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Nicht zur Minna sondern Minne machen — Schweizerdeutsch der Gegenwart

Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 24.02.06 auf Seite 2 einen Artikel zur anstehenden Abstimmung vom 21.05.06. Thema: Bundesrat, Parlament und die Kantone werben gemeinsam für den „Bildungsraum Schweiz“. Der Artikel ist überschrieben mit

In Minne für Schul-Harmonisierung

In Minne für Schul-Harmonisierung
Die Minne ist bekannt aus der „Minne-Lyrik“, den Liebesgedichten zur Zeit des Mittelhochdeutschen, zur Zeit der Dichter „Walther von der Vogelweide“, „Hartmann von Aue“ und „Gottfried von Strassburg“:

Minne ist eine spezifisch mittelalterliche Vorstellung von gegenseitiger gesellschaftlicher Verpflichtung, ehrendem Angedenken und Liebe, die die adlige Feudalkultur des Hochmittelalters prägte.
(Quelle: Wiki)

Der Sprachstand dieser Literatur ist dem modernen „Höchst-Alemanisch“, dem Schweizerdeutschen also, erhalten geblieben:

Hôchzit statt Hochzeit,
muot statt Mut,
Lîb statt Leib,
frouwe statt Frau

sind nur einige Beispiele dafür.

Die Minne, die hier der Tages-Anzeigers zitiert, wird sogar im Duden erwähnt:

Mi.n|ne, die; – [mhd. minne, ahd. minna, eigtl. = (liebevolles) Gedenken]:
1. (im MA.) verehrende, dienende Liebe eines höfischen Ritters zu einer meist verheirateten, höher gestellten Frau:
die hohe M. (höfischer Dienst als Ausdruck sublimierter, vergeistigter Liebe für die verehrte Frau als Leitideal der höfischen Erziehung); die niedere M. (Befriedigung des Geschlechtstriebs; sinnlicher Genuss).
2. (altertümelnd) Liebe (1 b):
man verzeiht sich, alles in Minne, man lächelt, man scherzt (Frisch, Cruz 84).
(Quelle: Duden.de)

Das Zitat unter 2. ist von Max Frisch, neben Dürrenmatt und Gottfried Keller der bekannteste Schweizer Schriftsteller. Folglich ist diese Variante von „Minne“ für das Wort „Liebe“ in der Schweiz noch üblich. Von wegen „altertümelnd“, wie kommt die Duden-Redaktion nur wieder zu dieser Einschätzung? Der Tages-Anzeiger ist eine moderne überregionale Tageszeitung, die würde doch nicht auf „altertümelndes“ Vokabular zurückgreifen!

Vergessen wir kurz den Duden und greifen wir zum „Variantenwörterbuch des Deutschen“, dort wird uns das Wort ohne Wertung erklärt:

Minne: in Minne
CH „In gegenseitigem Einvernehmen, ohne Streit, in Frieden“
: Der Abend endete in Minne und mir brachte er sogar eine Riesenüberraschung. Das Substantiv Minne in der Bedeutung „höfische Liebe im Mittelalter“ ist gemeindt.
(Quelle: Variantenwörterbuch S. 504)

Schon gemein, dieses Deutsch, dieses „gemeindeutsch“, Minne aufs Mittelalter zu beschränken. Unser neues Wörterbuch hat Recht. Die Kombination „in Minne“ findet sich bei Google-Schweiz 310 Mal, darunter auch die Weltwoche:

Schwerer dürfte es der Schweizer Delegation fallen, die innenpolitisch umstrittenen Probleme in Minne zu lösen, vor allem bei der unumgänglichen Meldepflicht für Waffen.
(Quelle: Weltwoche.ch)

Zurück zur Minne und zum Mittelhochdeutschen. Das folgende Kurzgedicht ist einer Tegernseer Handschrift vom Ende des 12. Jahrhunderts entnommen. Es beschließt den lateinischen Brief einer Frau an einen Kleriker:

Dû bist mîn, ich bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen;
verlorn ist das sluzzelîn:
dû muost ouch immer darinne sîn.
(Quelle: literaturnische.de)

Schweizer Leser haben beim Verständnis sicher keine Probleme. Deutschen Lesern empfehle ich den Studiengang „Mittelhochdeutsch“ an jeder gut sortierten Deutschen Philologischen Fakultät (=Universität) zu besuchen, auf Magister oder Diplom möglich, auch für ein Lehramtsstudium wird er angerechnet. Wem das zu anstrengend ist, der lese einfach fleissig den Tages-Anzeiger oder ziehe direkt in die Schweiz. Das erspart manches Mittelhochdeutsch-Seminar. Na denn, verbleiben wir in Minne?



7 Responses to “Nicht zur Minna sondern Minne machen — Schweizerdeutsch der Gegenwart”

  1. Mikki Studer Says:

    Das wollte ich schon immer mal anmerken. Der „Tagi“ mag eine überregionale und grosse Zeitung sein, aber sein Deutsch ist absolut provinziell. Ich nehme mal an, das Einstreuen von schweizerdeutschen Wörtern soll den Lesern das Gefühl geben, dass sie noch immer ein bodenständiges Genossenblatt lesen – und grenzt sich damit eindeutig vom korrekten Deutsch der NZZ ab. Somit ist der „Tagi“ natürlich ein gefundenes Fressen für Blogwiese, denn da gibt’s immer was zu finden.
    Der „Tagi“ setzt damit aber keineswegs den Standard für Deutsch in der Schweiz, denn die meisten anderen Zeitungen sind sehr wohl fähig, sauberes Deutsch zu verwenden.

