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Aktiengesellschaft mit zu kleinem Bach — Unsere tägliche Portion Schweizerdeutsch aus dem Tages-Anzeiger

Aufmerksame Leser der Blogwiese werden es längst bemerkt haben: Wir sind total süchtige Zeitungsleser und unsere tägliche Droge in kleinen Portiönchen ist der„Tages-Anzeiger“ aus Zürich, mit seinem fest eingebautem Bindestrich. Da ich selbst einen solchen im Vornamen führe, kann ich sie nur unterstützen, die Front der Binde-Strich Anwender.

  • Eine Aktiengesellschaft mit zu kleinem Bach
  • Am 01.12.05 lesen wir im Tages-Anzeiger auf Seite 17

    Spreitenbach AG
    Die Einwohnergemeindeversammlung hat am Dienstagabend einen Beitrag in der Höhe von 70 000 Franken an die Stiftung Skulpturenpark von Bruno Weber bachab geschickt. (…) Ja sagte die Versammlung dagegen zu den 3,8 Millionen Franken für einen Annexbau beim Schulhaus Seefeld und zum Kredit von 1,75 Millionen für die Kapazitätserweiterung des Dorfbaches.

    Noch mal ganz langsam und zum Mitschreiben:
    Es geht hier um den Artikel offensichtlich um eine Aktiengesellschaft (AG), die den Unterhalt eines Baches betreibt? Den „Spreitenbach“?

    Ach nein, wenn von einer (deutsche Leser: jetzt einmal tief Luft holen, Schweizer Leser: Bitte tüüff iischnufe ) „Einwohnergemeindeversammlung“ (jetzt bitte wieder uusschnufe) die Rede ist, dann wird es wohl doch eher ein Dorf sein, das so heisst. Geben die sich auf ihrer Versammlung dann auch eine „Einwohnergemeindeversammlungsordnung“, oder ist das dann ein „Einwohnergemeindeversammlungstraktandum“ (quod erat demonstrandum!, wie der Lateiner sagt). Es versammelten sich also die Einwohner der Gemeinde, nicht die Bürger, was ein grosser Unterschied ist in der Schweiz (siehe hier:)

    Die haben also 70 000 Franken bachab geschickt. Schon verstanden. Und weil das nicht schnell genug ging, hat man anschliessende für 1,75 Millionen die Kapazitätserweiterung des Dorfbaches beschlossen, damit sie dort in Zukunft noch mehr bachab schicken können, z. B. die 1,75 Millionen, was einer 25fachen Kapazitäts-Steigerung entspricht.

  • Anhängsel beim Schulhaus
  • Merkwürdig dünkt uns nur dieser „Annexbau beim Schulhaus“. Ein „Annex“ ist laut Duden

    „lat. ‚das Zubehör’, das Anhängsel’“

    Wie stellen wir uns einen „Zubehör-Bau“ vor, oder einen „Anhängsel-Bau“? Im Medizin-Wörterbuch Pschyrembel wird es Annex als „Anhang“ erklärt. So nennen wir in Deutschland manchmal die Freundin: „Darf ich Dir meinen Anhang vorstellen“.

    Nun, wir vermuten mal, die 441 Erwähnungen von Annexbau bei Google kommen nicht von ungefähr. Das gibt es häufiger in der Schweiz, und überall dort, wo Schweizer bauen. Falls es sich hier schlicht um einen „Anbau“ handeln sollte, ganz ohne „nex“, dann fragen wir uns ernsthaft, wieso die Schweizer solch komplizierte Wörter in ihrer Alltagsprache verwenden. Ist ihnen denn Hochdeutsch nicht kompliziert genug?

    Im Originalprotokoll der Einwohnergemeindeversammlung lesen wir dann noch ein Traktandum, das es merkwürdigerweise nicht in den Artikel des Tages-Anzeigers geschafft hat:

    7. Zusicherung des Bürgerrechtes an Arinoglu Kenan; Attia Sulaiman; Bostraj Selvije; Cavic Dijana; Erhalac Erkan; Filceva Katerina; Jeremic Momir und Gordana; Kamenicki Zvonko; Lorencez Claudia und Sabine; Marjanovic Marijo; Radovanovic Rada und Renata; Stamenkovic Nadiza und Mebojsa mit 2 Kindern; Stojanovic Bozo und Nada mit 3 Kindern; Veseli Vesel mit 3 Kindern. (Quelle)

    Bei solch einem Entschluss sind wir sprachlos und applaudieren stehend. Wir werden nie wieder behaupten, das in der Schweiz niemand das Bürgerrecht bekommt, der einen Namen trägt, welcher auf –ic endet. Bravo Spreitenbach!

