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Wer will schon in den Europa-Park? Die Rhätische Bahn ist besser als Achterbahnfahren

(reload vom 17.4.07)

  • Wie lange gilt Ihr Halbtax-Abo?
  • Die Schweizer lieben ihr Eisenbahnnetz. Fast jeder besitzt ein Halbtax-Abonnement, mit dem man zwar nicht billig halbe Taxis fahren oder die Kur-Taxe auf die Hälfte drücken kann, dafür aber nur die Hälfte zahlt, wenn man mit dem Zug fährt. Bei zugezogenen Deutschen lässt sich die Zuneigung zur Schweiz und der echte Wille zum Verweilen leicht daran ablesen, ob sie sich nach einiger Zeit der Eingewöhnung schliesslich ein 1-Jahres, 2-Jahres oder sogar ein 3-Jahres- Halbtax-Abo zugelegt haben oder nicht. Je länger das Abo gilt, desto mehr kostet es zwar in der Anschaffung, desto billiger wird es gleichzeitig – über den Zeitraum gerechnet – damit zu fahren, und desto sicherer muss man sich dann auch sein, hier in der Schweiz zu bleiben und diese Verbilligung gut auszunutzen.

  • Mit dem GA täglich von Basel nach Zürich (und zurück!)
  • Ganz vom Hierbleiben Überzeugte schaffen ihr Auto ab und gönnen sich ein „GA“ = General-Abonnement, eine Netzkarte für die ganze Schweiz. Ab 60 Minuten Bahn-Pendelzeit jeden Tag ist das in der Regel die günstigere Variante. Die vielen Zürich-Fans, die täglich aus Basel anreisen um ihre Traumstadt zwecks Arbeit oder Studium an der ETH zu besuchen, haben oft so ein GA, doch bei ihnen stehen die Buchstaben für „G-leich A-bdampfen“, wenn das Tagwerk erledigt oder das letzte Seminar vorbei ist. (Zur ewigen Freundschaft zwischen Basel und Zürich siehe hier).

  • In Chur ist das Ende der SBB
  • An einem Ferientag im Sommer fuhren wir früh mit dem Direktzug von Bülach nach Chur. Dort in Chur ist das Normalspur Streckennetz der Schweizer Bundesbahn SBB zu Ende. Alle Fernzüge enden hier. Wer weiter will, muss auf die „Rhätische Bahn“ wechseln, die auf einer anderen Spurweite fährt. Zum Beispiel direkt ab Bahnhofsvorplatz, quer durch die Churer Innenstadt auf der Strasse wie eine Strassenbahn, hoch ins Ski- und Wanderparadis Arosa:

    Die ChA-Strecke beginnt auf dem Churer Bahnhofplatz und ist auf Stadtgebiet als Strassenbahn trassiert. Danach verläuft das Trasse, über viele Kunstbauten, weitgehend zum parallel verlaufenden Flusslauf. Das imposanteste Bauwerk ist das Langwieser Viadukt bei Langwies. Für die knapp 26 Kilometer lange Strecke benötigt die Bahn rund eine Stunde und erreicht dabei ein Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h. Bedient wird die Strecke von Chur nach Arosa im Stundentakt.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Bauen Künstler die Kunstbauten?
  • Kunstbauten“ heissen die Bauwerke nicht, weil hier besonders viel „Kunst am Bau“ zu sehen ist, sondern weil es eine Kunst ist, diese Dinger zu bauen. „Kunstbauten“ nennen Ingenieure in der Schweiz alle Bauwerke, die keine Toilette oder Lichtschalter haben. In der Regel sind das Brücken und Tunnel (in denen das Licht auch am Tag angeschaltet bleibt).

    Welche Achterbahn ist schon 62 Meter hoch?
    Langwieser Viadukt
    (Quelle Foto: Wikipedia)

  • Bewegung, Dunkel und Nass — die drei Elemente des Europa-Parks
  • Die zahlreichen Tunnel und spektakulären Viadukte auf dieser Strecke von Chur nach Arosa erzeugen bei den Fahrgästen einen gleichwertigen Nervenkitzel wie eine Achterbahnfahrt im Europa-Park bei Rust. Während des Studiums hatte ich dort einen studentischen Hilfsjob. Wir befragten die Besucher woher sie kamen, was ihnen besonders gefiel etc. Ein Mitarbeiter des erfolgreichen Themenparks erklärt mir damals das Grundprinzip der Fahrattraktionen. Es gibt nur drei Elemente, die man miteinander kombinieren kann: Bewegung, Dunkel und Nass.

