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Gebissprobleme in der Schweiz — Überbeissen Sie auch gern?

(reload vom 23.03.07)

  • Wer einen Überbiss hat der überbeisst, oder?
  • Wenn die obere Zahnreihe gegenüber der unteren vorgelagert ist, spricht der Zahnarzt von einem „Überbiss“. Aus Wikipedia lernen wir:

    Der Überbiss kommt als Zahnfehlstellung relativ häufig vor und kann durch Tragen einer Zahnspange meist vollständig korrigiert werden.
    (Quelle: Wikipedia)

    Demnach muss die Schweiz ein Paradies für Kieferorthopäden sein, denn nur hier lasen wir wiederholt von Menschen, die gern mal „überbeissen“, wahrscheinlich weil Sie unter diesem Überbiss zu leiden haben. Bei Google-DE findet sich das Wort „überbeissen“ an mageren 242 Fundstellen, die alle etwas mit Dentalkunst oder beissenden Hunden zu tun haben.

    Anders in der Schweiz. Hier wird an über 1’580 Stellen bei Google-CH das Überbeissen gepflegt. So gibt es zum Beispiel bissige Leitungsteams:

    Das war vor 9 Jahren. Seither machen sich alte wie neue Veranstalter den goldenen Subventionskuchen streitig. Leitungsteams überbeissen. Profilierungsneurosen blühen in allen Farben. Politiker rühmen sich über allen Klee.
    (Quelle: Muhlehunziker.ch)

    Hostpoint mit Zahnproblemen:

    Hostpoint am Überbeissen
    (Quelle: broedel.org)

    Auch sportliche Wakeboarder zeigen Zähne:

    ich werd überbeissen auf dem board wenn du deinen air railey machst ich kanns kaum erwarten!!!
    (Quelle: www.polyfil.ch)

    Oft wird davor auch gewarnt:

    AdiZollet wird überbeissen, wenn er den Thread sieht
    (Quelle: tweaker.ch)

    Und wie immer in solchen ausserordentlichen kommunikativen Situationen in der Schweiz stehen wir Deutsche als Zuhörer oder Leser mit verbissener Miene daneben und fangen an, uns unauffällig an die obere Schneidezahnreihe zu fassen, um festzustellen, ob wir nun auch schon zum „überbeissen“ ansetzen oder nicht. Was in Gottesnamen unter der Tätigkeit des „Überbeissens“ bei den Schweizern eigentlich gemeint ist, kriegen wir so nicht raus.

    Warum es hingegen so häufig vorkommt, verglichen mit Deutschen Gepflogenheiten, wo das Überbeissen den Hunden überlassen wird, mag an den horrenden Kosten von Kieferorthopädischen Behandlungen in der Schweiz liegen, die die Schweizer selbst „berappen“ müssen, da die normale Krankenversicherung nicht dafür aufkommt.

    Auch in Deutschland sei das mit der Kostenerstattung schon lange nicht mehr so berauschend wie früher, erzählte uns jemand von „ennet“ des Rheins (nein, nicht aus Schaffhausen). Wer seinen Überbiss richten lassen will, bekommt nur noch einen geringen Zuschuss von der Kasse bezahlt, sofern er nicht unter 18 ist. Ob deswegen weniger Menschen in Deutschland so bissig sind, verglichen mit den friedlichen und höflichen Schweizern?

    

    12 Responses to “Gebissprobleme in der Schweiz — Überbeissen Sie auch gern?”

    1. Brun(o)egg Says:

      Es gaibt fa auch noch den Kreuzbiss. Hat sowenig mit dem Vatikan zu tun wied er Durchbiss mit Durchsetzungsvermögen.

    2. Peter Says:

      Komisch, aber ich kenne auch als eingeborener Schweizer den Begriff Überbiss nur im Zusammenhang „Zahnarzt“. Es ist mir nicht ganz klar, was denn eigenlich genau gemeint ist mir dem überbeissen im übertragenen Sinn.

