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Schweizer Lieblingstätigkeiten (Teil1) — Vom schnellen Warten und langsamen Pressieren

(reload vom 16.12.05)

  • Praktische neue Fähigkeiten
  • Seit wir in der Schweiz leben, haben wir eine ganze Menge praktischer Fähigkeiten dazu gelernt. Wir können zum Beispiel ganz besonders gut „schnell warten“. Ich breche alle Rekorde beim „schnellen Warten“. „Wart schnell“ sagt ein Schweizer zu mir, und schon geht es los. Wie der Blitz fang ich an zu warten, und wenn ich mich richtig anstrenge, kann ich sogar noch schneller warten. „Soll ich noch schneller warten?“ frage ich dann nach ein paar Minuten, wenn es mir zu langweilig wird, um die Zeit ein wenig abzukürzen.

    Manchmal reicht das „schnelle Warten“ allein nicht, denn dann „pressiert es langsam“. Das mit dem „langsam pressieren“ ist so eine Sache, denn eigentlich muss alles ganz schnell gehen, mit ordentlich „Druck“ dahinter = Englisch „pressure“.
    Se presser“ sagen die Franzosen, wenn sie sich selbst unter Druck setzen, und damit nicht „sich drücken“ meinen, denn das ist „s’embrasser“ (Küsschen links, Küsschen rechts). Das Wort „küssen“ mit „baiser“ zu übersetzen, wie es vor Jahren noch im Langenscheidt zu finden war, würde heute in Frankreich unweigerlich zu peinlichen Situationen führen. Denn „baiser“ ist eine sehr höfliche Umschreibung für den Austausch von Körperflüssigkeiten.

    Doch zurück zu den Schweizern, denn denen „pressiert es langsam“. Das haben sie übrigens „für einmal“ mit den Schwaben gemeinsam, auch die stehen ständig unter Druck.

  • Wenn die Italiener den Fred haben
  • Kommen wir zur dritten Lieblingsbeschäftigung: Wenn der Druck abnimmt, dann „haben wir kalt“ in der Schweiz. „Ich habe Schnupfen, ich habe Fieber, ich habe kalt“, eine logische Abfolge, vorexerziert von den Franzosen „j’ai froid“ und Italienern „ho freddo“, und nicht „caldo“, denn das heisst „warm“, ist doch logisch.

  • Nichts für „ume“ gibt es, wenn Du „ume“ bist
  • Die letzte Lieblingsbeschäftigung als Deutscher in der Schweiz ist das fleissige „ume“ sein. „Isch dä Jens au ume“ wird das Kind am Telefon gefragt, wobei es nun nicht darum geht, ob es hier irgend etwas für „ume“ gibt, was in Deutschland flapsig-salopp für „umsonst“ gebraucht wird, sondern poetisch ausgesprochen: „Um den Weg“ bedeutet, also erreichbar, in der Nähe.
    Alles noch mal im Zusammenhang zum Nachsprechen: „Ich warte schnell, denn es pressiert langsam, weil ich kalt habe, und kein Doktor ume ist“. Alles klar? Sind alle raus gekommen? Und wer blieb drin?

    

    11 Responses to “Schweizer Lieblingstätigkeiten (Teil1) — Vom schnellen Warten und langsamen Pressieren”

    1. Honigbaerli Says:

      Dr Andy isch wieder cho luege, was dr jens so het gschrybe,är wünscht em de es schöns wucheändy,leby grüess Andy

      PS:das war jetzt berndeutsch!!

    2. wolfi Says:

      respekt, das ist jetzt schon schweizerdeutsch vor sehr fortgeschrittene, wer soll da noch druus – nicht raus – kommen. dinne bliebe die, wo nöt druus chömed, isch doch klar, jens.
      hoffe s`chömed alli druus und es git en huufe ihträg! wietter so, jens!

      grüssli wolfi – mir pressierts langsam mit ins bett cho.

    3. Guggeere Says:

      Über die mitunter absurden Zusammenhänge, in denen wir das Wort „langsam“ verwenden, amüsiere ich mich manchmal selber. Aber Redewendungen und Begriffe sind nun mal nicht immer wörtlich zu verstehen. Ich habe mich zum Beispiel schon als Kind sehr über das „Deutschland-deutsche“ Wort „Fahrrad“ gewundert: Erstens hat jedes ordentliche Velo bekanntlich mehr als ein Fahr-Rad, und zweitens hat alles, was auf festem Boden fährt, Räder. Da es offensichtlich nicht auf die Zahl der Räder ankommt: Warum wird dann, drittens, eine Lokomotive nicht als Fahrrad bezeichnet? Oder warum kann man immer wieder lesen, jemand habe eine Rechnung „umgehend“ und „anstandslos“ bezahlt? Er geht ja nicht wirklich um, und der Anstand fehlt ihm ja auch nicht. Und was ist mit dem seltsamen „Kulturbeutel“ im Gepäck deutscher Reisender? Verstauen die dort zwischen Zahnpasta, Haarbürste und Nagelschere auch Gedichtentwürfe, Malerkreide und Musikpartituren?

