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Jetzt gehen sie wieder — Gehen sie wirklich?

  • Katrin Wilde kam nicht wieder
  • Am letzten Sonntag den 28.10.07 erschien in der NZZ ein Bericht von Sacha Batthany mit dem Titel „Jetzt gehen sie wieder“. Es ging um die Ereignisse um die deutschen Radiomoderatorin Katrin Wilde:

    Katrin Wilde (Bild: Lüs)
    (Quelle Foto: Lüs / 20Min)

    Gegen 600 E-Mails hat Katrin Wilde in nur drei Monaten erhalten, Rekord. Einige sollen aufmunternd gewesen sein, einige neutral. Viele mies und ein bisschen rassistisch. Büchi: «Und weitere fünfzig waren unter jeder Sau. Drei davon lebensbedrohend.» Ein Auszug: «Ihr Deutschen seid eine Epidemie.» Oder: «Frau Wilde, wenn Sie das nächste Mal in Ihr Land fahren, nehmen Sie den Viehtransporter, pferchen all Ihre Landsleute rein und bleiben, wo Sie herkommen.» Oder: «Schade, dass die Gasöfen in Deutschland abgestellt wurden. Denn da gehören Sie hin.» Nachdem man Katrin Wildes Auto demoliert hatte und sie ihre Wohnung ohne Alarmknopf nicht mehr verliess, gab sie dem deutschen Nachrichtenmagazin «Focus» ein Interview, in dem sie sich über die Schweiz beschwerte, was zu noch heftigeren Reaktionen führte. Katrin Wilde, erst 22, suchte Schutz bei ihren Eltern in Saarbrücken und kam nicht wieder.

    Sacha Batthany konnte seinen Artikel auch noch an den Stern verkaufen. Der dezente Titel dort: Ihr Deutschen seid eine Epidemie. In den letzten Tagen wurde mir der Link zur NZZ-Online Artikel und zum Stern-Online mehrfach zugeschickt, immer mit der besorgten Frage verknüpft: „Ist es wirklich so schlimm?“. Das erinnert uns an die Geschichte von dem Mann, der aus dem 10 Stockwerk eines Hochhauses fiel, und als er am 6. Stock vorbei fiel bei sich dachte: „Bis jetzt war das doch alles gar nicht so schlimm“. Nein, es ist nicht schlimm in der Schweiz.

    Nachdem am 4. Januar 2007 im Spiegel-Online mit dem Artikel „Geht doch heim ins Reich“ zum ersten Mal ein paar Geschichten über die allgegenwärtige Freundlichkeit mancher Schweizer Angesichts der vielen deutschen Gastarbeiter erschien, und der BLICK mit seiner Serie „Wieviele Deutsche verträgt die Schweiz“ (entwickelt von einer deutschen Werbeagentur) erfolgreich die Diskussion anheizte, war lange Ruhe im Schweizer Medienwald. Die Deutschen strömten munter weiter, von 170 000 stieg die Zahl auf 180 000, jetzt ist sie bei 188 137. So stand es in der NZZ, und dieses Blatt muss einen Zähler an der Grenze installiert haben, der täglich aktualisierte Zahlen liefert.

  • Nicht die erste Deutsche in der Schweizer Medienlandschaft
  • Katrin Wilde hatte einen exponierten Job als Moderatorin bei einem Lokalradio, bis dato eine Domäne, in der ausschliesslich Schweizerdeutsch gesprochen wurde, was per Definition nur Schweizer können, wie wir alle wissen. Was nicht heissen soll, dass sie die erste Deutsche in dieser Branche ist. Tontechniker, Musikredakteure, Journalisten, Kameraleute, die Schweizer Radio- und Fernsehlandschaft wird zu einem beträchtlichen Teil von Deutschen mitgestaltet. Nur halten die sich dezent im Hintergrund und machen dort die Jobs, für die es auf dem Schweizer Arbeitsmarkt nicht genügend Qualifizierte gab. Schweizerdeutsch am Mikrofon hat sie nicht gesprochen, und das störte so manchen Hörer.

    Katrin Wilde sprach schnell und flapsig, sie machte Witze, kündigte die neusten Hits an und sagte schlechtes Wetter voraus. Und sie machte ihre Sache gut. Drei Monate lang war sie «on air», dann blieb ihr die Luft weg. Katrin Wilde war die erste deutsche Moderatorin eines Schweizer Lokalradios, sie sagte «Guten Morgen» statt «Grüezi», was von Beginn an für einigen Wirbel sorgte: Jeder wollte sie hören, Radio Energy war im Gespräch, «Hit Music Only» auf 100,9 Megahertz – und Katrin Wilde war der grösste Hit von allen. Bis die Stimmung kippte. «Katrin war einfach besser als alle Schweizer Bewerber. Jung, erfahren und talentiert», sagt Daniel Büchi, er war ihr Vorgesetzter, (…)

    Das spezifisch Schweizerisches an „Energy“ und „Hit Music Only“ stets „on the air“ ist deutlich raus zuhören.