    3. me Says:

      Ich dachte die Antwort sei klar, aber wenn sich sonst niemand meldet schreib ich halt was. Ich bin kein Sprachexperte und kann deshalb nur aus eigener Erfahrung sprechen. Überbeissen wie es hier verwendet wird is meiner Meinung nach eine relativ neue Wortschöpfung und ich kenne es als: Durchdrehen, oder übertrieben ernst nehmen.

      Wenn jemand sich über etwas das du sagst übermässig aufregt kann man sagen „muesch nöd gad überbiisse“, oder wenn jemand in einem Freundschaftsspiel übertrieben hart und motiviert agiert sagt man „Das isch imfall es Fründschaftsspiel, nur nöd überbiisse“.

      Meist ist der Zusammenhang negativ aber man kann es auch als Wahnisinnig werden im positiven Sinn verstehen, wie im Wakeboarder Beispiel.

    4. AnFra Says:

      @Peter

      Dieses „überbeißen“ kann angewendet werden, wenn eine Sache oder ein Vorgang nicht nur bis zum Anschlag, also 100% gemacht wird, sondern über die besagte 100%-Grenze hinaus sich entwickelt oder getrieben wird.

      Es meint hier überwinden, übertrumpfen, übersteigen, übersteigern, überschreiten, überdrehen uam. dieser besagten Sache.
      A la „overdrive“ bei z. B. der Übersteuerung bei akustischen, elektrischen ua. Signalen und deren Verarbeitungen oder etwa bei der zukünftigen innerschweizerischen Entwicklung der SVP nach diesem erschröcklich überbissenen Abstimmungssonntag.

    5. Phipu Says:

      Hier könnt ihr mal schauen, dass schon 2007 bei der Erstausstrahlung dieses Artikels nicht alle Einheimischen diesen Modeausdruck kannten:
      http://www.blogwiese.ch/archives/554 . Auch wird im Zusammenhang mit anderen verwandten Ausdrücken das Thema „Overdrive“ (im Sinne des Autoantriebs) angesprochen.

    6. Brun(o)egg Says:

      Es gibt schon eigenartige Sprachregionen in der Schweiz. Überbeissen? Noch nie gehört! Muss wohl irgendwo im Schächental oder im Zürcherunterland Sprachgebrauch sein.
      Ganz im Gegensatz zum durchbeissen, in Sinne von hart bleiben, das Ziel erreichen.

      Überbeissen kann nicht angewendet, lieber ANFRA. Weil niemand so etwas sagt.

    7. AnFra Says:

      @Brun(o)egg

      Lieber Bruno, natürlich hast Du recht. So spricht kein Mensch. Sogar nicht diese seltsamen Blogger auf dieser Bloggwiese. Aber das Ding hier sollte man realistisch immer als eine Metapher ansehen. Um Verwendung von überbeißen zu begreifen, kann man aber einen metaphorischen Erkenntnisweg beschreiten.

      Diesen Verb „überbeißen“ kann man m. E. aus der vormittelalterlichen Zeit unserer kriegerisch-germanischen Land- und Forstwirte ableiten. Wenn man den Ursprung untersucht, gelangt man zu den Wölfen und Hunden.
      Die Funktion eines Kampfes dieser Tiere kann man auf dem folgenden Handlungsstrahl definieren: Wölfe / Hunde begegnen sich in einer außergewöhnlichen Situation, wie z. B. Beute, Futter, Paarung uam., bei welcher die Rangsituation eine überlebenswichtige Rolle spielt. Es gibt einen Blickkontakt, dann ein Geraunze und Gebelle, Knuffen und Schubsen, Anbeißen und Beißen, bei weiterem unentschiedenem Kampf den Überbiss, also den ultimativen Superbiss des erfolgreicheren Tieres mit folgend zwei Handlungs-Varianten: Variante 1= Das Betta-Tier kämpft trotz des Überbisses weiter und das Alpha-Tier wird es töten oder die Variante 2= Das Betta-Tier legt sich unter dem Alpha-Tier auf den Rücken, legt die Läufe in Hab-Acht-Stellung, klemmt den Schwanz ein, jault beschwichtigend und gibt seine ungeschützte Kehle dem Alpha-Tier nun zum freien Durchbiss. Im Regelfall wirkt dann die Beißhemmung und das Alpha-Tier ist der große Gewinner.
      Er hat nun unangefochten das Erstrecht beim Futter und den Weibchen, fast wie im wirklichen menschlichen Leben! Dieser Überbiss ist der Vorgang zwischen dem Kampf-Bissen und dem Tod-Biss. Eine vergleichbare Beschreibung kann man auch bei den Brüdern Grimm finden. Siehe unter: „überbeiszen“. Es war wohl bis zum 16./17. JH noch lebendig.
      Die Verwendung von diesem Verb muss logischerweise eigentlich schon vor der mittelalterlichen Zeit erfolgt sein, denn wenn es im Mittelhochdeutschen „überbîzen“ ist, im Niederländischem „overbijten“ und im Dänischen „overbide“, deutet es darauf hin, dass es auch die zweite oberdeutsche Lautverschiebung durchgemacht hat und aus dem t/d über ts/tz es sich hin zum sz/ß/ss entwickelt hat. Im Englischen ist die altgermanische Spur noch erkennbar: Biss = bite.

