-->

Als die Schweiz 12‘000 Polen internierte — Geschichte der „Polenwege“ in der Schweiz

(reload vom 7.6.07)

  • Ein Polenweg in Graubünden
  • Wir fuhren mit den Rädern, die merkwürdiger Weise auch nach 10 Jahren in der Schweiz für uns noch nicht zu Velos wurden, auf dem Veloweg 6 von Thusis nach Chur. Ab Rothenbrunnen steigt der Weg an und führt als kleine Fahrstrasse durch den Wald oberhalb des mäandernden Hinterrheins. Im Veloland-Radführer lesen wir, dass dies ein sogenannter „Polenweg“ sei, gebaut von polnischen Internierten im Zweiten Weltkrieg.

    Polenweg
    (Foto: Polenweg zwischen Rothenbrunnen und Chur)

    Auch eine Gedenkstein erinnert an die Erbauer dieses Weges:
    Arbeits-Komp der Polen

    Die Geschichte beginnt uns zu interessieren. Warum wurden Polen im 2. Weltkrieg in der Schweiz interniert? Die Schweiz war doch neutral und nicht an Kampfhandlungen beteiligt. Ein Schweizer, der in dieser Gegend aufwuchs, erklärte uns dann, dass das Fremdarbeiter waren, die überall in der Schweiz solche Wege angelegt haben. Aber wie kommen mitten im 2. Weltkrieg polnische Fremdarbeiter von Polen in die Schweiz?

  • Wie die Polen in die Schweiz kamen
  • In verschiedenen offizellen Quellen zu dem Thema ist mal von 12’000, 12’500 bzw. 13’000 polnischen Soldaten die Rede. Aber das waren bei weitem nicht alle:

    In der Nacht vom 19. auf den 20. Juni 1940 hat sich die Geschichte wiederholt: eingekesselt von deutschen Kräften überquerten rund 50’000 Soldaten und Zivilflüchtlinge im Neuenburger Jura die Schweizer Grenze, darunter das 45. französische Armeekorps unter Führung von Korpskommandant Daille und die gesamte 2. polnische Schützendivision mit 12’000 Mann unter der Führung von General Bronislaw Prugar-Ketling. Sie wurden entwaffnet, interniert und blieben bis zum Kriegsende in der Schweiz.
    (Quelle: armee.vbs.admin.ch)

    Dennoch ist unklar, warum bei der Verteidigung von Frankreich eine polnische Schützendivision beteiligt war. Polen war im September 1939 besiegt und zwischen Russland und Deutschland aufgeteilt worden. Die Antwort findet sich in einer Maturarbeit:

    Nach der Kapitulation der polnischen Armee flohen viele Soldaten über Rumänien und Ungarn nach Frankreich – teilweise waren sie auf abenteuerlichen Um- oder Irrwegen und mit gefälschten Papieren unterwegs. In Frankreich angekommen, schlossen sie sich der neu gebildeten polnischen Exilarmee an. (…)
    (Quelle: www.gmbasel.ch)

    Eigentlich sollten diese Soldaten nur als Reserve eingesetzt werden. Doch es kam anders:

    Durch das rasche Vorstossen der deutschen Truppen (Blitzkriege gegen Belgien und Holland) sah sich die französische Regierung aber gezwungen, auch sie an die Front zu schicken. Also wurde die Zweite Polnische Division zur Verstärkung des VIII. französischen Armeekorps nach Belfort gebracht. Bereits nach wenigen Tagen kreisten sie deutsche Panzerbrigaden ein. Zuerst wurde der Weg von Norden her und im Westen von deutschen Kräften abgeschnitten, später auch der Durchgang in den Süden versperrt. Es folgten lange Kämpfe auf den Anhöhen des Clos du Doubs, welche die gesamte Munition kosteten. Das Fehlen von Waffen, Munition und weiteren Ausrüstungsgegenständen wie Fahrzeugen oder Pferden machten den weiteren Kampf schliesslich aussichtslos. Auf Befehl des polnischen Generals Sikorski zog sie sich in die Schweiz zurück und wurde dort interniert. Da die polnische Division unbedingt vermeiden wollte, in deutsche Kriegsgefangenschaft zu geraten, wurde die Internierung in der Schweiz vorgezogen.

    (…) Aus diversen Quellen wird berichtet, dass die 12’000 polnischen Soldaten die Grenze in vorbildlicher und mustergültiger Ordnung und einer disziplinierten Haltung überschritten hätten, ohne auch nur einen einzigen Verwundeten zurückgelassen zu haben. Mit dem Ablegen ihrer Waffen und sonstiger Ausrüstung begann daraufhin die lange Zeit der Internierung.
    (Quelle: gmbasel.ch)

  • Die Beliebtheit polnischer Männer bei den Schweizer Frauen
  • Die Aufnahme der Polen durch die Schweizer Bevölkerung wird so geschildert:

    (…) die mussten sich keine Sorgen machen, die Burgdorferinnen kamen mit Kindskörben voller Chram und Schokolade zum Bahnhof, wollten die Fremden fast zu Tode füttern, waren völlig vernarrt in sie. Kaum ein polnischer Internierter, der auf der Pritsche übernachten musste. Der Nüchternste schaffte es ins beste Bett. Albert kann das bezeugen. Überall, wo diese Polen hin kamen, wurden die Frauen zu Närrinnen, hatten kaum mehr Augen für die Schweizer. Das machte diese böse und verzweifelt. Sie fragten die uralte Frage: “Was haben die, was wir nicht haben?” Die Frauen hatten eine Antwort darauf. Albert weiss sie, will sie aber “ums Verroden” nicht preis geben – nicht an diesem Tisch.
    (Quelle: blogk.ch)

  • Wie die Schweiz zu ihrem ersten und einzigen „Conzentrationslager“ kam
  • Nach der anfänglichen Privatunterbringung der Polen kam es zum unsäglichen Entschluss, ein „Conzentrationslager“ zu errichten:

    Im Juli 1940 aber beschloss der Chef des Generalstabs, in Büren an der Aare ein Lager für 6000 polnische Internierte zu errichten. Dieser Entscheid erfolgte, weil die polnischen Soldaten im Gegensatz zu den französischen nicht nach Frankreich zurückgeführt werden konnten und nach der Zerschlagung des polnischen Staates durch Deutschland und die Sowjetunion nicht damit gerechnet werden konnte, dass der Schweiz die Kosten für die Internierung je zurückerstattet würden. Man plante deshalb eine wintertaugliche Unterkunft und erhoffte sich von der Konzentration der Soldaten in einem Lager auch finanzielle Einsparungen. Die Armee bezeichnete das Lager in der Planungsphase als «Concentrationslager».

