beobachtet, auch durch die grössere Anonymität, die sie als positiv empfindet. Sie ging nach Stuttgart, denn dort sieht es immer noch ein bisschen hügelig aus wie im Aargau, und der schwäbische Dialekt ist auch nicht so weit entfernt vom Hochalemannisch. Heute spricht sie nur noch Hochdeutsch, obwohl sie in Süddeutschland lebt, und hat sich geistig völlig abgenabelt von ihrer Schweizer Vergangenheit.

    Oder Cornelia, von der wir erst kurz vor dem Umzug in die Schweiz erfuhren, dass sie eine waschechte Schweizerin ist und seit 15 Jahren in Deutschland lebt. Sprachlich perfekt getarnt, von einer Deutschen nicht mehr zu unterscheiden. Nie hat sie erlebt, dass man sie als „Kuhschweizerin“ belächelte.

    Erst ist es ein Urlaub in Deutschland, dann ein Studium, schliesslich die Liebe oder die grösseren Chancen auf freie Selbstverwirklichung, die diese Auslandschweizer in Scharen nach Deutschland treibt.

  • Zurückkehren und den Lebenspartner aus der Ferne mitbringen
  • Die offizielle Zahl von 71.115 Schweizern in Deutschland muss in Relation gesehen werden zu den nur 5.6 Millionen Schweizern in der Schweiz. Die andern 1.8 Millionen Einwohner kommen aus der ganzen Welt in die Schweiz, und sie leben weiss Gott nicht isoliert in irgendwelchen eigenen Vierteln sondern sind eng verzahnt mit der Schweizer Gesellschaft, verheiratet mit Schweizerinnen und Schweizer:

    Die Hälfte aller in der Schweiz geschlossenen Ehen sind binational!
    Die Erhebungen des Bundesamtes für Statistik zeigen: Im Jahr 2003 waren annähernd die Hälfte (49%) der in der Schweiz geschlossenen Ehen binational. Im Ausland geschlossene Ehen sind nicht mitberücksichtigt. Binationale Partnerschaften sind ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor geworden und mit der zunehmenden Globalisierung wird ihre Zahl weiter ansteigen.

    Die 49% binationale Eheschliessungen unterteilen sich wie folgt:
    Schweizer heiratet Ausländerin = 20%
    Schweizerin heiratet Ausländer = 16%
    Ausländerin heiratet Ausländer = 13%
    (Quelle: binational.ch)

  • Wen heiraten die Schweizer Frauen und Männer?
  • Schweizer Männer heiraten laut Statistik (2003) vorwiegend Frauen aus Thailand, Deutschland, Brasilien, Italien und Frankreich. Schweizer Frauen dagegen heiraten am häufigsten Männer aus Italien, Deutschland, Türkei, Serbien/Montenegro und Frankreich.
    (Quelle: binationale.ch)

  • Literarische Auslandschweizer
  • Dann gibt es die temporären Auslandsschweizer, für die Gottfried Kellers „Grüner Heinrich“ der Urahne in der Literatur darstellt. Fortgehen um wiederzukehren und zu wissen, was sie hier schätzen. Der Churer Schriftsteller Silvio Huonder machte einen solchen Schweizer zur Hauptperson seines wundervollen Heimkehrerromans „Adalina“, der uns erzählt, wie der Protagonist eines Nachts mit dem Zug aus Berlin in seinem Heimatort in den Bergen ankommt und dort seiner Jugendliebe begegnet.
    Adalina von Silvio Huonder

    Wir trafen häufig Schweizer, die es ebenfalls irgendwann fortgezogen hat aus der Heimat, häufig nach Südamerika, den USA oder sogar Australien. Die dort ein paar Monate oder länger blieben, sich verliebten und mit ihrem späteren Partner oder Partnerin in die Schweiz zurückkehrten.

