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Es kreiselt, es kräuselt und es chrüselet — Neue Schweizer Lieblingswörter

  • Es chrüselet total
  • Bei unserem andauernden und nicht enden wollenden Kampf um die Erlernung der modernen Schweizer Schriftsprache der Gegenwart stiessen wir auf dieses Zitat:

    Die Blüte ist schön gelb und sieht aus wie eine kleine runde Bürste. Wenn man sie in den Mund nimmt, gibts den gleichen Effekt, wie wenn man den negativen und den positiven Pol einer Batterie an die Zunge hält: Es chrüselet total.
    (Quelle: Tages-Anzeiger 21.06.08, S. 70)

    Nun, den Geschmack von Strom, wenn man mit der Zunge an die beiden Zungen einer 4.5 Volt Flachbatterie kommt, kennen wir wohl. Das soll „chrüselen“ sein?

  • Es chrüselet äs Lüftli
  • Aus der Bülacher Lokalzeitung, dem „Neuen Bülacher Tagblatt“ lernen wir, dass auch ein Lüftchen „chrüseln“ kann, zumindestens im Lied:

    Auf dem Pausenplatz sangen die Kinder unter anderen Liedern «Es chrüselet äs Lüftli», das neu im Repertoire war. Anschliessend assen sie ihre Brötchen, wärmten die Hände am heissen Punsch, bevor sie mit ihren Eltern den Heimweg antraten.
    (Quelle: NBT.ch)

    Tatsächlich findet sich das Wort, allerdings in der Schreibweise mit „k“ an Stelle von „ch“ sogar im Grimmschen Wörterbuch:

    KRÜSELN, kitzeln, s. kräuseln sp. 2100 und krause mause 1 das.; ein anklang taucht in England auf: crousley to flatter, to court. HALLIWELL 283a.
    (Quelle: Grimm)

    Eindeutig eine Variante von „kitzeln“, verwandt mit „kräuseln“, welches wiederum zum Standarddeutschen gehört. Nur diese Variante ohne „ä“ vor dem „u“, die haben die Schweizer für sich allein, jedenfalls wenn es ums „Kitzeln“ geht. Sogar nach England als „crousley“ hat dieses krause Wort es geschafft. Und auch in Norddeutschland kennt man das als Nebenform zu „kreiseln“:

    krüseln sw. V.; hat [zu niederd. krüsel = Kreisel] (nordd.): kreiseln, sich drehen: der Wind fing an zu krüseln.
    (Quelle: duden.de)

  • Chrüselelt Sie schon jemand?
  • Also hier dann die Warnung an alle zugezogenen Nordlichter: Wenn etwas in der Schweiz zu „krüseln“ oder „chrüsele“ beginnt, dann ist das nicht kreiseln sondern kitzeln. Verstanden? Ob sich die Schweizer bei dieser Wortbedeutung selbst einigermassen einig sind?

    

    11 Responses to “Es kreiselt, es kräuselt und es chrüselet — Neue Schweizer Lieblingswörter”

    1. Adrian Kuhn Says:

      Lieber Jens,
      gerne weisse ich dich auf das wunderschöne Wort „Chrüseliwasser“ hin.
      mit schmunzelnden und schweizerisch Einigen Grüssen 🙂

    2. cydet Says:

      Ach ja, Haare können sich auch krüsele.

    3. Thomas Says:

      am besten geht’s mit den 9V Block Batterien.
      Haare chrüsele au.

    4. Gery us Büüli Says:

      Wie schon Thomas erwähnte chrüselet es bei einem Stromschlag der mehr oder weniger heftig elektrisiert. Das Kitzeln wird als chützle bezeichnet.

      so kenne ich das..

    5. Nessi Says:

      es stimmt fast was du schreibst
      chrüsele ist aber ein zartes kitzeln, für kitzeln sagen wir allerdings: chüzele
      oder eben wenn jemand gekraustes Haar hat, dann hat er „Chrüseli“

    6. AnFra Says:

      Da hat uns der Herr Administrator wieder in so nen tollen sprachlichen Irrgarten gestoßen.

