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Sei nicht dröge und werde kein Drögeler — Schweizer Drogenpolitik

(reload vom 19.8.06)

  • Ein „Drugstore“ in den USA ist kein Kifferparadis
  • Ahnungslose Amerikareisende mögen erschrecken, wenn sie den ersten „Drugstore“ ihres Lebens sehen. Es handelt sich hier nicht um die lokale Abwandlung eines Schweizer „Headshops“, sondern um ein Geschäft für den Verkauf von legalen Drogen, nämlich einer Apotheke. Natürlich nur für medizinische Zwecke. Aber „drugs“ sind für Amerikaner eben alles „was törnt“. Dafür schenken sie sich dann auch ein „Gift“ zum Geburtstag. Es gibt sie immer noch, diese „Headshops“ in Zürich. Manchmal sind sie auch als Videothek oder Second Hand Plattenladen getarnt. Uns erzählte ein Schweizer, dass er mal ahnungslos in so eine „Videothek“ ging, weil aussen im Schaufenster die Packung eines alter aber sehr guter Films ausgestellt war, den er schon lange mal wieder sehen wollte. Als er nach dem Film fragte, erntete er nur erstaunte Blicke und brauchte ein paar Sekunden um zu verstehen, dass hier garantiert keine Videos auszuleihen waren.

  • Drogenpolitik im Wandel der Zeit
  • Die einst so liberale Drogenpolitik der Schweiz in Sachen „Cannabis-Konsum“ wurde in den letzten Jahren wieder verschärft.

    Im Januar 2006 wurden von der Volksinitiative „für eine vernünftige Hanf-Politik mit wirksamen Jugendschutz“ in Bern 105’000 Unterschriften eingereicht. Damit will ein Komitee aus liberalen Politikern und Drogenfachleuten den Cannabis-Konsum in der Schweiz entkriminalisieren. „Unser Ziel ist es, den Cannabis-Konsum unter strenge Regeln zu stellen und das Parlament zu einem Kompromiss zu führen“, begründet die sozialdemokratische Parlamentarierin Ursula Wyss im Gespräch mit swissinfo die Volksinitiative. Es sei sinnlos, die gemäss offiziellen Schätzungen 500’000 regulären oder gelegentlichen Kiffer wie Kriminelle zu behandeln. Die Initiative sieht eine Alterslimite für Cannabis-Konsumenten und eine Bewilligungspflicht für Cannabis-Shops vor.
    (…)
    Im Juni 2004 lehnte der Nationalrat (Volkskammer) im Gegensatz zum sonst eher konservativen Ständerat (Kantonskammer) einen Vorstoss ab, der den Cannabis-Konsum entkriminalisieren wollte.
    (…)
    In den 1980er-Jahren und frühen 1990ern hatte die Schweiz mit ihren offenen Drogenszenen in den grossen Städten international für Schlagzeilen gesorgt. In der Folge entwickelte die Regierung eine Viersäulen-Strategie mit Repression, Prävention, Therapie und Leidens-Begrenzung für schwer Abhängige.
    (Quelle: chanvre-info.ch)

    Die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) ist nicht für Legalisierung, aber Entkriminalisierung:

    Die Entkriminalisierung des Cannabiskonsums ist kein Freipass für den Konsum!
    (…)
    Die Entkriminalisierung bedeutet auch keinen Freipass für den Konsum. In Ausbildungsstätten, am Arbeitsplatz, beim Umgang mit komplexen Maschinen, im Strassenverkehr und in Transportmitteln kann der Cannabiskonsum nicht geduldet werden. Auch in der Öffentlichkeit ist das Kiffen unerwünscht, da es zur Banalisierung des Cannabiskonsums beiträgt. Die SFA will auf keinen Fall, dass Minderjährige Cannabis konsumieren. Regeln und Sanktionen sind also notwendig, sie sollen aber nicht strafrechtlich sein.
    (Quelle: sfa-ispa.ch)

    Seitdem die Raucherabteile in den Zügen der SBB nur noch Geschichte sind, ist es auch vorbei mit dem gemeinsamen Joint der Lehrlinge auf dem Weg zur Berufsschule zwischen Bülach und Winterthur (vgl. Blogwiese).

  • Ein dröger Kuchen ist kein Haschischkuchen
  • Die Schweizer haben den Drogenkonsumenten mit einem eigenen Schweizerdeutschen Wort bedacht, dem „Drögeler“. Das Wort bringt es immerhin auf 1’370 Nennungen bei Google-CH. Es klingt ein bisschen „dröge“, was wir im Norden von Deutschland als „trocken“ und „langweilig“ empfinden:

    dröge (Adj.; -r, drögste) [mniederd. dröge = trocken] (nordd.):
    a) trocken:
    ein dröger Kuchen; das Essen war ein bisschen dröge;
    b) langweilig u. reizlos:
    Vorgetragen wurde das alles nicht als dröge Seminar- und Dramaturgenübung, sondern kess und schmissig (Westd. Zeitung 11. 4. 84, 23); das ist doch mal eine Abwechslung im drögen Einerlei (Kempowski, Zeit 75); Klappentexte … müssen … stimulieren, dürfen weder marktschreierisch noch d. sein (Börsenblatt 44, 1971, 1282); Nicht Yuppies und freche Girlies bevölkern die Szene, sondern dröge Öko-Frauen, Saubermänner und dumpfe Spießer (Woche, 18. 12. 98, 31).
    (Quelle: duden.de)

    Es erzählte uns ein Schweizer:

    Der wohl bekannteste (unechte) Drögeler ist Fredi Hinz. Der Winterthurer Komiker Viktor Giacobbo schlüpfte für seine damalige Fernsehsendung „Viktors Spätprogramm“ in die Haut dieses Randständigen, sowie in die Rolle anderer Figuren
    Der Drögeler Fredi Hinz
    (Quelle Foto marktkreisel.ch)

