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Die Deutschen. Wo liegt das Problem? — Andreas Durisch in FACTS

(reload vom 8.02.07)

  • Wir bewundern ihre Dichter
  • Im Editorial zur letzten FACTS Ausgabe im Februar 2007 schreibt der damalige Chefredaktor Andreas Durisch über die Deutschen in der Schweiz:

    „Die Deutschen. Wo liegt das Problem? Wir bewundern ihre Dichter, wir achten ihre Denker.“

    Und schon geht das Problem los. Ihre Dichter? Ihre Denker? Sind Goethe, Schiller, Lessing, Fontane, Keller oder Gotthelf nicht als Dichter in der gemeinsamen deutschen Sprache daheim? Gehört Kant, Hegel und Luther den Deutschen und Zwingli oder Calvin den Schweizern? Von Einstein fangen wir lieber gar nicht erst an. Ach ja, und wem gehört eigentlich Hermann Hesse? Der wurde als Deutscher geboren und starb als Schweizer. Etwas, dass Thomas Mann nicht gelang, denn ihn haben die Schweizer zwar als Emigrant geduldet, aber als Bürger nicht gewollt, aus Furcht vor Repressionen durch Nazideutschland. Bleiben wir doch lieber bei der Sprache dieser Dichter, die „gehört“ niemanden, die verwendet jeder der kann und will.

    „Sie bauen unsere bevorzugten Autos, sie haben eine Bundesliga. Berlin ist hip. Günther Jauch der beste Quizmaster“.

    Gefahren wird in der Schweiz alles, auch Renault und Fiat und jede Menge Japaner. Der Automarkt ist international und gleichmässig aufgeteilt in der Schweiz. Auch im Schweizer Fussball wird Geld verdient, und wenn Berlin hip ist, dann ist Zürich angesagt. Und was Günther Jauch angeht, nun, es gibt genügend hochkarätige Schauspieler wie Bruno Ganz oder Showtalente wie Kurt Felix, die da einen gesunden Ausgleich liefern.

    „Mal abgesehen vom Streit um die Nordanflüge auf Zürich-Kloten hat sich unser Verhältnis zu den Nachbarn in den letzten zwei Jahrzenten merklich entspannt. Jetzt ist eine neue Konflikzone am Entstehen. Die deutschen Zuwanderer führen inzwischen die Immigrationsstatistik an — vor den Portugiesen und den Ex-Jugoslawen. Allein im Jahr 2005 zogen gut 20 000 Menschen au dem grossen Kanton in die Schweiz.“

    Tschuldigung, ist das mit dem „grossen Kanton“ eigentlich noch ein Witz in der Schweiz oder bereits eine Tatsache, ein feststehende Redewendung, die man ohne mit der Wimper zu zucken von sich gibt? Für mich ist es ein Selbstläufer wie die berüchtigte Steigerung bei „in keinster Weise“, von der jeder weiss, dass sie falsch ist, die aber durch andauerndes Wiederholen irgendwann im Duden als korrekt aufgeführt sein wird.

    „Ein Problem? Ein Vorteil! Wir sprechen die gleiche Sprache, wir haben einen ähnlichen Charakter“

    Diesen letzten Satz muss ich mir noch mal ganz langsam auf der Zunge zergehen lassen. Die „gleiche“ Sprache ist noch lange nicht die „selbe“. Ja, es „gleicht“ sich ein bisschen, was wir sprechen. Und auch „ähnlich“ lässt viel Spielraum für eigenständige Ausformungen. Wir wollen doch fürs Protokoll festhalten, dass Deutsch eine Fremdsprache ist und nicht gesprochen sondern nur geschrieben wird in der Schweiz, hat man uns jedenfalls oft genug versichert, irgendwann müssen wir auch ja auch anfangen es zu glauben.

    „Gerade deshalb sind die Deutschen zu unangenehmen Konkurrenten im eigenen Land geworden, die sich um die gleichen Jobs bewerben wie wir“.

    Noch einmal Tschuldigung: Wer bewirbt sich denn da von den Schweizern auf diese Stellen? Da ist doch niemand, der sich bewirbt, sonst hätten die Pflegedienstleitungen der Schweizer Spitäler oder die Besetzungskommission für eine Professorenstelle an der ETH doch schon längst den hochqualifizierten Schweizer Bewerber eingestellt, oder habe ich da was falsch verstanden. Und wenn die Pflegekräfte nicht aus Deutschland oder anderen EU-Staaten kämen, dann würden eben Betten im Spital stillgelegt, so einfach ist das. Eine eingeschränkte medizinische Grundversorgung hiesse das im Klartext.

    „Gut qualifiziert, aber günstiger als Arbeitskraft“.

