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Wie die Eidgenossen das Hochdeutsche entwickeln halfen

(reload vom 5.5.07)
(zweiter Teil des Beitrags von Ingomar König)

  • „Hochdeutsch“ zum zweiten.
  • Ich weiss, Ihr sprecht alemannisches Hochdeutsch und nicht Standardhochdeutsch, aber dennoch hochdeutsch. Und Ihr meint natürlich „Standardhochdeutsch“, wenn Ihr „Hochdeutsch“ sagt. In einer online-Zuschrift an jenes gewisse Zürcher Massenmedium klagt eine junge Frau darüber, sich wegen der vielen Deutschen in ihrem Umfeld „kaum noch mit jemandem auf Schweizerdeutsch unterhalten“ zu können. Die gnädige Frau unterschlägt, dass zu keiner Zeit irgendeine äussere Macht Euch die standardisierte Form des Hochdeutschen aufgezwungen hat; dass im Gegenteil die Berner Patrizier im 17. Jahrhundert den Predigern befohlen haben, „sich des affektierten neuen Deutsch zu müßigen“ (sz-/ss-Ligatur „ß“ im Original). An der Entwicklung zur deutschen Gemeinsprache wart Ihr Eidgenossen führend beteiligt. Zu Beginn des Neuhochdeutschen stellte die „eydgenoßisch Landspraach“ (sz-/ss-Ligatur „ß“ im Original) der Tagsatzung bereits eine überregionale, alemannisch-bairisch-fränkisch gemischte oberdeutsche Standardisierung dar. Basel war ein bedeutender Druckort für Publikationen in „Gemeinem Deutsch“. Nicht nur Ihr, aber auch Ihr, liebe Nachbarn, habt die Standardform des Hochdeutschen bis an Nord- und Ostsee exportiert – und Ihr „empfindet“ sie als Import, als Fremdsprache? Eine klassische Verwechslung von Ursache und Wirkung, Wesen und Erscheinung und ein bedenklicher Fall kollektiven Realitätsverlustes.

  • „Hochdeutsch“ zum dritten
  • Klar, wenn das Standardhochdeutsche im mündlichen Gebrauch aus dem Alltag verschwindet, wenn es nur bei hochoffiziellen Gelegenheiten, abgelesenen Reden oder aus Rücksicht gegenüber den lateinischen Eidgenossen verwandt wird, wenn es zum reinen Schulfach, zur Pflichtübung, zum Anti-Spass-Faktor, zu einer Belästigung in der Freizeit und in den informellen Situationen des Arbeitsalltags wird, wenn es schliesslich zu einer kalt-formalen Sprache erstarrt und Ihr es nicht (mehr) als lebendige, spontane Umgangssprache benutzt, dann ist es kein Wunder, dass Ihr allmählich aus der Übung kommt; dann ist es kein Wunder, dass Ihr Euch im Vergleich zu Deutschen (und Österreichern?) sprachlich langsam und ungelenk vorkommt; dann ist verständlich, dass Euch das geballte Auftreten von Standardhochdeutsch-Sprechern auf die Nerven geht.

  • Halte ich ein Plädoyer gegen Eure alemannische Sprache?
  • Ganz im Gegenteil. Die alemannische Sprache ist ein kulturelles Erbe, das zu bewahren Pflicht jedes Alemannen sein sollte. Sie ist eine von vielen deutschen Sprachen in der Funktion eines Dialekts. Das Standardhochdeutsche ist unser aller gemeinsames Dach zur überregionalen schriftlichen und mündlichen Verständigung. Auf diese Funktion haben auch und besonders Eure eidgenössischen Vorfahren gedrängt. Was für ein Gegensatz zu solch’ geistiger Schlichtheit und provinzieller Ignoranz, die Standardsprache als Import, als Fremdsprache zu „empfinden“; was für ein kleinkariertes „Gefühl“, sie mache „Stress“. Im übrigen bleibt es Eure souveräne Entscheidung, das Verhältnis von Dialekt und Standardsprache so zu bestimmen, wie Ihr es für richtig haltet. Kein germanophoner Nicht-Eidgenosse nimmt sich das Recht heraus, Euch in dieser Frage Vorschriften zu machen.

    Das Alemannische jedoch als speziell schweizer „Identitätsmerkmal“ anzusehen und deshalb das Standardhochdeutsche aus dem Alltag zu verdrängen, es zum blossen „Schriftdeutschen“ verkommen zu lassen, hat zwangsläufig den Verlust einer gewissen Gewandtheit im mündlichen Ausdruck zur Folge. Darüber hinaus entsteht eine Kluft zwischen Intellektuellen, die in beiden Sprachformen zu Hause sind, und den breiten Volksmassen, die nur im Dialekt über vollständige Sprachkompetenz verfügen. Ein wenig mehr gesprochenes „Schriftdeutsch“ im Alltag scheint wohl auch in Eurem Interesse zu liegen, wenn schon der Kandidat für den Zürcher Gemeinderat, Samuel Knopf, sich in diesem Gremium „ein paar Leute“ wünscht, „die Hochdeutsch sprechen können, ohne zu stottern.“ Ihr müsst es ja nicht gleich so übertreiben wie die Romands, die aus freien Stücken ihr frankoprovenzalisches Idiom zugunsten des Französischen so gut wie völlig ausgerottet haben.