      Hege aber den Verdacht: Hier wird wohl Ursache und Wirkung durcheinander gemischt, ein „Chrüsimüsi / Krausemause“ halt.
      Eine Hilfe zum Ausgang im Irrgarten kann man im folgenden Satz finden:
      „Wenn ich die Katze kraule kringelt die ihren Schwanz!“
      Denn die Ursache ist „kraulen“ mit zugehörigem „kitzeln“ und die folgende Wirkung daraus ist „kringeln“ des Schwanzes.

      Und hier liegt möglicherweise eine sprachliche Vermengung, denn „kraulen“ ist der Vorgang, welches das Verhalten „kitzeln“ auslöst. So können eigentlich diese beiden Vorgänge in sprachlicher und inhaltlicher Sicht nicht „kringeln“ sein.

      Die sprachliche Quelle von „kraulen“ kann man im „krauen“ finden. Dieses „krauen“ ist mhd. „krouwen, ahd. „krou“, goth. „chrouwon“ und aus dem idg. „greu“ für „kratzen. Das „kraulen“ ist inhaltlich in etwa wie „leicht kratzen, über etwas streichen, leicht anfassen, etwas anfassen, in am-engl. crawl= kriechen und krabbeln.
      Die Quelle vom „chrüseln / krausen“ aus mhd. „chrus / krus“ ist für „verdreht, gedreht, krumm, lockig, auch: wirr, unordentlich“

      Und hier liegt eventuell das Problem. Wenn ich die Katze kraule, kitzle ich sie auch gleichzeitig.
      D.h.: Ohne kraulen kein kitzeln. Denn mit kraulen löse ich den Kitzeleffekt aus. Der Vorgang= Ursache: kraulen mit kitzeln und Ergebnis: kringelt des Schwanzes.

      Beim kitzeln kringeln sich ja auch die Menschen: Ich kringle mich vor lachen! Er windet sich vor lachen! Er hat sich vor lauter lachen am Boden gewunden!

      Bei den kriegerischen Türken des 14. bis 17. JH habe es eine besonders „lustige“ Art der Todesstrafe gegeben: Dem Delinquenten wurden die Fußsohlen mit Salzlacke für Ziegen oder mit Honig für anderes Getier bestrichen. Diese Tiere haben mit Inbrunst daran geleckt, gekrault und hätten so den Delinquenten dann lachend in den Tod gekitzelt. Damit der Mensch sich dabei nicht „windet“, wurde er an einen speziellen Bock geschnallt.

      Wenn der Batteriestrom also „chrüselet / kräuselt-kringelt“, dann „kitzelt“ es, weil ich die Empfindung habe, dass mich jemand „krault“.

      Im schweizerischen Umgang hat sich anscheinend also die „tatsächliche Wirkung chrüseln / kringeln“ in die „sprachliche Ursache kitzeln“ als üblicher Sprachgebrauch gewandelt.

      Es hat sich wahrscheinlich in der Eidgenossenschaft / Schweiz ein sprachlicher Synonym-Wechsel bzw. Austausch von „kitzeln“ zu „chrüseln = kraulen / krausen“ vollzogen. Wenn dies wirklich so sein sollte, dann haben wir hier einen tatsächlichen sinnveränderten Helvetismus, denn im übrigen deutschspr. Raum lacht man ja anders rum!

    7. neuromat Says:

      @ AnFra

      okay, ich bin zwar keine Katze. Aber: seit drei Stunden kraule ich mein Haupthaar und da kringelt sich nichts, bleibt alles gerade. Nicht gerade „prickelnd“.

      kraueln würde ich da in diesem Zusammenhang eher als chräbele zu unterscheiden vom chräble, was kratzen bedeutet. Wenn s zu sehr chräblet gibt s en Chritz. Im Fall konnte ich Deinen Beitrag kaum entziffern: Das isch gchriblet.

    8. AnFra Says:

      @neuromat

      Gut erkannt, ich auch nicht.

      Soll sagen:

      1.) In Deinem Haar gibt es keine Nerven, welche die Kraulsignale weiterleiten und ein Kitzeln auslösen können.
      Also kann Dein Haar sich NICHT „chrüseln“.

      2.) Wenn ein Schweizer an der Block-Batterie mit 9 Volt lutscht und es ihm etwas „chrüselet“, dann meint er eigentlich: Ihn „kitzelt“ es an der Zunge, weil Block-Batterien selten kraulen.
      Wenn ein Deutscher an einer 100.000 Volt-Leitung seine Zunge setzt, „chrüselt“ es ihn auch, dann ist er aber „krumm“, weil er wohl verbrannt ist.

