Wir könnten ja mal über die Schweiz fahren — Die Schweiz als Durchfahrland

Januar 6th, 2011

(reload vom 5.4.07)

  • Über Bern oder über Besançon?
  • Als wir noch im süddeutschen Schwabenland lebten und die Ferien nahten, gab es stets die Diskussion: „Wie fahren wir in diesem Sommer nach Südfrankreich? Via Freiburg Mulhouse Besançon Lyon durch die „Franche Comté“, immer an der Westseite des Juras entlang und ab Lyon dann auf die Autoroute du Soleil? Oder über Bern durch die Schweiz?

    Durch die Schweiz fahren war schöner, dauerte aber auch länger. Die Fraktion der „so rasch wie möglich ankommen wollen“ stand gegen die „Au ja, zum Genfer See, den Montblanc angucken!“ Fans.
    Aus nostalgischen Gründen stellen wir uns auch heute noch, wo wir im Zürcher Unterland leben, diese Frage und entscheiden dann oft ganz spontan, nur dieses eine Mal wieder ausnahmsweise „über die Schweiz“ zu fahren, um in die Provence zu kommen.

  • Die Perspektive der Durchfahrer
  • Es ist eine ganz eigene Perspektive von der Schweiz, die man als „Durchfahrer“ erhält. An der Grenze bei Weil wird geschaut, ob man noch eine gültige Autobahnvignette hat. Einmal wolle ich ohne Vignette „nur kurz nach Basel“ reinfahren, und musste direkt auf der Autobahn eine Kehrtwende vollführen. Der Gegenverkehr wurde vom Grenzer gestoppt, und kleinlaut fuhr ich bei Weil ab, um die Schweiz quasi durch den Hintereingang ohne Autobahnbenutzung zu betreten.

  • Ängstlich 80 Fahren im Kanton Basel
  • Mit Vignette ging es an Basel vorbei, durch die Tunnels und Überdachung beim Badischen Bahnhof, peinlich genau auf die 80 Km/h achtend, mit ähnlichen beklemmenden Gefühlen wie einst auf der Transitstrecke durch die DDR nach Berlin. Denn nichts fürchteten wir Deutsche mehr als eine „Busse“ in der Schweiz zahlen zu müssen. Garantiert teurer als dreimal Essen gehen! Und sie wissen ja, wie geizig der Deutsche sowieso ist. Kriegt er ja ständig über die Werbung eingebleut.

    Eines Tages hatte ich eine Gruppe Basler Kantonspolizisten zu schulen, und beim Mittagstisch erzählten sie mir stolz, dass es im ganzen Stadtgebiet keine einzige stationäre Radarkontrolle gäbe. Na toll, und warum waren wir dann immer so vorsichtig bis nach „Schweizerhalle“ geschlichen?

  • Der Tunnel in der Landschaft
  • Im Mittelland bei Solothurn begannen dann die Staus. Wollen denn alle nach Bern? Gibt es da was umsonst? Immer wieder rätselten wir über den merkwürdigen „Tunnel in der Ebene“,
    Der Tunnel in der Ebene
    dessen Geheimnis es sogar in die Sendung „Genial Daneben“ geschafft hatte (und vom Streberlein Hoecker erraten wurde).

  • Die Raben von Bern
  • Die Nähe von Bern verrieten uns stets ein paar schwarze Blechraben auf einer Autobahnbrücke, keine freilaufenden Bären oder Bundespolitiker wie erwartet. Die Blechraben zeigen an, dass man sich im Sendegebiet von „RaBe“ , dem Radio Bern befindet. Ob das ein Durchfahrer versteht? Ein Eisenbahner erzählte mir, dass man unter seinesgleichen die Raben und Krähen am und auf dem Bahndamm für die wiedergekehrten Seelen von überfahrenen Selbstmördern und Streckenarbeitern hält. Nette Vorstellung irgendwie. Immer schön die Kollegen grüssen im Vorbeifahren.

