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Chasch du nöd Dütsch redä? — Als Deutsches Kind unter Schweizerkindern

  • Als Deutsche unter Schweizern
  • Wir waren erst ein paar Wochen in der Schweiz, als unsere Tochter auf einem Spielplatz erste Kontakte zu einheimischen Kindern bekam. Diese merkten schnell, dass sie irgendwie anders sprach, und schnell kam es zu der berechtigten Frage:

    Chasch du nöd Dütsch redä?

    Es waren Chinzgi-Kinder, denen der Unterschied zwischen Schweizerdeutsch und Hochdeutsch noch nicht bewusst war. Die Wahrnehmung von „Lehrersprech“ (Hochdeutsch reden, so wie es der Lehrer in der Primarschule redet) kommt erst später in der Sozialisation der Schweizer Kinder. Wir hörten diese Frage von Kindern immer wieder mal, in einem von mir leider nicht transkribierbaren Satz:

    Wiso redsch Du so komisch? Chasch nöd düütsch?

    Die Schweizer Kinder haben keine Scheu vor Hochdeutsch. Sie passen sich rasend schnell an und ahmen die Sprechweise der Geschichten aus der „Sendung mit der Maus“, aus dem „Tigerenten-Club“ und von anderen Kindersendungen des Deutschen Fernsehens nach. Die Abneigung, Hochdeutsch zu sprechen, wird ihnen erst später in der Schule beigebracht, wenn es plötzlich zum Zwang wird, diese unbequeme Sprache zu artikulieren, bei der auch die Lehrer immer es immer wieder vorziehen, sie elegant zu umgehen.

    „Säb mun ich jetz mal uf Schwitzerdütsch erchläre, susch verstönd er das nöd!“—
    „Ich muss das jetzt mal auf Schweizerdeutsch erklären, sonst versteht ihr das nicht…“

    Diesen Satz hörte unsere Tochter nicht selten.

    Ein Deutsches Kind unter Schweizern lernt natürlich schnell, sich sprachlich anzupassen. Dazu gehört auch das Fachvokabular für den Spielplatz:

  • Gigampfen
  • Das Wort findet sich im Duden sehr ausführlich erklärt:

    gi|gamp|fen [Intensivbildung zu alemann.
    gampfen, gampen = schaukeln, auf und ab bewegen, mhd. gampen = hüpfen, springen, stampfen]
    (schweiz.): schaukeln: „Übertragung: eine realistische Politik kann es sich nicht leisten, zwischen Ost und West zu gigampfen“
    (Quelle: Duden)

    Gigampfle ist Schaukeln
    Auch im schwäbsch/bayrischen Sprachraum sind ein paar Varianten davon gebräuchlich:

    Giegampfa Schwaben / Allgäu mit dem Stuhl schaukeln
    Giegampfer Schwaben / Allgäu Jemand der auf einem Stuhl sitzt und hin und her wackelt/schaukelt.
    Gigampfen Schwaben / Allgäu hin und her wippen, z. B. auf den Hinterfüßen eines Stuhls.
    (Quelle:)

    Jetzt wird es schwierig. Heisst das Wort nun „Schaukeln“ oder „Wippen“ oder beides?

    Eine Wippe ist für uns dies hier:
    Wippe für zwei

    Es gibt in der Schweiz noch ein zweites Wort für „Schaukeln„:

  • Gireizle
  • Die Herkunft dieses Worts für „Schaukeln“ ist schwer herauszukriegen. Möglicher Weise hat es was mit Französisch „giratoire“ = Kreisel zu tun, wobei das ja eigentlich zwei ganz unterschiedliche Bewegungen sind. Jedenfalls ist es schon ein sehr altes Schweizer Wort, und es findet sich im schwäbisch/bayrischen Sprachraum mit keine Entsprechung dafür. (Siehe: )

    Irene Hammermüller kam als Fünfjährige aus dem zerbombten Wien durch die Kinderverschickung des Roten Kreuzes in die Schweiz. Ihre spannenden Erinnerungen kann man hier nachlesen: Quelle

    Das Schrecklichste war für mich sicher, dass ich kein Wort Schwyzerdütsch verstand. Ich ging ja noch nicht zur Schule, konnte also auch nicht Hochdeutsch, sondern sprach wienerisch. Das gab sich allerdings bald. Ich lernte sehr schnell, und nach einigen Tagen begann ich mich schon mit der ganzen Familie, mit den Kindern auf dem Kirchplatz vor dem Haus, mit den Gästen im Gasthaus auf Schwyzerdütsch zu unterhalten. Mama erzählte mir immer, wie schnell ich diese doch schwierige Sprache gelernt habe. Es gefiel mir hier sehr gut, zu gut – ich war im Nu kein „Wienerli“ mehr, sondern ein Schweizerkind geworden.

