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Es kamen fast so viele Portugiesen wie Deutsche

  • Genauso viel Deutsche wie Portugiesen
  • Kennen Sie eigentlich einen Portugiesen in Ihrer Umgebung? Nein? Aber Sie haben doch gewiss einen deutschen Nachbarn oder Kollegen? Dann wohnen Sie garantiert nicht in der Westschweiz.

    Wir fanden in der NZZ vom 6.04.06:

    Doch die Präsenz der Deutschen scheint in der Schweiz grössere Sorgen auszulösen als beispielsweise die der Portugiesen, die es 2004 fast so stark in die Schweiz gezogen hat (plus 9898).

  • Portugiesen in die Westschweiz
  • Wir vermuten mal, dass die eingewanderten Portugiesen nicht als Mediziner, Ingenieure oder Kaufleute ins Land gekommen sind um hier in Kaderpositionen zu arbeiten, und darum keine grösseren Sorgen, in Zukunft von einem Schweizerdeutsch mit portugiesischem Akzent sprechenden Chef dirigiert zu werden, bei den Schweizern auslösen. Diese Portugiesen gehen hauptsächlich zum Arbeiten in die Westschweiz, ins „Welschland“. Auch der grosse Nachbar Frankreich ist ein traditionell ein beliebtes Migrationsland für Portugiesen. In Paris war früher das Gewerbe der „Concierge“, also die obligatorische Hausmeisterin /Türwächterin mit kleiner Wohnung am Eingang eines Mietshauses, fest in der Hand von Portugiesen:

    Concierge kommt aus dem Französischen und bedeutet soviel wie Torwächter und war ein wichtiges Mitglied des herrschaftlichen Haushaltes durch Jahrhunderte. Damals wie heute war ihre Aufgabe, Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. (…)
    Das Wort Concierge bildete sich aus der Bezeichnung „comte de cierge“ (franz. Graf der Kerzen). So wurde in Frankreich vor der französischen Revolution der Wächter der Bastille genannt, da dieser meist ein Adliger war und sein „Reich“ durch Kerzen beleuchtet wurde. Eine/ein Concierge ist insbesondere in Frankreich ein Pförtner bzw. Hausmeister und „Mädchen für alles“. Sie/er ist in Paris in jedem größeren Mietshaus oder Studentenwohnheim in einer Loge im Erdgeschoss anzutreffen.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Wer stimmt beim Song Contest für wen?
  • Wie hoch der Anteil einer Bevölkerungsgruppe in einem Land ist, lässt sich jedes Jahr am Abstimmungsverhalten beim Eurovision Song Contest messen. Dieses Jahr bekam die Türkei aus Deutschland die meisten Telefonstimmen. Und jetzt raten Sie mal, wer sich da wohl die Finger wund gewählt hat. Bestimmt nicht die Neonazi-Glatzen aus Brandenburg. Der Beitrag von Portugal wurde von Telefon-Abstimmern aus Frankreich im gleichen Rahmen ähnlich reich bedacht. Jede Concierge hat ein Telefon in Frankreich. Gleiches Prinzip. Und die lächerlichen 200.000 Deutschen in der Schweiz, die konnten noch so oft für die Deutschen im Contest abstimmen, verglichen mit den Secondos aus Ex-Jugoslawien sind sie einfach in der Minderheit. Also bekam Bosnien-Herzogovina 12 Punkte aus der Schweiz. So funktionioniert die länderübergreifende „Völkerfreundschaft“. 70 Rappen für ein Televote, das ist für wahre Fans ein Klacks.

