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Zielpublikum Hohlköpfe — Peter von Matt über das Verhältnis der Schweizer zu den Deutschen

(reload vom 22.07.07)
Der Schweizer Germanist Peter von Matt wurde am 7.02.07 vom Tages-Anzeiger zur damaligen Entwicklung der Schweizerisch-Deutschen Beziehungen befragt. Auf die Frage „Haben die Schweizer ein Problem mit ihren Nachbarn?“ antwortete er:

Das angebliche Problem ist ein Medienprodukt. Einer übernimmt es vom andern, um es nicht dem Dritten zu überlassen, und schon ist es ein Hype. In Wahrheit ist das Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen gut, besser jedenfalls als nach dem Krieg, als jeder Schweizer sich als eine Kreuzung von Henri Dunant und Winkelried vorkam.
(Quelle für dieses und alle folgenden Zitat: Tages-Anzeiger 07.02.07)

Peter von Matt
(Quelle Foto: Unitedvisions.tv)

  • Wer waren Dunant und Winkelried?
  • Zur Erinnerung: Henri Dunant war der Mann, der die fatale Idee hatte, das Rote Kreuz farblich gespiegelt zum Schweizerkreuz zu entwerfen, was bis heute dazu führt, dass Schweizer bei Vorzeigen ihres Passes an vielen Grenzen mit dem Spruch „Red Cross? Okay just pass through“ durchgewunken werden und Emil Steinberger eine Sammlung von Erste-Hilfe-Sets mit weissem Kreuz auf rotem Grund besitzt. Menschen die erste Hilfe leisten sind in der Schweiz übrigens „Nothelfer“, darum heissen auch die Kurse für den „Führerausweis“ hierzulande „Nothelferkurse“ und nicht „Erste-Hilfe-Kurse“. Und Winkelried? Nein, der war kein Advokat sondern von Beruf Held:

    Er soll am 9. Juli 1386 bei der Schlacht von Sempach ein Bündel Lanzen der Habsburgischen Ritter gepackt und sich selbst aufspiessend den Eidgenossen eine Bresche geöffnet haben. Der Legende nach soll er vorher noch die Worte „Sorgt für meine Frau und Kinder“ gesagt haben. Die bekannteste Variante seiner letzten Worte ist: „Der Freiheit eine Gasse!
    (Quelle: Wikipedia)

  • Das Elend mit der Konstruktion von Typen
  • Doch kehren wir zurück zum Interview mit Peter von Matt. Auf die Frage, warum der typische Deutsche in der Schweiz bis heute kein Sympathieträger sei, meinte er:

    Das Elend beginnt genau bei der Konstruktion von Typen. Ich kenne viele Schweizer, sympathische und weniger sympathische, aber von keinem habe ich je gedacht, er sei ein typischer Schweizer. Und mit den Deutschen geht es mir gleich. In den Zeitungen aber tut man so, als redeten alle Schweizer über die Deutschen wie die Radikalfeministinnen vor zwanzig Jahren über die Männer. Von jedem Land existiert seit Jahrhunderten ein Negativklischee. Die Amerikaner brachten es einst selbst auf den Begriff: «The Ugly American», der hässliche Amerikaner. Nur ein Hohlkopf projiziert solche Negativklischees auf das konkrete Gegenüber. Und in der Schweiz bilden die Hohlköpfe immer noch die deutliche Minderheit. Man hat aber gelegentlich den Eindruck, sie seien das umworbene Zielpublikum der Medien.

    Das Praktische an dieser Zielgruppe ist doch, dass jeder von sich sagen kann: „Nein, so einer bin ich nicht und das denke ich schon gar nicht“, während er doch begierig den Blick mit der Überschrift „Wieviele Deutsche verträgt die Schweiz“ verschlingt.