    Per Verschickung zu den Schweizern

    Sie lernt dort die Kindersprache und kann sich danach mit ihrem Bruder nur noch schwer verständigen:

    Fritz sprach eine völlig fremde Sprache für mich. Er erzählte von Oma, was er alles erlebt hatte, aber eben im heanzisch-burgenländischen Dialekt. „Schurln“ habe er bei Oma im Hof können. Ich wusste natürlich nicht, was das war. Mutti sagte es mir: Schaukeln. Für mich als „Schweizerkind“ hieß das aber „gireize„! Solche fremde Ausdrücke gab es natürlich haufenweise, von ihm und von mir. Mama spielte immer wieder Dolmetsch und versuchte zu vermitteln.

  • Schliisele
  • Hörten wir im Thurgau für „rutschen“, wobei hier die lautliche Nähe zu Französisch „glisser“ = gleiten, rutschen auffällt.
    (Quelle:)

  • Schlitteln
  • Dieses Wort haben wir gleich im ersten Jahr in der Schweiz freiwillig und ohne Murren in unser Vokabular aufgenommen. Warum? Weil es dafür kein Hochdeutsches Wort gibt. „Schlitten fahren“ oder „rodeln“ ist nur eine losermässige Umschreibung für die rasanten Abfahrten, die wir jeden Winter auf der genialen Schlittelpiste der Rigi über 3.1 Km zwischen Rigi-Kulm und Rigi-Klösterli erlebten. Ein grandioser Spass für Nicht-Skifahrer. Ihren alten Davos-Schlitten sollten Sie aber daheim lassen, die Modelle der Rigi-Bahn sind gepolstert und haben breitere Kufen, mit denen man auch Kurven elegant seitlich mit Drift nehmen kann.
    Schlitteln auf der Rigi

    Es ist bei der Abfahrt nicht schwierig, die Rigibahn selbst zu überholen, denn die unterliegt einer strengen Geschwindigkeitsbegrenzung:

    Max. Geschwindigkeit der Rigibahn

    

    26 Responses to “Chasch du nöd Dütsch redä? — Als Deutsches Kind unter Schweizerkindern”

    1. viking Says:

      d’Gigampfi ist eine Wippe und gigampfe demzufolge wippen.
      s’Riitseili oder s’Gireizi ist die Schaukel und deshalb ‚tuen ich riitseile oder gireizle‘ (je nach Wohnort oder sprachlicher Herkunft).

    2. Marcel Widmer Says:

      Die Abneigung, Hochdeutsch zu sprechen, wird ihnen erst später in der Schule beigebracht, wenn es plötzlich zum Zwang wird, diese unbequeme Sprache zu artikulieren, bei der auch die Lehrer immer es immer wieder vorziehen, sie elegant zu umgehen.

      Unsere Tochter (8-jährig, 2. Klasse) erlebt das zum Glück ganz anders. Vom ersten Tag der 1. Klasse spricht die Lehrerin ausschliesslich Hochdeutsch mit den Kindern – auch im Sportunterricht, auch beim Schwimmen usw. Ab Beginn der 2. Klasse müssen die Kinder auch auf Hochdeutsch antworten.
      Das finde ich gut – und die Kinder finden’s cool!

      Ach, übrigens: Blogwiese gehört bei mir zum alltäglichen Morgenprogramm. Der Blick von aussen tut uns Schweizern gut. Und wenn’s so gemacht ist, wie hier, dann ist’s „uuuh lässig“. Weiter so 🙂

    3. Phipu Says:

      Dieser Artikel ist voller Kinder- und Jugenderinnerungen. Mir kommt z.B. das Wort „gaagele“ für „auf den hinteren Stuhlbeinen wippen (siehe schwäbische Erklärung)“ in den Sinn. In Klassenzimmern ist dies schon seit meiner Zeit kein Thema mehr, da modernere Stühle 5 Beine (bzw. 1 Bein und 5 Füsse) haben. In einigen Dialekten heisst „gaagele“ auch „Tischfussball spielen“, was ich allerdings „töggele“ nenne. „Töggele“ kann in informatischem Umfeld auch „auf der Tastatur schreiben/programmieren“ heissen. Es würde mich nicht wundern, wenn andere KommentatorInnen auf deinen Anreiz hin ihr Feuerwerk an Kinderwortschatz entfalten würden.