    Die Behörden verstanden zu dieser Zeit, als es noch keine Vernichtungslager gab, unter dem Begriff Gefängnisse oder Arbeitslager. In der Schweiz gab es bisher kein Vorbild für ein solches Lager, das sowohl die Überwachung und Versorgung der Internierten, die Einschränkung des Kontaktes mit der Bevölkerung als auch eine kostengünstige Unterbringung ermöglichen sollte. Der Begriff wurde bald nicht mehr verwendet; man sprach vom «Polenlager», «Interniertenlager» oder «Grosslager», was zeigt, dass man sich von dieser problematischen Bezeichnung distanzieren wollte.

  • „Effiziente“ Schweizer Lagerhaltung und Heiratsverbot
  • Nach der Fertigstellung des Lagers war nicht nur die Bevölkerung von Büren, sondern auch die Schweizer Regierung sichtlich stolz auf die Effizienz, mit der das Lager errichtet und wie das Problem insgesamt gelöst worden war. Viele Internierte hatten keine Arbeit und waren gezwungen, untätig zu warten. Auch war es den Internierten verboten, Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung zu pflegen, und es bestand ein Heiratsverbot mit Schweizerinnen. Nach dem enthusiastischen Empfang durch die Schweizer Bevölkerung war dieses «Gefängnis» ein harter Rückschlag. Schon bald ging das Gerücht um, die Schweiz handle auf Druck der deutschen Behörden. Dies zeigt, welche Ressentiments die Polen gegenüber der Einweisung ins «Concentrationslager» hatten.

  • Schüsse auf polnische Soldaten
  • Der zunehmenden Unzufriedenheit begegnete die Lagerleitung mit verschärften Disziplinierungsversuchen. Ende Dezember 1940 kam es zu heftigen Auseinandersetzungen und Schüssen auf polnische Soldaten, wobei mehrere verletzt wurden.

    Seit Ende Januar 1941 regelte ein Erlass des Armeekommandos den Arbeitseinsatz von Internierten, was deren Situation insofern verbesserte, als sie nun nicht mehr zur Untätigkeit gezwungen waren. Im Rahmen der im November 1940 angeordneten «Anbauschlacht» wurden sie hauptsächlich in der Landwirtschaft eingesetzt. Die Schweizer Behörden erkannten im Frühjahr 1941, dass das Lager eine Fehlkonzeption war. Mit einer Höchstbelegung von 3500 Menschen waren die Kapazitäten bereits überschritten, und ab März 1941 wurden keine weiteren Polen mehr eingewiesen. Nun wurden viele Polen von Büren in andere Kantone verlegt, wo sie in Industrie, Strassenbau, Waldwirtschaft usw. arbeiteten. Zudem erhielten einige die Erlaubnis – im März 1945 waren es rund 500 –, an den Universitäten zu studieren.

    Im März 1942 wurde das Lager als militärisches Interniertenlager aufgegeben; (…)
    (Quelle: Schlussbericht UEK, S. 113)

    Ein Gedenkstein bei Büren erinnert heute an dieses Lager:

    Gedenkstein Polenlager Büren

    Die Zürichsee Zeitung schreibt:

    Nun wurden die Polen über das Gebiet der ganzen Schweiz in kleinere, gut betreute Lager verteilt. Von hier aus haben sie in etwa 420 Ortschaften einen grossen Betrag zum wirtschaftlichen Durchhalten der Schweiz geleistet.»
    (Quelle: zsz.ch)

    So auch der „Polenweg“ bei Rothenbrunnen. Wir lesen dazu bei Wikipedia:

    Insgesamt wurden 450 km Wege, Brücken und Kanäle gebaut. Eine Kapelle in der Nähe von Ruis/Rueun im bündnerischen Surselva erinnert an die polnischen Soldaten.

    Blick vom Polenweg auf den Hinterrhein
    (Foto: Blick vom Polenweg über den mäandernden Hinterrhein auf Rhäzüns)

    Was bei der ganzen „Polenweg-Geschichte“ immer noch ein Rätsel bleibt, ist wie es die 12’000 polnischen Soldaten nach der Niederlage im September 1939 via Rumänien, Ungarn, und wahrscheinlich Österreich, Italien nach Frankreich schaffen konnten. Quer durch Nazideutschland werden sie kaum gereist sein. Ein paar Hundert kann ich mir noch gut versteckt reisend vorstellen, aber 12’000? Allemal eine verrückte Geschichte.

    

    23 Responses to “Als die Schweiz 12‘000 Polen internierte — Geschichte der „Polenwege“ in der Schweiz”

    1. Brun(o)egg Says:

      Ich glaub es spielt bald keine Rolle mehr ob die Polen genug zu essenn
      hatten oder nicht.
      Geht nicht mehr lange und es stellt sich die Frage ob es hier in der Schweiz noch stimmt?!
      Für uns Schweizer natürlich.

    2. Brenno Says:

      Die Polen waren nicht die einzigen Internierten während des 2. Weltkrieges in der Schweiz. Es gab auch Franzosen, sie durften allerdings nach dem Waffenstillstand 1940 heimkehren, ausserdem Besatzungen von notgelandeten alliierten Bombern, deutsche Deserteure und Angehörige der Roten Armee, denen der Ausbruch aus Kriegsgefangenenlagern in Deutschland gelungen war, sowie Italiener. Ingesamt beherbergte die Schweiz in jenen Jahren gut 100’000 Militärpersonen. Näheres dazu siehe http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D8704.php
      Es wäre zweifellos höchst interessant, die näheren Umstände zu erfahren, unter denen 12’000 polnische Wehrmänner nach der Niederlage von 1939 über Rumänien nach Frankreich gelangt sind. Es gibt, nebenbei gesagt, auf dem Bremgartenfriedhof in Bern heute noch eine Abteilung für verstorbene internierte Polen und Franzosen aus dieser Zeit.
      Die Geschichte der Schweiz während des Zeiten Weltkrieges wäre ohne Erwähnung des „Concentrationslagers“ in Büren an der Aare selbstredend unvollständig. Darf ich voraussetzen, dass die umfangreichen Bemühungen um die Aufklärung der Rolle der Schweiz während des 2. Weltkrieges bekannt sind? Der Auftrag dazu kam im Jahre 1996 von höchster Stelle und wurde von einem Stab emsiger Historiker aus verschiedenen Ländern mit Hingabe und Akribie ausgeführt. Der Anlass hierfür war der in den USA erhobene Vorwurf, Schweizer Banken hätten nach dem Krieg so genannte nachrichtenlose Vermögen von Holocaust-Opfern unterschlagen. Obwohl dieser Vorwurf trotz beispiellosem Aufwand nicht erhärtet werde konnte, sind die Ergebnisse des sog. Bergier-Kommission alles andere als erhebend.
      Der Bericht dieser Kommission blieb allerdings nicht unwidersprochen, insbesondere von Seiten der Generation, die jene Zeit noch miterlebt hat. Mich persönlich irritiert es, dass in diesem Zusammenhang nie darauf hingewiesen wurde, dass der ganze Komplex von Fragen wissenschaftlich mehr oder weniger schon lange zuvor behandelt worden und auch von einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen worden war. Die Bergier-Kommission hat dazu einfach weitere Daten geliefert. Anscheinend muss jede Historikergeneration den Beweis ihrer Unentbehrlichkeit erbringen. Coûte que coûte.