  • In kleinen Ländern ist es Wärmer und es gibt mehr Gefühl
  • Auf die Frage nach den Faktoren, die die Beziehungen zwischen Schweizern und Deutschen bestimmten, meint Peter von Matt:

    Die Sozialpsychologie kennt das Phänomen, dass das kleinere Land, die kleinere Stadt eine bestimmte Animosität gegen den grösseren Nachbarn entwickelt. Die Zürcher haben kein Problem mit den Baslern und Bernern, diese aber mit den Zürchern, die Welschen mit den Deutschschweizern, die Innerrhoder mit den Ausserrhodern und beide zusammen wieder mit den St. Gallern. Das geht vom Kleinsten zum Grössten: die Europäer gegen die Amerikaner. Und immer wird dabei von Temperatur gesprochen. Der Grössere gilt stets als kalt, arrogant und materialistisch, der Kleinere spricht sich selbst Wärme und Gefühl zu. Die Berner reden von den Zürchern wie ein Kachelofen von einem Eisberg. Das kann den Blick auf die Deutschen einfärben. Aber das ist so universal wie der Schnupfen und so harmlos.

    Endlich eine plausible Erklärung, warum die Deutschen als arrogant gelten und wir in der Schweiz häufig mal ins Schwitzen kommen. In kleinen Ländern ist es wärmer und es gibt einfach mehr Gefühl. Dieses Argument kennen wir ja schon vom Schweizerdeutschen, mit dem sich Gefühle einfach viel besser ausdrücken lassen als in der Schriftsprache, oder können sie „Pillow Talk“ auf Hochdeutsch führen?

  • Mit dem Flugzeug ins Engadin
  • Der Tages-Anzeiger fragte Peter von Matt dann nach dem Schweizbild in Deutschland:

    Die Deutschen sprechen von der Schweiz in einer Mischung aus Bewunderung und Ironie. Sie belächeln unsere Kleinheit ein wenig, wollen aber alle Kenner sein und schildern einem rasch ihr Lieblingsrestaurant in Zürich und ihren Bergweg im Engadin. Wenn man den Deutschen das Engadin verböte, bis die Flughafenfrage gelöst ist, wäre in Kloten in 14 Tagen alles in Butter. Der hässliche Schweizer ist für die Deutschen reich, fantasielos und ohne Humor. Doch ich habe nie erlebt, dass dieses Klischee bei einer Begegnung eine Rolle gespielt hätte.

    Ach, es gibt also tatsächlich Deutsche, die ins Engadin fahren? Nicht zum Skilaufen sondern wandern? Ich dachte, die Deutschen sind im Sommer allesamt auf Mallorca. Und kann man wirklich mit dem Flugzeug nach Zürich fliegen um dann einen Bergurlaub zu starten? Habe noch nie Deutsche in Kniebundhosen mit rotweiss karierten Hemden den Flieger aus Düsseldorf in Kloten verlassen sehen.

  • Berlin ist Mekka aller Schweizer Künstler
  • Schliesslich wird von Matt nach dem Einfluss der Geschichte auf das heutige Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen befragt:

    Ich glaube nicht, dass die Kriegszeit sehr nachwirkt. Grundsätzlich gilt: Geschichte ist immer das, was man von ihr wissen will. Dass die moderne Schweiz im 19. Jahrhundert von Deutschen wesentlich mitgeschaffen wurde, will man nicht mehr wissen. Nur mit den vertriebenen deutschen Professoren konnte die Uni Zürich überhaupt gegründet werden. In der fortschrittlichen Politik gaben Deutsche wie der Schriftsteller Heinrich Zschokke und die Brüder Ludwig und Wilhelm Snell wesentliche Impulse. Gottfried Semper hat unsere Architektur schubhaft vorangebracht. Die akademische Schweiz ist ohne die Deutschen auch heute undenkbar. Kulturell ist die Schweiz mit Deutschland aufs Engste verwachsen. Berlin ist das Mekka aller Schweizer Künstler und Studenten. Nur schon die Funktion, die Berlin heute hat, widerlegt das Märchen vom Deutschenhass. Das sind Fakten, der Rest ist Gerede.

    Wir hatten ja schon des öfteren von Schweizern gelesen, dass die Deutschen ja leider keine wesentliche Kultur mit ins Land gebracht haben, anders als die Südländer. Man muss ja auch nichts mitbringen, was schon fest im Land verwachsen ist bzw. ins Mekka der Kultur nach Berlin auswanderte.