    

    4 Responses to “Aktiengesellschaft mit zu kleinem Bach — Unsere tägliche Portion Schweizerdeutsch aus dem Tages-Anzeiger”

    1. Dan Says:

      Die Spreitenbach AG gibt es wohl eher nicht….
      Das Anhängsel „AG“ hinter dem Ortsnamen gibt den Kanton an, in welcher die Gemeinde liegt um Verwechslungen auszuschliessen. (in diesem Fall der Kanton Aargau (Abgekürzt „AG“))
      Leider gibt es in der Schweiz nur ein Spreitenbach…

    2. Phipu Says:

      Erklärung zu Annex-Bau:
      Dies ist ein Wort, das bei uns wieder mal von einem Fremdwort abstammt. Man will schliesslich engl. „next to“ (=nahe bei) einem bestehenden Gebäude bauen, daher der Sinn von „an-next-Bau“. Im Verlauf der Zeit wurde dies zu einem Wort: Annexbau!

      Nein, die obige Erklärung ist natürlich Quatsch! Ich muss euch schon wieder mit französisch belästigen: « le bâtiment annexe » heisst halt „das Nebengebäude“. Es stimmt, dass gegenüber dem Wort „Anbau“ Buchstaben gespart werden könnten. Hingegen ist die Verwechslung mit „Anbau von landwirtschaftlichen Erzeugnissen“ mit der Verwendung von „Annex“ ausgeschlossen. Ich habe mein Wissen schon verschiedentlich in diesen Blog gesät. Nun warte ich auf die Ernte, die da wäre: Verständnis für unsere bedingungslose Treue zu Fremdwörtern (die glücklicherweise zu 90% kürzer sind, als die entsprechenden deutschen Wörter, z.B. der Dixionär/Dix‘ = Fremdsprachen-Wörterbuch, der Radio = Rundfunkempfänger, das Telefon = Fernsprecher/Ferngespräch, das Tram = Strassenbahn, der Car = Reisebus).

      an Dan
      Tatsächlich gibt es „leider“ nur ein Spreitenbach, mit dem grosszügigen Einbürgerungswillen und mit all seinen herrlichen Einkaufszentren. Ich kenne allerdings ein Breitenbach SO (SO = Kt. Solothurn). Wenn man also erwähnt, man wohne „z’Breitebach“ (CH: „zu“ Breitenbach für D: „in“) kann dies akustisch verwechselt werden. Bei Leuten, die „uf Breitebach“ (CH: „auf“ für D: „nach“) fahren, ist der Unterschied hörbarer. (Eben wegen der Kommerz-Tempel fährt „man“ natürlich samstags eher nach Spreitenbach statt nach Breitenbach)

      Der Tages-Anzeiger* warnt seine Hauptleserschaft (Zürcher) einfach davor, dass diese Gemeinde in einem anderen Kanton liegt, und daher andere – eben kantonal unterschiedliche – Gesetze gelten. (Steuern, Polizeiorganisation, Motorfahrzeugkontrolle, Schulsystem, Lebensmittelkontrolle, und, und, und) Eine „allfällige Züglete“ (ein allenfalls stattfindender Umzug) könnte also schwerwiegende Konsequenzen haben!

      * = an Jens:
      das muss bindegestrichen sein, damit man sich die Dachfirma auch „TA-Media“ http://www.tamedia.ch/dyn/d/kurzprofil/index.html nennen kann. Wäre nur der T gross, erinnerte es mit „T-Media“ zu sehr an eine grosse Telefongesellschaft aus einem nördlichen Land mit rosenrotem „T“. „Tagi-Media“ klänge zu sehr nach Dialekt: „de Tagi“ = der Tages-Anzeiger.

    3. viking Says:

      Wer samstags (speziell in der Vorweihnachtszeit) nach Spreitenbach in die Konsumtempel (mehrere grosse Einkaufszentren und Möbelhäuser inkl. IKEA) fährt ist m.E. klar masochistisch veranlagt 😉
      Eine Züglete könnte vor allem im Bereich Mietzinsen massive Konsequenzen haben. Vor allem, wenn man aus dem Kt. Zürich in den Kt. Aargau zieht und auf einmal nicht mehr weiss, was man mit dem gesparten Geld anfangen soll. Ach doch, dafür hat es ja wieder die lokalen Konsumtempel in Spreitenbach…

    4. Gizmo Says:

      Die Maso veranlagung gilt nicht nur samstags für die Vorweinachtszeit in Spreitenbach…. die gilt für jedes ikea

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