-->

Wohin mit dem Reichtum? —Wie die Schweizer ihre Brocken wieder los werden

  • Wohin mit der Waschmaschine?
  • In unserer letzten Wohnung in Deutschland besassen wir eine Küche, also Hängeschränke (keine Kästen), Kühlschrank, Herd und Spülmaschine, sowie Unterbauschränke. Eine Küche legt man sich entweder komplett zu, wenn man genug Kohle hat, und lässt sie von einem professionellen Schreiner einbauen, oder man kauft sich Stück für Stück bei Media Markt und Ikea zusammen und versucht selbst sein Glück.

    Mit einer eigenen Küche umzuziehen ist ein grosser Spass und eine besondere Herausforderung für jeden Deutschen. Die fein eingepasste Arbeitsplatte muss demontiert, zersägt und am Zielort mit viel Heisskleber und Spachtelmasse wieder ansehnlich verbaut werden. Raten sie mal, warum soviel Deutsche eine Stichsäge besitzen: Genau, um die Arbeitsplatte zusägen zu können. Nach 2 bis 3 Umzügen besteht sie praktisch nur noch aus Einzelstücken. Beim Umzug sind 2 Tage allein für den Küchenab- und -aufbau zu veranschlagen.

    Unsere letzte Küche wollten wir unseren Nachmietern überlassen, doch leider hatten die schon eine eigene, mit hellem Holz und roten Herzchenmustern, die sie natürlich gleich einbauen wollten. Also wohin mit der Küche?

  • Wohin mit alten Möbeln und Elektrogeräten in Deutschland?
  • Früher gab es dafür zwei Mal pro Jahr den „Sperrmüll-Tag“ . Einen Tag, an dem man alles auf die Strasse zur Abholung durch die Müllabfuhr stellen konnte. Böse Zungen behaupten, „Sperrmüll“ sei nach Ramadan und Winterschlussverkauf der drittwichtigste Feiertag für die Türken in Freiburg. Aber das stimmt nicht: Sperrmüll war auch für die Deutschen immer so etwas wie ein Volksfest, denn die Leute stellten ihre Sachen schon am Abend zuvor auf die Strasse, man konnte sich mit etwas Glück eine ganze Einrichtung zusammenstellen, oder kultige Fundstücke für den nächsten Flohmarkt entdecken. Professionelle Trödelhändler aus dem benachbarten Elsass kamen an diesen Abenden mit Lieferwagen ins Breisgau zur Schatzsuche.

    Dann wurde die Sperrmüllabfuhr per Postkarte eingeführt, also nur noch „on demand“. Für eilige Fälle gibt es nun den „Recyclinghof„, eine städtische Einrichtung für gebrauchte Möbel. Dorthin kann man auf eigene Kosten seine alten Sachen transportieren, und schon am Eingang lauern wie die Geier „Interessierte„, die ihnen alte Radios und TV-Geräte gleich von der Ladefläche entsorgen helfen, um sie später weiter zu verkaufen.

    Auf dem Recyclinghof werden Arbeitslose beschäftigt, die Sachen zu ordnen oder sie auch bei Ihnen zu Hause abzuholen, natürlich kostenlos. So wurden wir unsere Küche los. Bis auf die gute Miele-Waschmaschinen, die war teuer, also nahmen wir sie — dummer Weise — mit in die Schweiz.

  • Die Waschmaschine passt nicht ins Bad
  • Da diese Maschine nicht ins Schweizer Norm-Badezimmer passte (mit der 59 cm breiten Tür), kam sie in den Keller.
    Badezimmertür nur 59 cm breit
    So dreist, sie einfach in die Gemeinschaftswaschküche zu stellen, waren wir dann doch nicht, ausserdem war auch dort kein Platz mehr. Fünf Jahre moderte sie vor sich hin, dann sollte sie fort, um Platz zu schaffen. Doch wohin mit einer Waschmaschine in der Schweiz?

  • Wohin mit dem alten Wohlstand? In die Brockenstube!
  • Die Schweizer haben keinen „Recyclinghof„, wozu auch, denn hier gibt es ja die „Brockenstuben„.