  • Migrationsstudien beim Song Contest
  • Die Tabelle mit den Votes für den Song Contest 2006 sind hervorragendes Material für ein Quellenstudium zum Thema „Migrationsbewegungen in Europa — Minderheiten und Mehrheiten in verschiedenen Ländern“. Es geht hier weniger um den klassischen Zusammenhalt der baltischen Staaten, sowie der Ex-Jugoslawien Staaten, als um die auffälligen Mehrheiten in einem Land für weit entfernte Ländern.
    Auch die Türken in der Schweiz vermochten ihrem Land 10 Punkte zukommen zu lassen. Und die Schweiz? Hier ist selbst die Idee, Sänger aus verschiedenen Ländern antreten zu lassen, um so ein paar Punkte zu bekommen, nicht ganz aufgegangen. Die Schweiz hat einfach keine Lobby in Europa. Vielleicht sollten 623.000 Auslandsschweizer endlich auch mal mit abstimmen! Dazu müssten Sie aber im europäischen Ausland erstmal selbst ihre Tarnkappen ablegen und sich als Schweizer outen. Vielleicht beim nächsten Song Contest mit einem kleinen Badge „I like Ralf Siegel, too“ oder dem Wimpel „Ich hüpfe für die Schweiz — I hope for Switzerland — Hopp Swiss — Einmal hüpfen und schon schwitzen“ usw.
    Bis dahin gewinnt weiterhin die Fraktion der Monster und Zombies, denn die scheint in jedem Land genug Mitglieder zu haben. Ach was liebe ich die Kulturnationen im „alten Europa“ in solchen Momenten…

    Die Siegergruppe Lordi aus Finnland. Man beachte die hübschen Blumensträusse in den Monsterhänden. Sehr adrett!
    Die alten Kulturnationen Europas haben gewählt
    (Quelle Foto: mittelbayerische.de)

    

    5 Responses to “Es kamen fast so viele Portugiesen wie Deutsche”

    1. Jannis Says:

      Contest: Früher gab es sendefreie Tage. Das war alleweil besser als socher Mist. Doch ist jeder selber schuld, der sich solche Umweltverschutzung mittels elektromagnetischer Wellen hereinzieht. Diese Veranstaltung zu Migrationsstudien heranzuhiehen, ist hingegen eine reife Leistung.

    2. su Says:

      Kann ich dir nur beipflichten Jannis…

      Zu den 623’000 Auslandschweizer:
      Wir sind einfach zu elitär um beim Songcontest für die Schweiz zu voten… es reicht doch schon, dass wir uns mehrmals jährlich in die Politik einmischen und „ja“, „nein“ oder „leer“ voten – äh – abstimmen.

    3. Christian Says:

      @Jannis:
      Es ist, soviel ich weiß, niemand gezwungen, sich den Song Contest anzusehen. Es steht also auch dir frei, aus *eigenem* Willen einen sendefreien Tag zu bestimmen und diesen ausgerechnet auf den Samstag zu verlegen, an dem der Contest stattfindet. Aber früher war eben alles besser. Beispielsweise die Zeit, als es in gewissen Ländern verboten war, ausländische Radiosender zu hören…

    4. Johanna Says:

      Für mich als alter ABBA-Fan hat der „European Song Contest“ noch eine gewisse „historische“ Bedeutung.

      Über die Jahre ist die Qualität der Beiträge leider tief gesunken (war sie früher wirklich so viel besser oder gab es einfach jeweils ein paar Highlights, die den Sieg dann auch verdienten?). Irgendwie war da früher mehr Herzblut drin (zur Zeit der Chansons, als er den Namen „Concours Eurovision de la Chanson“ noch verdiente). Da gehörten die ABBAs eigentlich auch schon nicht mehr dazu. „Waterloo“ ist ja nun wirklich kein Chanson.

      Aber vielleicht bin ich mit den Jahren auch nur nostalgisch geworden.

      Nachdem ich einige Jahre überhaupt nicht mehr hingeschaut & -gehört habe, habe ich mir dieses Jahr den Anfang und den Schluss der Sendung zu Gemüte geführt. Vor dem Voting kommt nämlich eine Zusammenfassung aller Songs. So muss man sie sich nicht ganz anhören und kann dann trotzdem über die Qualität (bzw. deren Fehlen) wettern.

      Das Voting hat seinen eigenen „Charme“.

