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Sind Sie auch manchmal galt oder rindrig? — Sprachexkursion auf die Alp

  • Was ist ein Maiensäss
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger, dem Fachblatt für das Alpwesen, in einem Bericht über die Terrassenlandschaft des Maggiatals:

    Über Generationen hinweg haben sie die abschüssige Flanke des Rovanatals terrassiert – bis zu den Maiensässen hinauf. Entstanden ist eine eindrückliche Kulturlandschaft.
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 20.04.06, S. 4)

    Als alte Flachländer haben wir selbstverständlich keine Ahnung, was ein „Maiensäss“ ist und müssen den Duden befragen:

    Maiensäß, das; -es, -e
    [2. Bestandteil schweiz. Säß, Sess (mhd. sesse)= unterste Stufe einer Alm] (bes. schweiz.): Weide, auf die das Vieh im Mai gebracht wird, bevor es auf die Almen weiterzieht.

    Nicht „veraltet“, nicht „landschaftlich“ aber ein „besonders schweiz“ vergibt die Duden Redaktion als Prädikat für dieses Wort. Bei der Suche nach der Bedeutung entdeckten wir ein Fachlexikon für Ausdrücke des Alpwesens. Dort wird erklärt:

    Maiensäss
    auch Vorsäss. Höhenstufe zwischen Heimbetrieb und Alp, die im Frühsommer und Herbst (d.h. vor und nach der Alp) mit dem Vieh beweidet und während der Alpzeit gemäht wird. Maiensässe dienen zum Ausfüttern der Nutztiere, werden aber zusehends von ferienbetreibenden Menschen belegt.
    Quelle: zalp.ch

    Im Bergdorf Jenaz, in der Nähe von Landquart, wurde ein Maiensäss am 2. Oktober 1943 von amerikanischen Bomben getroffen. So berichtet die Prättigauer Zeitung:

    Luftkämpfe über uns
    „Wie aus Jenaz berichtet wird, fielen zahlreiche Bomben in die Maiensässe in Valdavos. Mehrere Ställe wurden teilweise zusammengeschlagen, verschoben oder versanken in Bombentrichtern. Auf der Weide wurden 12 Stück Vieh getötet, wovon 8 Stück des Ldm. Chr. Bärtsch – Vetsch.“

    Was war geschehen?
    Die Alliierten griffen bereits mit der Luftwaffe in das Geschehen im mitteleuropäischen Raum ein. So waren an diesem Tag amerikanische Bomber, sog. fliegende Festungen, über die deutsche Grenze geraten. Sie wurden von deutschen Abfangjägern, von den legendären Messerschmitts gestoppt, und über die Schweizergrenze bis über das Prättigau verfolgt. Es handelte sich um sieben amerikanische Bomber, bestückt mit je fünf Bomben zu 500 Pfund, die ihre verheerende Last nicht in das vorgesehene Ziel bringen konnten. Sie mussten, wollten sie den schnellen Jägern entkommen, ihren Ballast abwerfen, taten dies auch in ihrer ehrlichen Überzeugung über unbewohntem Gebiet, eben im Valdavos. Die wenigen Ställe galten für die Piloten kaum als Wohnstätten. Wie durch ein Wunder waren keine Menschenleben zu beklagen. Etliche Bauern betreuten zu dieser Zeit noch ihr Vieh in diesem Gebiet
    (Quelle: jenaz.ch)

    Wie stiessen im Internet auf den Ort Jenaz, weil die dortige „Weideordnung“ sich uns als eine wahre Fundgrube für sprachliche Entdeckungen auftat. Die Fachsprache der Alp muss gelernt sein, bevor auch nur ein Satz einer Alpordnung verstanden werden kann. Falls Sie nun der Ansicht sind, einen relativ grossen Schweizerdeutschen Wortschatz zu besitzen und bis jetzt noch mit jedem in Schriftdeutsch geschriebenen Werk klarzukommen, dann lesen Sie bitte aufmerksam weiter, denn wir zitieren voller Erfurcht und Erkenntnisdrang:

    Die Alpen und die Sommerweiden in den Maiensässen sowie die Sommerheimweiden können – mit eigenem Vieh – im Verhältnis zur eigenen Grundfutterbasis bestossen werden. Die Gemeinde kann im bisherigen Rahmen (ca. 100 Mesenstösse) Alpen pachten, die den eigenen gleichgestellt sind.