    Brockenstube (auch Brockenhaus oder Brocki) ist die Schweizer Bezeichnung für einen Gebrauchtwarenladen, Secondhand-Laden oder auch Ramschladen, in welchen man (für einige Menschen) wertlose, ausgediente Gegenstände finden und für wenig Geld erwerben kann.

    Brockenstuben werden meistens von gemeinnützigen Organisationen (Blaues Kreuz, Heilsarmee, Frauenverein, Kinderkrippe etc.) betrieben, welche mit den erwirtschafteten Einnahmen karitative Projekte unterstützen oder ihre Auslagen decken. Professionelle Antiquitätenhändler verwenden zur Abgrenzung von den normalen Brockenstuben häufig die Bezeichnung Brocante. (Quelle Wiki)

    Das klingt gemütlich, so eine „Stube„, und auch irgendwie wild romantisch, womöglich mit „Felsbrocken“ darin?
    Wir können „alle Brocken hinschmeissen„, wenn wir keine Lust mehr haben. Mitunter essen wir zu viele, dann wird es uns übel, und was wir dann unfreiwillig von uns geben müssen, wird auch „Kotz-Brocken“ genannt. Übrigens auch ein gängiges Kosewort für nette Bekannte in Deutschland.

  • Der Brocken ist ein Berg in Mitteldeutschland
  • Der Brocken ist für die „Mitteldeutschen“ der höchste Berg im Harz. Wer sind denn die „Mitteldeutschen„? Nun, das sind nicht etwa mittellose Deutsche, sondern die Deutschen, die den „Mitteldeutschen Rundfunk“ hören können. Es gibt nämlich für jede Himmelsrichtung in Deutschland eine eigene Sendeanstalt: Norddeutscher Rundfunk, Westdeutscher Rundfunk, Südwestdeutscher Rundfunk und… nein, einen Ostdeutschen-Rundfunk wurde nach Wegfall der DDR-Sendeanstalten aus geheimnisvollen geo-politischen Gründen nicht gegründet. Das ist heute der „Mitteldeutsche Rundfunk„, kurz MDR.

  • Wir schenken sie einem armen Studenten aus Freiburg
  • Die Brockenstube in Bülach hat die Waschmaschine nicht abgeholt, die hätten wir schon selbst hintragen müssen. Doch es gab kommerzielle „second hand“ Händler, die mehr als zwei Hände haben und die Waschmaschine im Keller begucken kamen. „Keine Chance, die ist zu alt und unverkäuflich“, nur gegen Gebühr hätten wir sie entsorgen lassen können.

    Doch dann kam uns die rettende Idee. Eine Kleinanzeige in der Zeitung „Zypresse„, ein kostenlos verteiltes Kleinanzeigenblatt in der Studentenstadt Freiburg im Breisgau, lässt sich rasch und billig online über das Web schalten: „Miele Waschmaschine zu verschenken an Selbstabholer„.
    Zwei Tage und zwei Nächte stand das Telefon nicht still. Selbst die Mitteilung „Sie müssen aber 2 Stunden bis in die Schweiz fahren“ konnte nur wenige abschrecken. Nach nicht einmal 24 Stunden waren wir die Maschine los.

    Nie haben wir so deutlich das Wohlstandsgefälle an der Schweiz-EU Grenze gespürt wie bei dieser Aktion: Unsere Waschmaschine, die wir in der Schweiz nur mit Kosten entsorgt bekommen hätten, wurde uns von bedürftigen Freiburgern quasi aus den Händen gerissen.

    Was lernen wir daraus: Einfach eine „Zu Verschenken“ Annonce bei der Zypresse schalten, und schon sind Sie Ihren Kram los. Aber wer hat in der Schweiz schon eine Waschmaschine zu verschenken?