  • Wie markiert ein Deutscher Präsenz?
  • Die nächste Frage zielt auf die Komplexe der Schweizer gegenüber den Deutschen ab:

    Es gibt ein Phänomen, das man kennen muss. In Deutschland gehört zum Sozialverhalten, dass man sich rasch und deutlich positioniert und die eigene Präsenz markiert. An sich eine gute Sache. In der Schweiz gilt die Regel: Warte, bis du gefragt wirst. Das sind unterschiedliche, aber wertneutrale Haltungen. So wie die Deutschen ein Telefongespräch knapp abschliessen, die Schweizer aber dreimal nacheinander Adieu sagen. Da kommt es dann schon vor, dass man falsche Schlüsse auf den Charakter zieht.

    „Sich rasch und deutlich positionieren und die eigene Präsenz markieren“, genau dass ist es, was passiert, wenn ein Deutscher in einem Schweizer Lokal nach der Saaltochter ruft und „Ich hätte gern noch ein Bier“ sagt, während der Schweizer Gast lieber wartet, bis er von der Bedienung nach seinen Wünschen gefragt wird. In Deutschland signalisiert man damit, dass man als Kunde seine Wünsche sehr wohl zu äussern vermag und nicht übersehen werden möchte. In der Regel hilft das und führt zu einer aufmerksamen Bedienung, in der Schweiz würden sich bei solch einem „Präsenz markieren“ gleich die Kellner abwenden und den Deutschen am Tisch Nummer 4 fortan meiden.

  • Wenn Schweizer Hochschulabsolventen keinen fehlerfreien Brief mehr schreiben können
  • Auf die Rolle der Sprache im Schweizer-Deutschen Verhältnis angesprochen, meint Peter von Matt:

    Das ist ein schwieriges Problem. Ich halte die Vergammelung der hochdeutschen Sprachkultur in der Schweiz für einen nationalen Notstand. Das hat mit den Deutschen nichts zu tun, aber sehr viel mit der herumgebotenen Meinung, unsere Muttersprache sei der Dialekt und das Hochdeutsche sei eigentlich eine Fremdsprache. Die Muttersprache der Deutschschweizer ist aber Deutsch in zwei Gestalten, Hochdeutsch und Dialekt. Weil Hochdeutsch als unnatürlich hingestellt wird, ist es für viele nicht mehr attraktiv. Damit droht sich die Deutschschweiz eigenhändig zu beschädigen. Viele Politiker und Hochschulabsolventen können keinen fehlerfreien Brief mehr schreiben. Und schlimmer noch: Sie halten es auch nicht für nötig.

  • Kurzweilige Bedienung aus Mecklenburg-Vorpommern
  • Schliesslich können Sie ja alle perfekt Englisch, speziell im Gespräch mit den Westschweizern. Und es dauert nicht lange, bis die „Hollandisierung“ der Schweiz soweit fortgeschritten ist, dass geschriebenes Schweizerdeutsch Schriftsprache wurde.
    Zum Thema „verstärkte Einwanderung von Deutschland in die Schweiz“ meint von Matt:

    Ich halte es für kurzweilig, im Restaurant von Sachsen und Mecklenburgern bedient zu werden, und an der Uni habe ich mit viel mehr deutschen Kolleginnen und Kollegen gelebt, und gut gelebt, als es in der Schweizer Arbeitswelt im Durchschnitt je der Fall sein wird. Die Schweizer werden mit den Deutschen nicht mehr Probleme haben als mit andern Bevölkerungsgruppen im eigenen Land. Vorausgesetzt, man redet den Konflikt nicht herbei.

    Und womit soll Herr Mörgeli nun Wählerstimmen sammeln gehen und der BLICK seine Auflage steigern, wenn wir den Konflikt nicht fleissig weiter herbeireden? Nun, es wird sich schon noch ein wirklich ernsthaftes Problem finden. Stand nicht neulich im Blick, dass die Gipfeli jetzt Deutsch werden? Ach nee, das war ja die Geschichte von einer Schweizer Grossbäckerei, die nach Deutschland expandierte. Falsches Ressort.

    

    19 Responses to “Zielpublikum Hohlköpfe — Peter von Matt über das Verhältnis der Schweizer zu den Deutschen”

    1. pfuus Says:

      …ein Deutscher in einem Schweizer Lokal nach der Saaltochter ruft und „Ich hätte gern noch ein Bier“ sagt, während der Schweizer Gast lieber wartet.. “

      …Bis er vertrocknet? Bestimmt nicht!