      Nun haben wir also auch ein KZ. Ich möchte nicht zynisch werden, aber bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich an eine Äusserung von Max Frisch, der nach dem Krieg jene Schweizer kritisiert hat, die sich den verfemten Deutschen jener Zeit mittels exzessiver Selbstbezichtigung anzubiedern versuchten. Leider habe ich keine Ahnung mehr, wo er das geschrieben hat. Manche Schweizer tun sich verdammt schwer mit der Tatsache, dass unser Land neben den Grossen der Weltgeschichte stets eine recht bescheidene Rolle gespielt hat. Es gäbe zwar eine Menge Belege für ein anderes Selbstbild der Eidgenossen, aber solange Selbstzerfleischung in diesem Land ein Gebot ist, bleibt alles wie bisher. Vielleicht geht es uns einfach zu gut (?).

    3. Brun(o)egg Says:

      @ Brenno
      Ich empfehle die Bio über Frisch, “ Geschichte eines Aufstiegs“ von Julian Schütt.

    4. Brenno Says:

      Danke für den Tipp. Bin schon seit einiger Zeit am Suchen, habe mich jedoch bis jetzt auf das Tagebuch 1946-1949 und „Die Schweiz als Heimat“ beschränkt. Langsam beginne ich mich zu fragen, ob ich diese Stelle wirklich bei Frisch gefunden habe. Ich bin im Übrigen kein Frisch-Kenner.
      Von Schütts Biographie habe ich aus der Presse erfahren; vielleicht werde ich ja dort fündig. Anhand von Frisch-Zitaten wäre es eigentlich einfacher, den von mir kritisierten übertriebenen Hang zur nationalen Selbstkritik zu belegen.

    5. pfuus Says:

      @Brenno
      Mich würde mal interessieren, worin sich der viel zitierte „Schweizer Hang zur nat. Selbstkritik bzw. Selbstzerfleischung“ eigentlich zeigt. Ich habe diese Tendenz noch nie feststellen können, weil meiner Meinung nach eher das Gegenteil der Fall ist.

    6. Eti Says:

      Huh! wirklich wichtige information. wege polen habe noch nie gehört, aber jetzt werde ich es nochmal lesen.

      danke viel mal,

      wünsche dir viel erfolg.

    7. Brenno Says:

      @pfuus
      Das glaube ich Dir aufs Wort.
      Ich habe vor mehr als zwei Monaten in diesem Blog geschrieben, dass die Haltung der Schweizer ihren nördlichen Nachbarn gegenüber ambivalent sei, also mal so und mal gerade das Gegenteil davon. Dies dürfte auch und gerade für das Selbstbild der Schweizer zutreffen. Natürlich gibt es jede Menge Typen, die ausschliesslich der einen Seite zuneigen, und anscheinend hast Du es vorwiegend mit diesen zu tun.
      Was ich jetzt sage, ist eine grobe Vereinfachung: Das negative oder zumindest sehr kritische Selbstbild ist meiner Meinung nach vorwiegend bei Intellektuellen und Künstlern zu finden. Sie bilden einen Teil der Elite und werden daher in der Öffentlichkeit sehr viel stärker wahrgenommen als die gemässigten Stimmen. In diesen Kreisen hat die von mir so genannte nationale Selbstzerfleischung eine lange Tradition. Man würde diesen Leuten aber sicher unrecht tun, wenn man ihre Äusserungen stets allzu wörtlich nehmen würde. Schon Nietzsche hat geschrieben, wer sich erniedrige, wolle erhöht werden (!).
      Ein sehr beliebtes Tummelfeld dieser Zeitgenossen ist die Geschichte der Schweiz im 2. Weltkrieg. Der Kleinstaat musste, um überleben und seine Unabhängigkeit bewahren zu können, mit dem Dritten Reich zahlreiche Kompromisse schliessen. In einzelnen Fällen machte er leider Zugeständnisse, die der übermächtige Nachbar gar nicht gefordert hatte. Es liegt auf der Hand, dass diese Beispiele geeignet sind, die Schweiz in einem ungünstigen Licht erscheinen zu lassen. Die Fakten sprechen für sich; aber indem man den Kleinstaat um jeden Preis in die Nähe des grossen bösen Nachbarn rückt, „erhöht“ man ihn gleichzeitig (und vielleicht auch sich selbst), wenn auch in einem sehr negativen Sinne. Ich unterstelle dem erwähnten Personenkreis eben dieses als Motiv, möglicherweise ein unbewussstes.
      Wenn Du mir nicht glaubst, kann ich gerne mit drei Beispielen aus dem Jahre 1997 aufwarten, wohl wissend, dass man mit Einzelfällen fast jede beliebige Hypothese belegen kann. Die Faktenlage ist dabei äusserst umstritten:
      1. Als der damalige Bundesrat Delamuraz angesichts des wachsenden Druckes aus den USA wegen der sog. nachrichtenlosen Vermögen von Holocaust-Opfern verkündete, Auschwitz liege nicht in der Schweiz, konterte der Schriftsteller Muschg im Tagesanzeiger mit dem Titel „Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt“. Er war sich nicht einmal zu schade, die an den Krematorien zur Tarnung angebrachten Blumenkistchen mit dem in der Schweiz häufig anzutreffenden Fassadenschmuck zu vergleichen. Ohne Kohl.
      2. Der in England lebende Schweizer Journalist Christopher Olgiati versuchte in einem Dokumentarfilm zu beweisen, dass italienische Juden auf ihrem Weg in die Vernichtungslager durch die Schweiz transportiert worden waren (Merke: wir haben nicht nur ein KZ, sondern auch eine Reichsbahn!).
      3. Der weltbekannte Jean Ziegler, sonst eher auf die mörderischen Auswirkungen der schweizerischen Wirtschafts- und Finanzaktivitäten in der Dritten Welt spezialisiert, meldete sich mangels einschlägiger Kenntnisse mit einer phantastischen Kindheitserinnerung zu Wort. Aber lassen wir das.

