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Essen fremde Fötzel besonders gern Fotzelschnitten? — Hübsche Wörter aus dem Schweizer Sprachalltag

(reload vom 2.7.07)

  • Eine Fotze ist eine Gosche ist eine Schnorre ist ein Latz ist ein Sabbel
  • Auch nach vielen Jahren in der Schweiz geraten wir noch in Erstaunen über besonders hübsche und drastische Wortfunde, die im Schweizer Sprachalltag zwar selten aber doch lässig und unbedarft Verwendung finden. Die Rede ist von den Varianten rund um das derbe Wörtchen „Fotze“. Im Gemeindeutschen ist dies ein vulgäres Wort für das innere weibliche Geschlechtsorgan, laut Variantenwörterbuch im Süden in dieser Bedeutung jedoch seltener, mehr noch, es gilt in Österreich und Süddeutschland als Variante für „Mund“, neben weiteren Ausdrücken wie:

    Pappen A, Gosche A D-süd, Schnorre A-west CH, Latz CH, Klappe CH D-nord/mittel, Fresse D-nord/mittel, Sabbel D-nord/mittel, Schnauze D (ohne südost), Schnute D
    (Quelle: Variantenwörterbuch S. 258)

    Da fehlt nur noch die „Klappe“ in der Liste, bzw. der „Rand“. Beides kann man halten in Deutschland.

  • Eine Fotze kann auch weh tun
  • Ausser für zwei Körperöffnungen gilt das Wort in Österreich und Deutschland auch als Synonym für eine gemeindeutsche „Ohrfeige“. Dieser schmerzhafte Vorgang bringt es ebenfalls auf eine Vielzahl von Varianten, in der Schweiz z. B. als „Chlapf“:

    Dachtel A D-südost, Watsche A D-südost, Chlapf CH, Backpfeife D-nord/mittelwest, Schelle D-nordost/südost
    (Quelle: Variantenwörterbuch S. 258)

  • Und die Fotzelschnitte?
  • Sie ist tatsächlich essbar und hat mit den oben erwähnten Körperöffnungen ganz und gar nicht zu tun. Sie ist eng verwandt mit dem „Fötzel“, der sich sogar im Duden findet:

    Fötzel, der; -s, – [wohl zu alemann. Fotz = Zotte, Fetzen, H. u.] (schweiz.): Lump, Taugenichts.
    (Quelle Duden.de)

    Besonders in der Kombination mit „fremd“ als „fremder Fötzel“ erfreut sich dieses Wort grosser Beliebtheit in der Schweiz, 214 Fundstellen bei Google-CH mögen als Beleg genügen:
    So im Zürcher Unterländer:

    «Fremde Fötzel» mussten weichen
    (Quelle: www.zuonline.ch)

    Oder im Velojournal.ch:

    Geniale Scheidegg und fremde Fötzel
    (Quelle: velojournal.ch)

    Doch was hat der „Dahergelaufene; Fremde“ mit einer essbaren Schnitte gemein? Die „Fotzelschnitte“, so erfahren wir aus dem Variantenwörterbuch, ist ein

    „Gericht aus in Milch eingeweichten, in Ei gewendeten, gezuckerten und in Butter gebratenen Brotstücken“.
    (Quelle Variantenwörterbuch S. 258)

    Fotzelschnitte
    (Quelle Foto: luckymagenta.spaces.live.com)

    Ein Gericht also, dass man in Österreich als „Pafese“ kennt und in Deutschland als „arme Ritter“, in der Schweiz auch als „verlorenes Brot“ oder „Goldschnitte“ serviert. Ein einfaches Gericht für arme Leute, diese „Fotzelschnitte“, nur nicht mit Rittern zubereitet sondern mit „Dahergelaufenen“, bzw. „Fremden“.

  • Ein Fötzel ist ein Fetzen Papier?
  • Ein „Fötzel“ an sich hat in der Schweiz zwei Bedeutungen. Zum einen ist es:

    Fötzel, der; -s, – (mundartnah) — Lump, Taugenichts.
    (Quelle: Schweizer Wörterbuch von Kurt Meyer S. 123)

    Zum anderen ist es aber auch ein Fetzen Papier:

    „Die Bürokratie verlangt für jede dritte Nacht die schriftliche Bestätigung eines Hotels. Reist man mit Fahrrad und Zelt, ist es nicht verwunderlich, dass die Papier unvollständig sind, also muss man sich die erforderlichen Fötzel mit etlichem Schmiergeld bei Hotels ergaunern
    (Quelle: Velojournal 1/2002, 19; zitiert nach Variantenwörterbuch S. 258)

    Man achte auf die Finesse, dass im „Velojournal“ vom „Fahrrad“ die Rede ist!

