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Gedächtnistraining für den Eisverkäufer — Es gibt ein Eiscafé in Bülach!

(reload vom 26.06.06)

  • Ein Glace und kein Eis bitte
  • Wir hatten bereits früher festgehalten, dass wir als Deutsche in der Schweiz die Eisdielen vermissen (vgl. Blogwiese ). Doch die Not hat ein Ende! Seit zwei gibt es in Bülach, der Lifestylemetropole des Unterlands, ein schickes italienisches Cafe, in dem hausgemachte Eisspezialitäten verkauft werden. Die Eisspezialitäten brauchen Sie dort auch nicht mit „Glacehandschuhen“ anfassen, auch wenn Sie dort besser nicht „Eis“ verlangen, denn das gibt es nur in Form von Würfeln.

  • Warum sieht das immer gleich schick aus?
  • Wir sind gleich für einen Testkauf dort hingegangen und haben versucht, Eis zu kaufen. Es gibt eine Verkaufstheke mit wundervoll aufgeschichteten, zu Kugeln geformten und mit leckeren Früchten dekorierten Eissorten. Die bewunderten wir am Morgen, am Mittag war sie immer noch unverändert, und als wir am Abend unser dritte Eis kaufen gingen (täglicher Durchschnittsverbrauch eines Deutschen), sah sie immer noch komplett unangetastet aus wie beim ersten Besuch am Morgen.
    Eissorten, viel zu schön zum Essen

    Ist das vielleicht nur Dekoration und in Wirklichkeit alles aus Plastik? Wird die Oberfläche mehrmals täglich frisch geformt? Oder sind wir schlichtweg die einzigen, die hier tagsüber Eis kaufen? Zumindest im Frühsommer war das so. Es gibt doch in der Schweiz dieses berühmte leckere Packungsseis von Mövenpick mit den fettreichen bröseligen Sorten. Wie kann man da nur auf die Idee kommen, frisches Speiseeis essen zu wollen? Das Café ist voll und beliebt. Viele trinken hier ihr „Cüpli“ um den Feierabend einzuläuten, und bis Nachts um 2.00 Uhr ist geöffnet! Sensationell für den Matratzenforschungsstandort Bülach.

  • Der Keller und die Mnemotechnik
  • Ich stelle mich an die Theke, erlange die Aufmerksamkeit des Kellers und bestelle: „Einmal drei Kugeln im Hörnchen“. Kein Gipfeli, sondern im „Cornet“ wäre angebrachter gewesen in der Schweiz. „Zitrone, Erdbeere und Schokolade“. Der Typ nimmt einen Becher vom Stapel und schaut mich fragend an, um die Sorten zu erfahren. „Nein, im Cornet bitte“, wiederhole ich, jetzt den Landessitten besser angepasst. Er stellt den Becher zurück und nimmt ein Hörnchen. „Wie viele Kugeln?“ Sagte ich das nicht bereits? Ich wiederholte brav. „Drei: Zitrone, Erdbeere und Schokolade“. Der Typ stellt das kleine Hörnchen zurück und nimmt ein neues Hörnchen, diesmal gross genug für drei Kugeln. Ohne weitere Rückfrage beginnt er dann mit der Suche nach Zitrone.

  • Dov’è il limone?
  • Da ich strategisch günstiger stehe und die Beschriftung der Sorten von meiner Seite der Theke besser lesen kann, weise ich mit dem Finger hilfreich auf die Sorte. Die erste Kugel ist geschafft. Der Type schaut mich fragend an. „E poi?“. Ob der glaubt, ich bin Italiener? „Dann noch Erdbeere und Schokolade“. — „Fragola, si!“ Diesmal findet er Erdbeere allein, wäre nur beinahe kurz bei der ebenfalls rosaroten Sorte Himbeere hängen geblieben. Fragender Blick und: „E poi?

    In diesem Moment kommen mir die Zweifel, ob ich hier nicht gerade in einem Grundkurs für Mnemotechnik stecke oder vielleicht bei den Dreharbeiten für die nächste Folge von „Versteckte Kamera“. Spiegel an den Wänden gibt es genug. „Schokolade bitte“. „Si, cioccolata, prego…“. Wahrscheinlich ist das Übersetzen der Sortenbezeichnung ein Trick zur Aktivierung des extremen Kurzzeitgedächtnisses. Muss ich mir merken… äh, wie ging dieser Trick noch gleich?