    8. AnFra Says:

      @Brenno

      Ne Frage: Gibt es bei der postulierten „Selbstzerfleischung“ noch eine andere Schweiz, etwa ne Hyper-, Meta- oder gar etwa Hypo-Schweiz.
      Oh Schreck, es tun sich unbekannte Parallelwelten auf.

      Von Personen nach Art vom Bergier hätte es mehr gebracht. Habe ihn mal erlebt. Ein toller und kompetenter Typ.

    9. pfuus Says:

      @brenno

      Ich bin der Meinung, dass die Frage nach der Position der Schweiz im 2.WK nichts mit „Selbstbezichtigung-zerfleischung“ zu tun hat, sondern der geschichtl. Aufarbeitung dienlich sein soll. Nicht mehr und nicht weniger. Dabei spielt der Kleinstaat und seine evtl. Erhöhung keine Rolle. Fakt ist doch, dass der überwiegende Teil der CH Öffentlichkeit der NSDAP (Gustloff), von wenigen Sympathisanten einmal abgesehen, resistent gegenüberstand.

      Fakt sind aber auch die nachrichtenlosen Konten von Holocaustopfern, genauso der Handel mit Kunstgegenständen, welche die Nazis u.a „arisiert“ hatten und in der CH zu Gold machten, das „J“im Pass sowie div. Transporte durch die Schweiz. . Gewiss das repräsentiert nicht die CH Öffentlichkeit, aber es gab die Kreise, die es möglich machten nun einmal.

      Mit den SP nahen Protagonisten Ziegler u. Muschg führst du im wahrsten Sinne des Wortes „rote Tücher an“, die der breiten CH Bevölkerung ohnehin suspekt vorkommen. Dennoch könnten Bücher wie z.B „Die Schweiz wäscht weisser“ auch Antworten auf Fragen der Vergangenheit geben.

    10. jo-SR Says:

      Zumindest haben die Polen den Krieg besser überstanden als die tschechoslowakische Exilarmee. Die wurde von ihren französischen Offzieren nahezu ohne Munition gegen die Deutschen eingesetzt. Vgl. Friedrich Torberg: Eine tolle, tolle Zeit. (Ullstein TB, antiquarisch)

    11. Brenno Says:

      @pfuus

      Über Fakten brauchen wir uns tatsächlich nicht zu streiten.
      In der Tat wollte die überwiegende Mehrheit der Schweizer nie etwas von den Nazis wissen. Es gibt daneben wohl noch andere positive Punkte, die in diesem Zusammenhang hätten erwähnt werden dürfen.

      Wolf Biermann, seinerzeit aus der DDR ausgewiesener Komponist und Sänger, pardon, ich will sagen Liedermacher, hat seinen Landsleuten einmal vorgehalten, sie wollten, wenn sie schon nicht die Besten sein könnten, so doch wenigstens die Schlechtesten sein. Es ist schon so, wie Nietzsche gesagt hat: Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden. Das heisst überhaupt nicht, dass die einzelnen Kritikpunkte aus der Luft gegriffen sein müssen. Die Deutschen und die Schweizer sind sich eben doch ähnlicher, als manchen von ihnen bewusst ist.
      Die geschichtliche Aufarbeitung hat nicht erst mit Bergier begonnen. Ich weise darauf hin, dass der Bundesrat in den Fünfzigerjahren dem Basler Strafrechtsprofessor Carl Ludwig den Auftrag erteilt hat, einen Bericht zur schweizerischen Flüchtlingspolitik seit 1933 zu verfassen. In diesem 1957 erschienenen Papier kann man alles nachlesen, auch die Sache mit „J“-Stempel in Pässen von jüdischen Migranten und der Rückweisung derselben zu einem Zeitpunkt, als die Vernichtungslager bereits in Betrieb waren.
      Werner Rings, ein eingebürgerter Deutscher, schrieb Anfang der siebziger Jahre das Buch „Die Schweiz im Krieg 1933-1945“. Dieses Werk ist 1997 in einer 9., erweiterten Auflage erschienen. Es behandelt sämtliche Aspekte dieses Komplexes, einschliesslich der Flüchtlinge. Basierend auf der ersten Auflage produzierte das Schweizer Fernsehen 1973 eine vielbeachtete Fernsehreihe.
      Derselbe Autor hat 1985 von sich reden gemacht mit einem weiteren Buch: Raubgold aus Deutschland: die „Golddrehscheibe“ Schweiz im Zweiten Weltkrieg.
      Diese Werke entsprechen freilich nicht dem neusten Forschungsstand. Aber immerhin.

      Siehe auch meine Antwort an AnFra.

    12. Brenno Says:

      Dank verpflichtet sind, darf bezweifelt werden. Die Verteilung der Gelder ging nämlich mit viel Misstönen und einem Riesenskandal über die Bühne; sie führte schliesslich zu gerichtlichen Klagen gegen Personen, die mit der Verteilung betraut waren. Ed Fagan, einer der Anwälte, die sich um die Rückgabe der nachrichtlosen Vermögen bemüht hatten, verlor gar seine Lizenz. Lange Zeit wusste die Jewish Claims Conference gar nicht, was sie mit all dem Geld anfangen sollte, da es bei weitem nicht genug Anspruchsberechtigte gab (!). Das ändert leider nichts an der Tatsache, dass der Ruf der Schweiz nach dieser Affäre schwer angeschlagen war.
      Ich muss an dieser Stelle einfügen, dass ich durchaus keine Anhänger von Verschwörungstheorien bin; aber wenn man sich nur etwas eingehender mit dieser Angelegenheit befasst, reibt man sich verwundert die Augen. Der Perfektionismus unserer Vergangenheitsbewältiger ist allemal bemerkenswert. Dummerweise stand der Schweizer Musterknabe am Ende mit abgesägten Hosen da.
      Vor etlichen Jahren habe ich ein längeres Gespräch des Fernsehens der italienischen Schweiz mit Bergier gesehen. Es ging darin um eine Meldung in einer englischsprachigen Zeitung, wonach auf Konten einer amerikanischen Bank, ich glaube Chase Manhattan, seit langer Zeit eine beträchtliche Zahl von nachrichtenlosen Vermögen liege. Mein Italienisch ist leider nicht so gut, dass ich alles verstanden hätte, aber für das Wesentliche hat es gerade gereicht. Bergier war auffallend zugeknöpft; der Moderator musste ihm gewisse Antworten richtiggehend entwinden. Die Angelegenheit ist zweifellos hochpolitisch. Das Verhalten Bergiers wirft natürlich Fragen zu seiner Unabhängigkeit und Unvoreingenommenheit auf.
      Ich werde versuchen, im Internet dieses Gespräch bzw. den betreffenden Zeitungsartikel oder zumindest Spuren davon zu finden. Es ist nach so langer Zeit nicht ganz einfach. Falls ich Erfolg habe, werde ich das Gefundene in dieser Rubrik einfügen.