    Aus diesem „Fetzen Papier“ leitet sich dann noch die beliebte Tätigkeit „fötzeln“ selbst ab, was nichts anderes bedeutet wie das Aufsammeln solcher Papierfetzen bzw. sonstiger Abfälle:

    Asylbewerber «fötzeln» für ein Taschengeld
    (Quelle: www.zuonline.ch)

    fötzele
    Mir göi go „fötzeln“ in Kappeln
    (Quelle: schulekappel.ch)

    Besonders bemerkenswert finden wir an dieser Überschrift der Kappeler Schulzeitung, dass das Tätigkeitswort „fötzeln“ mit deutlichen Anführungszeichen als „nicht schriftfähig“ gekennzeichnet wurde. Richtig so! Wir sind uns eben schon deutlich bewusst, dass hier ausnahmsweise mal ein Dialektwort verschriftet wurde!

  • Frotzeln ist nicht fötzeln
  • Nicht verwechseln sollte man die umweltfreundliche und gemeinnützige Tätigkeit des „Fötzelns“ hingegen mit dem Gemeindeutschen „frotzeln“:

    frọtzeln (sw). V.; hat› [H. u., viell. zu: Fratzen ‹Pl.›, Fratze] (ugs.): a) mit spöttischen od. anzüglichen Bemerkungen necken: jmdn. [wegen etw.] f.; b) spöttische od. anzügliche Bemerkungen machen: sie frotzelten gern über ihn.
    (Quelle: duden.de)

    oder mit dem derben Wort für „ohrfeigen“:

    fotzen (sw) . V.; hat> [zu →Fotze] (bayr., österr. derb): ohrfeigen.

    Fazit: Wir hören auf zu frotzeln, gehen am Wochenende im Wald fleissig fötzeln und laden alle fremden Fötzel ein zu einer Fotzelschnitte. Genial!

    

    15 Responses to “Essen fremde Fötzel besonders gern Fotzelschnitten? — Hübsche Wörter aus dem Schweizer Sprachalltag”

    1. Amos Johnette Says:

      Villicht lieets eifach do dra, dass schwiizerdütsch e eigeni sprooch isch und en dütsche (au schwoob) – wie sehr er au uf grosses verstoh macht, eifach nid cha dureblicke. Ihr düütsche chönt nid d’schiizer nid verstoh, sondern ihr chönd niddütschi im allgemeine nit verstooh. Ihr chönd jo nid emol euri oschtgenosse verstoh.

    2. Werner Says:

      „Geniale Scheidegg und fremde Fötzel“ sind jetzt hier zu finden:
      http://www.velojournal.ch/archiv/reiseberichte-archiv/2003/in-21-tagen-durch-die-schweiz.html
      Das Velojournal hat seine Struktur geändert.

    3. Brenno Says:

      Fotz bedeutet im Dialekt ursprünglich:
      1. gleiche Bedeutung wie das sonst gleichlautende, aber auf e endende vulgäre deutsche Wort.
      2. kleines, halbjähriges Schwein, junges Mutterschwein (Graubünden).
      3. Troddel, Quaste
      4. Abgang von gehecheltem Flachs oder Hanf
      5. Zotte, Haarlocke.
      6. kleines Mädchen (verächtlich gemeint).

      Bedeutung von Fotzel oder Fötzel
      1. Ein abgerissener Faden, der zu klein ist, als dass man ihn noch vernähen könnte.
      2. Lappen; Fetzen, der an zerrissenen Kleidern herunterhängt; Hader, ausfaserndes Stück Tuch; zerlumptes, zerfetztes Kleidungsstück
      3. Zotte, Quaste, Troddel
      4. Ziege, mit langem, zottigen Haaren
      5. Einer, der in zerlumpten Kleidern herumläuft; liederlicher, nichtsnutziger Mensch; Schlingel; Landstreicher, Lump, Vagabund.

      Bei diesen Synonymen und Definitionen aus dem Schweizerischen Idiotikon fällt das Fehlen der Bedeutung eines Fetzens Papier auf. Für uns Heutige ist sie, abgesehen vom übertragenen Sinn, die bekannteste. Vermutlich war Papier im 19. Jahrhundert noch ein kostbares Gut. Man hütete sich, es zu verschwenden.
      Wie kommt wohl die Fotzelschnitte zu ihrem Namen? Einen Erklärungsversuch findet man hier (letzter Abschnitt):
      http://www.saison.ch/de/magazin/schweizer-klassiker/fotzelschnitte/

    4. Brun(o)egg Says:

      @ amos johnette

      Vielleicht liegts einfach daran, dass du kein hochdeutsch schreiben kannst. So wie der BLICK?!.
      Lass doch einfach die dümmlichen Kommentare.

