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Wenn der Griff zum Wörterbuch zu anstrengend ist — Der Effort in der Schweiz

Je länger wir in der Schweiz leben, desto besser wird unser Verständnis für Fremdsprachen. Hatten wir in unserer Deutschen Heimat nur sehr selten zu tun mit Sätzen wie „das tangiert mich jetzt nur äusserst peripher“, oder „die Stringenz ihrer Beweisführung ist eklatant“, so kommen wir, seit wir in der Schweiz leben, kaum mehr dazu, das Französisch- oder Fremdwortlexikon im Alltag aus der Hand zu legen.

So fanden wir bei der Lektüre der Wochenendbeilage vom Tages-Anzeiger, Das Magazin (06-2005) den Satz:

Wir unternehmen wirklich einen Effort, das politische Geschehen, wenn nicht zu begreifen, so doch wenigstens in diskussionsfreudiger Runde klug kommentieren zu können.
(Quelle: Sabine Windlin „Al-Zungenbrecher“)

Es ist eine echte Anstrengung, diesen merkwürdigen Ausdrücken immer wieder nachzuspionieren. Natürlich müssen wir ihn gleich mal schnell googlen, diesen „zusätzliche Effort“, bei Google-Schweiz und kommen immerhin auf 72 Belege.

Beispiele:

Unter diesen Umständen hält es der Bundesrat für angezeigt, bei Auffangaktionen in der Region mitzuwirken und mit einem zusätzlichen Effort zu versuchen, Personen, die des Schutzes unseres Landes nicht bedürfen, noch konsequenter als heute beim illegalen Grenzübertritt anzuhalten.
Quelle: admin.ch)

Oder hier:

Lernen in einer Fremdsprache erfordert zusätzlichen Effort.
(Quelle: aum.iawf.unibe.ch)

Das entbehrt nicht einer gewissen „inhärenten“ Lustigkeit, dieser Satz.

Oder im Tages-Anzeiger:

Trotz der Kritik der israelischen Regierung verstärkte Aussenministerin Micheline Calmy-Rey am Wochenende in New York ihren Effort zu Gunsten des Genfer Abkommens
(Quelle: Tages-Anzeiger 27.10.03)

Man könnte meinen, der Effort sei ihr Bodyguard, so stark und kräftig.

In Deutschland taucht bei Google.de das Wort Effort nur in der Englischen Bedeutung auf, in Wörterbüchern etc.:
beim „Best-Effort-Service“ in der Netzwerktechnik:

Mit Best-Effort Service wird das einfachste Modell eines Netzwerkes in Bezug auf die leistbare Dienstgüte (quality of service) beschrieben. In einem Best-Effort Service kann jede Anwendung so oft und so viele Daten senden wie sie möchte ohne das Netzwerk fragen oder benachrichtigen zu müssen. Das Netzwerk liefert die Daten aus, wenn es dazu in der Lage ist. Garantien bezüglich Verfügbarkeit, Verzögerung oder Durchsatz werden nicht gegeben.
(Quelle: it-administrator.de)

Also wird es Zeit, die Bedeutung dieses Wortes für alle Zeiten zu klären. Wie immer kurz und bündig durch unseren Duden:

Ef|fort der; -s, -s aus gleichbed. fr. effort:
(veraltet) Anstrengung, Bemühung.

Veraltet? Wieso veraltet? Haben wir nicht eben zahlreiche praktische Verwendungsmöglichkeiten aus der Schweiz vorgeführt. Wie kommt der Duden nur immer zu diesen Einschätzungen? Man sollte der Redaktion des Dudens unbedingt mal ein Abonnement des Tages-Anzeigers schenken, dann hätten sie dort täglich ihre Freude an so genannten „veralteten“ Formulierungen.



4 Responses to “Wenn der Griff zum Wörterbuch zu anstrengend ist — Der Effort in der Schweiz”

  1. monoblog Says:

    zwischen ihren humorvollen bemühungen und dem wort effort besteht durchaus ein kausaler zusammenhang 😉

  2. sylvie Says:

    Zudem ist EFFORT auch,vor allem in der Schweiz häufig vorkommend, ein eingedeutschtes französisches Wort 🙂

    wie zum beispiel auch :

    das Trottoir == Gehsteig
    der Coiffeur == Friseur
    das Duvet == Daunendecke

    ferner im Berndeutschen:)

    Gugumere== Salatgurke== Concombre
    ds Gunträäri == Gegenteil == au contraire u.v.m.

  3. Sam Says:

    Die „leistbare Dienstgüte“ wäre auch einige Überlegungen wert 😉

  4. geronimo Says:

    Lieber Jens, ich glaube wir müssen Dir noch helfen Dir bessere Zeitungen zu erschliessen. Wer nur diese beiden Schriftwerke liest, kennt weder die Schweiz noch die Welt… Lesen mag ja noch angehen, aber auch noch zitieren? Nur Nette, Linke, Grüne, Grünliberale, VCS-Mitglieder und ähnliche lesen den Tages Anzeiger und sein Magazin. Vernünftige lesen den Blick, den Appenzeller Volksfreund, das Lichtensteinische Vaterland, die Thurgauer Zeitung, „Der Bund“ und das Tagblatt der Stadt Zürich:-)
    Wem das nicht genügt der hat ja noch die NZZ, das St. Galler Tagblatt, die Basler (ja nicht Baseler) Zeitung, Mittellandzeitung, …

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