    2. Guggeere Says:

      @ pfuus
      „…Bis er vertrocknet? Bestimmt nicht!“

      Und woher willst du das so genau wissen? Die Vertrockneten kannst du ja nicht mehr fragen …
      Aber danke trotzdem; jetzt weiss ich, warum so viele von uns Alpenalemannen „troche wie n es Chäferfüdli“* sind: Sie warten zu lange, bis sie in der Beiz zu ihrem Bier kommen. Und auch der Grund für die Dauerkrise in der Schweizer Beizenlandschaft liegt auf der Hand: Es wird einfach zu zögerlich gesoffen.

      (* Gehört zwar nicht zum Thema: Woher diese Redensart stammt, ist mir ein Rätsel. Aber sie gefiel mir schon immer ausserordentlich.)

    3. freisinniger Says:

      “troche wie n es Chäferfüdli

      Dass gefällt mir am Schweizerdeutsch so sehr, es ist stellenweise ziemlich vulgär. 😀

    4. pfuus Says:

      @guggeere

      „Und woher willst du das so genau wissen? Die Vertrockneten kannst du ja nicht mehr fragen…“

      Psst! Ich war dabei! Es gab nie Wartezeiten und schon gar keine Trockenperioden während des „Stangenmonsuns“. (nüt mit troche chäferfüdli)

    5. Brenno Says:

      Vorgefasste Meinungen, unzulässige Verallgemeinerungen, die Abneigung gegen den grösseren Nachbarn, all das spielt hier sicher eine nicht zu unterschätzende Rolle. Aber reicht das aus, um die Langlebigkeit und Virulenz der reflexartigen Abwehrhaltung mancher Schweizer zu erklären?

      Von Matt scheint mir auf der richtigen Fährte zu sein, wenn er meint, dass die Kriegszeit kaum mehr nachwirkt. Vielleicht täusche ich mich, aber ich hatte schon öfters den Eindruck, dass Angehörige von Nationen, die während des 2. Weltkrieges von der Wehrmacht besetzt waren, den Deutschengegenüber heutzutage viel gelassener reagieren als die vom Krieg weitestgehend verschontenSchweizer.

      Warum lange um den heissen Brei herumreden? Es sei an dieser Stelle die Hypothese gewagt, dass die sich immer von neuem entzündenden Konflikte zwischen Vertretern beider Völkern einen Entstehungsorthaben, nämlich die gesprochene Sprache.

      Worum geht es? Obwohl auch die Schweizer irgendeinmal in der Neuzeit angekommen sind, verharren sie umgangssprachlich teilweise noch im Mittelalter. Der mündliche Ausdruck des Schweizers offenbart auch abgesehen davon eine andere Art des Umgangs mit Mitmenschen und ganz allgemein eine andere Herangehensweise. Man scheut sich oft, die Dinge direkt anzusprechen oder zu sagen, was Sache ist. Lieber lässt man eine Angelegenheit in der Schwebe und bemüht sich um einen Konsens mit dem Gesprächspartner. Ein Deutscher, der sich dessen nicht bewusst ist, hat in unserem Land natürlich reichlich Gelegenheit, anzuecken.

      Die Formung und Ausbreitung des Neuhochdeutschen geschah in einem feudalen Umfeld. Dieser Vorgang wie auch die weitere historische Entwicklung können ganz allgemein als Disziplinierungsprozess, anfänglich auch als Modernisierungsprozess verstanden werden, der sich im Deutschen Reich wesentlich drastischer vollzogen haben dürfte, als hierzulande (Das Neuhochdeutsche als Schriftsprache hat sich in der Schweiz erst im Laufe des 17. Jahrhunderts durchgesetzt). Stichworte hierzu sind u. a. die Reformation, der Absolutismus, die gescheiterte Revolution von 1848 sowie die ausserordentliche Wertschätzung des Militärs in Preussen. Eine Schlüsselrolle dürfte dabei das Erziehungswesen gespielt haben. Es unterlag diesem Prozess ebenfalls und verstärkte ihn noch. Man darf annehmen, dass sich dies im sprachlichen Ausdruck der Deutschen unüberhörbar niedergeschlagen hat.