    Ein Klischee, das durch häufiges Wiederholen nicht wahrer wird. Als ob Deutsche Job-Bewerber nicht bereits lange wissen würden, was sie hier am Schweizer Markt wert sind. Der Markt reguhttp://www.blogwiese.ch/wp-admin/post.phpliert den Preis. Das ist bei den Stellen genauso wie bei jeder anderen Ware oder Dienstleistung. Wenn es einen Mangel an guten Fachkräften gibt, dann wird mehr gezahlt, gibt es denn nicht mehr, dann gehen die Gehälter runter.

    „Da wird der Deutsche, den wir als Individuum durchaus mögen, zum Teutonen, der schneller und präziser spricht, angriffiger debattiert. Das nervt. Denn wir mögen es auf keinen Fall, wenn Deutsche den Ton angeben. Das ist in Mallorca so und jetzt bei uns zu Hause erst recht“.

    Seltsamer Weise werden von grossen Firmen gern Deutsche Kaderkräfte als „Drahtbesen“ eingestellt, um auszukehren, um unbequeme Entlassungen vorzunehmen, um quasi die „Drecksarbeit“ bei den notwendigen „Umstrukturierungen“ durchzuführen. Da nervt es nicht, wenn ein Deutscher „den Ton angibt“. Auch Herr Mörgeli äusserte im Club den Verdacht, dass Deutsche hier gern auch im Vereinsleben anfangen das Heft in die Hand zu nehmen etc. Möchte wirklich wissen, in welchen Vereinen er verkehrt. Die meisten Deutschen in der Schweiz arbeiten brav, verhalten sich angepasst, freuen sich über das schöne Land und den guten Verdienst, hoffen darauf, auch mal Schweizer kennenzulernen, und haben nach einer 42.5 Stundenwoche garantiert anderes zu tun als sich um den Posten des zweiten Vorsitzenden oder das Amt des Kassenwarts in einem Schweizer Gesangsverein zu streiten.

  • Wer fährt eigentlich zum Ballermann?
  • Apropos Mallorca: Ballermänner sind kein spezifisch deutsches Phänomen, die kommen gleichfalls aus Belgien, England, Holland oder Skandinavien. Vielleicht mischt sich ja auch der eine oder andere Schweizer unter das Volk am Strand von Mallorca um mal richtig die Sau rauszulassen? Ich kenne Zürcher, die gern mal am Wochenende nach Hamburg fliegen und dann auf der Reeperbahn kein Auge zu machen von Freitag bis Sonntag. Billigflieger machen es möglich. Zu Zeiten der Weltmeisterschaft in Deutschland waren die Unterschiede zwischen den grölenden und „tonangebenden“ Fans aller Nationen jedenfalls äusserst „fliessend“, kühl und blond, meist mit Schaumkrone auf der Tulpe.

    Vielleicht besucht Herr Durisch ja demnächst mal im Urlaub die Deutschen in der Provence oder in der Toskana, um dort bei einem Gläschen Pastis oder Chianti darüber zu philosophieren, welche Ferienhäuser dort den Schweizern, Engländern oder Deutschen gehören.

    Robert Gernhardt schrieb:

    Deutscher im Ausland

    Ach nein, ich bin keiner von denen, die kreischend
    das breite Gesäss in in den Korbsessel donnern,
    mit lautem Organ „Bringse birra“ verlangen
    und dann damit prahlen, wie hart doch die Mark sei.

    Ach ja, ich bin einer von jenen, die leidend
    verkniffenen Arschs am Prosecco-Kelch nippen,
    stets in der Furcht, es könnt jemand denken:
    Der da! Gehört nicht auch der da zu denen?

    (Quelle: Gedichte Reim und Zeit, Reclam 2001, S. 54)

    

    12 Responses to “Die Deutschen. Wo liegt das Problem? — Andreas Durisch in FACTS”

    1. TravellerMunich Says:

      „Allein im Jahr 2005 zogen gut 20 000 Menschen aus dem grossen Kanton in die Schweiz.“ – ich würde ja gerne mal wissen, wie Schweizer reagieren würden, wenn man in Deutschland schreiben würde „Allein im Jahr 2005 zogen gut 20 000 Menschen aus Deutschland in die kleinen Bundesländer südlich des Bodensees.“

    2. Marroni Says:

      Grins. Das heisst doch „ us äm Kanton“ Ohne Nennung, dann weiss doch jeder welcher denn gemeint ist. Und für die, die ganz schwer von Begriff sind kann man immer noch sagen Kanton Nordschaffhausen. Demnächst in diesem Blog: FUSSBALL.

    3. Fischkopp Says:

      Ja genau Fussball.
      Aber leider werden da nur wieder die aus dem „große Kanton“ erfreuliche Nachrichten hören.
      Ich bekomm dann mal den Weltmeisterpokal! 😉

    4. TravellerMunich Says:

      Genau genommen müsste es heißen: die 16 großen Kantone – denn auch Deutschland ist kein monolithischer Block und etliche Bundesländer haben jeweils mehr Einwohner als die gesamte Schweiz.