  2. Dan Says:

    Erstaunlich, diese Nähe von mittelhochdeutschen Texten zu Höchstalemannisch ist mir nie so aufgegangen. Haben sich die Alemannen damals aus der Lautverschiebung zum Hochdeutsch ausgeklingt? Kann man einem mittelhochdeutschen Text ansehen, dass er eher alemannisch oder baierisch oder niederdeutsch geprägt ist? Zum Beispiel hat für mich das Lied der Maria Magdalena aus dem Benediktbeurer Passionsspiel irgendwie norddeutsch geklungen (man stelle sich dabei Käpt’n Blaubeer als Sprecher vor):

    Chrâmer, gip die varwe mir, die mîn wengel roete,
    damit ich die jungen man ân ir danch der minnenliebe noete.
    Seht mich an, jungen man! lat mich iu gevallen!

    Aber nach Deinen Erläuterung sieht das glasklar wie Schweizerdeutsch aus, alleine schon die beiden ‚ch‘ anstelle eines ‚k‘. Es könnte glatt ein Songtext von einer Mundart-Band sein.

  3. Peter Says:

    Ist Schweizerdeutsch eigentlich Mittelhochdeutsch? Nun, so einfach ist es nicht.

    Grob kann man das so sehen: Die sprachlichen Neuerungen, welche zum heutigen Standartdeutsch führten, durchliefen das alemannische Gebiet (also südlich von Karlsruhe, östlich der Vogesen, westlich der Lech und nördlich des Alpenhauptkamms) in Südwestrichtung. Dabei wurden sie gewissermassen „abgebremst“. Je weiter südwestlich ein alemannischer Dialekt liegt, desto weniger Neuerungen erreichten ihn. Das führt dazu, dass sich im Wallis und den südlichsten Kolonien der Walser nicht nur mittelhochdeutsche, sondern sogar althochdeutsche Formen in grosser Zahl finden.

    Dem Standarddeutschen am nächsten steht das Schwäbische im Nordosten der Alemannia (Hous statt Hûs, reych statt rîch), dann folgt das Niederalemannische im Oberrheingebiet und im Vorarlberg (Kind statt Chind), dann das Oberalemannische im Schweizer Mittelland und Südschwarzwald (trinke statt trîhen, choorn statt chôren), zuletzt das Höchstalemannische, welches im Freiburger Alpenvorland, den nördlichen Alpentälern, dem Wallis und den Walser Kolonien gesprochen wird. Hier finden sich dann unzählige mittelhochdeutsche und althochdeutsche Relikte, etwa „Gouch“ für Narr, „Att“ für Vater, „Aar“ für Adler etc. Im Bereich der Walser Mundarten werden Nomen z.T. noch mittels verschiedener Endungen dekliniert, und das ursprüngliche germanische s (jenes von vor der ersten Lautverschiebung) wird noch als „sch“ ausgesprochen („schi“ statt sie).

    Dieser Reichtum an alten Formen ist es ja auch, der die Dialekte wertvoll für den Erwerb von Fremdsprachen macht. Leider geht er zusehends verloren, was mit einer sprachlichen Verarmung einhergeht, die hier ja zur Genüge diskutiert worden ist…

    Sehr empfehlenswert dazu ist übrigens der dtv-Atlas zur deutschen Sprache – preiwert, kompakt, verständlich geschrieben, aber ein sehr guter Einstieg ins Thema… Bei Wiki gibt es unter „Alemannisch“ noch eine ganz aufschlussreiche Karte dazu.

    Liebe Grüsse

    Peter

  4. Pio Says:

    @mikki:

    Hallo,
    die NZZ benutzt sehr wohl ein formalisiertes „nicht ganz reines Hoch-„Deutsch (ich habe nach den Richtlinien mit den genauen Anweisungen für Autoren gesucht, sie aber auf der Website der NZZ nicht gefunden).
    Dabei werden einige Wörter französisch geschrieben „placieren“
    http://verlag.nzz.ch/ger/werbung/nzzplus/markt_immobilien.html
    http://www-x.nzz.ch/folio/archiv/2005/04/articles/zimmermann.html
    http://www.nzz.ch/2005/12/29/bm/articleDEQAC.html

    und Helvetismen verwendet „ins dicke Tuch gehen“
    http://www.nzz.ch/2005/07/25/au/articleD01SV.print.html
    allerdings weniger penetrant (und eigentlich fast nie im Titel, vom Gegenteil lasse ich mich überzeugen) als im Tagi.

    Gruss,

    Pio

  5. Martin Lohner Says:

    Bezüglich etymologisch-correcter Schreibweisen in der NZZ:

    Es gilt das ungeschriebene Gesetz, dass in jeder Ausgabe mindestens einmal das Wort Plastic verwendet werden muss, sei es noch so deplaciert. Das Schizophrene daran ist, dass Potential neuerdings mit Z geschrieben wird.

  6. HaegarCH Says:

    Macht eine gute Mine zu diesem Artikel *g*

  7. Alsatian Says:

    Minne kommt übrigens vom Elsässischen „Dü bisch minne“.
    Auf Neudeutsch: „Du bist mein“.

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