      Wenn ein Schweizer einen Deutschen sprechen hört, beginnt er all dies zu ahnen, ohne sich jedoch der geschichtlichen Voraussetzungen bewusst zu sein. Ihm sträuben sich die Haare, da er fühlt, was diesem Volk angetan wurde und wie bereitwillig es sich anscheinend dem Druck von oben gebeugt hat.Was er zu hören bekommt, ist eine Sprache, die aus dem Munde des Untergebenen kaum weniger schneidig klingt als aus dem des hierarchisch höher stehenden Adressanten. In seiner Ratlosigkeit hält sich der Schweizer an den Sprecher, der ihm dadurch zum unsympathischen Deutschen wird. Er braucht ihn, um sein Unbehagen auf ein ganzes Volk projizieren zu können. Die gesprochene Sprache ist die Schnittstelle, an der sich Konflikte zwischen Vertretern beider Völker immer von neuem entzünden können.

      Hier endet die Hypothese und überlässt das Feld einer realistischeren, gegenwartsbezogenen Beurteilung: Sowohl die Deutschen als auch die Schweizer haben sich in den vergangenen dreissig oder vierzig Jahren dem europäischen Durchschnitt mehr oder weniger angenähert und sind sich dadurch im Grunde genommen ähnlicher geworden, auch wenn sie es vielleicht noch nicht bemerkt haben. Ich wage zu behaupten, dass dies auch in sprachlicher Hinsicht zutrifft. Was dieser Erkenntnis entgegensteht,
      sind die von Matt skizzierten Klischees der Schweizer ihren nördlichen Nachbarn gegenüber. Es trifft leider auch zu, dass die erwähnten Spannungen medial aufbereitet und teilweise auch parteipolitisch
      instrumentalisiert werden. Eine ähnliche Zuwanderung von Deutschen hätte in den fünfziger oder sechziger Jahren wesentlich mehr Probleme verursacht.

    6. myname Says:

      Ich denke nicht dass das hier -hauptsächlich- zutrifft.
      Das hauptproblem ist die Sprache. Ich wusste lange Zeit nicht mal wie Walisserdeutsch klingt, obwohl ich bereits perfekt Hochdeutsch sprach… Vielleicht sollte einfach nicht mehr ganz soo viel Wert auf das Deutsche gelegt werden und mehr auf die Schweiz und darauf wie den Deutschschweizern das Mund gewachsen ist! Das würde schon viele Probleme beheben!

    7. pfuus Says:

      @Brenno

      Ich empfinde deine Hypothese gewagt, zumal du dem „Neuhochdeutschen“ letztlich das von Schweizer Seite oft zitierte „Kasernendeutsch“ und den Deutschen „Obrigkeitshörigkeit“ unterstellst.

      Die Jahre 1939-45 hingegen mögen viell. vordergründig keine „so gravierende“ Rolle mehr spielen, schwingen aber dennoch mit. Ein Blick z.B in den aktuellen Tagi und den Kommentaren zur Euro Krise etc. und die Rolle D verdeutlicht das.

      Ich möchte allerdings nicht wissen, wie viele Diktatoren und Staatsmänner sich insgeheim im Spiegel der Zeit und Hauptperson jener Jahre ,eitel zu spiegeln pflegten und pflegen.

    8. Ole Says:

      so ganz kann ich diese Argumentation nicht verstehen:
      „…die Europäer gegen die Amerikaner. Und immer wird dabei von Temperatur gesprochen. Der Grössere gilt stets als kalt, arrogant und materialistisch“

      Die Europäer zusammen sind ja etwas groesser als die USA, also finden US-Buerger die Europäer kalt? Oder sind es einzelne, z.B. Deutsche, welche die USA nicht moegen? Ich denke die Deutschen sind wie viele den USA relativ positiv gegenueber eingestellt, ein Problem habe ich persoenlich eher mit deren (militaer/wirtschafts)-Politik. Als kalt, arrogant und materialistisch wuerde ich Amerikaner nun nicht unbedingt beschreiben.