    

    9 Responses to “Wohin mit dem Reichtum? —Wie die Schweizer ihre Brocken wieder los werden”

    1. viking Says:

      [… nein, einen Ostdeutschen-Rundfunk wurde nach Wegfall der DDR-Sendeanstalten aus geheimnisvollen geo-politischen Gründen nicht gegründet. Das ist heute der “Mitteldeutsche Rundfunk“, kurz MDR…]

      Sorry Jens, wenn das in Deutschlands Süden damals nicht angekommen ist, aber diese Aussage stimmt definitiv nicht. Es gab ab 1991 den ORB, den Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg ( http://de.wikipedia.org/wiki/Ostdeutscher_Rundfunk_Brandenburg )
      Dies war eine Anstalt der ARD und fusionierte 2003 mit dem SFB zum RBB.

    2. Administrator Says:

      Hallo Viking,
      Danke für die Korrektur. Ich sollte den Satz „wurde nicht gegründet“ ändern in „wurde nicht beibehalten sondern fusioniert“. Es bleibt immer noch das merkwürdige Gefühl, dass der Namen „Ostdeutscher-Rundfunk“ nicht erhaltenswert schien, aus welchen Gründen auch immer.
      Gruss, Jens

    3. Dan Says:

      Ich finde nicht dass der MDR in ODR umbenannt werden sollte, eher in EXDDR1, denn wer MDR schaut hat schnell den Eindruck die DDR hätte doch noch die Kurve bekommen und existiere weiter.

    4. Phipu Says:

      Seit einigen Jahren gibt es die vorgezogene Recycling-Abgabe, die beim Kauf eines neuen Geräts daraufgezahlt wird. Deshalb sind Verkäufer von Elektrogeräten verpflichtet, alte Geräte gratis zurückzunehmen. Dies wäre auch ein möglicher Entsorgungsweg gewesen. Nachteile:
      – (noch funktionierendes Gerät:) Kein Student aus einem „armen“ Land kann mehr davon profitieren
      – Man muss den Apparat selber transportieren

      Ich werde mir Jens‘ Tipp merken für künftige Entledigungs-Aktionen.

    5. Chrigel Says:

      Gratis abzugeben funktioniert toll… man sollte aber einen Telefonbeantworter besitzen, denn es kann sein, das ca. 5000 Leute anrufen…. zu jeder erdenklichen Tageszeit. Ich weiss das aus eigener Erfahrung, denn ich hab mal ein 125er Motorrad veschenkt und da war das genau so. (Tagesanzeiger Rubrik „Gratis oder bis Franken 10.-„)

    6. Modi Says:

      Ja, die refüsierenden Schweizer und die dankbaren armen Deutschen, das „Wohlstandsgefälle“…
      Hängt der Misserfolg der Waschmaschinenabstossaktion in der Schweiz und der Erfolg in Deutschland wohl nicht viel eher damit zusammen, dass in der CH im Gegensatz zu D alle Miethäuser mit Waschmaschinen ausgerüstet sind und der Schweizer Normalo daher schlicht kein Interesse hat, eine zusätzliche Maschine zu kaufen?

    7. Nicole Says:

      ich weiss noch als ich in die schweiz kam und eine wohnung suchte. bei den ersten besichtigungen hab ich jedesmal gefragt, ob die küche und waschmaschine drin bleibt. und jedesmal bekam ich einen verstörten blick und ein zaghaftes nicken. 🙂

    8. Gizmo Says:

      für wenig geld erwerben kann? In Flammatt am Ortsausgang hat es so eine Brockenstube. Zwar sind die Sachen alt und gebraucht aber man zahlt fast Neupreise. Ich hab mal vorsichtig gefragt ob die Preisvorstellungen, ähem, nicht etwas überzogen seinen, und bekam entrüstet zur Antwort, schliesslich müssten Sie ja davon leben…

      Naja solange es genug Leute gibt die da kaufen….

    9. Hansjoerg Says:

      Viele Brockenstuben haben tolle Artikel und man kann richtig gute Schnäppchen machen. Das Brockenhaus Silvanas Trödlermarkt Kölliken bietet ein sehr breites Angebot zu fairen Preisen an.
      Jeden Monat bietet diese Brockenstube minimum eine Aktion an. Man kann dann nochmals von 10% bis 50% sparen.

    Leave a Reply