    4. Cruschti Says:

      Ich liebe dieses Wort: gigampfe uf de Gigampfi 😀 😀
      Da guckt jeder Deutsche zuerst mal dumm aus der Wäsche.

      Anderes Fachvokabular vom Spielplatz:

      tschute = Fussball spielen
      Fangis spele = Fangen spielen
      jassen = Karten spielen

      mmh, mehr fällt mir gerade nicht ein -.-

    5. Administrator Says:

      @Marcel Widmer
      Wir haben ja immer gehofft, dass unsere Erfahrungen in der Primarschule singuläre Ausnahmen waren. Du schreibst jetzt, dass es auch anders geht. Grosse Beruhigung! Aber warum treffen wir immer nur Lehrer, die kein Bock mehr auf Hochdeutsch haben und da auch keinen Hehl vor den Kindern draus machen? Egal ob das von der Erziehungsdirektion anders gefordert wird oder nicht. Schade das.
      Gruss, Jens

    6. Dan Says:

      Erstaunlich ist auch wie viele Lehrer ernsthaft Mühe mit der Amtssprache Deutsch haben. Aber in diese Domäne dringen ja jetzt auch immer mehr Kandidaten aus dem grossen Kanton, es bleibt also spannend.

    7. viking Says:

      Stäckliverbannis = „Versteckis“-Variante

    8. Videoman Says:

      @Phipu:
      „….das Wort „gaagele“ für „auf den hinteren Stuhlbeinen wippen (siehe schwäbische Erklärung)“ in den Sinn. In Klassenzimmern ist dies schon seit meiner Zeit kein Thema mehr, da modernere Stühle 5 Beine (bzw. 1 Bein und 5 Füsse) haben.“

      Das geht auch mit modernen Stühlen, man muss es nur üben. Schwierig wird es, wenn man so einen anatomischen Stuhl kriegt, der sich auch noch dreht und um einen Achse wippt, aber auch das lässt sich meistern.

    9. HalbCH/HalbD Says:

      Ich gebe Videoman recht, es geht mit den modernen Stühle (5 Beine bzw. 1…), sogar sehr gut. Man muss nur darauf achten, dass zwei Füsse nach hinten schauen und nicht eines, so blockiert es nämlich nicht. 😉

    10. rogerrabbit Says:

      Variation aus dem Solodurnische. ‚ritigampfe‘

    11. Marcel Widmer Says:

      Ach übrigens: kennt Ihr eigentlich Hallo Schweiz? Eine unglaublich informative Seite über das Leben in der Schweiz für Nicht-Schweizer, mit einem ganz tollen Forum!
      Wenn Ihr Euch dort eintragt, dann richtet bitte Tina, der Chefin dort, einen lieben Gruss aus – sie macht das toll!
      Hallo Schweiz und Hallo Schweiz Forum

    12. Urs Müller Says:

      So und als aus Ausländer (Argauer/Zürcher) in Bern kommt noch das „schliifschüenle“ auf Bärndeutsch: „schlöfle“ (eher mit gedehntem „ö“).
      Da musste ich am Anfang auch zurückfragen.
      Ich habe in der Schule auch immer mit dem Stuhl „gegaagelt“. Bei unseren Bürostühlen probiere ich das lieber nicht, wenn da mal ein „Rölleli“ wegspickt gibts eine neue Kinnlade 🙁

    13. Administrator Says:

      @Marcel Widmer,
      natürlich kennen wir Hallo Schweiz:
      Zitat von dieser Web-Site unter dem Punkt „Beobachtungen“:

      „In (ganz und gar nicht) geheimer Mission … sind auch andere Menschen im Lande unterwegs. Z. B. Jens-Rainer Wiese, der auf der Blogwiese seine Erlebnisse und Beobachtungen verarbeitet :-).

      Mit Link hierhin zur Blogwiese

      Gruss, Jens

    14. viking Says:

      Das Schliifschüenle kenn ich auch noch als Schlipfiisele

    15. Barbara Says:

      Variation aus dem Aargauischen: ritiseile

    16. Branitar Says:

      Was sind Chinzgi-Kinder?

