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Hat es noch oder gibt es nichts mehr? — Man hat’s nicht leicht, aber leicht hat’s einen

(reload vom 15.3.07)

  • Gibt’s noch was?
  • Wir kamen aus dem „Gibt’s noch was?“ Teil von Deutschland und lebten schliesslich im „Nein, es hat nichts mehr“ Gebiet. Bevor wir in die Schweiz gezogen sind, hatte ich bereits einige Jahre Zeit, mich an die Frage „Hat’s noch Kaffee?“ bei den Schwaben zu gewöhnen. Und die Feststellung, „In der Schweiz, da hat’s Berge“ fand ich auch nicht übermässig amüsant. Von den Franzosen oder Spaniern müssen die Menschen im Neu-Hoch-Deutschen Raum weit im hohen Süden es gelernt und behalten haben, die mit ihrem „Il y en a“ = „Es dort davon hat“ bzw. dem „Hay que“ = „hat dass, es muss“ begriffen haben, wie wichtig das Wörtchen „haben“ für die Existenz der Dinge ist. Warum sollte es also nur „geben“ dürfen im Deutschen, wenn „haben“ doch viel internationaler ist?

  • Er hat Hunger, er hat Fieber, er hat kalt
  • Diesen hübschen Satz lasen wir in einer „Ganzschrift“ sprich Lektüre für die 1. Klasse in der Bülacher Primarschule. Es war die Geschichte eines Maroni Mannes, dem es nicht gut ging: „Er hat Hunger, er hat Fieber, er hat kalt“. Muss einem denn immer kalt sein? Darf man nicht auch kalt haben? Wenn doch in anderen Ländern wie Frankreich „j’ai froid“ = „isch ´abe kalt“ und in Italien „ho freddo“ = „ich habe den Fred“ ganz normal sind. Auch Saarländer haben, nebenbei bemerkt, manchmal kalt, ganz ohne „es“ (vgl. Wikipedia) .

  • Nur solange Vorrat reicht
  • Unser Lieblingssatz, den wir bereits in Süddeutschland lernten und der dann in der Schweiz mit einem Umlaut verfeinert wurde, ist aber die geniale Formulierung: „Es hät solang’s hät“. Soviel Logik, soviel Prägnanz! Soviel Beweiskraft in wenig Worten zum Ausdruck gebracht! Das fällt für uns in die Kategorie „Geniale Aussagen“, ähnlich wie das trockene Norddeutsche „Fällt aus wegen is nich“.

    Es hät solangs hät
    (Es hat viele „ö„s und „ii„s in der Schweiz. Foto vom Weihnachtsmarkt in Bülach 2006)

    Hier noch ein paar hübsche Fundstellen:

  • Beim Schlittenverleih in Toggenburg
  • Beim Sport Treff, Unterwasser und direkt auf Iltios gibt es Schlitten zu mieten – „es hät solang’s hät„. Reservierungen für Gruppen ab 10 Personen mindestens zwei Tage vorher beim Sport Treff melden
    (Quelle: toggenburg.org)

    Im Hotel-Coronado auf der Speiskarte:

    Fegato di vitello alla veneziana
    Geschnetzelte Kalbsleber nach venezianischer Art
    (Es hät solang’s hät!)
    (Quelle: hotel-coronado.ch)

    Bei Fahrradhersteller „Pickup“

    Damit auch Sie mitfeiern können, gewähren wir auf alle restlichen Modelle 06 einen Jubiläumsrabatt von 300 Fr.
    Greifen Sie zu. : „Es hät, solang’s hät.
    (Quelle: pickup-bike.ch)

    Wie langweilig und nichts sagend hingegen die klassische Deutsche Ausrede „Nur solange Vorrat reicht“. Das reicht doch wirklich, oder? Wir wollen, dass es „hat“ und nicht „reicht“. Doch wir sind zuversichtlich, dass diese geniale Formulierung langsam und stetig ihren Siegeszug in Richtung norddeutsche Waterkant fortsetzen wird. Gemäss dem Gesetz der sprachlichen Ökonomie haben sich solche Formulierungen bisher immer von allein durchgesetzt, in sprachliche Gegenden, in denen es bis dahin nichts Schickeres gab ausser „Vorräte, die ausreichen„.

    

    5 Responses to “Hat es noch oder gibt es nichts mehr? — Man hat’s nicht leicht, aber leicht hat’s einen”

    1. Martin Says:

      Dazu fällt mir nur das Mantra der Kölner ein: Et ess wie et ess, et kütt wie et kütt un et hätt noch immer jootjejange (Es ist wie es ist, es kommt wie es kommt und es ist noch immer gutgegangen). Eine Folgerung daraus ist nämlich auch: Watt fott ess, ess fott (Was weg ist, ist weg).

    2. mista lova Says:

      s het solangs het gäu, im bärndütsch seit mä ds nämlich o

    3. Phipu Says:

      Martins Kölner Mantra mit seinen vielen wiederholten Verben erinnert mich an eine Lebensweisheit, die Waadtländern zugeschrieben wird. Die geht so:

      http://www.dico-citations.com/quand-on-sait-ce-qu-on-sait-quand-on-voit-ce-qu-on-voit-on-a-raison-de-penser-ce-qu-on-pense-proverbes-suisses/
      Quand on sait ce qu’on sait, quand on voit ce qu’on voit, on a raison de penser ce qu’on pense. (Wenn man weiss, was man weiss, und sieht, was man sieht, darf man wohl denken, was man denkt).
      Davon gibt es Varianten, die z.B. auch „hört, was man hört“ einschliessen.

      Das ganze mag etwas einfältig tönen, aber es regt doch zum denken an, was man so denkt.

    4. Bazz Says:

      Haha, in die Falle bin ich auch schon getappt – nur umgekehrt. Bei Freunden in der Nähe von Dortmund am Frühstückstisch gefragt „Hat’s noch Kaffee?“ – die darauf folgenden Blicke konnte ich nicht so richtig deuten, würden dort aber mit „Gucken wie n‘ Auto“ beschrieben werden 🙂

      Naja, geht oft noch weiter mit Dingen wie „Ich muss auf den Zug“ oder „Wir gehen nach Feierabend noch in ein Bier“.

    5. Phipu Says:

      An Bazz:

      Das wäre auch eine Studie wert. Welche Region verwendet welche Präpositionen für die gleiche Aussage?
      Während das wörtlich ausgeführte „auf den Zug gehen“ bei mit Fahrleitungen elektrifizierten Linien lebensgefährlich ist, drückt sich die Tatsache, ob man „an die/zur/auf die/in die Schule ging“ lediglich im Bildungsniveau des Sprechers aus.

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