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Was haben Sie für ein Geschlecht? – Verwirrungen im Schweizer Spital-Alltag

  • Ab in die Mitte
  • Bei Klassenfahrten mit langen Wanderungen durch den Deutschen Wald pflegte unser Lehrer die obligatorische Pinkelpause für alle mit den Worten einzuläuten. „Jetzt ist Pinkelpause. Die Jungen gehen nach links in den Wald, die Mädchen nach rechts. Wer nicht weiss in die Mitte.

  • Was ist Androgynie?
  • Kurz und präzise wurde so „nach Geschlecht“ die Gruppe aufgeteilt. Nein, den Begriff „Androgynie“ kannten wir als Schulkinder nicht, aber David Bowie und Amanda Lear oder Grace Jones hätten sicher auf dem Waldweg erst überlegen müssen, ob sie nach links oder rechts in die Büsche verschwinden sollten. Daran musste ich denken, als ein Blogwiese-Leser mir diese E-Mail zukommen liess:

    Wir haben eine Freundin im Spital in Zürich besucht und während unserer Besuchszeit hat sich eine neue Stationsschwester deutscher Nationalität bei unserer Freundin vorgestellt und auf Nachfrage gemeint, sie würde schon Schweizerdeutsch verstehen. Sie hatte einen eher aussergewöhnlichen Nachnamen, der in Verbindung mit dem Nachnamen unserer Freundin zu Heiterkeit Anlass gab, nur hat ihn unsere Freundin zuerst nicht richtig verstanden.

    So fragte sie nochmals nach: „Was händ sie für äs Gschlecht?„. Nun wurde die Krankenschwester puterrot im Gesicht und es hat ihr die Sprache verschlagen. Als wir das realisierten, war das Gelächter natürlich gross, hatte doch die Krankenschwester nicht verstanden, dass die Frage nach dem Geschlecht im Schweizerdeutschen (zumindest in den zentraleren Teilen der Schweiz) nichts mit weiblich oder männlich zu tun hat, sondern das Geschlecht als Synonym für den Nachnamen verwendet wird, was nach meinem Wissen in Deutschland nicht mehr gebräuchlich ist oder zumindest grammatikalisch anders verwendet wird.
    (Quelle: Private E-Mail)

  • Das „von“ gehört zum Namen
  • Und das im Land der „Von Wartburgs“ und „Von Arx“ und „Von Eschers“! Das elektronische Telefonbuch tel.search.ch findet spontan 31‘442 Einträge von „von“ in der Schweiz. Nein, der Adel ist abgeschafft, und die Frage nach dem „Geschlecht“ bezieht sich nur noch auf den Nachnamen, nicht mehr auf die heimische Burg und Adelsfamilie.

  • Wie Geissenpeter um sein „von“ kämpfen musste
  • Unser Schweizerfreund Geissenpeter, der schon lange in Hamburg lebt und auch einen quasi „adeligen“ Namen führt, beschrieb einst auf „Heidiswelt“, wie es ihm erging, als er seinen Namen mit dem „von“ davor in Deutschland behalten wollte, und dies zum Problem wurde:
    Siehe hier. Sein Geschlecht wird man halt nicht los, auch nicht in Deutschland.

    

    11 Responses to “Was haben Sie für ein Geschlecht? – Verwirrungen im Schweizer Spital-Alltag”

    1. neuromat Says:

      so ist das eben Herr „von“ als „Gast hat man die Regeln seines Gastlandes zu respektieren“ und jetzt „vonmachen“ wie ein uns hier immer wieder Erheiternder meinen würde… 😉

      und
      in der Zentralschweiz hat eben jede und jeder „s Geschlecht“. Lasst das mal in angeheiterter Runde in Zentraldeutschland los. Hat ja auch irgendetwas mit zentraler Lage zu tun das Ganze…

      ich habe uebrigens die oben angesprochene Figur nicht als Karrikatur erfunden, wie ich in einigen Mails verdächtigt wurde. Ob es ihn allerdings wirklich gibt, weiss ich nicht – ich glaube es selber nicht mehr so ganz.

    2. Simone Says:

      Zürcher:
      Den Herrn von Matt würde ich folgendermassen im Telefonbuch führen:
      Matt, Peter von
      Das „von“ ist Bestandteil des Namens, wird aber eigentlich hinter den Vornamen gesetzt. Hätte er einen Adelstitel, stünde da
      Matt, Peter Freiherr von

    3. nadjag Says:

      Man gebe unter http://www.directories.ch „von“ beim Namen und „Zürich“ beim Ort ein, aktiviere die Personensuche und schaue ab Seite 4 die Treffer an, alle mit „von xy“ und keiner umgekehrt. „Von“ wird in meinem Umfeld nicht als Adelprädikat sondern nur als Namensbestandteil angesehen, so kommt es auch nicht zu einer Namensverstümmelung, wie dies Jens in einem früheren Posting darlegte.