    13. Brenno Says:

      @AnFra

      2/2 (Fortsetzung versehentlich vorangehend)
      Ich huldige der altmodischen und naiven Auffassung, dass ein Land letztlich das ist, was seine Bürger aus ihm machen. In einer direkten Demokratie sollte dies noch am ehesten möglich sein. In Wirklichkeit handelt es sich bestenfalls um ein Ideal, das sich kaum je verwirklichen lässt. Aber man sollte die Hoffnung nie aufgeben, finde ich. Wer an seinem Land andauernd nur Schlechtes wahrnimmt, müsste irgendeinmal daran denken, sich an seine eigene Nase zu fassen.
      Das ist die einfachstmögliche Antwort auf Deine spekulative Frage.
      Bergiers Problem bestand darin, dass er als Schweizer einem besonders hohen Erwartungsdruck ausgesetzt war. Sicher hat er alles getan, damit der Kommission niemand den Vorwurf machen konnte, sie habe ein Gefälligkeitsgutachten geliefert. Das hat sie dann in der Tat auch nicht getan.
      Die Fakten sind grösstenteils unbestritten. Eine andere Frage ist ihre Gewichtung und Einordnung in den Gesamtzusammenhang. Auch kann man sich fragen, ob er Fakten, die zu Gunsten der Schweiz hätten ins Feld geführt werden können, nicht einfach ausgeblendet hat. Die Kommission hat sich jedenfalls allergrösste Mühe gegeben, ein denkbar schlechtes Bild von der Schweiz im 2. Weltkrieg zu zeichnen. Richter Korman in New York wusste es ihm sicher zu danken. Ob jene, die auf das Sühnegeld der Schweizer Banken gehofft hatten, ihm ebenfalls zu

    14. pfuus Says:

      @Brenno

      „Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden.“ Welchen Nutzen hätte die Schweiz daraus ziehen können? Ich glaube keinen.
      Im Zusammenhang mit den nachrichtenlosen Konten etc. stand wohl eher die Angst vor dem Ungewissen im Vordergrund, weil man nicht wusste was da in den Kellern der Banken zum Vorschein kommen könnte.Möglicherweise ist das auch ein Grund ,weshalb die Kommission ein denkbar schlechtes Bild der CH zeichnete.
      Das entspricht aber nicht grundsätzlich der CH Eigenwahrnehmung, die ich eher durch Leute wie Köppel, Somm etc. repräsentiert sehe.

    15. Brenno Says:

      @AnFra
      @pfuus
      HEUREKA!
      Betrifft: Versprochene Links zum Thema „Nachrichtenlose Vermögen von jüdischen Emigranten auf US-Banken“.
      Die Sache ist bekannt geworden bei der Fusion von Chase und J.-P. Morgan im Jahre 2001. Der Historiker Marc Mazurovsky konnte den Inhalt eines von 12 Ordnern mit einschlägigen Unterlagen sichten. Anschliessend liess die Bank sämtlich Order vernichten! Christoph Meili lässt grüssen …
      • Interview mit J.-B. Bergier auf TSI 1 v. 17.11.2005:
      http://real.rsi.ch/tv/vod_2005/TSI1/falo/pattiColDiavoloIntervista1_lw.rm
      • Dokumentarfilm aus der gleichen Sendung:
      http://real.rsi.ch/tv/vod_2005/TSI1/falo/pattiColDiavoloServizio1_lw.rm
      • Artikel aus der Sonntagszeitung v. 7. Februar 1999:
      https://sites.google.com/site/sussexnow/

    16. AnFra Says:

      @Brenno

      Da haben wir ein schwieriges Thema. Aber tröste Dich, das ist nichts gegen die Problematik die man als dt. Nachkömmling mit der deutschen faschistischen Nazivergangenheit zu tragen hatte und auch noch lange tragen wird. Da möchte man fast diese Probleme haben, die Dich wohl augenscheinlich beschäftigen (oder hoffentlich nicht belasten).

      Die Sache hat m. E. der Bergier sehr gut gemeistert. Man konnte ihn in aller Neutralität als eine wahre Ehre für die Schweiz betrachten. Habe ihn an einem Abend erleben dürfen mit der Thematik Flucht- und Raumgold in der Schweiz im und nach dem 2. WK.
      An seiner qualitativen Vorgehensweise dürfe sicherlich nichts auszusetzen sein. Aber, und nun innerschweizerisch betrachtet, kann absolut gesichert sein, dass seine Aufarbeitung einigen national-patriotischen Schweizern arg auf das Gemüt ging. Da hat so ein unterstellter „Nestbeschmutzer“ gewagt zu sagen: Die Schweiz hat auch einige Schutzflecken! Tja, historisch stimmt das sicher, denn wer sich mit Hyänen, Schakalen und Wölfen einläst, übernimmt immer etwas von deren Geruch und erhält einige Spritzer vom Beuteblut.
      Diese Untersuchung hat mit einem unechten, unrealistischen und unwahren Mythos aufgeräumt: Mit der unbefleckten Schweiz. Sicherlich schmerzhaft, aber der Schmerz lässt mit weiteren Erkenntnissen immer mehr nach.