    4. Neuromat Says:

      @ Guggeere

      der „Kulturbeutel“ ist ja immer wieder Gegenstand dieser Fragen. Leider bleibt das Ausmass dessen, was Kultur ist unklar. Für Herrn Goethe war der Begriff sehr weitgefasst. Sich zu kämmen, Nagelpflege zu betreiben kann sicher geanuso als ein „Stück Kultur“ betrachtet werden wie die „Esskultur“.

      Etwas unsicher bin ich mir bei dem Fahrrad. Zumindest gibt es sehr frühe Modelle mit einem sehr grossen Rad und einem eher abstützend kleinen, ziemlich nahe am Einrad. Man könnte auch „schweizerisch“ argumentieren, dass eben nur ein Rad angetrieben wird. Das andere rollt passiv mit und ist dann trotzdem ein ordentliches Velo. Andererseits ist aber auch der Begriff Zweirad ja nicht inexistent.

      Denken wir also nicht in Beuteln sondern multikulturell und freuen uns an der Reichhaltigkeit der Sprachen und ihrem Zusammenfluss so jetzt muss ich pressieren…

    5. Gery us büüli. Says:

      Treibrad, Laufrad, Lenkrad, (nicht zu verwescheln mit dem gelenkten Rad), Zahnrad. Ein Rad muss nicht zwingend auf dem Boden laufen, bzw. abrollen. und wieso läuft ein Rad. Hat ja keine Füsse!!. Fahren ist auch falsch, da nicht alle Räder Bodenkontakt haben. Für ein Velo die beste Umschreibung ist das engl. Bicycle; ein „Zweizyklus“ Wobei ein Zyklus ja eine immer wiederkehrende Abfolge eines Prozesses ist; ergo ein Kreis. Also ist das Velo ein Zweikreis. was für eine Logik.

      Demnach ist Fahrrad die unsinnigste Bezeichnung eines Drahtesels und Bicycle die sinnvollste.

      Und übrigens werden bei den Lokomotiven nicht die einzelnen Räder bezeichnet, sondern die Achsen. Das nennt sich dann Achsfolge und würde zum Beispiel bei einer 4-achsigen Universal Lok so heissen: Bo’Bo‘
      Wobei dies zu erklären hier den Rahmen sprengen würde. Und es sowieso keinen interessiert.

    6. Christian Says:

      Gut geschrieben, Jens! Ich bin drus cho, aber nicht raus gegangen 😉

      Gruess is Wucheändi
      Christian

    7. Brun(o)egg Says:

      Der Ursprung des Velo’s ist Velocyped. Und da kommt noch der Per Pedes (tretende Fuss) ins Spiel. Wo allerdings Velo herkommt weiss ich auch nicht? Aber irgendwer von euch hat sicher Zeit für Wiki und dann bin ich wieder ein bisschen gescheiter.

    8. solanna Says:

      Gewisse Schweizerdeutsche Wendungen tönen 😉 ja schon schräg oder gar widersprüchlich. Dazu gehört das „Wart schnäll!“. Eigentlich ist es aber saumässig rationell ausgedrückt. Es meint nämlich „Wart bitte! Ich mach ganz schnäll, dass du nöd lang muesch warte.“

      Diese Bemühung steckt nämlich in der deutschen Version „Warte kurz!“ nicht drin. Die Deutschen erwarten aber wohl auch ohne dieses Versprechen, dass der andere sich grösstmöglich beeilt.

    9. Simone Says:

      @Solanna:
      Das war eben sehr schnell gedacht und nicht mit Schweizer Bedächtigkeit. „Warte kurz“ bedeutet, dass sich jemand beeilt, um den anderen nur kurz warten zu lassen.

    10. Mare Says:

      @Brun(o)egg
      Velox velociter = schnell; velocitas = Geschwindigkeit.
      Velociped: der Schnellfuss

    11. lueginsland Says:

      Auch wenns die Schweizer ungern hören werden: Bei vielen Einträgen übers Schweizerdeutsch mache ich Parallelen zum Schwäbischen, also einer deustchen Mundart, aus. Ganz verwunderlich ist es natürlich nicht, denn das Schwäbsiche gehört ja wie das das Schweizerdeutsch zu den alemannischen Dialekten/Sprachvarianten in Mitteleuropa.

      So habe ich in meiner Jugend von meiner Mutter sehr oft gehört: „Wart schnell!“. Und wenns mich „pressiert hat“, dann hab ich´s eilig gehabt, „uf d`Klo s´komme“

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