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Warum nach Paris fahren für die Kunst? — Die Kunstsammlungen in Winterthur

  • Die heimliche Kunsthochburg Winterthur
  • Was tut ein kunstinteressierter Schweizer/Deutscher/Franzose, wenn er mal so richtig in der „Klassischen Moderne“, in Meisterwerken von Van Gogh, Monet oder Picasso schwelgen will? Richtig! Er fährt nach Paris, der absoluten Kunst-Hochburg Europas. Dabei liegt das Gute viel näher, viel versteckter, und selbst an Wochenenden nur wenig besucht:
    Winterthur ist einzigartig durch seine grosse Zahl von hochkarätigen Meisterwerken der Kunst.

  • Im Umkreis von 300 Km nichts Vergleichbares
  • Als wir noch in Stuttgart bzw. Freiburg im Breisgau lebten, nahmen wir bestimmt mindestens zwei Mal im Jahr die 2 ½ Stunden Autofahrt auf uns, um nach Winterthur zur Sammlung Oskar Reinhart am Römerholz zu pilgern:

    Die Sammlung Oskar Reinhart gehört zu den bedeutendsten Privatsammlungen des 20. Jahrhunderts. Sie umfasst etwa 200 Werke der europäischen Kunst vom 14. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Das Schwergewicht liegt auf der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts, insbesondere auf der Malerei der französischen Impressionisten und den Vorläufern.
    (Quelle:)

    Der Clou an dieser Sammlung ist das besondere Ambiente. Kein nüchterner Museumsbau, sondern die umgebaute Privatvilla des Winterthurer Kaufmanns Oskar Reinhart (1885-1865).

  • Beim Sammler daheim
  • Man ist quasi beim Kunstsammler zu Hause, schlendert durch seinen Salon, sein Kaminzimmer, kann im Vorbeigehen einen waschechten Pieter Bruegel bewundern, bis man zum ausgebauten Wintergarten vorstösst, in dem alles hängt, was die Kunstgeschichte im 19 Jahrhundert an namenhaften Werken hervorgebracht hat.

    Oskar Reinhart hatte testamentarisch verfügt, dass seine Sammlung nie ausgeliehen werden darf, so können Sie sich fest darauf verlassen, dass die Bilder immer am Ort sind.
    Französischer Klassizismus (einer der seltenen Davids hängt hier), Realismus (Gustave Courbet), Impressionismus (Cézanne, Monet, Manet) und Postimpressionismus (zwei Van Goghs!, Toulouse Lautrec),
    Die Clownesse Cha-U-Kao von Toulouse Lautrec (mit freundlicher Genehmigung des Museums):
    Die Clownesse Cha-U-Kao von Toulouse Lautrec
    alles ist vertreten und Sie werden nie wieder das Bedürfnis verspüren, nach Paris zu fahren wegen der Kunst.
    Das Hospital in Arles von Van Gogh:
    Das Hospital in Arles von Van Gogh

  • Dreister Kunstraub morgens um 10.00 Uhr im 13ten Arrondissement
  • Dort in Paris fuhren einst dreiste Räuber morgens um 10.00 Uhr vor das Musée Marmottan im 13e Arrondissement und sperrten das Personal in einen Raum, bevor sie das berühmte Gemälde Claude Monets, „L’impression soleil levant“, nach dem der Impressionismus benannt wurde, einfach kidnappten. Viele Jahre später konnte dieses Bild in Japan sicher gestellt werden und in das Museum zurückgelangen. Seitdem rechne ich bei jedem Besuch in der Oskar Reinhart Villa damit, dass plötzlich ein Hubschrauber im Garten landet und ein Kunst-Überfall-Kommando die Sammlung abräumt, denn die nächste Polizei ist weit, und von grossartig bewaffneten Aufpassern ist nichts zu spüren hier am Stadtrand von Winterthur. Nur zwei äusserst freundliche Damen am Empfang sind dort, die uns diskret mit der Kunst allein lassen.

    Das Museum ist Sonntags bei den Winterthurern sehr beliebt, wegen seines Cafes mit Terrasse und Blick auf die Stadt, zum gemütlichen Brunchen. In der Sammlung sind Sie dann um diese Zeit meistens allein unterwegs.