      Jetzt kann man schlagartig das derzeitige Affentheater bei Wikileaks mit den speziellen Aussagen begreifen, die Amis würden in der „geheimen“ Diplomatenpost aus Moskau schreiben, der Putin sei ein Alpha-Rüde, dem sich jeden Tag der Medwedew als Betta- Schosshündchen unterwerfen würde.

      Bei der Diplomatenpost aus Bern wird jedoch geschrieben, der Gamma-Kläffer SVP-Brunner würde tatsächlich glauben, er sei ein Alpha-Tier.

    8. Brun(o)egg Says:

      Lieber ANFR
      Alles schlüssig und sicher richtig. Aber im täglichen Sprachgebrauch wird überbeissen nicht angwandt. Ausser beim Zahnarzt. Das sind die Patienten mit 10 cm Vorsprung auf den Kuchen.
      Der Gamma Kläffer, nebenbei, nehm ich in den Sprachgebrauch auf. Sehr gut!

    9. Marroni Says:

      Der Brunner Toni ist doch wohl eher ein BETA oder OMEGA, keinesfalls ein GAMMA. Gruss.

    10. AnFra Says:

      @Brun(o)egg

      Liebster Bruno. Natürlich hast Du wieder recht.
      So wird in der Alltagssprache nicht gesprochen. Aber..,. es gibt neben der scheinbar realen Welt noch nen anderen Raum, den Raum der sog. Unnützigkeit. Wie z. B. das „tote Wissen“, welches sich manchmal / mengisch mit „tatziden Wissen“ überbeißt.

      @Marroni

      Auch Du hast recht. Beta mit einem t. Wenn man mit dem Turbolader und Nachbrenner durch die Blowiese rast gibt’s halt verbale Kollateralschäden. Da überbeißt der all zu schnelle Schreibfinger das müde und träge Hirn.

      Meiner Meinung sollte man den SVP-Brunner, den Toni, in die Klassifizierung der Adulatio-Kläffer setzen.

    11. VC Says:

      Man lasse doch bitte die Wölfe/Hunde aus dem Spiel, denn, zumindest die Hunde, haben sich weder ihre heutige genetische Veranlagung (Zucht) noch ihr Umfeld ausgesucht, sind aber trotzdem in der Lage den Lebensraum Mensch mit seinen kontrollsüchtigen, machtgierigen und statusgeilen Inhabern zu überleben. Allein schon aus diesem Grund sind Hunde genial angepasste Wesen und unterscheiden sich deswegen erfreulicherweise deutlich von ihren zweibeinigen Individuen, wie z.B. eines AnFra, dessen Wunsch wieder mal eine Lehrstunde abzugeben in einer Leerstunde endete.
      Aus verhaltensbiologischer Sicht ist sein Geschreibsel befremdlich und wieder mal ein Beweis dafür, dass einer solange schreibt, bis ihm was einfällt….egal was.

    12. kat Says:

      also ich kenne den Ausdruck und brauche ihn auch öfters -genau so wie meine Kollegen… im raum Zürich und Bern scheint er also zumindest bekannt zu sein und zwar im Sinne von übertreiben / durchdrehen

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