    9. Brenno Says:

      @pfuus

      Es geht mir weniger um die Deutschen an sich, sondern um die Art und Weise, wie die Schweizer ihre nördlichen Nachbarn wahrnehmen und vor allem, wie sie auf diese reagieren. Obwohl man den sprachlichen Ausdruck vom übrigen Verhalten letztlich nicht trennen kann, bin ich nach wie vor der Ansicht, dass es sich um einen Reflex handelt, welcher aus mündlichen Äusserungen der Deutschen und der spontanen Abwehrreaktion der Schweizer besteht. Der auslösende Reiz ist naturgemäss oberflächlicher Art, die Reaktion der Gegenseite kommt dagegen aus der Tiefe des Gemüts. Da es dem Schweizer in diesem Falle jedoch fern liegt, in sich zu gehen und sein Verhalten kritisch zu reflektieren, behilft er sich mit altbekannten Vorbehalten und Klichees. Ich habe übrigens schon beobachten können, dass Deutsche, die unseren Vorstellungen von Anstand und guten Manieren durchaus entsprechen, negative Reaktionen ausgelöst haben.

      Was das Dritte Reich betrifft, möche ich sogar noch einen Schritt weiter gehen: Sicher hatte eine Mehrheit der Schweizer unter dem Eindruck der beispiellosen Verbrechen der Nazis lange Zeit eine negative Einstellung gegenüber den Deutschen. Dies trifft besonders auf einen Teil jener Generation zu, die diese Epoche bewusst miterlebt hat. Ich bin nichtsdestoweniger der Meinung, dass diese Ereignisse langfristig nicht wirklich bestimmend waren für die erwähnte Abwehrhaltung. Ich möchte
      sogar so weit gehen zu behaupten, dass einfachere Gemüter darin nur einen Vorwand sahen, die Deutschen mit gutem Gewissen generell unsympathisch zu finden, weil nämlich für sie zwischen Nazis und anderen Deutschen höchsten ein gradueller Unterschied bestand. Das ist zweifellos eine ausgesprochen zynische Behauptung, aber ich glaube nicht, dass ich damit den betreffenden Landsleuten unrecht tue. Wer mir hier wiedersprechen möchte, dem empfehle ich, sich über den sogenannten Tonhallekrawall von 1871 in Zürich zu informieren. Er wird dann erkennen, dass die Schweizer schon lange vor den Nazis unter gewissen Umständen bereit waren, gegen Deutsche rabiat vorzugehen.

      Liegt es denn nur an den Schweizern? Das ist eine andere Frage. Ich glaube nicht, dass ich in der Lage bin, sie zu beantworten. Meine Hypothese ist vielleicht nicht sehr solide, die Einengung der Fragestellung auf die (gesprochene) Sprache möglicherweise problematisch. Trotzdem halte ich den Ansatz für richtig. Dass es etwas mit Sprache zu tun hat, lasse ich mir nicht ausreden. Ich empfehle dazu zur Lektüre den 104. Aphorismus „Vom Klang der deutschen Sprache“ in „Die fröhliche
      Wissenschaft“ von Friedrich Nietzsche: –> tp://www.textlog.de/21269.html

    10. AnFra Says:

      Passend hier eine fundierte Meinung eines Dorfschulzen. Wenn man solch einen Dorfhäuptling aus Kreuzlingen TG als gutnachbarschaftlichen „Freund“ hat bracht man sich um Feinde nicht zu sorgen!

      Da ist der Wunsch für ihn gut angebracht: „Ich krieg noch etwas Hirn“.

      Siehe: http://www.suedkurier.de/region/kreis-konstanz/konstanz/-bdquo-Die-Mentalitaet-trennt-uns-ldquo-;art372448,4567350

    11. pfuus Says:

      @Brenno
      Ich weiss nicht wann Nietzsche den 104 Aphorismus geschrieben hat, aber es wird einige Jahre vor 1900 gewesen sein und damit in einer Zeit, als das Militär alles und der Mensch nichts war. Das ein Teil der deutschen Sprache und die regionale Mentalität davon betroffen war ist nachvollziehbar. Ich betrachte es eher als ein Zeitdokument und halte daher Rückschlüsse auf die deutsche Sprache von heute als heikle Angelegenheit.

      Was die Abwehrreaktionen anbelangt, könnten Deutsche höflich im Handstand oder auf Eiern laufend daherkommen, es wäre nie recht. Bei vielen Schweizern kann man sogar eine regelrechte Veränderung der Körperspannung, des Sprachtimbres und Mimik beobachten, wenn sie einem ihnen unbekannten Deutschen in Standarddeutsch etwas entgegensetzen müssen, oder wenn sie es gesprochen irgendwo „ertragen“ müssen. Dies alles nimmt der „ungeübte“ Deutsche nicht wahr und verstärkt mit seinem wohlmeinenden „Grüzzi“ diese Starre nur noch.