    17. Administrator Says:

      @Branitar
      Siehe http://www.blogwiese.ch/archives/5

      Der Begriff wird dort erklärt, es gab schon einige Diskussionen auf der Blogwiese zu diesem Thema:

      „Unsere damals 6jährige Tochter ging in die erste Klasse und lernte ein 6 1/2 jähriges Kind auf dem Spielplatz (Schweizerdeutsch Spielli) kennen, das noch in den Kinski ging. Nicht Klaus Kinski, der Schauspieler und Vater von Nastasia Kinski, sondern Kindergarten war damit gemeint. Den Kinski besucht ein Kind im Alter von 5 bis 7, allerdings meist nur an 2-3 Stunden pro Tag, abwechselnd mal vormittags und nachmittags.“

      Das schreibt man Chinsggi = Chinzgi aber NIE NIE NIE „Chinski“ oder „Kinski“ = Kindergarten in der Schweiz.
      Gruss, Jens

    18. Oberempörte Tochter Says:

      Sehr geehrter Herr Papa,
      da ich deine Tochter bin möchte ich alle deine Leser der Blogwiese darauf hinweisen, dass das Mädchen, das mich auf dem Pausenhof angesprochen hat:
      a) In der dritten Klasse war, nicht im Chinsggi.
      b) Sie sagte in der Pause zu mir:
      Das Mädchen: „Chasch nöd Dütsch schwätze?“
      Deine liebe Tochter: „Mach ich doch die ganze Zeit!“
      Das Mädchen: „Nei, ich mein Hochdütsch!“
      So, das wäre geklärt!
      Hm….. Jetzt gibt’s feine Z’mittag!
      Hochachtungsvoll Dein Tochter Superschnecke

    19. trinity Says:

      wir sagen „gömmer uf d’ritiplampi gu gireizle?“

      Dieser Blog ist einfach DER hammer! lese ihn fleissig und amüsier mich einfach köstlich!

    20. Marcel Widmer Says:

      Aufgrund des Links zu Monalieschen’s Blog kann ich annehmen, dass die „Oberempörte Tochter“ tatsächlich echt ist.
      Anscheinend bloggt der Papa, die Tochter auch und beide gegenseitig die Blogs lesen und kommentieren. Wow!
      Ich freu‘ mich drauf, bis meine Tochter auch so weit ist!!! 🙂

    21. Stef Says:

      CHunsch du vo Luzärn so am Dialäkt a??

      I ha no nid der ganz blog möge düreläse, hesch scho mau z Chuchichäschtli erklährt ??

    22. pony des mooses Says:

      Ich würde auch erstmal kein Wort verstehen wenn ich in die Schweiz käme… nichmal bei Prosieben CH versteh ich bei solchen Heimischen sendungen was ^^

    23. Alex Says:

      Einen Kommentar bezüglich der Unterrichtssprache möchte ich doch loswerden: Gibt es denn sonst ein Land auf der Welt, in dem die eigenen Kindern nicht in ihrer Muttersprache unterrichtet werden? Und dann auch noch die in der Verfassung verankerte Sprache „Deutsch“! Das ist einfach eine Karastrophe (nur sozial natürlich, wirtschaftlich ist es unabdingbar). Unsere Kinder verbringen schliesslich den grossteil ihres Lebens in der Schule, sollen wir ihnen unsere eigene Sprache/Dialekt nicht beibringen dürfen, nur weil 20% Ausländer hier leben. Diese Ausländer wollten doch hier leben, also sollen sie doch auch unsere Sprache akzeptieren!?
      Alltagssprache ist nun einmal Schweizerdeutsch, in Deutschland spricht ja auch kein Mensch Schriftdeutsch, oder?

    24. Christian Says:

      Problematisch für DeutschSchweizer wird es nur, wenn sie euch nicht verstehen, andernfalls besteht ihrerseits keine Notwendigkeit euren Dialekt zu lernen.

    25. Simone Says:

      Lieber Alex,

      wie kommst Du darauf, dass in Deutschland kein Mensch „Schriftdeutsch“ spricht? Ich vertrete auch die Auffassung, dass Dialekte gepflegt werden sollen, aber ein Kind, dass nicht sattelfest im Hochdeutschen ist, wird später viele Probleme haben. Allerdings gibt es auch in Deutschland Reibereien zwischen Dialektsprechern und Hochdeutschvertretern. Unterrichtssprache ist aber in den meisten Fällen HOCHDEUTSCH! Und das soll auch so bleiben!!!

    26. στρατηγική ρουλέτας Says:

      Ich denke das ist eh nur ne Modeerscheinung.

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