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Portiert bis in die Ausmarchung — Schweizer Politiksprache für Fortgeschrittene

  • Politik auf Schweizerdeutsch
  • In einem Leitartikel zum Thema „Wahlen Zürich“ im Tages-Anzeiger vom 13.02.06 schreibt Martin Huber über das Rennen zwischen CVP-Kandidat Gerold Lauber und Roger Liebi von der SVP. Gewöhnlich müssen wir den Tages-Anzeiger aufmerksam lesen, um unsere Fundstücke für die Blogwiese aufzulesen. Diesmal hätten wir im Prinzip den ganzen Artikel zitieren können. Es beginnt klassisch-schweizerisch mit: „Für einmal“, geht weiter mit einem „absoluten Mehr“ und findet seinen ersten Höhepunkt in der Formulierung:

    „(…) in den SVP-Hochburgen 11 und 12 schwang Lauber klar obenaus.“

    Ob das auch ein Begriffl aus der Schwingersprache ist, so wie Hosenlupf? Er schwang obenaus, wurde er dabei von jemanden geschwungen? Von einem Schwinger vielleicht? So ganz können wir die Bildlichkeit des Begriffes zwar nicht verstehen, aber es ist sicher hübsch anzuschauen.

    Portiert in die Ausmarchung
    Im zweiten Absatz finden wir den „Unterbruch“, und dann den Satz:

    „Er war als klarer Favorit in die Ausmarchung gegangen“.

    Die „March“ ist ein feuchtes Sumpfgebiet nördlich von Freiburg im Breisgau mit einem Dorf, das so heisst. „Marsch“ ist ein Schwemmland, wie wir bei Wiki erfahren. Im Kanton Schwyz gibt es einen Bezirk, der „March“ heisst. Aber eine „Ausmarchung„? Ob es da auch so feucht ist wie in einer Marschlandschaft?

    Wir ziehen den Duden zu Rate. Der verrät uns, dass das Wort „die Ausmarchung“ schweizerisch ist und soviel bedeutet „das Ausmarchen“. Also suchen wir „das Ausmarchen“ und finden als Erklärung, wer hätte es nicht gedacht, „schweizerisch für ‚Die Ausmarchung’“.

    Nur im alten Duden aus Papier steht erklärt:

    aus|mar|chen (sw. V.; hat) (schweiz.): (Rechte, Interessen) abgrenzen,
    durch Auseinandersetzung festlegen: Kredite ausmarchen, deren

    Google-Schweiz kennt 765 Belege:
    Beispiel:

    Die verbandsinterne Ausmarchung hat das Verhältnis zu Fritz Schuhmacher aus meiner Sicht sicher nicht belastet.“
    (Quelle: onlinereports.ch)

    Und wir Naivlinge glaubten, hier wird das Resultat einer Wahl besprochen!

    Im zweiten Abschnitt des Artikels kommt noch eine Science-Fiction Komponente hinzu:

    „Dass er das Blatt noch wenden konnte, hat er vor allem der SP zu verdanken, die ihn offiziell portiert hatte (…).“

    Dann ist also der Tele-Porter in der Schweiz schon erfunden, wenn das Portieren hier so einfach zu realisieren ist? Ganz falsch, es ist einfach nur ein neuer Fall von Schweizer Politiksprache zu beäugen:

    por|tie|ren (sw. V.; hat) [frz. porter, eigtl. = tragen < lat. portare] (schweiz.): zur Wahl vorschlagen, als Kandidaten aufstellen:

    Ich glaube, ich gebe es jetzt auf und trinke lieber ein Gläschen Port. Wer könnte mir den rasch portieren?

    

    2 Responses to “Portiert bis in die Ausmarchung — Schweizer Politiksprache für Fortgeschrittene”

    1. Phipu Says:

      Also so unverständlich ist „ausmarchen“ nun auch wieder nicht. Die March ist nicht nur ein Bezirk im Kt. SZ sondern auch ein GRENZfluss zwischen Österreich und Tschechien und der Slowakei siehe http://de.wikipedia.org/wiki/March_(Fluss) . Eben in Richtung Grenze weist auch der http://www.duden.de zum Wort „March“:
      Mark, (Artikelvorschau) Mark, die; -, -en [mhd. marc, march = (Grenz)zeichen, Grenzland, ahd. marcha = Grenze]: (in karolingischer … (weiter nur für bezahlende und abonnierte Benützer). Damit könnte man „Ausmarchung“ mit „Abgrenzung“ übersetzen. Hmm, das trifft ja wohl für Bauern zu, die ihr Land abstecken. Woran erinnert sich der Deutsche, wenn er „Mark“ hört? Natürlich, eine Zähl- und Wert-Einheit. Übrigens, eine BriefMARKe kann man in Deutschland auch heute noch so richtig kompliziert „Postwertzeichen“ nennen. Zusammenfassend:
      1) viel Land ausmarchen = reich,
      2) viele Mark abzählen = reich, falls unterdessen in Euro umgetauscht,
      3) bei der Ausmarchung viele Stimmen zählen = einflussreich.

      „Obenaus schwingen“ ist ganz richtig interpretiert. Beim Schwingen landet der Verlierer auf dem Rücken im Sägemehl, der Gewinner ist also oben. Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Schwingen

      „Portieren“ hat durchaus politisch-geschichtlichen Sinn. Siehe http://www.comedix.de/lexikon/db/majestix.php . Nach vielen Lektionen wird dir sicher dein Hund den Portwein APPortieren. (Hinweis: funktioniert besser mit der geschlossenen Flasche als mit einem Glas auf einem Tablett)

    2. Fred Says:

      Vielen Dank. Sehr interessanter Beitrag.

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