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Was soll ich anlegen — Hast Du zuviel Geld?

  • Verwirrungen durch ein Schweizer Verb
  • Fragt mich doch eine Schweizer Freundin: „Du, was soll ich anlegen“? Ich bin irritiert, und frage zurück: „Hast Du denn soviel Geld über, dass Du Dir über das Anlegen Gedanken machen müsstest?
    Sie sprach nicht von Geld, sondern von Kleidern, die man in der Schweiz nicht „anzieht“, sondern „anlegt“. Denn über Geld, das man anlegen möchte oder angelegt hat, darüber spricht man sowieso nicht in der Schweiz. Es reicht doch, wenn man es hat.

  • Schöne Kleider anlegen
  • Wenn wir als Deutsche hören, dass jemand „schöne Kleider anlegt“, dann vermuten wir, dass es sich hier um einen Kammerdiener bei eine königlichen Hoheit handelt, stundenlang damit beschäftigt, noble Roben anzulegen. Der Französische Sonnenkönig Ludwig XIV. (französisch Louis XIV, Louis le Grand) beschäftigte zahlreiche Adelige an seinem Hof in Versailles damit, ihm beim morgendlichen „Anlegen“ zu helfen. Die Adeligen durften ja nicht arbeiten, also blieb als Zeitvertreib nur das Theater, die Konversation in der höfischen Gesellschaft und die Jobs beim „Lever“ des Sonnenkönigs:

    Der Tagesablauf des Sonnenkönigs verlief wie ein feierlicher Staatsakt: Ludwig wurde in strenger Reihenfolge angekleidet und danach (am späten Morgen) erschienen die Prinzen und andere Adelige.
    Die Rangfolge des Ankleidens lautete: das Hemd, die Unterhose, die Strümpfe, das Beinkleid, die Schuhe, die Weste und der Rock. Ihm wurde ein kleines Waschbecken und ein Handtuch hingehalten, damit er sich das Gesicht und die Hände waschen konnte. Anschließend reichte man ihm die Parfümflasche, die Puderdose, die Lockenperücke, die Spitzenkrawatte, die Gürtelschärpe aus Seide und den Degen.
    (Quelle:)

    Für jedes Kleidungsstück, das „angelegt“ wurde, gab es ein eigenes Amt, das mit hohen Ehren verbunden war.

  • Leg dich nicht mit Bühnentechnikern an
  • In Deutschland wird „anlegen“ noch für „Streit suchen mit jemanden“ gebraucht. Etwas, was den Schweizern von Natur aus sehr schwer fällt. Immer auf Harmonie bedacht, in gegenseitiger Einvernahme allen zuzuhören und so lange zu diskutieren, bis eine Konkordanzlösung gefunden ist, gehört zu den grossen Tugenden der „Willensnation“. Die Deutschen lieben es direkter, möchten gern frei heraus und klar ausgedrückt hören, was eigentlich Sache ist, an statt diplomatisch miteinander umzugehen. So sagte der deutsche Intendant des Zürcher Schauspielhaus, Matthias Hartmann im Interview mit dem „Magazin“ über seine Zeit im Ruhrgebiet:

    In Bochum goutiert man den direkten Ton, da wollen die Jungs Bescheid wissen. In der Schweiz muss man das rhetorische Florett beherrschen. Aber ich bin ja ins Ausland gegangen, weil ich mir etwas davon erhofft habe.
    (Quelle: Das Magazin 11- 2006 S. 10)

    Und prompt legte sich die Bühnentechnik mit ihm an, nahm ihn als Deutschen „Sündenbock“ und Projektionsziel beim Streik wegen Gehaltsforderungen. Kurz darauf hatte im Zürcher Schiffsbau „Othello“ von Shakespeare Premiere, ganz ohne Bühnenbild und fast ohne Requisite. Aus der Not entstanden, ohne Technik arbeiten zu müssen? Als Trotzreaktion, so nach dem Motto: „Ich kann auch ohne Technik“? Oder tatsächlich eine rein künstlerische Entscheidung? Ganz egal, es war auf jeden Fall eine grandiose Inszenierung, Theater pur und zum Anfassen nah. Das Publikum wurde, wie so oft bei Hartmann, in das Spiel einbezogen. Es durfte bei der Hochzeit im Stück mit Sekt und Bier anstossen, und über den Zeitpunkt der Pause wurde demokratisch abgestimmt.