    Unterdessen beginnt die Eiswaffel plötzlich wegen der ungewohnten Belastung, denn drei Kugeln sind zwei mehr als eine, Risse zu bekommen. Er flickt sie kunstvoll durch Einwickeln in mehrere Papierservierten. Bevor ich zahlen kann, beginnt er noch ein Gespräch mit dem Kollegen hinter sich an der Theke. Dann kehrt der Blick zu mir zurück, fragend: „Prego“? Ich würde gern zahlen, es waren drei Kugeln bitte. Es tut sich was, offensichtlich Kopfrechnen, denn die Stirn legt sich massiv in Falten und der Blick geht hilfesuchend zur Wand, wo die Preise für eine, zwei, drei, vier usw. Kugeln je nach Grösse aufgelistet sind. Ich lasse den jungen Mann bei seinen Rechenkünsten ungestört, lege die Franken passend auf die Theke und gehe.

  • Dann lieber Gelati von Coop?
  • Wow, jetzt glaube ich das Geheimnis entdeckt zu haben, warum die Schweizer doch lieber ihr Eis beim Coop aus dem Kühlregal nehmen statt in einer Gelateria zu kaufen. Beim nächsten Mal werde ich mich besser präparieren und vorgefertigte Schilder für die Sorten mitbringen, die ich dann sukzessive einzeln hochhalten kann, um den Mann nicht zu überlasten. Wenn er mag, kann er sich ja später ein schickes Eissorten-Memorie daraus basteln. Trainiert ungemein die kleinen grauen Zellen.

  • Wir lernen Eisverkauf-Vokabular
  • Die beschriebene Szene hat sich wirklich so ereignet, aber das Eis war absolut klasse. In den italienischen Eisdielen in Deutschland werden in jedem Sommersaison junge Jobber aus der Heimat der Eisdielenbesitzer an die Theke gestellt, nach einem 3-Tage-Crashkurs in Sachen „Eisverkauf Spezialvokabular“. Dazu gehört „Danke schön – bitte schön – in der Waffel – im Hörnchen – im Becher – mit Sahne – einpacken – Zitrone, Erdbeere, Vanille etc.
    Und es gehört vor allem das Training der Fähigkeit, sich 5-8 Sortenwünsche des Kunden merken zu können, damit die Abfertigung schnell geht, denn die Schlange der Wartenden ist lang. Zeit ist Geld dort, und zwar Bargeld, denn Eisverkauf an der Theke läuft grundsätzlich ohne Registrierkasse oder Bon. Fragen Sie mich nicht, wie die eigentlich ihre Einnahmen versteuern.

    Dann entdeckten wir noch diese Plakat beim Bioladen, zum Beweis, dass die Schweizer wirklich nur „Glace“ und „Cornet“ sagen, und nicht „Eis im Hörnchen„:
    Glaces im Cornet

    

    6 Responses to “Gedächtnistraining für den Eisverkäufer — Es gibt ein Eiscafé in Bülach!”

    1. Simone Says:

      Völlig entgeistert schaute mich vor einiger Zeit ein Schweizer an, als ich ihm von der „Spaghettieis-Karte“ in meiner früheren Liebslingseisdiele erzählte. „Was um alles in der Welt ist Spaghettieis?“ Ich erklärte es ihm, nach und nach lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Schliesslich antwortete er: „Ihr Deutschen habt eure Italiener eben gut im Griff.“

    2. Simone Says:

      Na dann aber guten Appetit, Herr Zuercher!
      Lecken Sie im Winter Ihre Autoscheiben frei? Wenn es hierzulande schon keine Eisdielen gibt, dann genieße ich doch wenigstens mein Magnum Mandel.

    3. Guggeere Says:

      @ Simone
      Spaghettieis? Ich weiss, wo es sogar Pfannkucheneis gibt:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Pfannkucheneis

    4. AnFra Says:

      @Kein Züricher

      Der hat wohl was an der Waffel – an der Eiswaffel!