    Grundsätzlich sind Niedergelassene und Bürger gleichberechtigt; sollte sich eine Überbestossung ergeben, so hat bei gleicher Grundfutterbasis der Bürger das Vorrecht. (…) Leere Mesen müssen besamt werden, oder es muss zusätzlich zum Hirtlohn Fr. 50.– bezahlt werden.

    Sömmerungsanspruch haben sommergalte Kühe, sofern diese bis Ende September 9 Monate trächtig sind; [und] Rinder, wobei solche, die bis Ende September 9 Monate trächtig sind, das Vorrecht haben.

    Erfolgen mehr Anmeldungen als Stösse zur Verfügung stehen, können pro Betrieb höchstens zwei Stück gesömmert werden. Rindrig gewordene Tiere müssen in eine andere Alp verstellt werden.
    (Quelle: jenaz.ch)

    Was beim „Besamen von leeren Mesen“ ganz genau passiert, fragen wir lieber nicht. Jedenfalls kostet es Fr. 50, zusätzlich zum Hirtenlohn, wenn man es nicht tut. Merkwürdig. Auch sommergalt und richtig rindrig sind wir vielleicht öfter als wir ahnen? Vor allem wenn wir lange nicht gesömmert wurden? Galt die Kuh früher mehr, wenn sie galt war, oder galt sie weniger? „Galt“ kennt zum Glück der Duden:

    galt (Adj.) [1vgl. gelt] (südd., österr., schweiz.):
    (von Kühen, Ziegen) keine Milch gebend:
    eine galte Kuh.

    Das Adjektiv „rindrig“ kennen die Österreicher übrigens eher als „Fasnachtfieber“. Es ist ein Synonym für „läufig“, „brünstig“, auch als „stierig“ bekannt (Quelle), wenn die Kuh zum Stier will. Kein Wunder, dass es diese spezialisierte Webseite mit einem Nachschlagewerk für die Fachsprache der Alp gibt. Hand aufs Herz: Wussten Sie zuvor, was ein „Alpstoss“, „Kuhstoss“ oder „Mesenstoss“ ist?

    Stoss:
    Futterbedarf eines Tieres während 100 Tagen Alpdauer; wird meist in Grossvieheinheiten angegeben (…)

    Oder dass die Liste der alpenden Tiere „Alpenrodel“ genannt wird? Wir hatten ja schon den Gantrotel (vgl. Blogwiese), allerdings mit „t“ und nicht mit „d“ geschrieben.
    Fräulein Rottenmeier:
    Das Fräulein Rottenmeier spricht kein Älpisch
    Wie fragte „das Heidi“ das Fräulein Rottenmeier, als sie zusammen nach Frankfurt fuhren: „Muss ich jetzt Hochdeutsch sprechen“? Es hätte das Heidi als Vertreterin der Älpler und Älplerinnen lieber das Fräulein Rottenmeier fragen sollen: „Verstehen Sie Alpisch?“

    

    8 Responses to “Sind Sie auch manchmal galt oder rindrig? — Sprachexkursion auf die Alp”

    1. Johanna Says:

      ZALP (Link in Jens‘ Text erwähnt) ist übrigens ein Besuch wert….

      vor allem das „zalp“
      http://www.zalp.ch/index3.php?page=archiv/ar_za.html
      Da werden die Dinge noch beim Namen genannt. http://www.zalp.ch/archiv/zalps/eleven/el_sc.html

      Ich habe mir vor einigen Jahren mal das „Neue Handbuch Alp“ gekauft. http://www.zalpverlag.ch/medien/xmedia/Medieninfo_Handbuch_Alp.pdf
      Über gewisse Dinge muss man einfach Bescheid wissen!

      Betreffend Zielgruppe des „Neuen Handbuch Alp“ wird unter anderem gesagt:
      „Die, welche nur am Zaun stehen, werden Landschaft und Alpprodukte konsumieren, und, weil im Besitz des „Neuen Handbuch Alp”, den Älplern weniger dumme Fragen stellen.“

    2. Jannis Says:

      Jezt habe ich als Stadtmensch wirklich viel gelernt. Ob mir das neue Vokabular im täglichen Leben weiterhelfen wird ?