      Ich bin mir sicher, dass ein grosser Teil jener Abwehrhaltungen und antideutscher Reflexe nicht im unbewussten Ahnen(siehe oben) der Schweizer , sondern in erster Linie in der Familie, den Bildungseinrichtungen und den Medien begründet ist.
      Wenn in Schweizer Schulen das Fach „Deutsch“ durch „Sprache“ ersetzt wird , versucht man doch ganz bewusst eine Distanz herzustellen . In Bezug auf Englisch o. Franz. habe ich Bezeichnungen wie Sprache 1, Sprache 2 noch nie gehört.
      Was wenn der Papi, während der WM,mit dem 4.Trikot der Gegenmannschaft bekleidet, beim Spiel D vs X mal so richtig aus sich rausgeht? Da weiss doch der Filius dann fundamental Bescheid.

      Reflexe müssen gepflegt werden, sonst verkümmern sie.

    12. neuromat Says:

      nun gehört das Schweizerdeutsche aber auch zur „deutschen“ Sprache

      und schon mal drüber nachgedacht: Häufig wird das am anderen am heftigsten abgelehnt, was man bei sich selbst gar nicht mag

      es kann ja diesen Reflex geben – nur an den Gründen zielt das Obige doch meilenweit vorbei

    13. Ändu Says:

      Hübsche Polemik von Nietzsche, ein Vordenker der geistigen Vaterlandsverteidigung? (ein gutes Thema für dieses Blog). Vor dem ersten Weltkrieg sprachen die berner Patrizier reinstes Hochdeutsch. Als die Nazis an der Macht waren, wollten nicht wenige Schweizer Heim ins Reich. Es gab Dörfer an der Saane, dort war klar, die Einwohner hätten sich gegenseitig abgeschlachtet, sobald die Deutschen einmarschiert wären. Insofern wirkt das alte Klischee vom hässlichen Deutschen nach.
      Und sollte sie je ein Schweizer nach Ihrer Familie im 2. Weltkrieg fragen, sagen Sie niemals, der Grossvater / Vater wäre kein Nazi gewesen – das glaubt niemand.

    14. Bavaroise Says:

      Pfundig, jetz warat i a hoibs Jahr nimi auf dera Soitn und ’s hot si a nix vrändot ;o)

      Das Zerrbild des unangenehm und viel zu schnell schwätzenden Nordwestdeutschen und des idealtypischen gemütlichen Schweizers ist doch lächerlich. Dass sich die Schweizer bei dieser Nabelschau so wohlfühlen und auch noch selbst gerne so darstellen (und auch im Alltag gerne mal mit Klischees kokettieren, gar „austesten“ wie lange es dauert bis auch das helvetophile teutonische Gegenüber die Grenzen der Geschmacklosigkeit bezüglich schrillen Schweiznationalismus erreicht sieht).

      Man muss sich doch bloß das Geschwätz bezüglich Fußballerfahrungen anhören und weiss welche Geisteswelt da bedient wird (ich finde Fußball gleichermaßen belanglos und archaisch, die Leit kreischen auf den Rängen als obst Geld kring wenn oana g’winnt).

    15. Brenno Says:

      @pfuus

      Drum sag’ ich’s noch einmal

      Ich habe mich nicht so sehr über die Deutschen oder ihr „Wesen“ geäussert, noch habe ich behauptet, die Deutschen von heute sprächen wie ein Feldweibel (Feldwebel) des 19. Jahrhunderts.

      Ich bin anscheinend insofern missverstanden worden, als man das, was ich als TENDENZ verstanden haben wollte, wie eine unveränderliche Grösse aufgefasst hat.

      Unabhängig, oder sagen wir beinahe unabhängig vom Verhalten der heutigen Deutschen, weist die Psyche des Schweizers eine PRÄGUNG auf, die sich in Vorurteilen, Empfindlichkeiten und (vermeintlichen) Erfahrungen mit bzw. gegenüber den Nachbarn von der andern Seite des Rheins niederschlägt. Wenn es so etwas wie ein kollektives Unbewusstes der Schweizer gibt, dann muss es der Ursprung davon sein. Dies erklärt auch die ungewöhnliche Langlebigkeit.