      3.) Der heutig genutzte Begriff „chrüselen“ soll eigentlich „kitzeln“ meinen und es wird aus der Ableitung der Handlung real „kraulen“ gemeint, jedoch in einer etymologischen Verwechslung, Verdrehung oder Sinnaustausches zum Begriff „chrüseln = kraus“ genannt.
      Der Schlüssel liegt wohl in diesem „kraus“ mhd. krus und ist verwandt mit mhd. krülle, krolle, kroll, krul also „drehen, winden“. Wenn also „kraulen“ im übertragenen Sinne „kitzeln“ ist und „chrüseln“ zu dem Begriff „drehen, winden“ führt, so treffen sie beide Begriffe im drehendem, windendem, gelocktem und wirrem „Chritz“.

      4.) Schlussfolgerung: Der Schweizer sagt „chrüseln“ zu kitzeln entspr. der Textvorgabe, weil er die Tätigkeit des „kraulen“ als kitzeln benennt.
      Der Deutsche sagt „kitzeln“ zum kitzeln, weil die Tätigkeit des „kraulen“, welches „kitzeln“ auslösen kann, eigentlich nicht „kitzeln“ ist.

      Ist nun die komplette „Chrüsimüsi“ erreicht?

    9. neuromat Says:

      @ AnFra

      jetzt werden lange gehegte Unklarheiten endlich beseitigt.

      Jens zeigte uns unlängst, dass „Mars“ in der Schweiz „Hopp“ heisst. Nun haben wir alle schon einmal von Marsmenschen gehört und ich beginne mich zu fragen, ob das die Hopp Schwiizer sind. Andererseits ist hier niemand so richtig grün angemalt.

      Da komme ich drauf, weil, wer Mars sagt, der denkt auch an Bluna. Das müssen wir jetzt mal so hinnehmen. Und der kennt auch den Werbebefehl, dass wir alle ein bisschen Bluna sind. Müsste also nicht folgerichtig in der Schweiz das Getränk Bluna eigentlich Chrüsi heissen.

      Sind also Schweizer nicht alle ein wenig Chrüsi, wohin gegen die Deutschen folgerichtig Kraus, Krause oder Kruse heissen. Und tönt uns dies, je öfter wir dies wiederholen und schneller sprechen nicht wie:

      crazy

      sind also Schweizer und Deutsche und Deutsche und Schweizer nicht genau gleich crazy oder was dies ja wahrscheinlich irgendwo heissen mag – ich will deine etymologischen Gefilde nicht barbarisch verwüsten – verdreht.

      Wo kann man denn eigentlich diesen Salzlack beziehen. Ich frage, weil Seeländer Honig mir für die Füsse von Herrn Ziauddin eigentlich zu schade ist. Und dürfen Ziegen in die Zürcher Innenstadt. Nein, richtige Ziegen. Aber kann es den überhaupt chutzelen. Mir stehen die Haare zu Berge – wie kommt das jetzt – und höre ich da die erste Ziege meckern „e gspässige Chuscht“

    10. Nessi Says:

      @ AnFra

      „chrüsele“ ist definitiv NICHT kitzeln, chrüsele ist viel zarter z.B. mit dem Haar oder einer Feder über die Haut streichen ist „chrüsele“
      kitzeln = chüzele

      ps. dein chrüsimüsi ist perfekt 🙂

    11. Adrian Kuhn Says:

      @AnFra + Jens
      Meine Erachtens sind sowohl du wie auch der Herr Administrator, ich nehme an das bezieht sich auf Jens, auf dem Holzweg. Chrüsele würde ich ganz klar mit „prickeln“ verhochdeutschen aber nicht mit „kitzeln“.

      Denn sowohl das „ich kitzele jemanden aus“ und „mich kitzelt es“ sage ich als „ich chutzele öpper us“ und „mich chutzelets“. Chrüsele hingegen ist — siehe mein Hinweis zum Chrüseliwasser für Mineralwasser — ein prickeln wie es eben die Kohlensäure im Mineralwasser verursacht oder die ominöse 9V Batterie.

      Dem krausen Haare sage ich „chruseli“, also mit u, was vom „chrüsele“ mit ü zu unterscheiden ist.

      In der h

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