      Historisch ist der Begriff von Glace und Eis aus der indo-germanischen Mottenkiste. Die Römer haben die Zubereitung von „Speiseeis“ wohl von den Etruskern und Griechen übernommen. Die Basis war geschabtes Eis, also „ordinäres gefrorenes Wasser“ d. h. „Schabeeis“, aus den Höhenlagen der Gebirge. Das wurde mit einem Gerät (Spachtel, Meisel, Kratzer) vom Eisblock abgeschabt und mit eingedickten Fruchtsäften oder Geschmacks- und Duftstoffen gemischt.

      Die Zubereitung und der Genuss ist also kein hyperkulturelles Großereignis. Aus der Sicht der damaligen Germanen natürlich ein dekadentes unnötiges Ding der herrschenden Oberschicht.
      Dieses geschabte Wasser-Eis (!!!) ergab eine halbfeste / halbflüssige Masse, welche wohl die germanischen Menschen an „Glibber“ erinnerte.

      Die Sprachwurzeln um das indo-germ. „gl und gel“ weisen immer in die selbe Richtung: Glätte, Glitsch, Glibber, Gelati, Gelee, Glatze, Glacis und natürlich Glace (Eis) sowie glatt, glänzend, gleißend, glitschig und glazial uam. Der Inhalt ist für strahlend und glänzende Eigenschaft bzw. Erscheinung, schmierige und gleitfähige Eigenschaften sowie an freie übersichtlich und ohne Bewuchs seiende Flächen.
      In der bautechn. Frühzeit wurden auch Eisflächen / Eisblöcke als Gleitunterlagen für Transporte schwerer Bauelemente verwendet. Es gilt auch für eine von anderen Sachen und Dingen befreite Fläche, wie die Glatze, Eisfläche und Glacis besonders für eine übersichtliche und freie Schießbahn uam. Bei der Glatze gibt es keine Diskussion.
      Durch die physikalischen Eigenschaften und des Aggregatzustandes dieses geschabten Eises (Glace, Gelati) ergibt sich auch eine Ähnlichkeit zum Glibber oder Gelatine.

      Glace könnte aus der deutschen Sicht eigentlich sogar als ein Rückwanderer angesehen werden. Bei der Machtübernahme durch die germanischen Franken im heutigen Gebiet Frankreichs, ist wohl bei der Neuausrichtung des Ortes Paris durch die Franken mit den neuartigen „Vorburgen“ und der Anlegung von freien überschaubaren „Vorfeldern“ der Begriff aus dem fränkisch-gemanischen Umfeld für eine freie Bahn die german. „Glatze“ mit dem vorhandenem lat.-gall. „gelati“ zu „glace“ verwoben. Denn im frostigen Winter konnten / wurden diese Vorfelder mit Wasser gefüllt, wobei sich Eis bilden konnte, welches einen feindlichen Angriff extrem erschwerte. Es ist im Ursprung als ein militärischer Begriff anzusehen. Durch die fränkische Sesshaftigkeit habe diese ihre alten Kenntnisse zur Abwehr gegen andere nachrückende Germanen nun diese Taktik der neuartigen Vorfeldgestaltung, d. h. ohne jegliche Tarnmöglichkeit, hier in Paris angewendet.

      Hier die Frage an den Züricher, wo denn nun der von ihm postulierte riesengroße Kulturunterschied ist.
      Wo ist der Unterschied zwischen einem germanischen essbaren „Eis“ und einem lateinischen eiskalten „Glibber“.

      Denn wenn man seiner verwirrten Ideologie folgen würde, müsste man den deutschsprachigen Raum, Brittanien, die Niederländer und das gesamte Skandinavien als kulturelle Barbaren ansehen, weil auch diese den Begriff „Eis“ verwenden.
      Das Produkt ist trotzdem lecker und deliziös.

    5. AnFra Says:

      Nachtrag zum obigen Beitrag:

      Natürlich gilt es auch für: Gelatine bzw. Gel und Gelifraktion für Frostaufbruch bzw. Sprengung in mineralischen Stoffen durch gefrierendes Wasser.

    6. Alioscha Says:

      Ach, und hier gibt es auch eine Eisdiele/Gelateria. Die Schweiz ist also doch nicht ganz so eisdielen-/gelateriafrei…

      http://www.elbertin.ch/

      Alioscha

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