      Es wäre interessant gewesen, zu sehen, wie eine sogenannte „Expertenjury“ bewertet hätte (gab es früher nicht mal jeweils 2 Jurys, eine Pressejury und das „gemeine Volk“?).
      Hätte eine Expertenjury über den eigenen (national oder regional gesinnten) Schatten springen können? Darf man das überhaupt erwarten?

      Die teilnehmenden Staaten bzw. deren „Musikmärkte“ sind viel weiter von einander entfernt, als ich mir das vorgestellt habe. Das ist der Schluss, den ich aus dem Voting gezogen habe.

      Darf man vom „gemeinen Volk“ (ich meine das nicht abschätzig, sondern um es von einer sogenannten Expertenjury zu unterscheiden, seien das jetzt „Kulturschaffende“, Musikkritiker, Journalisten usw.) überhaupt erwarten, dass es für eine Musikgruppe stimmt, deren Protagonisten, Musikstil und meist auch die Sprache ihm fremd sind?

      su hat geschrieben
      „Wir sind einfach zu elitär um beim Songcontest für die Schweiz zu voten…“

      Das ist vielleicht gar nicht so abwegig. Wäre der Wunsch, sich elitärer (intellektueller) zu fühlen, einer der wenigen Beweggründe, um für ein zwar auf dem Papier auch euroäisches (=zugewandtes), aber in Wirklichkeit / in verschiedener Hinsicht (Musikstil, Bekanntheitsgrad, Sprache, „Herz“) doch weit entferntes Land zu stimmen – so wie man sich im alternativen Kino einen „guten Film“ ansehen geht, weil man sich ein bisschen dafür schämt, dass man sich von den Mainstream-Filmen doch immer wieder so faszinieren lässt.

      Bezeichnend für die Veranstaltung ist ja auch, dass beim Voting das Land in den Vordergrund gerückt wird („das Land A“ gibt „dem Land B“ so und so viele Punkte), nicht deren musikalische (oder unmusikalische) Vertreter. Gäbe es andere Resultate, wenn das Land weniger in den Vordergrund gerückt würde? Vielleicht würde dann gar niemand mehr teilnehmen wollen….

      Ich habe mir natürlich auch überlegt, warum ausgerechnet Lordi gewonnen hat.

      War das Ganze eine gelungene Aktion einer Europa-übergreifenden Fangemeinde dieses Musikstils? Schwer vorstellbar. Ich glaube nicht, dass sich ausgerechnet eine Fangemeinde dieses Musikstils zu so etwas hergeben würde.

      Eine europaweite Diaspora von Finnen? Gibt es nicht.

      Was sonst?

      Der Beitrag von Finnland war vor allem „anders“. Er ist aufgefallen. Wenn man also schon nicht für einen der anderen Beiträge stimmen wollte, weil sie musikalisch einfach nicht überzeugten, dann wenigstens für den auffallendsten.

      Und die Finnen mag man doch irgendwie: Millionen von Zuschauer haben ein finnisches Elektronikprodukt zu Hause, das ihnen viel bedeutet: das Nokia-Mobiltelefon! Ein perfekter Sympathieträger!

      Finnland war vielleicht einfach der kleinste gemeinsame Nenner.

      (Gibt einem diese nicht sehr ernsthafte Veranstaltung Hinweise darauf, was von einer „ernsthaften Verantstaltung“ wie der Europäischen Union überhaupt erwartet werden kann? Wie weit die verschiedenen Landesbevölkerungen in ihrer Denk- und Gefühlswelt doch voneinander entfernt sind. Welche Kräfte (Kompromisse, Zwänge) nötig sind/wären, um sie alle unter einen Hut zu bringen…)

    5. AndreasG Says:

      Der Wettbewerb heißt „Eurovision Song Contest“, nicht „European…“
      Ebenfalls falsch ist die in Deutschland populäre Bezeichnung „Grand Prix d’Eurovision“. Die offizielle französische Bezeichnung ist nämlich „Concours Eurovision de la Chanson“.

      Die Österreicher und Schweizer sind da fein raus. Sie nennen die Veranstaltung ganz einfach „Song Contest“… 🙂

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