      Bevor Du nun etwas ungehalten werden könntest, lese bitte trotzdem ruhig weiter. Zu diesem Thema kann ich eine winzige Anecktode aus meiner Familiengeschichte schreiben.
      Da mein Vater vor sehr vielen Jahren aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit persönlichen Zugang zu bestimmten Menschen aus Polen, Ukraine, Rumänien; Österreich und Deutschland hatte, werde ich Dir einige flüchtige Erlebnisse erzählen, die Dein Thema betreffen. Diese besagten Menschen jüdischen Glaubens waren Überlebende von dt. KL bzw. KZ. Sie hatten selbstverständlich ihre Registrier-Nummern am Arm tätowiert. Für mich als kleines Kind natürlich ein Faszinosum. Die Problematik drumrum wurde mir natürlich erst später bewusst, auch mit der zugehörigen Geschichte um und durch diese Menschen. Mein Vater übersetzte die in deutscher und französischer Sprache gehaltenen Antwortbriefe, die einige dieser Menschen aus der Schweiz erhalten hatten.
      Es ging um die Suche der ehemaligen Familienvermögen, welches vor dem deutschen Einmarsch damals in die Schweiz überwiesen wurden. Es waren Bitten um Aufklärung an die schweizerischen Banken, Versicherungen u.a.m. und um mitzuteilen, wo nun all diese Sachen jetzte sei. Es wurde von den schw. Institutionen eine schiere Unmöglichkeit verlangt: Diese Menschen sollten genau nachweisen das sie sie sind, sollten die Familienverhältnisse nachweisen, die originalen Unterlagen der vormaligen Finanztransaktionen vorlegen, amtliche oder sonstig glaubhafte Nachweise erbringen, persönliche Zeugen erbringen usw, usw. Die Realität: Diese Leute hat NICHTS, außer ihr bisschen Leben gerettet und an Dokumenten nur, wenn überhaupt, ihren Entlassungsschein aus den Lagern. Praktisch hatten sie einen totalen Verlust durch den Krieg, desahalb keinen eindeutigen Nachweis ihrer Existenz. Also waren diese Briefe reine Absagen, mit tiefstem Bedauern seien teils etliche Auszahlungen bereits erfolgt und man zahle nicht an fremde Unberechtigte oder gar verdächtige Erschleicher.
      Da tauchten Fragen auf, wenn nun die ganze Familien vernichtet wurde, wer den nun die „Empfänger“ gewesen sein sollen. Also offensichtlich die ganze Palette eines scheinbar gemeinsamen und gesamtschweizerischen Vertuschens, Verschleierns, Hintertreibens und vermutlich auch Betrügens! Eine schlimme Unterstellung, aber wie soll man solche Tricksereien denn nennen. An die trockenen Tränen einiger betroffenen Menschen kann ich mich noch schwach erinnern.
      Die sicherlich historisch wahren Antworten kennst Du nun auch. Die mussten nach mehren Jahrzehnten scheinbar teuer beglichen werden.

      Das echte schweizerische Problem war und ist, dass wenn solcherart von grauen, schmutzigen, schwarzen und blutigen Geldern ins Schweizer-Land kommen, etliche Schweizer dann gerne von „unserem“ Geld sprechen. Egal welche Ursache der Geldzufluss hatte. Über den wirklichen geldwerten Nutzen solcher kritischen Gelder möchte man den wahren Wert gar nicht errechnen, denn das wird vom nachbarschaftlichen Umfeld natürlich etwas anders gesehen als von einigen solcherart einäugigen „patriotischen“ Schweizern.

      Natürlich kann und wird diese Verantwortung der Schweiz die übergroße deutsche Schuld niemals im Ansatz erreichen, aber das schweizerische Selbstwertgefühl und sog. „Unschuld“ hat halt einige kleine Schmutzflecken am tot-weißen Tuch erhalten. Das schwierige Thema hat in der gebotenen Sachlichkeit und sicherlich der machbaren Gesamtheit m. E. der honorige Herr Bergier gut aufgearbeitet.
      Ehre ihm und denjenigen Schweizern die dieses Ergebnis akzeptieren. Das ist die wahre Schweiz und nicht die des einen polternden national übersteigerten Patrioten, eines mit viel Gesülz-Geschwalle überschäumenden Alten vom Herrliberg.

      Schau, Brenno, Du hast Dich einem schwierigen Thema gestellt und bist auch bereit, eine etwas andere Sichtweise zu erfahren. Danke.

    17. Phipu Says:

      Wer der französischen Sprache mächtig ist, kann sich den Artikel zu Gemüte führen, der zufällige gerade kürzlich (am 12. August 2011) in der „Liberté“ erschien. Darin geht es auch um den Bergier-Bericht und den Ruf der Schweiz in Sachen Flüchtlichaufnahme.
      http://www.laliberte.ch/images/dos/histoirevivante_ve120811.pdf

    18. Brenno Says:

      @AnFra
      Wenn man mit diesem Thema einmal angefangen hat, kann man es anscheinend nicht so leicht ad acta legen.
      Was Du in Deiner Kindheit mitbekommen hast, verweist auf Vorkommnisse, die uns heute noch aufwühlen und auch Fragen aufwerfen. Ich kann Deine Ausführungen gleichwohl nicht ganz unwidersprochen lassen:

      1. Es ist einfach nicht wahr, dass Bergier mit einem Mythos aufgeräumt hat. Du hast anscheinend meine Antwort an pfuus v. 10. August 08:44 pm nicht gelesen. Die erwähnten Arbeiten basieren zwar auf dem Forschungsstand der 50er bis 70er Jahre, wurden aber zu ihrer Zeit sehr wohl zur Kenntnis genommen und auch kontrovers diskutiert. Die Reihe könnte verlängert werden.
      2. Man macht es sich zu einfach, wenn man andauernd auf dem angeblichen Mythos herumreitet und damit letztlich einen neuen Mythos heraufbeschwört: den Mythos vom Mythos. Halten wir uns lieber an die Fakten; sie sind betrüblich genug.
      3. Dass Angehörige von Holocaust-Opfern bei der Suche nach Bankkonten ihrer ermordeten Angehörigen von den Schweizer Bank abgewiesen wurden, weil sie z. B. keinen Totenschein vorlegen konnten, ist zweifellos ein ganz besonders betrübliches Kapitel für die Schweiz. Es wäre zu fragen, was die Banken im Einzelfall unternommen haben, um die betreffenden Konten ausfindig zu machen. Möglicherweise gibt der Bergier-Bericht darüber Auskunft:

      http://www.uek.ch/de/index.htm

      Auch wenn es zynisch klingt, sollte man ehrlicherweise zugeben, dass ein Bankangestellter damals im Grunde genommen gar keine Wahl hatte, als die Herausgabe von Geld zu verweigern. Da die einzelnen Banken zudem kein Interesse daran haben konnten, einen Präzedenzfall mit unabsehbaren Folgen zu schaffen, drängte sich ein politischer Entscheid auf. Dieser wurde, nicht zuletzt auf ausländischen Druck, im Jahre 1962 vom Bundesrat in Form eines Bundesbeschlusses gefällt, mit welchem die Banken verpflichtet wurden, nachrichtenlose Vermögen zu melden. In Rahmen dieser Aktion wurde etwa 10 Millionen Franken zurückerstattet. Dieses Vorgehen wurde später als ungenügend gerügt.

      Vielleicht darf ich an dieser Stelle noch erwähnen, dass die Schweiz schon im Jahre 1946 im Rahmen eines Abkommens mit den Westallierten über die Liquidierung von deutschen Vermögenswerten 250 Millionen Franken gezahlt hat Ein Punkt des Abkommens betraf auch die nachrichtenlosen Vermögen von Holocaust-Opfern.
      4. Über das unterschiedliche Ausmass der Kriegsschuld beider Länder sind sich sowohl die Deutschen als auch die Schweizer in Klaren, denke ich. Das können wir abhaken.

