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Der erste Schultag in Deutschland und in der Schweiz

(reload vom 26.08.06)

  • Wenn der Schulanfang ein Familienfest wird
  • In Deutschland und in der Schweiz beginnt in diesen Tagen für viele Erstklässler die Schule. Während Schweizer Kinder in der Regel 7 Jahre und älter bei der Einschulung sind, wird in Deutschland ein Jahr früher eingeschult. Das ist bei weitem nicht der einzige Unterschied. In Deutschland ist der „Schulanfang“ in den letzten Jahren mehr und mehr zu einem richtigen Festtag geworden, der an einem Samstag regelrecht „zelebriert“ wird. Am Samstag, weil dann Verwandten, Grosseltern und Paten des Kindes (die nur im Süden Götti u. a. genannt werden, vgl. Blogwiese ) von nah und fern anreisen können.

  • Schulanfang ist ein Fest wie Taufe oder Konfirmation
  • Es beginnt mit einer Begrüssungsrede des Schulleiters in der Aula der Grundschule, dann gibt es ein paar Vorführungen der Schüler, schliesslich werden die Kinder zum ersten Mal aufgerufen und gehen, zusammen mit ihrer neuen Klassenlehrerin, in ihr neues Klassenzimmer. Schuhe werden keine ausgezogen, auf die Idee mit den Hausschuhen für alle, in der Schweiz nach dem Singvogel „Finken“ benannt, ist man in Deutschland noch nicht gekommen. Dann lernen die Kinder ein Lied, vielleicht im Stil von „Ja ja ja, ich bin da, in der Schule im ersten Jahr“, bekommen eine Geschichte erzählt und dürfen wieder nach draussen zu den auf dem Schulhof wartenden Verwandten.

    Die Gaststätten der Umgebung sind an diesem Tag zum Mittagessen ausgebucht, ohne Reservierung läuft da nichts, denn dieser Tag wird im Familienkreis bei einem Essen auswärts gefeiert. Dieser Einschulungssamstag ist für viele Familien zu einem Festtag geworden, der sich zwischen Taufe und Konfirmation bzw. Firmung in Reihe der Familienfeste einfügt.

  • Der erste Schultag in der Schweiz
  • Der erste Schultag in der Schweiz ist da noch etwas nüchterner, auch hier werden die Kinder in die Klassen geführt, lernen ihren Klassenlehrer kennen, malen ein Bild oder lernen ein Lied und sind nach 1-2 Stunden wieder daheim.

  • Grosse Klasse in Deutschland
  • Deutsche Grundschulklassen haben bis 32 Schüler, erst dann werden sie geteilt. Die Schweizer Primarschulklassen, die wir kennenlernten, waren wesentlich kleiner und wurden zudem noch in zwei Lerngruppen aufgeteilt, die jeweils einen anderen Stundenplan bekamen. Während in Deutschland das Kind morgens um 8:00 Uhr bei der Schule abgegeben wird und dann bis 13:00 Uhr betreut wird, ist die Kernzeitbetreuung in der Schweiz zwar auch Programm, wird aber nicht an allen Orten und in allen Kantonen garantiert. Falls Sie neu mit Grundschulkindern in die Schweiz ziehen, stellen sie sich darauf ein, dass ihre Kinder schneller morgens wieder auf der Matte stehen, als sie sich vorstellen können.

  • Wer leitet die Grundschule?
  • In Deutschland werden die Lehrer vom Bundesland bezahlt, vom jeweiligen Kultusministerium, das in Form eines Oberschulamts die personellen Dinge einer Schule vor Ort regelt. Es gibt einen Schulleiter, der nur ein beschränktes Pensum unterrichtet, und mindestens eine hauptamtliche Schulsekretärin, die die Verwaltung vor Ort betreut. In der Schweiz ist man erst in den letzten Jahren dazu übergangen, Primarschullehrer als Schulleiter für organisatorische Belange in einer Grundschule teilweise freizustellen. Den Verwaltungskram erledigt eine gewählte Schulpflegschaft, die zum Grossteil aus Ehrenamtlichen besteht. Markantester Unterschied dieser Organisationsform: Wenn sich in einer deutschen Grundschule ein Lehrer morgens krank meldet im Sekretariat, gibt es einen Vertretungsplan und er wird sofort von einer dafür bereitgestellten Fachkraft vertreten. Die Beaufsichtigung der Kinder in der Zeit von 8:00 bis 13:00 Uhr ist vorgeschrieben. In der Schweiz können die Kinder bei Erkrankung des Lehrers die ersten 2-3 Tage wieder heimgeschickt werden, bis die Schulpflege eine Vertretung gefunden hat.