    4. Guggeere Says:

      Dass in der Schweiz der Adel abgeschafft ist, ist nicht wahr. Jeder Adlige in der Schweiz darf seinen Namen und seinen Titel führen. Er hat zwar nicht viel davon. Und dass das «von» vor dem Familiennamen nur noch eine Ortsbezeichnung andeuten soll, stimmt nur zum Teil. Sonst müsste mir mal jemand erklären, inwiefern z.B. von Sprecher, von Schulthess, von Planta und von Reding (lauter alte eidgenössische Familien) eine Ortsbezeichnung enthalten.
      Übrigens: Ein einziges Mal verlieh die republikanische Schweiz eine Art Adelstitel: 1823 an den Ingenieur, Wissenschaftler und Politiker Hans Conrad Escher «von der Linth».

    5. Brun(o)egg Says:

      @ Guggere

      Ich glaub Du liegst falsch. Von Abplanalb, Von Kaenel, Von Ah und ähnliche wären dann ja auch Adlige. Nur der Habsburger nicht? War ja wohl einer, hat aber kein Von. Genealogie ist ein weites Feld.

    6. Brun(o)egg Says:

      @ guggere

      Hab ich vergessen: Bei Escher ist „von der Linth“ eben keine Adelsbezeichnung, sondern deutet auf eine Gegend hin, Geburtsort oder was auch immer. Es war ein verklemmter „Adelstitel“ zwecks Pflege des Ego des Herrn.

    7. Schoggistaengel Says:

      @Guggeere: Von Planta kommt von der Planta in Sion. Das ist dort ein grosser Platz. Es gibt fast alles, was es nicht gibt.

    8. Guggeere Says:

      @ Brun(o)egg
      Also irgendwann in der Familiengeschichte muss es doch mal einen Seppli oder Hansli Sprecher / Haller / Schulthess gegeben haben, der sich fürderhin «von» schrieb bzw. schreiben durfte. Und dieses Prädikat kam wohl kaum aus Spass an der Freud hinzu. Aber vielleicht weidet auf der Blogwiese ein Adelsexperte, der Genaueres weiss.
      Zu H.C. Eschers Ego: Da gabs nichts mehr zu pflegen. Escher war zum Zeitpunkt der Verleihung seines Ehrentitels (der übrigens erblich war) bereits tot. Geehrt wurde er für die so genannte Linthkorrektion (d.h. die Umleitung des Flusses Linth und die Trockenlegung der Linthebene im Gebiet zwischen Zürichsee und Walensee). Es war die erste grosse gemeinsame nationale Anstrengung der Schweiz nach dem Ende des Ancien Régime. Eine geniale, solide Leistung: Die fast 200-jährigen Dämme hielten auch dem Jahrhundert-Hochwasser von 1999 stand.

      @ Schoggistaengel
      Ich dachte eigentlich an die von Planta aus dem Engadin, alter Bündner Adel:
      http://www.planta.li/index.php?id=3
      http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D20149.php

    9. Guggeere Says:

      @ neuromat
      Jene Witzfigur, die jeweils versucht, alle zu erchern, existiert. Walter Moers hat sie als Comicfigur erfunden…

    10. Helza Says:

      Selbstverständlich gab es in der Schweiz früher auch Adlige, die Schweiz in ihrer heutigen Form existiert ja erst seit 1848. Es gab die Grafen von Toggenburg (die noch heute Nachkommen haben) um nur ein Beispiel zu nennen. Einige Geschlechter stammen auch aus Genf, das lange unter der Herrschaft Savoyens war. Was in der Schweiz offiziell nicht mehr geführt werden kann, ist der Titel, also Graf, Fürst, Prinz, etc. Das von oder de ist eine reine Herkunftsbezeichnung und bezieht sich auf den Ort, einen Wohnsitz, wie beispielsweise ein Schloss oder manchmal auch auf ein Geschlecht. Oftmals wurde das von an den Namen angefügt (Vonlanthen), manchmal aber allein stehen gelassen. Nobler sind die Herrschaften deshalb nicht. Ja, wir Adelsfans habens schwer, müssen uns an das englische Königshaus halten oder an die Knie-Dynastie, die sich leider nicht immer sehr royal aufführt.

    11. Marischi Says:

      Adelige heissen in der Schweiz Patrizier. Manche „vons“ sind von Adel, wie die von Plantas, von Tavels und so weiter. Sarasin und Vischer sind auch Patrizierfamilien, aber ohne „von“ im Namen. Andere „vons“ wie die von Dänikens oder von dem Walds zum Beispiel kommen ursprünglich einfach aus Däniken oder aus dem Wald 😉

      http://de.wikipedia.org/wiki/Patrizier_(Schweiz)

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