  • Es wird alles irgendwann normal
  • Macht uns diese Geschichte Angst? Nein, sie macht uns Mut, denn Katrin Wilde wird mit Sicherheit eine Nachfolgerin finden, die den Job in ähnlicher Form übernimmt. Die Normalität wird einkehren, Hochdeutsch wird neben Schweizerdeutsch zu hören sein, und keiner wird es in diesem wunderbaren zweisprachigen Land als etwas Besonderes mehr wahrnehmen. Für mich ist nach wie vor die grösste Sensation an dieser Geschichte, dass ein Sender wie „Radio Energy“ tatsächlich eine Deutsche Moderatorin eingestellt hat. Das macht mir Mut, denn es zeigt doch, dass sich langsam etwas bewegt in der „Swissness“. Eine entspannte Lockerheit im Umgang mit der zweiten Muttersprache Deutsch. Sie werden unter Garantie diese Aktion wiederholen. Die über 22’000 Deutsche in Zürich sind schliesslich auch eine Zielgruppe, die angesprochen werden möchte. Wie sagte der Geschäftsführer des Radios noch gleich, als Katrin Wilde ihre Job begann:

    «Bei über 22 000 Deutschen in der Stadt Zürich verträgt es auch eine sympathische deutsche Stimme im Radio.» Zudem habe man bei Energy Zürich schon positive Erfahrungen mit «Fremdsprachen» gemacht: «Eva Camenzind wurde von den Hörern auch akzeptiert, obwohl sie Baslerdeutsch spricht.»
    (Quelle: 20min.ch vom 21.08.07)

  • Ein Arzt ohne Reifen hilft niemanden
  • Natürlich waren die verbalen Angriffe auf Person von Katrin Wilde hässlich, aber gab es nicht auch genauso viele Heiratsanträge? Es war auch nicht klar, ob absichtlich gerade ihr Auto aufgebrochen wurde. Es stehen so viele Autos mit deutschen Kennzeichen in Zürich, und die vielen zerstochenen Reifen sind Vandalenakte, keine Frage, bei denen nicht danach geschaut wird, ob der Fahrzeughalter oder die -halterin beim Radio, als Pfarrer bei der Reformierten Kirche oder im Spital als Notfall-Chirurgin arbeitet.
    Wünschen wir diesen Vandalen, dass sie mal im Universitätsspital von einem solchen Fahrzeughalter im Notfall operiert oder auf Station gepflegt werden müssen.

    Deutsche werden nicht beschimpft, auch wenn alle Fahrgäste den Kopf schütteln, wenn die Berliner Tramchauffeuse in Zürich versucht, die Haltestellen möglichst schweizerdeutsch auszusprechen: «Opernhuus» – und es doch nicht schafft.

    Wie kann man die drei Silben von „Opernhuus“ eigentlich falsch aussprechen? Statt mit dem Kopf zu schütteln, wobei sinnlos Energie verschleudert wird und Hirnmasse unnötig in Bewegung gerät, rate ich in einem solchen Fall doch lieber gleich aufzustehen, das Tram auf direktem Wege zu verlassen oder nach vorn zu kommen, um dort
    a) ab sofort den Platz der Tramchauffeuse einzunehmen oder b) ihr einen kostenlosen Sprachkurs anzubieten.

  • Klapproth für die Tagesthemen, Anne Will zu 10 vor 10
  • Normalität in der Schweizer-Deutschen Medienwelt kehrt vielleicht ein, wenn Stephan Klapproth oder Susanne Wille mal ein paar Wochen beim ARD die Tagesthemen moderieren, und in der Zeit Anne Will bei 10 vor 10 die Vertretung macht. Von Sus-anne zu Anne und von Will-e zu Will ist ja nicht weit.

    

    52 Responses to “Jetzt gehen sie wieder — Gehen sie wirklich?”

    1. cydet Says:

      © Phipu

      das….. „Manchmol hän ihr Schwyzer scho en Schuß. So Probleme hän mir mit de
Schnellschwätzer nüt.“……. von Bernd klingt für mich als Basler aber gar nicht baseldütsch, deshalb hab ich ihn auch gefragt: „wo denn das“.
      dachte eher an patänzerisch/schwäbisch oder so und hätte diese aussage somit ironisch/witzig empfunden. leider kam keine antwort

    2. S'pore Schwiizer Says:

      Ich habe mich lange amuesiert ueber die hitzigen Diskussionen und Verallgemeinerungen beider Seiten zum Deutsch-Schweizer Verhaeltnis und kann darueber eigentlich nur Schmunzeln. Aber was ich hier von „Gery us bueli“ hoere stimmt mich einfach nur traurig wenn nicht gar zornig. Der Admin mag meine Wortwahl verzeihen, aber wegen solchen Idioten fuehren wir diese Diskussionen ueberhaupt. Selten habe ich ein so undifferenziertes Bild ueber balkan-staemmige Einwanderer gehoert. Genau solche stupiden Stimmen sind es, die das Ansehen eines Landes und die Wahrnehmung eben dieses im Ausland zerstoeren. Ich habe sehr gute Freunde aus den von dir zitierten Regionen und wuerde nicht einen von ihnen missen wollen (das gilt auch fuer meine Deutschen Freunde ;)).

      Zudem ist es doch offensichtlich, dass es genauso Taeter aus Schweizer Familien sind, welche verschiedenste Delikte begehen. Ich als arroganter Zuercher wuerde lieber in Nordkorea leben, als in einem Land in welchem der Mix der Kulturen, wie wir ihn in der Schweiz mancherorts haben, verloren ging.

      Bemerkung am Rande: in Singapur feiern, essen, trinken Deutsche und Schweizer zusammen, um sich gemeinsam ueber die hiesigen Klischees zu belustigen und handkehrum von den Singapurern (ueberaus freundlich!) veraeppelt zu werden.

      Tragisch ist, wie viele Leute nur noch schwarz/weiss sehen und den Sinn fuers ganze Spektrum verlieren!

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