    5. Big Al Says:

      Die Redewendung „Grosser Kanton“ im Bezug auf Deutschland war mir unbekannt, bis ich mit 23 Jahren nach Zürich zog. In der Innerschweiz sagte man „Sie chömid vom Dütschen usse.“ Herr Wiese, wenn Sie das frei übersetzen, enden Sie etwa mit „Die kommen vom Deutschen draussen.“ Das Deutsche i.e. Deutschland, draussen i.e. ausserhalb der Grenzen. Erinnert mich irgendwie an Tolkien: „And no wonder they’re queer,’ put in Daddy Twofoot (the Gaffer’s next-door neighbour), ‘if they live on the wrong side of the Brandywine River, and right agin the Old Forest. That’s a dark bad place, if half the tales be true.“

    6. Smilla Says:

      „Wir bewundern ihre Dichter – wir achten ihre Denker.“ Genial!
      Dazu fällt mir ein Beispiel aus meiner ersten Zeit in der Schweiz ein. Ich wurde zu einer Examensfeier in großem Stil eingeladen. Viele Gäste davon kamen aus dem Bereich Controlling, den ich deshalb so bewundere, weil meine Controlling-Kenntnisse überschaubar sind ;-).
      Am Vierwaldstätter See saßen wir an einem lauen Sommerabend im Schatten eines Baumes, drei Deutsche, einige Schweizer und ich. Das Gespräch fiel auf Schillers „Wilhelm Tell“ und es ergab sich die Frage, woher Schiller die präzisen Ortskenntnisse über Küssnacht hatte. Ob er einmal in der Schweiz gelebt habe. Leider wusste das niemand so genau. Doch dann kam sie, die Antwort, die mir heute niemand abnimmt, wenn ich davon erzähle. Sie kam von einer Schweizerin, etwa Mitte 20: „Ja, war der Schiller denn kein Schweizer?“

    7. Archer Says:

      Generell sollte man den gemeinsamen, deutschsprachigen Kulturraum mehr betonen. Dieser ist natürlich größer als die BRD und umfasst auch einige Teile Österreichs, der Schweiz, Frankreichs, Belgiens, Polens, Tschechiens und Dänemarks. Ganz zu Schweigen von den Niederlanden, wo Deutsch immer noch eine häufig gewählte, zweite Fremdsprache ist.

      Das hat überhaupt nichts mit Deutschtümelei zu tun. Sondern eben mit einer ähnlich sprachlich-kulturellen Herkunft.

      Die Schweizer „Probleme“ mit deutschen Einwanderern hätte Deutschland gerne mit anderen Immigranten.

    8. TravellerMunich Says:

      Das Problem mit den Deutschen ist das latente Schweizer Unterlegenheitsgefühl. Unabhängig davon, ob es dafür von deutscher Seite einen Anlass gibt oder nicht. Anderen Einwanderern gegenüber fühlen sich die Schweizer offenbar überlegen, da gibt es dann keine Komplexe.

    9. tobi Says:

      Zum Thema Ballermänner … ja, es gibt auch Schweizer/-innen. Letztens befand ich mich auf einem Flug von Zürich nach Palma und es kam eine gut gelaunte Truppe Schweizerinnen an Bord. Outfit: pinkfarbene T-Shirts vorne mit dem jeweiligen Namen drauf und auf dem Rücken der Spruch: „Ich kann zwar nicht kochen wie Mama, aber dafür saufen wie Papa!“. Noch Fragen?

    10. Guggeere Says:

      «Die Deutschen. Wo liegt das Problem?»

      Langsam wirds gefährlich. Nicht mal mehr das Viehzeug lässt die Deutschen in Ruhe:

      http://www.tagesanzeiger.ch/panorama/vermischtes/Wanderer-stundenlang-von-Kuehen-umzingelt–Notruf-per-Handy/story/15605725

      Vox populi, vox Rindvieh…

      Leider wird nicht gemeldet, was die Befragung der Rindviecher ergeben hat: Waren die Wanderer zu laut? Sprachen sie geschliffenes Standarddeutsch? Hat einer der beiden einem eidgenössischen Hornochsen den Job weggenommen? Treibt er den Preis für den Platz im Stall in die Höhe? Haben die Tiere die Schnauze voll von deutschen Alphirten, Melkern, Sennen oder Käsern? 🙂

    11. pfuus Says:

      Ganz klar, was des Stadtzürchers Kampfhund, ist des Älplers Vieh. wenn das kein Komplott ist 🙂

    12. pfuus Says:

      oder besser: was des Zürchers Tagi, ist………

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