    19. AnFra Says:

      @Brenno

      Mit Deinen Aussagen habe ich gewisse Probleme. Deine Schreiben kann ich zwar lesen, aber der gewollte und tatsächliche Sinninhalt erschließt sich mir nicht komplett. Um was für eine Sache geht es Dir denn hierbei? Ist es der etwa der missverständliche Inhalt der bisherigen schweizerischen Maßnahmen bezüglich der nachrichtenlosen Vermögen oder ist es die Tatsache, dass das Ausland sich mit dieser Sache beschäftigt hat und eine möglicherweise böswillige und verwerfliche Unterschlagung fremden Besitzes als gegeben Sachstand ansieht?

      Der Begriff „Mythos“ löst möglicherweise bei Dir eine unterschwellige Reaktion aus. Mythen sind doch per se eigentlich kein Problem, wenn sie das bleiben was sie sind: Schöne, vereinfachte Ansichtsbilder zum lustvollen Gedenken. Wenn sie jedoch zum wichtigen Kern oder entscheidenden Basis eines politischen Handelns werden, sind diese mit Stumpf und Stiel auszumerzen. Die letzten Jahre scheint ein Mythen-Sterben auf einem hohen Wellenkamm daherkommend Dein Land zu überfluten. Es dünkt mich, diese Sorge kann man ansatzweise in Deinen Schreiben herausdeuten.

      Die damalige Zahlung der Rückerstattung, ob diese gerechtfertig oder nicht war, hat im Grundsatz eine historische Tatsache für die Schweiz doch halbwegs gut beendet. Ob der Bergier-Bericht nun die ganze Wahrheit ermittelt hat spielt für mich derzeitig keine Rolle, weil er einen notwendigen Abschluss über dieses schmutzige Kapitel der schweizerischen Finanz-Politik gebracht hat. Es war kein Freikauf sondern eine gerechtfertigte Handlung. Ob das gezahlte Geld mit, über und durch die richtigen, berechtigten und moralisch geeigneten Personen, Anwaltskanzleien und Organisationen an die Opfer oder deren legitimen Nachfolger übergeben wurde kann und will ich nicht urteilen. Deinem Schreiben kann man eine winzige Neigung herauslesen, dass Dich auch dieser Punkt zu beschäftigen scheint.

      Der von Dir angeführte Punkt wegen der faktisch nicht augzahlbaren Vermögen an eventuell Unberechtigte scheint, und besonders aus heutiger Sicht, eher als eine damalige vorgeschobene Rechtfertigung zu sein. Es gibt natürlich „mythische“ Verdachtsmomente, dass es hierzu geheime Absprachen der schweizerischen Geld-Wirtschaft gegeben habe, sich dieses nun herrenlose Vermögen ungerechtfertigt anzueignen. Aus historischer Sicht hat diese Behauptung eine gewisse Plausibilität bezüglich einiger früherer Präzedenzfälle. Dies sind die Raubgelder der ehem. Monarchien aus ganz Europa aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg, die dieses geraubte Geld in der Schweiz und Liechtenstein zugriffsicher deponierten. Dabei und daraus entstand die zwielichtige Kultur des Bankgeheimnisses (die „ewige“ Sache mit dem Bankgeheimnis ab ca. 1930-32) und der Verweigerung der Information über den Verbleib dieser damaligen Raubgelder. In so einem selbstgezüchteten Sumpf versinkt man schon leichter. Das ist der nicht gänzlich unglaubwürdige Hintergrund über gewisser Zweifel, Unglaubhaftigkeiten und auch Unterstellungen von Lüge und Betrug.

      Sicherlich wird in der nahen und fernen Zukunft da und dort eine Ungereimtheit erkannt und demzufolge neu bewertet werden müssen. Wo kann man da heutzutage den richtigen Abschlusspunkt setzen. Aber die Sache ist nun jetzt beendet. Die Erinnerung an einige Schweizer, die bei den besagten Rücherstattungs-Vorgängen meinten, man müsse wegen so einer „Sache“ so viel „eigenes“ Schweizer-Geld bezahlen, hat damals bei einigen Menschen eine tiefe Bestürzung ausgelöst. Nach der Zahlung und dem Abschluss ist dies vorbei. Abschließend möchte ich die Leitung der Begier-Kommission positiv bewerten, denn die dadurch gelegte Basis hat zum vernünftigen Ende dieser unseligen schweizerischen Fehltat geführt.

    20. Brenno Says:

      Die Schweizer haben wegen des von ihnen gehorteten Fluchtkapitals schon lange genug Dreck am Stecken. Es kann also durchaus nicht schaden, wenn sie einmal so richtig auf den Sack gefallen sind. Ob die Vorwürfe im Einzelnen stimmen oder nicht, ist dabei nicht so wichtig.
      Dies ist die Botschaft, die ich aus Deinen Ausführungen heraushöre. Nun kann Rache oder Schadenfreude durchaus ein passables Motiv sein; aber man sollte auch dazu stehen und nicht dauernd von Gerechtigkeit und Menschlichkeit faseln, wie dies die treibenden Kräfte im Bankenvergleich mit der Schweiz lange getan haben.
      Um was es aus meiner Sicht geht oder gehen sollte:
      • Ehrlichkeit (auch sich selbst gegenüber)
      • Faktentreue (nicht Mythen heraufbeschwören)
      • Gerechtigkeit
      Wer sich auch nur ein wenig mit dieser Angelegenheit befasst hat, weiss, dass diese drei Prinzipien bei den Verhandlungen um die nachrichtenlosen Vermögen keinesfalls ausschlaggebend waren.
      Die Schweiz hat wohl nicht zuletzt deshalb eine dermassen schlechte Figur gemacht, weil unsere Vertreter mit den Eigenheiten des Amerikanischen Rechtssystems und des dortigen Politbetriebs zu wenig vertraut waren. Eigentlich erstaunlich, wenn man an die seit langem geübte weltweite Tätigkeit der Schweizer Banken denkt.
      Dass die Schweizer entrüstet waren, weil Crédit Suisse und UBS ca. 2 Milliarden blechen musste, wäre mir nicht aufgefallen. Den Schlamassel haben die Banken ja weitgehend selbst verschuldet. Es handelte sich übrigens nicht um eine Rückzahlung, sondern eine Art Sühnegeld.
      Hast Du eigentlich den von mir verlinkten Artikel aus der Sonntagszeitung gelesen? Dann wärst Du darauf gekommen, dass wir nicht mehr auf Ungereimtheiten zu warten brauchen. Wer in dieser Geschichte mitreden will, muss sich halt auch entsprechend informieren. Eine klitzekleine Anstrengung würde schon helfen …

    21. AnFra Says:

      @Brenne

      Da Du das neue Schreiben ohne Anrede veröffentlich hast und die Aussage bezüglich der seltsamen Meinung mit „kann also durchaus nicht schaden, wenn sie einmal so richtig auf den Sack gefallen sind“ und so verwirrender Interpretationen wie „die Botschaft, die ich aus Deinen Ausführungen heraushöre“ nicht für meine Schreibinhalte gelten kann, werde ich auch davon unanhängig und ohne mich angesprochen zu fühlen, zu diesem neuen Schreiben eine Meinung geben.