      Das Wort „bestossen“ benützen viele Leute ironisch im Zusammenhang mit Klöstern: Ist das Kloster noch bestossen (meint noch in Betrieb) ?

    3. Administrator Says:

      @Jannis
      bist Du sicher, dass die Leute das dann wirklich ironisch meinen?
      Woran erkennst Du Ironie im Gesicht eines Schweizers?

    4. Sam Says:

      …Tja, Jens, mit der Ironie hat auch mancher Schweizer ein Problem, wie die Radiosendung „Echo der Zeit“ *letzthin* feststellen musste: http://indermuehle.net/wp-content/uploads/EchoderZeit_20060203_2.15_2.47.mp3

    5. Johanna Says:

      Gegenfrage: wie erkennt man Ironie im Gesicht eines *Nicht*-Schweizers?

      … manchmal wäre es nämlich ganz praktisch, wenn man seiner Rede mit dem Hochhalten eines Täfelchens (mit dem entsprechenden Smilie drauf) noch die richtige (eigentlich beabsichtigte) Richtung geben könnte. Weil das organisatorisch auf die Dauer doch etwas aufwendig wäre, muss man sich wohl auf die international üblichen Zeichen verlassen, mit der Gefahr, nicht alle Zeichen zum richtigen Zeitpunkt zu erkennen, z.B.:

      – ausdrucksloses Gesicht, obwohl die Rede nach einer Veränderung des Gesichtsausdruckes verlangen würde

      – Luft-Kommas … oder wie heissen „air quotes“ auf Deutsch http://en.wikipedia.org/wiki/Air_quotes

    6. Katrin Says:

      Warum machen Deutsche so haeufig aus einem saechlichen oder maennlichen Schweizer Wort ein weibliches?
      Zitat: „… wurde eine Maiensäss am 2. Oktober 1943 …“

      Dabei steht ein paar Zeilen weiter oben:
      „Maiensäß, das; -es, -e“

      Es faellt mir auf, dass das immer wieder passiert. Weiss jemand einen Grund?

    7. Administrator Says:

      @Katrin
      Aus Ahnungslosigkeit. Ich stellte mir unter einem Säss eine Wiese vor, und die ist weiblich, eine „Maienwiese“ also. Habe es nachher gemerkt, dass das Säss sächlich ist und versucht, es überall zu korrigieren, nur die von dir aufgezeigte Stelle leider übersehen. Ist jetzt nachgeholt
      Mit „Maien“ assoizieren wir Deutschen eher so weibliche Dinge wie „die Maibowle“ oder „die Maitanne“… vielleicht ist das die unterbewusste Erklärung für das von Dir aufgezeigte Phänomen.
      Gruss, Jens, der von der Wiese…

    8. Peter Says:

      Bei solch landwirschaftlichen Themen muss ich natürlich auch noch etwas schreiben. Es ist halt eine Welt, die im Internet noch nicht so verbreitet ist, aber fest zur Schweizerkultur gehört.

      Schweizer sind ewige Nomaden. In den Berggebieten gibt es noch heute viele Betriebe, die im Laufe des Jahres an drei Orten Wirtschaften: den Winter über im Tal, im Frühjahr im Maiensäss, im Sommer auf der Alp … und dann im Herbst alles wieder in der umgekehrten Richtung. Das Ziel der Aktion ist die Kühe zum Futter zu bringen. Ich kenne auch noch Leute, die dieses Nomadenleben betreiben.

      Maiensäss heisst wahrscheinlich so, weil man etwa im Mai dort hin geht.
      Das Wort „Maien“ alleine brauchen wir für Topfpflanzen (sprich meistens Geranien).

      Die landwirtschaftliche Sprache ist stark regional. Was eine Mese ist, wusste ich auch nicht. Das sind bei uns auch „Rinder“. Die Kühe sind bei uns „stierig“ und nicht „rinderig“ (also keine Emanzipation !). Anschauen kann man sie übrigens hier http://www.egghof.com/mutterk.htm.

      Dank Jens bin ich auf die Seite http://www.zalp.ch gestossen. Die ist wriklich gut gemacht und versucht dass landwirtschaftliche Kulturgut auch einer Bevölkerung schmackhaft zu machen, die besser bewandert ist bei Bits und Bytes als bei Kühen und Kälbern. Eine Mitarbeiterin dieser Seiten kenne ich ebenfalls.

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