    Von Fred Hinz gibt es sogar eine CD als Musiker:
    Fredi Hinz unstoned
    (Quelle: Fredi Hinz als Musiker)

    

    5 Responses to “Sei nicht dröge und werde kein Drögeler — Schweizer Drogenpolitik”

    1. Guggeere Says:

      In Chur wurde mal mitten in der Altstadt eine Bar und Snackbude mit der Bezeichnung «Drugstore» eröffnet. Das sollte wohl eine Anspielung auf das amerikanische «Allesiechlade»-Vorbild sein; Tabletten und Pülverli etc. waren dort allerdings nicht im Sortiment. Irgendwie gabs dann wegen dieses Namens Probleme, was auch in der Presse zum Thema wurde. Soweit ich mich erinnere, erhob u.a. die Drogeriebranche Einspruch, und liebe Nachbarn argwöhnten, der Name ziehe Drögeler an. Nach einigem Hin und Her entfernte der Besitzer drei Buchstaben, und fortan hiess das Lokal einfach «D…store».

    2. Egon Says:

      offen ist, ob dieses D fortan für Deutschland stand. Irgendjemand erhob Einspruch, weil irgendeiner immer Einspruch erhebt. Ohne viel Federlesen entfernte der Besitzer das D und der Laden hiess Store. Dies obwohl gar keine Gardinen hinter den Fenster hingen. Es wurde Einspruch angemeldet, dass dies auch wohl mit Markise zu übersetzen sei. Der Beizer erkannte den Geisteszustand seiner argwöhnischen Nachbarn und taufte den Laden kurzerhand in „Sture“ um. Die Situation eskalierte wie gewöhnlich auf dem Land. Man entfernte ihm die beiden ersten Buchstaben, welche man aus Schmerzgründen ja auch nie voneinader trennen soll, und ersetzte sie durch ein H. Darauf montierte der Wirt das „e“ ab, entfernte den Mittelstrich, zog es etwas in die Länge und setzte es an den Anfang. Seither heisst der Ort Chur.

    3. Volker Says:

      Ein Reload von 2006 – mich würde interessieren, wie es denn mit der aktuellen Situation in Bezug auf den Konsum von Haschisch in der Schweiz ausschaut. Leider hat es die Politik bis heute nicht geschafft zu einem normalen Umgang mit der weichen Droge Marihuana zu finden. Von den Niederländern einmal abgesehen. Zwar sind auch in der BRD mittlerweile Kleinstmengen kein Problem mehr für den Staatsanwalt, allerdings sind wir von einer Legalisierung so weit entfernt wie eh und je. In einem anderen Beitrag hatte ich mich schon einmal mit diesem Thema befasst, dieser fiel jedoch dem Seitenabsturz vor einigen Wochen zum Opfer.

      Viele werfen alle „Drögler“ in einen Topf, sehen keinen Unterschied zwischen einem Fixer und einem Jointraucher. Sagens, und verziehen sich an den Stammtisch zum Absturztrinken. Dabei war es für unsere Urgroßväter vollkommen normal ihren Knaster zu rauchen, ein angenehmer Nebeneffekt des damals legalen Hanfanbaus. Legal, bis DuPont die Kunstfaser auf den Markt gebracht hat. Um dem Hanf gegenüber konkurrenzfähig zu werden – der ohne Pestizide auskommt, ganz im Gegensatz zur Baumwolle etwa und dessen Faser wesentlich langlebiger ist als jede Kunstfaser – machte man eine Eingabe bei der amerikanischen Regierung, drängte auf das Verbot des Naturprodukts. Und weil Europa schon immer gerne den Tanzbär der Amerikaner spielte, haben wir heute die Situation, dass die Pharmaindustrie zwar enorme Gewinne mit Schmerzmitteln und Antidepressiva macht, der Stoff jedoch der medizinisch anerkannt die gleichen Effekte nebenwirkungsfrei erzielt, als gefährliche Droge eingestuft wird.

      Von einer drogenfreien Gesellschaft kann man wohl nur träumen, eine solche gab es nie und wird es nie geben. Jedes Naturvolk hat seine berauschenden Mittel. Und da sind mir grinsende Drögler die ihren Joint rauchen allemal lieber, als komasaufende Wirtshausprügler.

    4. Guggeere Says:

      @ Egon
      Am Attribut «auf dem Land» hätten die Churer wohl wenig Freude. Immerhin ist Chur die älteste Stadt der Schweiz, Hauptstadt Graubündens und zählt 32’000 Einwohner (so was gilt bei uns als mittelgrosse Stadt).
      Heute gibts das besagte Lokal nicht mehr; zumindest nicht unter diesem Namen. Vielleicht hat ja der Besitzer die beschlagnahmten Buchstaben wieder, oder er wurde wenigstens mit dem Copyright für den Namen Chur entschädigt…
      Dass «D» in Chur für Deutschland steht/stand, wie du spekulierst, ist nicht mal so abwegig, denn Deutschland beeinflusste die Bündner Hauptstadt schon vor Jahrhunderten in nachhaltiger Weise.
      1464 brannte das damals romanischsprachige Chur vollständig ab. Zugezogene Handwerker, viele davon aus Deutschland, bauten die Stadt wieder auf und blieben. Wenige Jahre später sprach man in Chur vorwiegend Deutsch. Das Ereignis gilt als heute als Beginn des Rückgangs der romanischen Sprache in Graubünden.

    5. Volker Says:

      So viel zum Thema Chur.

      Und wie schaut es jetzt aus mit dem Stand der Dinge in Sachen Drogenpolitik der Schweiz 2009?

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