      Hier zunächst eine allgemeine Salve voraus. Auch als Schweizer, dies hier selbstredend vorausgesetzt, kannst Du und Deine Landsleute doch nicht erwarten, dass andere Europäer ohne eigene Überlegungen und Schlüsse von Dir oder Deinen Landsleuten vorgegebene Wertungen einfach so wie in früheren Zeiten und die auch noch ungeprüft übernehmen.
      Dann sind wir beim Verhalten eines Diktums, welcher in keiner Diskussion auftauchen darf. Die Zeiten, wo jeder verbale schweizerische Hafenkäs übernommen wurde, sind in Europa endgültig vorbei. Man untersucht auch bei der Schweiz und Liechtenstein deren Verhalten bis auf die Knochen. Diese Aussage nehme ich mir als deutscher Bürger auch in Anspruch. Die Zeit des Schönredens ist vorbei.

      Eine Rache oder hinterlistige Schadenfreude wirst Du in meinen Texten bezüglich dieser wichtigen Sache nicht finden. Eine Beschäftigung auch mit Themen, die die Schweiz betreffen und auch deren grauen und schwarzen Flecke offenbaren, heißt doch nicht, in eine hier leicht angedeuteten Schadenfreude zu verfallen. Sagt doch bitte wo Du solche Stellen zu finden glaubst!

      Auch wage ich Dir sehr heftig zu widersprechen, dass die Schweiz wegen des US-amerikanischen Rechtsystems eine schlechte Figur gemacht hat. Einige Schweizer habe so ein jämmerliches Bild abgegeben, weil etliche Jahrzehnte jegliche Verantwortung zu diesen schlimmen Vorgängen verleugnet, verniedlicht, verdrängt und verschwiegen wurden. Man wellte dieses Thema offensichtlich aussitzen.
      Diese falschen „Patrioten“ haben den guten schweizerischen Ruf in der Welt geschädigt. Diese unpatriotischen Raffer wollten augenscheinlich fremdes Vermögen unterschlagen und in der Schweiz behalten. Das ist wohl die Eiterbeule, die aufzustechen die Pflicht der politisch verantwortlichen Schweiz gewesen sein sollte und nicht ein übergroßes Aussitzen wollen wie teils beobachtet.

      Da ich in meiner Jugend einen winzigen Hauch von diesen Vorgängen verspürt habe, ist sicherlich dadurch meine Betrachtung und Bewertung eventuell sehr kritisch und etwas überscharf.
      Würde ich jedoch gegenüber der Schweiz eine gleichgültige Einstellung haben, würde ich keine Sekunde meines Lebens mit solch einem Thema verschwenden und nur noch meinen Vorurteilen frönen. Würde ich dagegen eine Häme über die Schweiz schreiben, hätte ich sicherlich den größten Vorschlaghammer genommen und dann garantiert von Dir keine Antwort erhalten.

      Als deutscher Bürger möchte ich Dir sagen: Solch ein Problem, wenn es auch Dich und etliche Schweizer sehr beschäftigt, möchte man als politisch bewusster deutscher Bürger haben.
      Mir ist immer noch nicht klar, was für eine Sache Du mit diesen etwas nubilös beschriebenen Aussagen wegen Ungereimtheiten meinst. Ungereimtheiten ändern doch keine erkannten historischen Fehlverhaltungen der damaligen Geld-Schweizer.

      Abschließend möchte ich auf die unendlich schlimmeren und gigantisch perfideren Taten der Deutschen hinweisen. Jeder, der in diesem Blog schreibt, ist sicherlich nach 1945 geboren.
      Die von einigen Deutschen gestellte Frage, warum sie, obwohl an diesen Exzessen nicht beteiligt gewesen, durch gigantische Ausgleichszahlungen und auch nach zusätzlich durch politisch untergeschobene sonstigen Drucklagen dafür eine gigantische sog. Wiedergutmachung zahlen sollen, ist zu antworten: Wer den sonst? Durch das Erbe kann und darf man sich als Deutscher dieser Verantwortung nicht entziehen und dann noch auf seine eigene Unschuld verweisen. So kann man nicht die Zukunft meistern. Und dieses im Vergleich erwartet man von der Schweiz auch. Vergleichbares ist mit Österreich auch geschehen. Warnungen gab es.

      Dies, und nun zu Deinem Thema zurück, wird man auch der entsprechend verantwortlichen Schweiz nicht ersparen können, da sie dieses Verhalten, also den Versuch des Verbergens und der unterstellten Aneignung von klar wissend fremden Eigentum selbst zu verantworten hat.

    22. Brenno Says:

      @AnFra
      Mein letzter Beitrag war tatsächlich an Dich gerichtet. Die fehlende „Anrede“ war ein Versehen.
      Meine Einwände sind sachlicher Natur. Sie haben nichts mit dem Umstand zu tun, dass Du ein Deutscher bist. Es gibt bestimmt viele Schweizer, die die Sache gleich sehen wie Du.
      Ich werde mich zu diesem Thema nicht weiter äussern.

    23. AnFra Says:

      @Brenno

      Ist OK. Schade und Ende.

      PS:
      Was mich etwas erschütternd wirkt ist dieser Punkt: Du bist in den letzten Wochen der 3. Schweizer, der jede weitere Diskussion in solch einem Blog abrupt abgebrochen haben. Der erste und zweite Schweizer sagten abschließend, dies sei deshalb notwendig, da ich persönlich nicht deren Meinung übernommen hätte. Es ging um so harmlose Themen wie Flucht- und Schwarzgeld in der CH und das Verhalten der CH im momentanen Finanzdebakel.

      Da bleibt für mich als Nichtschweizer die Frage offen: Was ist denn in den letzten Jahren mit diesem Land geschehen, dass eine eigenartige Entwicklung sich so ausbreiten konnte?

      Das ist für mich das letzte ungelöste Rätsel in Europa. Hoffentlich senkt sich kein schwarzes Schleier über die Schweiz.

    Leave a Reply