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Ein Volk von Leseratten? — Wenn jemand „über die Bücher muss“

  • Alle lieben Bücher
  • Zuerst glaubten wir, die Schweizer sind ein absolut bibliophiles (=Bücher liebendes) Volk von Leseratten. Eine Ärztin sagte uns in einem Beratungsgespräch: „Da muss ich erst noch mal über die Bücher“. Wir fragten uns, warum sie so plötzlich Begeisterung für Literatur entwickelte. Dann stiessen wir bei unserer täglichen Zeitungslektüre immer häufiger auf diese Formulierung:

    Pierre Marchand, Geschäftsführer beim Konkurrenten Eschenmoser, zeigt sich überrascht: „Wir müssen nochmals über die Bücher. Da gibt es einige tatsächlich happige Preisunterschiede.“
    (Quelle: SonntagsZeitung 5.2.06, S. 95)

    Über die Bücher müssen
    Nun, der Mann verkauft Unterhaltungselektronik und keine Romane. Wenn der „über die Bücher“ muss, dann bestimmt nicht, um seine Leselust auszuleben. Ausserdem war ja das Wörtchen „müssen“ mit im Spiel, was wir ganz und gar nicht gern im Zusammenhang mit „Lesen“ und „Bücher“ gehört haben möchten.

    Wir wollen mal schauen, wer sonst noch so über die Bücher muss:
    Eine humanitäre Organisation:

    (…) sagt Rafael Chanchavac, nicht ohne selbstkritisch anzufügen: «Wir müssen über die Bücher und unsere politische Arbeit anpassen.»
    (Quelle: guatemalanetz.ch)

    Der kantonale Migrationsdienst laut der sozialistischer Wochenzeitung „Vorwärts“:

    Wenn sie zu lange bleiben, statt mit uns zu kooperieren, widerspricht dies unserem
    Konzept und wir müssen über die Bücher gehen.»
    (Quelle: vorwaerts.ch)

    Sogar ganze Staaten machen sich fleissig ans Lesen:

    Schweiz und EU müssen über die Bücher
    (Quelle: nzz-online)

    Natürlich geht es in all diesen Beispielen nicht um schöngeistige Literatur, ums Bücher „Lesen“ sondern ums „Halten“, um die „Buchhaltung“ in der Schweiz. Das Aufstöbern von Einsparmöglichkeit beim Studium der offensichtlich immer noch papiergeführten Einnahmen- und Ausgabenverwaltung:

    Google-Schweiz bringt 176 Belege für „müssen über die Bücher“.
    Ein Trauerspiel in dieser Hinsicht ist der Vergleich mit Deutschland, denn Google-Deutschland kann nur 36 Belege auflisten, die alle mehr oder weniger aus der Schweiz stammen.

    Was lerne wir daraus? Werde Buchhalter in der Schweiz, und Du hast stets ein sicheres Auskommen, denn hier müssen alle ständig „über die Bücher“!

    

    2 Responses to “Ein Volk von Leseratten? — Wenn jemand „über die Bücher muss“”

    1. HaegarCH Says:

      Naja, dabei ist es wohl einfach zu verstehen, was damit gemeint ist. Nämlich das Vorgehen oder das Resultat nochmals zu überprüfen. Dies besonders dann, wenn man mit dem Ergebnis nicht zufrieden ist, oder nicht sicher ist, ob es stimmt. Wenn du deinen Kindern die Hausaufgaben überprüfst, gehst du ihnen gewissermassen nochamls über die Bücher.

    2. Gizmo Says:

      also ich als norddeutscher kenne den ausdruck auch….

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