  • Goutiert man auch in Osnabrück?
  • Hat Matthias Hartmann wirklich „goutiert“ im Interview mit dem Magazin gesagt? Als Ex-Norddeutscher aus Osnabrück ein französisches Lehnwort verwendet? So schnell kann es gehen, wenn man in Zürich wohnt. Darum foutieren wir uns jetzt mal und rekurrieren zum „anlegen“. Das können die Schweizer nämlich noch woanders: Auf dem Schiessplatz beim obligatorischen Scharfschützentraining. So hat halt jedes Volk seine Vorlieben. Die einen streiten gern öffentlich, die anderen ballern lieber auf dem Schiessplatz und verlieren dabei hoffentlich auch ihre Aggressionen, zum Wohle aller. Die Deutschen hingegen ballern lieber weiter am Ballerman-Strand.

    

    8 Responses to “Was soll ich anlegen — Hast Du zuviel Geld?”

    1. Mänu Says:

      Zum Thema „Kleider anlegen“: bei uns in Bern nennt man das Gegenteil davon nicht „ausziehen“, sondern „abziehen“.

    2. Geissenpeter Says:

      Nicht „das foutieren wir“, sondern „darum foutieren wir uns“.

    3. Markus M. Says:

      Millionen von Menschen werden Sie sehen, Herr Wiese. Da werde selbst ich nervös, nun ja, ich sehe Sie dann morgen im Fernsehen.

      Markus M.

    4. Administrator Says:

      Millionen von Menschen… und sogar ein nervöser Troll darunter…
      Dann kann ja einfach nix schief gehen, würde ich sagen.

    5. waltraut Says:

      Es gibt auch noch die schöne „Aalegi“ – ein schönes Outfit wie wir auf Neudeutsch sagen.

    6. Thinkabout Says:

      Also, ich bin beim Sonnenkönig hängen geblieben. Seinen Ritus der Kleideranlege möchte ich mir nicht zulegen. Ist jemandem aufgefallen, in welchem Zeitpunkt Seife und Waschlappen zum Einsatz kamen?
      Also, das Parfum zu erfinden, war da ja ganz offensichtlich eine Art Notwehr…

    7. Phipu Says:

      zu Mänus Kommentar:
      tatsächlich sagen wir nicht nur „anlegen“, sondern auch „abziehen“ bei Kleidern. Volltreffer, sogar im Net kommt dieser Fehler vor.
      http://www.google.ch/search?hl=de&q=kleider+abziehen&meta=

      „Achtung, passt auf beim ANLEGEN, damit ihr nicht über den Tisch ABGEZOGEN werdet.“ hat nichts mit Kleidern zu tun, sondern eher mit Geld. Was auf deutsch eigentlich „über den Tisch ziehen“ heisst, führt bei Schweizern nach unten, weil auch beim berndeutschen synonymen Ausdruck „ab“ vorkommt. Nach „abschrisse“, „Tisch abziehen“ (letzteres mit Gänsefüsschen eingeben) googeln, beides bringt tatsächlich Resultate.

      an Jens
      Übrigens habe ich entdeckt, dass „rekurrieren“ mit „r“ oder „rr“ geschrieben wird. (Die Rechtschreibereform verunsichert alle. Zum Glück zeigt Google die Anzahl Treffer an, um die wahrscheinliche Richtigkeit zu erahnen). Bei Google kommen auch deutsche Seiten zu diesem Fremdwort vor. Im deutschen Sinn geht es allerdings eher um „zurückgreifen auf“. In der Schweiz versteht man eher „Rekurs ergreifen/Einsprache erheben“. Das kannst du sicher auch mal entsprechend verpacken und zum Tagesthema machen.

    8. Guizza Says:

      Die Schweizer legen auf dem Schiessplatz nicht an. Sie schlagen an.

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