    Kurz zeigt sich von dort oben bei den Raben die Stadt Bern in ganzer Pracht, welche ich einmal am Abend des 1. Augusts mit Raketen und vielen Feuern eindrucksvoll erleben durfte, dann versteckt sich die Bundeshauptstadt hinter durchsichtigen Lärmschutzwänden, und ängstliche Durchfahrer wie wir kriechen wieder als einzige mit Tempo 80 weiter bis zum Beginn der neuen Strecke nach Lausanne.

    Schade, die alte Strecke am Lac de Gruyère vorbei zum Genfer See zu fahren, war zwar länger aber auch schöner. Jedes Mal auf der steilen Schussfahrt hinab zum See schlossen wir im Scherz Wetten ab, ob die Bremsen des LKWs hinter uns wirklich halten oder ob wir tatsächlich einmal erleben durften, wie so ein 18-Tonner in die Nothaltespur aus Kies und Sand brettert?

  • Die Riviera wurde erst ab 2008 offiziell
  • Das schönste Stück zwischen Vevey und Lausanne durch die Waadtländer Riviera mit Blick auf Montreux war stets der Höhepunkt der Fahrt durch die Schweiz. Erst ab dem 1. Januar 2008 wurde die Bezeichnung „Riviera“ für diese Region auch offiziell als im Namen „Riviera-Pays-d’Enhaut“ für einen Bezirk (District) enthalten sein.
    Doch die wenigsten fahren noch die alte Strecke, geht es doch schneller über das schnurgerade neue Autobahnteilstück bis Lausanne, mit weiter Sicht voraus auf jede Radarfalle am Weg. Jetzt fallen die letzten Hemmungen, jetzt sind wir im Welschland, im Kanton Fribourg. Selbst mit verbotenen 150 Km/h wird man noch von zahlreichen Waadtländern überholt. Kaum ist Bern am Horizont hinter uns verschwunden, hält sich kaum jemand mehr an irgendwelche Geschwindigkeitsbegrenzungen.
    Ab Kerzers gibt es auch keine „Ausfahrt“ mehr, sondern nur noch eine „Sortie“, und auch nach Jahren bleibt das Ortschild „Murten“, ziemlich genau auf dem Röschtigraben gelegen, von militanten Lokalpatrioten durchgestrichen und mit „Morat“ überschrieben.

    Zwar sehen wir nichts mehr von der Riviera, aber wenigstens den Mont Blanc auf der anderen Seeuferseite, benannt nach einem bekannten Füllfederhalter. Viel schauen ist nicht angebracht, denn jetzt beginnt das „Höllenstück“, die dichtbefahrendste Strecke der Schweiz, die Autobahn Lausanne-Genève. Wir sind im zweitgrössten Ballungsgebiet der Schweiz, der Metropolregion Genf-Lausanne, und hier haben es die Leute eilig, ans Ziel zu kommen, auch mit 130 Km/h wird Stossstange an Stossstange gefahren. Kleiner Vorgeschmack auf das, was uns später ab Lyon auf der Autoroute du Soleil in Frankreich erwartet.

  • Nicht ins Puff sondern zum Puff nach Frankreich
  • Bei Rolle ein letztes Mal billigen Schweizer Sprit tanken, und dann ab Genf über die Berge nach Annecy weiter. Das Teilstück kurz hinter der Autobahngrenze in Richtung Cruseilles ist beidseits der Strasse gesäumt von Restaurants, Diskotheken anderen Lokalitäten mit roten Lampen, damit die braven Schweizer am Wochenende auch mal ein paar Euros in der EU loswerden können. Provence, wir kommen!

    Wenn die Schweizer den Rauch reinlassen — Bächteln in Bülach

    Januar 2nd, 2011

    (reload vom 2.1.06)

  • Bächtelis kommt nicht von bechern
  • Heute feiern die Bülacher im Zürcher Unterland „Bächtelis“ mit „Bächtelswurst“ und „Bächtelsweggen“. Nun gibt es zwar einige Bäche, die durch Bülach fliessen und die gelegentlich im Sommer bei einer „Bachputzete“ gereinigt werden, aber in die Bäche von Bülach steigt heute niemand. Klanglich ist das Wort „bächteln“ eher mit dem Wort „bechern“ verwandt. In Bülach ziehen beim Bächteln Musikgruppen von Kneipe zu Kneipe und spielen auf, ähnlich wie man das von den Fasnachtcliquen in Bern oder Basel kennt, und dabei wird natürlich ordentlich gebechert. Hier das Programm für den heutigen Tag:

    Bächtelen in Bülach

  • Berthold von Zähringen kann nichts dafür
  • Es gibt wenige Tage im Jahr, an denen man sich als Deutscher in der Schweiz darüber von Herzen freut, nicht mehr im grossen Kanton zu leben, sondern von den echt Schweizerischen Feiertagen zu profitieren. Dazu zählen neben dem 1. August natürlich der verlängerte Start ins neue Jahr mit dem „Berchtoldstag“ am 2. Januar. Aber wie heisst er eigentlich richtig? Kaum ein Feiertag bringt es auf eine so stattliche Anzahl von Namen: Bechtelstag, Bechtle, Bechtelistag, Berchtelistag, Bächtelistag, Bärzelistag.

    Der Name Berchtold erinnerte uns zunächst an das alte Geschlecht der Zähringer, denn „Bertold von Zähringen“ gründete bekanntlich neben Bern, Thun, Murten und Fribourg auch Freiburg im Breisgau, unseren letzten Wohnort in Deutschland. Nur hatte der kein „ch“ im Namen und einen heiligen „Berchtold“ gibt es auch nicht im Kalender.

  • Frau Holle und die wilde Perchta
  • Der Berchtoldstag hat einen heidnischen Ursprung und geht auf die altgermanische Dämonin „Perchta“ hin, die es bis in die Märchen der Gebrüder Grimm als Frau Holle geschafft hat. Bächtele, Berchten bedeutet „heischen, verkleidet umgehen und schmausen”; man glaubt, dass die Perchta, eine altgermanische Dämonin war, die zu Wotans Wildem Heer gehörte, mit diesem in den “Zwölf Nächten” oder “Rauhnächten”, den dunkelsten des Jahres, ihr Unwesen trieb. In vielen Bräuchen hat sich ihr Andenken erhalten, wenn sie z. B. beim „Perchtenlauf“ nachahmend gebannt wird. Schrecklich vermummte Gestalten toben durch die Nacht und müssen mit Gaben, die sie einfordern, besänftigt werden. So ziehen im aargauischen Hallwil und in anderen Ortschaften der Schweiz an diesem Tag die „Bärzelibuebe“ als schaurige Maskengestalten durchs Dorf. Auch der bis vor kurzem allgemein lautstark und mit zerstörerischem Schabernack gefeierte Schulsilvester ist davon ein Abbild.

  • Die rauen Nächten sind rauchig
  • Der Berchtoldstag findet mitten in den Rauhnächten statt, heisst es. Ob das besonders kalte und raue Nächte sind? Nein, es kommt vom „Rauch“, vom „Weihrauch“, mit dem man im Mittelalter die bösen Geister zu vertreiben suchte. „Den Rauch reinlassen“ sagt man heute noch, wenn man das Böse vertreiben möchte. So berichtet eine andere Quelle:

    „Unter den 12 Rauhnächten verstand man die Zeit zwischen dem 24. Dezember und den 6. Jänner. Sie war charakterisiert durch eine besondere Andacht und Arbeitseinschränkung. Die Zeit galt als besonders heilig, gleichzeitig war es eine Zeit, in der vermehrt Bräuche stattfanden.“

  • Das kleine Rauchopfer und zu Aldi nach Jestetten
  • Heute wird nur noch ein “kleines Rauchopfer” gefeiert, wie es der Chinese im Roman “Briefe in die Chinesischen Vergangenheit” von Herbert Rosendörfer bezeichnet. Gemeint hat er damit allerdings das Abbrennen von Zigaretten.
    War dieser Tag im Kanton Zürich bis vor kurzem noch der traditionelle Ausflugstags zu Aldi nach Jestetten, um dort die schlechte Qualität der angebotenen Ware persönlich in Augenschein zu nehmen und auf dem Parkplatz endlich den Nachbarn zu treffen, den man so lange schon nicht mehr gesehen hat, so ist diese Sitte in 2007 aus der Mode gekommen, weil jetzt auch hier zahlreiche Einkaufszentren an diesem Tag geöffnet sind.