    In Deutschland hat jeder Grundschullehrer ein Studium an einer Pädagogischen Hochschule absolviert, d. h. in der Regel 4-5 Jahre Studienzeit mit anschliessendem Referendariat. In der Schweiz sind die Pädagogischen Hochschulen erst vor wenigen Jahren gegründet worden, bis dahin war es üblich und möglich, in einer Seminarausbildung auch ohne Hochschulreife (=Abitur oder Matura) Grundschullehrer zu werden.

    Was wir hier beschreiben erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Allgemeingültigkeit, sicher ist es auch in der Schweiz von Kanton zu Kanton unterschiedlich geregelt. Wir können lediglich unsere Erfahrungen aus dem Zürcher Unterland erzählen.

    

    4 Responses to “Der erste Schultag in Deutschland und in der Schweiz”

    1. Ric Says:

      @Ein Zuercher:
      Es gibt kein „deutsches“ Schulsystem sondern da Bildung alleinige Ländersache ist 16 verschiedene Schulsysteme in der Bundesrepublik Deutschland. Mit verschieden meine ich verschieden, in Brandenburg gibt es nicht einmal eine Hauptschule, in NRW dafür „Gesamtschulen“, und so weiter. Der Unterschied liegt also nicht nur beim Lehrplan, Finanzausstattung und den Abschlüssen.

      Es gibt Bundesländer die schneiden deutlich besser als die Schweiz ab, manche deutlich schlechter. Laut PISA beträgt der Rückstand beim Wissensstand bei einem Schüler der das Bremer Schulsystem durchlaufen hat gegenüber einem süddeutschen 9. Klässler sogar ganze zwei Schuljahre. Der Bremer ist in der 9. Klasse also erst da wo der Süddeutsche schon in der 7. Klasse war.

      Ganz egal wie oft Zeitungen, die griffige Schlagzeilen brauchen, oder irgendwelche ahnungslosen Deutschen (soll es ja durchaus geben ^^) vom „deutschen“ Schulsystem sprechen, es existiert einfach nicht. Vom Wiederholen wird’s auch nicht richtiger.

    2. Stefan Says:

      Zitat: Schuhe werden keine ausgezogen, auf die Idee mit den Hausschuhen für alle, in der Schweiz nach dem Singvogel „Finken“ benannt, ist man in Deutschland noch nicht gekommen.

      Da muss ich dir leider widersprechen. An unserer Dresdner Grundschule war es immer üblich die Schuhe zu wechseln. Und gleichartiges gab es meiner Erinnerung nach auch an anderen Schulen in meiner Umgebung.

      Am Gymnasium kam man dann zum Glück nicht mehr auf solche Ideen…

    3. Simone Says:

      Die Einschulungszeremonien in Deutschland halte ich auch für übertrieben. Als ich Anfang der 80er Jahre meine Schulkarriere startete, gab es einen ökumenischen Gottesdienst, danach eine offizielle Begrüßung in der Schule mit Einteilung in die Klassen und den Schulfotogragh. Die meisten Kinder erschienen hübsch angezogen mit neuem Schulranzen, Schultüte und Schulbrezel (die gab es in der Schule). Nach einer gemeinsamen Stunde in der neuen Klasse ging es wieder nach Hause.
      Verwandte in den neuen Bundesländern berichten da anderes. Die gesamte Verwandtschaft pilgert an einem Samstag in die Schule. Die Erstklässler werden für diesen Tag extra neu eingekleidet. So kaufte meine Cousine für ihre Nichte extra ein Kleid in einer Kinderboutique, nicht etwa im ortsansässigen Kaufhaus. Undenkbar, würde ein anderes Mädchen in ebenfalls in einem solchen Kleid auftauchen. Dazu gibt es passende Schuhe und ein Jäckchen, welche im nächsten Sommer bestimmt nicht mehr passen. Inmitten einer Hartz 4-Hochburg erkennt man sowohl einen extremen Snobismus, ein Schulgottedienst wäre nicht denkbar. Restaurants und Gaststätten sind bereits Wochen vorher ausgebucht. Wer keinen Platz mehr ergattern konnte, veranstaltet zu Hause Feste in größerem Ausmaß.
      Von daher lobe ich mir hier die Schweizer Zurückhaltung. Insgesamt bin ich jedoch froh, mir die Frage nicht stellen zu müssen, in welchem Land ich ein Kind einschule.

    4. neuromat Says:

      zum Thema PISA:

      http://www.oecd.org/dataoecd/8/19/39803735.pdf

      ich habe selten so ungeheuer aussagekräftige, allgemein verwertbare und vor allem den eigenen selbst gesteckten Zielen genügende Aufgaben gesehen – ich meine, die erste Frage zur Alltags“kompetenz“ sollte sein:

      Wer zahlt eigentlich diese OECD?

      und wenn man MIster Schweiz werden will … na ja anderes Thema

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