      Dass der Einzelne dieser Prägung nicht hilflos ausgeliefert ist, versteht sich von selbst. Er unterliegt auch anderen Einflüssen, wie z. B. der Familie, Schule und selbstverständlich der Medien; der eine oder andere versucht es vielleicht sogar mit einer eigenen Meinung…

      Wie ich ebenfalls eingeräumt habe, können die Deutschen es den Schweizer oft nicht recht machen. Es soll Deutsche geben, die hierzulande ganz besonders höflich und zurückhaltend auftreten, um ja nicht unangenehm aufzufallen. Das müsste uns zu denken geben, denn man kann sicher nicht behaupten, die Deutschen seien Wesen von einem anderen Stern, und andererseits sind die Eidgenossen in der Regel ja auch keine Mimosen.

      Den 104. Aphorismus aus „Die fröhliche Wissenschaft“ von Nietzsche empfehle nochmals wärmstens zur Lektüre! Es geht mir hier nicht darum, irgendetwas beweisen zu wollen. Vielmehr enthält dieser Text eine hochinteressante und z. T. immer noch aktuelle Analyse des Verhältnisses Hochsprache/Dialekt und dessen geschichtlicher Entwicklung im deutschen Sprachraum. Es ist mit Abstand das Beste, was ich zu diesem Thema jemals gelesen habe. Leider ist der betreffende Link im meinem vorherigen Beitrag unvollständig herausgekommen. So sollte er sein: http://www.textlog.de/21269.html

      Nietzsche hat dieses Werk übrigens 1882 geschrieben. 1900 ist das Jahr seines Todes.

    16. Smilla Says:

      @Ole:
      Das eine Amerikabild „der Europäer“ gib es sicherlich nicht.
      Urlaub dort machen, Au pair, einen Sprachkurs, dort studieren, ok.
      Einen amerikanischen Arbeitsvertrag wollen die wenigsten aus Europa.
      Und über das weltpolitische Bild über die Amerikaner gibt es sicher viele Meinungen. Ich denke nicht, dass Europäer aus europäischer Sicht über Amerikaner urteilen und sich darauf berufen, dass Europa größer ist. Man sieht sich als Einwohner eines europäischen Landes und aus dieser Sicht sind die USA stets riesig.

    17. pfuus Says:

      @Brenno

      Ich habe den 104 Aphorismus bereits gelesen und ich glaube wohl, dass er dir dazu dient etwas zu beweisen . Hättest du ihn sonst erwähnt?

      Während die Deutschen Hochdeutsch und ihre regionalen Sprachfärbungen als Eins wahrnehmen, glaubt sich der Schweizer immer wieder vor Augen führen zu müssen, dass Wasser und Öl sich nicht verbinden und bringt deshalb auch nur eine Emulsion zustande.

      Wodurch ist denn die Schweizer Psyche , das kollektive Unbewusste geprägt?
      Prägung beginnt in der frühesten Kindheit und wenn ich heute schon von 10 jährigen Schweizer Kindern Vorbehalte oder Werturteile über Deutsche o. Deutschland höre, dann kann ich nur noch mit dem Kopf schütteln.

      Apropos Tonhalle: Gucken doch tatsächlich 3 Deutsche runter!

      http://www.onlinekunst.de/mai/Tonhalle.jpg

    18. Florian Meier Says:

      @pfuus

      Kinder geben nur wieder was ihre Eltern ihnen vorgeben. Wenn also 10jährige Schweizer Kinder Vorbehalte und Werturteile über uns Deutsche und Deutschland haben, dann zeigt das umso mehr die Beschränktheit ihrer Eltern. Kein Wunder, wenn man noch nie aus seinem mit Bergen umrandeten Tal herausgekommen ist.

    19. Brenno Says:

      @Ändu

      Vor dem 1. Weltkrieg sprachen die Berner Patrizier unter ihresgleichen vorwiegend Französisch. Die meisten Geschäfte waren französisch angeschrieben, zum Teil auch französisch und deutsch. Es sind davon noch Überreste zu sehen. Auch die Strassennamen waren z. T. zweisprachig, z. B.: Herrengasse = Rue des gentilhommes

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