    (dritter und letzter Teil morgen)

    

    5 Responses to “Wie die Eidgenossen das Hochdeutsche entwickeln halfen”

    1. Mista Lova Says:

      Ich denke da hast Du völlig recht! Ich versuche es ab und zu noch den Leuten beizubringen, dass das Standarddeutsch unsere eigentlich Landessprache ist und nicht die Mundart. Aber was Hänschen nicht lernt, lernt Hans leider wohl nimmermehr. Viele habe das Gefühl, dass der jeweilige Dialekt „unsere“ Sprache ist und wollen nichts mit den „Gummihälsen“ verwand haben…

    2. pfuus Says:

      Da hat der Ingomar ausgezeichnet recherchiert, was Schweizer dann doch nicht interessiert…..

    3. Brenno Says:

      Wenn es die Pflicht eines jeden Alemannen ist, sich für den Erhalt seiner Muttersprache einzusetzen, dann haben die Deutschschweizer ihr Soll bestimmt erfüllt (mindestens). Wie steht es aber mit den Deutschen? Ich habe gelesen, dass in südwestdeutschen Kindergärten die Alemannischsprechenden Kinder sich in Gesprächssituationen umgehend den Standardsprachlern unter ihren Mitschülern anpassen würden.

      Und warum macht das SWR Fernsehen Baden-Württemberg nicht mehr für das Alemannische?

      In meiner langjährigen „Karriere“ als Fernsehzuschauer habe ich einen einzigen alemannischen Satz in einem deutschen Film gehört. Er spielt in jener Gegend. Ein Schüler fragt seine Lehrerin: „Händ Sie en Fründ?“

    4. AnFra Says:

      Die von vielen Schweizern gestellte Frage, warum das Hochdeutsch in D denn so eine scheinbar überstarke Stellung hat und nicht die jeweiligen Mundarten, kann man auf eine der Sprachhistorie beruhenden Gegebenheit ableiten.

      Bei der ab dem 13./14. JH beginnende „Kolonialisierung“ durch die Deutschordensritter im Baltikum und im osteuropäischen Raum und die im im 17. / 18. JH durchgeführte gezielte Ansiedlung von deutschsprachigen Menschen in u.a. Balkan, Bukowina, Bessarabien, Rumänien sowie im 19. JH im inzwischen zu Russland gehörenden Teilen der Ukraine und dem Krimgebiet hat sich eine äußerst interessante Situation ergeben. An der Sprache / Mundart konnte man erkennen, aus welchen Ecke diese Leute ursprünglich abstammten. Ob Franken, Alemannen, Schwaben, Rheinländer oder Sachsen, denn eine Sache ward bei diesen Menschen ein wichtiger Moment: Die deutsche Sprache. In den Bereichen der Kultur, Schule, Universitäten und eigenständigen Verwaltung ist überwiegend das Hochdeutsche die universelle Klammer gewesen. Auch kann man das Deutsch der Bibelübersetzungen nicht unterschätzen , denn nun sprach Gott auch noch Hochdeutsch!

      Dieser deutsche Sprachengürtel zog sich vom nördlichen baltischen Weißen Meer in einer Länge von 2.000 km quer durch das östliche Europa / südwestliche Asien bis ans Schwarze Meer. Solch eine vergleichbare Einwirkung gab es in, aus und durch die Schweiz nicht. Deshalb können (wollen?) leider etliche Schweizer diesen deutschsprachigen Sonderfall nicht nachvollziehen.
      Nach dem 2. WK sind durch die Kriegsvertriebenen, Flüchtlinge und Spätaussiedler bis zu 30 % der deutschen Wohnbevölkerung nicht der gleichen Mundart gewesen wie die ursprünglichen anderen mundsprachigen Einwohner / Eingeborenen. Dies bewirkte eine extrem starke Veränderung des innerdeutschen Sprachverhaltens. Die Hochsprache entwickelte eine eigene dynamische Entwicklung, die noch weiter wirkt.

      Vielleicht erklärt dieses den geschätzten Schweizerbloggern etwas nachvollziehbarer und leichter, warum das „Hochdeutsche“ eine andere und unverkrampfte Einstellung bei uns hat als momentan in der Schweiz.

    5. YOGI-TheBear Says:

      (dritter und letzter Teil morgen) …aber….wann ist MORGEN? …MR BLOG-WIESE???

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