    Im halboffenen Bahnwagen der Rhätischen Bahn von Chur nach Arosa sind die Sinneseindrücke sehr ähnlich, die Elemente „Bewegung“ und „Dunkel“, mit denen in Rust geschickt operiert wird, sind vorhanden. Das fehlende dritte Element „Nass“ kann man sich leicht selbst verschaffen, wenn man die Strecke im Regen antritt oder im Hochsommer ab und zu eine Wasserflasche über die Köpfe der mitreisenden Fahrgäste ausleert. Am besten im Tunnel, dann sieht es keiner und die Kombination „Dunkel&Nass“ ist gelungen, wie bei der Wildwasserbahn. Arosa selbst ist übrigens berühmt für die zahlreichen handzahmen Eichhörnchen, die dort speziell für die vielen Sommer- und Wintertouristen abgerichtet und freigelassen wurden. Vorsicht, es handelt sich hier um lebendige Tiere, und nicht um ausgestopfte und animierte Attrappen wie im Europa-Park.

  • Alle Züge fahren ab Chur
  • Wer von Chur hingegen zurück nach Zürich oder in die übrige Schweiz auf der „Normalspur“ reisen möchte, kann ruhig 10-15 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof auftauchen, denn die abgehenden Züge der SBB sind meistens bereits dort und warten. Wo sollten sie auch sonst hin?

    (zweiter Teil morgen: „Durch die Surselva“)

    

    4 Responses to “Wer will schon in den Europa-Park? Die Rhätische Bahn ist besser als Achterbahnfahren”

    1. AnFra Says:

      Hallo, liest da jemand?

      Nun, bei der Definition des Begriffs „Kunstbauten sind ohne Toiletten und Lichtschalter“ nach der schweizerischen Diktion ist doch mein Zwerchfell in heftige Schwingung geraten.

      Kunstbauten sind in Mitteleuropa üblicherweise in der hier folgend vereinfachten Definition Bauwerke, bei welchen den besonderen statischen, dynamischen, thermischen, geologischen, tektonischen uam. Belastungen durch mathematische, planerische und konstruktive Überlegungen, Entwürfe, Berechnungen, Nachweise uam. durch Ingenieure, Statiker, Architekten, Geologen uam. Rechnung getragen werden.
      Also ist ein Eisenbahndamm auf der flachen Ebene kein Kunstbauwerk, da es im Regelfall ein Erbau- oder eventuell ein Grundbau-Werk, aber die dann noch benötigte Eisenbahnbrücke ist als ein Kunstbauwerk zu bezeichnen ist.

      Als ein Kunstbauwerk könnte man mit gutem Willen die beim Eisenbahnbau benötigten mobilen Toiletten-Häuschen betrachten. Denn diese erfüllen die im Bericht postulierten Voraussetzungen zum Kunstbau oder zur Baukunst: Dunkelheit und kein Lichtschalter.

    2. Brun(o)egg Says:

      @ AnFra

      Das Kunstbauwerk als Bezeichnung kommt von Artefakt. Künstlich gemacht, von Menschenhand.

    3. jo-SR Says:

      >Kunstbau kenn ich als Terminud Technicus der deutschsprachigen Tiefbauer

    4. gery us Büüli Says:

      richtig Brun(o) Kunstbauten kommt vom „künstlich“. also überall wo keine natürliche trassierung von Strasse, Schiene oder sonstigen Verkehrsachsen möglich ist wird eben künstlich ein Weg gebaut. Ist doch eigentlich total logisch…. :-)))
      übrigens gibt es sehr wohl Lichtschalter in Tunnels und Brücken. Nur weil die Leute die nicht sehen heisst das nicht, dass es keine gibt….
      Es braucht eine menge komplizierter Technik in einem Tunnel.. Zum Beispiel verbraucht der lötschbergtunnel mehr elektrische Energie als eine Kleinstadt… Denkt mal darüber nach…..

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