  • Geheimcode Schweizerdeutsch
  • Wir vermuten, dass die kleine Schweiz für Heranwachsende nicht immer den glücklichsten Ort auf Erden repräsentiert, und dass diese Denke hier ausgeprägter vorhanden ist als in Deutschland. Diejenigen Schweizer, die dann Heimweh kriegen in Oldenburg oder Hamburg, schauen mit Hilfe des von der Schweizer Botschaft erhaltenen Decoderschlüssels einfach eine Weile Schweizer Fernsehen, das verschlüsselt über Satellit ausgestrahlt wird, damit nicht zu viele Deutsche den Geheimcode Schweizerdeutsch verstehen lernen. Dann legt sich das mit der Sehnsucht nach der Heimat gleich wieder, sagte uns eine Auslandsschweizerin.

  • Die Schweizer Krankheit
  • Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, dass „Heimweh“ als Schweizer Entdeckung gilt:

    Heimweh:
    Das Krankheitsbild der „Nostalgia“ (griechisch: νόστος: Rückkehr und άλγος: Traurigkeit, Schmerz, Leiden) wurde unter diesem Namen im Jahre 1688 von einem Arzt Johannes Hofer in Basel zuerst beschrieben. Man kennt es daher auch heute noch unter der Bezeichnung Schweizer Krankheit. Es handelte sich bereits damals um eine durch unbefriedigte Sehnsucht nach der Heimat begründete Melancholie oder Monomanie, welche eine bedeutende Zerrüttung der körperlichen Gesundheit, Entkräftung, Abzehrung, Fieber und gar den Tod zur Folge hat. In Frankreich war es bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts hinaus bei Todesstrafe verboten, den sogenannten „Kuhreihen“, eine bekannte Hirtenmusik („Chue-Reyen“, „Renz des Vaches“) zu singen oder zu pfeifen, weil die schweizerischen Soldaten durch das Hören desselben haufenweise in Heimweh verfielen, desertierten oder starben.
    (Quelle: Wikipedia)

    Spannender Hintergrundartikel zum Thema „Die Schweizerkrankheit“ hier.

    Der Begriff schaffte es auch in die Sendung „Genial Daneben“ bei SAT1, und konnte dort nicht erraten werden. Was lernen wir daraus? Falls Sie im Ausland leben, nicht Schweizer sind, und Ihnen der Kuhglocken schwingende Arbeitskollege
    T-Shirt mit Schweizerkreuz
    (Foto: shoppingland.ch)
    im roten T-Shirt mit weissem Kreuz drauf gerade gehörig auf den Geist geht, einfach diese Hirtenmusik pfeifen, und schon desertiert er oder stirbt.

  • Die Flagge bleibt
  • Und wenn Sie sich gefragt haben, warum nach dem traurigen Ausscheiden der Schweiz aus der Fifa-WM immer noch überall die Flaggen und T-Shirts zu sehen sind, dann schauen Sie einfach mal auf den Kalender. Bald ist Weihnachten der 1. August! Solange wird jetzt kein T-Shirt gewaschen und keine Flagge eingeholt, wäre ja wohl gelacht. Eigentlich könnte sie bis zur EM im Sommer 2008 hängen bleiben, sind ja grad noch 23 Monate oder so.

    

    16 Responses to “Wenn es in der Schweiz zu eng wird — Warum geht ein Schweizer fort?”

    1. PAX Says:

      ergänzung: auch das österreichische staatsfernsehen ist über satellit nur codiert zu empfangen. das hat denke ich mit der gebührenregelung zu tun. zumindest das schweizer fernsehen wird nicht primär durch werbung, sondern durch steuergelder finanziert. daher steht es dann auch nur schweizern (oder personen, die in der schweiz steuern zahlen) zu, diesen sender zu sehen. ist zum beispiel gerade mit der übertragung von fussballspielen der WM besonders heikel.
      bis anhin konnte man als schweizer diese gebühren ja umgehen, weil der sender auch terrestrisch zu empfangen war. was dann zwar illegal aber möglich war. das wird in zukunft nicht mehr möglich sein.

      und da die schweiz bis vor 100 jahren ein sehr armes land war, hat das auswandern tradition. davon zeugen diverse new… (bern, lucerne,…) in amerika.