    Wenn Sie anschliessend noch ein bisschen Power haben, müssen Sie unbedingt noch ein weiteres, völlig verstecktes Highlight der Kunstszene Winterthurs bewundern: Das Museum Oskar Reinhart. Sie finden es unten in der Stadt. Am Sonntag gibt es dort sogar fast immer freie Parkplätze direkt beim Museum. Es hängt dort ein Hauptwerk der Deutschen Romantik, die berühmten „Kreidefelsen von Rügen“ von Caspar David Friedrich:
    Die Kreidefelsen von Rügen hängen in Winterthur

  • Die rote Dame von Rügen
  • Dieses Bild ist als Reproduktion in fast jeder Deutschen Grundschule im Treppenhaus oder im Lesebuch zu finden. Auch unsere Kanzlerin Angela Merkel liess sich während ihres letzten Sommerurlaubs auf Rügen vor diesem symbolträchtigen Sujet fotografieren:
    Angela Merkel vor den Kreidefelsen
    Man achte auf das rote Kleid der Dame oben im Bild von Caspar David Friedrich und auf die Farbe des Pullovers von Frau Merkel. Zufall?

    Sogar die Japaner haben da schon über die Kunstschätze von Winterthur im Japanischen TV berichtet! Und die bringen sonst nicht viel über die Schweiz. Wer glaubt, dass es mit zwei fantastischen Museen in Winterthur genug sei, der irrt gewaltig. Es gibt zusätzlich noch ein gut bestücktes Kunstmuseum, ein international renommiertes Fotomuseum und eine weitere kleine schmucke Privatsammlung, die Sammlung Hahnloser in der Villa Flora. So viel Kunst in so einem kleinen fleissigen Industriestädtchen, wer muss da noch nach Frankreich fahren?

    Wenn Sie nicht so auf Kunst stehen, oder ihre Kinder für ein paar Stunden bequem beschäftigen möchten, parken Sie sie einfach im „Technorama“, aber das wäre schon wieder genug Stoff für einen weiteren Artikel.

    Besuchen Sie mal Winterthur und seine fantastischen Kunstsammlungen! Aber tun Sie uns den Gefallen, und lassen Sie ihre Waffen und den Hubschrauber daheim und die Bilder schön an ihrem Platz, damit die nächsten Besucher sich auch noch an der Pracht erfreuen können. Wäre doch dumm, wenn man dafür demnächst nach Japan fahren müsste.

    

    8 Responses to “Warum nach Paris fahren für die Kunst? — Die Kunstsammlungen in Winterthur”

    1. Peter Says:

      Guten Morgen, lieber Jens: Reinhart mit T, oder täusche ich mich!? Ansonsten Dank für den Tip (alte Rechtschreibung) – Du wirst eine Besucherlawine lostreten! Gruß Peter

    2. räulfi Says:

      Noch ein Tipp, der aber hoffentlich keine Lawine lostritt:
      Warum für einen Kunstdiebstahl nicht nach Oslo?! Der Anfahrtsweg ist zwar weiter als nach Winterthur, dafür brauchts aber keinen Hubschrauber… einfach ins Museum reinspazieren, Bild abhängen und rausgehen…;-))

    3. Branitar Says:

      Das Technorama ist auf jeden Fall eine Empfehlung wert, ich war vor 2 Jahren dort und kann es nur als absolutes „must-see“ bbeschreiben.

    4. monoblog Says:

      sauber recherchiert und gut berichtet: ein winterthurer ;-))

    5. räulfi Says:

      Hier auch noch was für Interessierte:
      http://www.kunsthaus.ch/ausstellungen/2006/merzbacher/

    6. Sonnegger2 Says:

      Irgendwer hat mir gesagt, die Stadt Winterthur hätte, gemessen an ihrer Einwohnerzahl, die weltweit höchste Renoir-Dichte. – Schön für eine Büezer-, Garten- und Schülerstadt, nicht?

    7. ix Says:

      Sammlung Oskar Reinhart „Am Römerholz“, nicht Römerberg!

      [Antwort Admin: Danke für den Hinweis. Jetzt war ich da schon x-Mal, und schreibe es trotzdem falsch… shit happens!]

    8. Docu Says:

      Ich habe mal im Römerholz die Bilder gemeinsam mit meiner deutschen Freundin bewundert,die genau wie ich meinte, ein Bild hinge schief,also habe ich es als ordentliche Papierlischweizerin gerade gerückt, was leider Alarm auslöste und einen hellwachen Wachmann auf den Plan rief, der sich langsam und ruhig danach erkundigte was da vorgegangen sei. Auf meine Erklärung hin sagte er sehr deutlich ganz ruhig und schriftdeutsch ich müsse nicht aufräumen und auch nicht Staub wischen, dafür gäbe es Personal.
      Das Römerholz ist eine oder mehrere Reisen wert und das nicht nur wegen der Kunst sondern auch wegen des Personals.

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