    2. Sandra-Lia Says:

      jap.. und darum leb ich in Berlin, mein Paradies auf Erden

    3. Stefan Porstein Says:

      Ein anderes Lied, das wegen der Heimwehgefahr die Schweize Söldner im Ausland zeitweise nicht singen durften, war das Guggisberglied, ein bernisches Volkslied:

      S isch äbe ne mönsch uf ärde
      Simelibärg
      Und d’s vreneli abem guggisbärg
      U d’s simmes hansjoggeli änet äm bärg
      S isch äbe ne mönsch uf ärde
      Und I möcht bin ihm si

      U maner mir nid wärde
      Vor chummer stirbe i
      U stirbe I vor chummer
      So leit me mi is grab
      I mines büelis garte
      Dert stöh zwöi jungi böim

      Dr eini treit muschgate
      Der angri nägeli
      Mueschgaate die si süess
      U nägeli si räss
      I gibs mim lieb z’versueche
      Das äs mi nie vergäss

      Ha di no nid vergässe
      Ha immer a di dänkt
      S’isch nume zwöi jahr vergange
      Das mi a di ha ghänkt
      Dert unde I der tiefi
      Dert steiht äs mühlirad

      Das mahlet nüt aus liebi
      Bi nacht und ou bi tag
      Das mühlirad isch broche
      Und d liebi het es änd
      We zwöi vonenangre scheide
      De gäh si enangere d händ

      Eine Diskussion des Liedtextes findet sich hier:
      http://www.wer-weiss-was.de/theme197/article1753286.html
      Randbemerkung: Dem Lied ist im Ort Guggisberg (ca. 30 km südöstlich von Bern) sogar ein Themenwanderweg (Vreneliweg) gewidmet.

      Der Begriff ‚Heimweh‘ hat sogar in die Geographie Eingang gefunden: Ein kleiner Aussichtsberg bei Interlaken trägt den Namen: Heimwehfluh:
      http://www.heimwehfluh.ch/

    4. Johanna Says:

      „einfach diese Hirtenmusik pfeifen, und schon desertiert er oder stirbt.“

      das ist ziemlich makaber …..
      …. da passt doch der „tödliche Witz“ irgendwie dazu 😉

      http://www.orangecow.org/pythonet/sketches/funniest.htm
      unübersetzbar …. oder doch nicht …. eine sehr ernsthaft gemeinte Arbeit darüber hier, ohne Pointe gratis, mit knapp 8Euro …

    5. Michael Says:

      Also, dann war wohl die „Schweizer Krankheit“ Ursache für die versemmelten Elfer vom vergangenen Montag. Bad Bertrich, sich selbst rühmend als 27. Kanton der Schweiz, hat jämmerlich versagt.
      Die übrigen 26 Kantone waren wohl stärker in der Anziehungskraft.

      Übrigens wird ja heute in der Sportpresse kolportiert, dass diese seltsame „Schweizer Krankheit“, dort als „Heimweh“ taxiert, die Spanier auf die Iberische Halbinsel zurücktrieb.

    6. juli Says:

      gestern las ich canetti „die fackel im ohr“und stolperte über einen satz, den ich nicht wirklich verstand.
      der autor beschreibt, wie er als halbwüchsiger unter dem umzug seiner familie von zürich nach frankfurt leidet.
      „[Ich] reagierte…gegen die Brutalität des Wechsels…durch Heimweh, es galt als eine natürliche Krankheit der Menschen, in deren Land ich gelebt hatte, und in dem ich es auf das heftigste empfand, fühlte ich mich ihnen zugehörig“.
      ich war recht überrascht, als ich die erklärung heute morgen in diesem blog fand.

    7. Johnny Says:

      Die offizielle Zahl von 71 000 in Deutschland lebenden Schweizern muss ein bisschen relativiert werden, da viele Auslandschweizer (ich habe jetzt die Zahl nicht im Kopf) die doppelte Staatsbürgerschaft besitzen. Kinder von einem schweizer „Auswanderer“ werden z.B. in dieser Statistik aufgeführt, können aber kaum als „Auswanderer“ bezeichnet werden.

    8. Thomas W. Says:

      Aus dem Mietshaus schräg gegenüber meiner Münchner Wohnung hängt nur aus einem Fenster eine Fahne. Und das ist eine echt-quadratische Schweizer Flagge.

    9. ichbins Says:

      Die meisten Leute die in ein Land ziehen suchen Veränderung oder sehen in dem was anders ist etwas besseres. Deshalb ziehen Schweizer nach Deutschland, Deutsche in die Schweiz, Schweizer in die USA, Amerikaner in die Schweiz, Deutsche nach England, Engländer nach Deutschland usw. 😉

      Von daher sagt der Artikel nix neues 🙂

    10. Dominik Says:

      Ja, mit der FIFA-WM ist die Kodierung wichtig. In Tunesien haben die nämlich die TSR-Verschlüsselung geknackt. Und jetzt schauen die Tunesier gratis die WM (obwohl sie die dort nicht haben sollten) und die FIFA droht der SRG mit Lizenzentzug, weil sie die Rechte nur für die CH habe… TSR muss nun die Verschlüsselung ständig wechseln, unter anderem eine Stunde vor dem Spiel (weil die Hacker scheinbar 3h brauchen um den Code zu knacken). Siehe „La Liberté“ von heute Freitag.

    11. Dominik Says:

      Hier noch eine Meldung beim Tagi zum Fussball bei TSR: http://tagi.ch/dyn/news/newsticker/640937.html
      Original-Bericht der Liberté ist nicht online verfügbar.

    12. Katrin Says:

      Zum Thema 49% der Ehen sind binational: Gerne wird dabei übersehen, dass der Partner oder die Partnerin zwar AusländerIn, aber trotzdem in der Schweiz aufgewachsen sein kann.
      Es ist natürlich nicht so, dass all die Ausländischen Partner neu in die Schweiz kommen.
      Wenn ich einen Schweizer heiraten würde, wäre er auch in der Statistik „mit Ausländerin verheiratet“, obwohl ich seit meinem 5. Lebensjahr in der Schweiz wohne und mir niemand anmerkt, dass ich einen deutschen Pass besitze.

    13. Abrakadabra Says:

      Also Kathrin, höchste Zeit Dich einbürgern zu lassen….

    14. Cheffe Says:

      Der Bericht ist wirklich genial !! 🙂

      (kurz noch wegen dem Deutschland Corso…ich denke die schweizer mögen die Deutsche Nationalmannschaft nicht, weil wir ca 80 % Deutsche Fernsesender haben in unserem Programm. Die gewinner-parolen wirken meist arrogant, solange es nicht fürs eigene land ist. Und da man heute noch vom wunder von Bern spricht haben viele Schweizer angst, dass wir die nächsten 50 Jahre nix anderes hören, falls Deutschland wirklich gewinnt. Der Mannschaft und an Deutschland allgemein würde ichs sehr gönnen, aber nicht den Fernseh-kommentatoren.)

    15. Stéphanie Says:

      Hej! Habe diesen Blog gerade erst per Zufall entdeckt, aber ihn zu lesen finde ich sehr witzig. Ich gehöre übrigens zu jenen Schweizern, die es in die Ferne trieb – auch nach Norden, allerdings noch ein paar Kilometer weiter als Flenzburg. 😉 Bisher hat mich die Schweizer Krankheit zwar noch nicht erwischt (und die Flagge war ein Abschiedsgeschenk meiner Schwester und hängt IM Schrank), aber ich fand es immer schon amüsant zu hören/lesen, was Nichtschweizer (wie Du oder mein Vikinger) so über uns denken… mach ruhig so weiter 🙂

    16. salome Says:

      Weniger Völkerwanderig wäri mer lieber. I ha Heimweh nach dä Bärgä, nach dr Schwiiz. U wen i däheimä ä Hudigäggeler ha müessä losä, bi ni dr vo gsprungä – jetz chömme mer d`Tränä u dr Polo national o dr ewigi liebi überschwemmt mis zimmer – u ändlosä Schwaan uf äm Louänasee.

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