    5. Brun(o)egg Says:

      @ amos johnette

      Oder schreib Plattdeutsch. Dann hat der Wiese noch ein Problem.

    6. Guggeere Says:

      @ Amos Johnette: Genau das nervt mich an superpatriotischen senkrechten fremdenfeindlichen Blubo-Deutschschweizern wie dir: dass ihr kaum eure eigene Deutschschweizer Mundart beherrscht, aber euch bemüssigt fühlt, anderen Lehren zu erteilen. Dein Geschreibsel widerspiegelt dermassen schlechtes „Schweizerdeutsch“, dass es geradezu körperlich weh tut.

    7. Yogi-TheBear Says:

      Zuviel Fötzelschnitzel? Hier kann man abnehmen…ganz schnell:

      http://www.facebook.com/photo.php?v=2510875977913

    8. helveticus Says:

      @Johnette
      iverstodiaunitdepp

    9. AnFra Says:

      @Brenno

      Da Dein Order zur „Fotzelschnitte“ offensichtlich nicht befriedigt wird, gibt’s nun hier einen schnellen und kurzgebratenen McVerb anstelle eines zeitaufwendigen und weitschweifenden 5-Gänge-Menus. Hoffentlich ist dies trotzdem genießbar.

      Vor dem 1. WK wurde das besagte Ding in Nordamerika „German Toast“ genannt. Und hier ist m. E. ein Weg der Lösung zur „Fotzelschnitte“ zu finden. Wenn ein solcher deutscher Bezug auf dieses Brotgericht genommen wird, muss man die Lösung eindeutig im Sprachumfeld der deutschsprechenden Amerika-Auswanderer suchen.

      Die entscheidende Herkunft und sinninhaltliche Verbindung scheint im etymologischen Umfeld von Fäden, Garnen, Fibern, Strangteilen, Haaren uäm. von dünnen und langen Dingen zu liegen. Daraus ergibt sich die lateinische Benennung „filum“, welche für Fäden, Fasern, Instrumentensaiten uam. verwendet wurden. Diese Quelle kann man noch in der heurigen Bezeichnung „Filament“ erkennen.
      Die weitere Ableitung scheint im altgerm. mit „fotzel, fötzel“ zu der Bezeichnung von Fäden, kurzen Fibern uam. gelandet zu sein. Daraus folgt lt. DWB die Bezeichnung „fotzeln“, mit Pelz füttern ausfüttern, belegen, …..“gefotzeltes“ Kleid (also mit Fell ausgestattet), Winterdecke (also Fellstück), ……Fotzenhelm (als befellter Eisenhelm). Man kann den Bezug zum Fell nun gut erkennen, also dem tatsächlich gemeinten Fell-Fasern.

      Und nun zum springendem Punkt. Das ganze Dingsda um dieses „fotzeln“ hat im Mittelalter bis in die Neuzeit den Sinninhalt von der Bespannung, Beschichtung, Auffütterung, Aufbringung, Aufdoppeln, Auftragung, Aufmachung von z.B. durch diese hier gemeinten Fellstücke. Es hat sicherlich die Funktion der Mode, Isolation und eines Tragekomforts bei Rüstungen, Harnischen und anderen metallischen Rüstungen oder soldatischen Ausstattungsgegenständen, da die metallischen Teile den menschlichen Körper rasch auskühlen.

      Die Frage, warum nun diese Speise solch einen seltsamen Namen hat, kann folgend dargestellt werden. Die Brotscheide wird je nach Gusto mit Ei, Fett, Öl oder anderen Produkten bestrichen, genetzt und dann gebraten. Es entsteht eine Oberfläche wie etwas vergleichbar beim türkisch-wienerischer Schnitzel. Dieser Schnitzel ist jedoch mit Panade aus Brotbrösel beschichtet, aber die besagte „Fotzelschnitte“ ist nun selbst als Brot der Hauptbestandteil der Speise, ist aber durch das Braten einer „Oberflächenbehandlung“ unterzogen worden. Also in Neudeutsch ausgedrückt hat es eine „Coating“-Behandlung erhalten.

      Wenn man beim wiki unter „Armer Ritter“ nachschaut, kann man folgende Information lesen, die sich nach meiner Ableitungserklärung selbsterklärend in einem logischen Verständnis auflöst: In Ungarn heißt diese Speise „Bundáskenyér“, d. h. auf Deutsch „Brot in Pelz“ und wird meistens gesalzen gegessen. Allein mit Tee zum Frühstück, oder als Beilage zu Gemüse, wie z. B. Spinat. Es ist sicherlich von Deutschen von Wien aus in das ungarische Umfeld eingeführt worden.

      „Fotzelschnitte, Armer Ritter“ = „Brot in Pelz“, sehr wörtlich damals aus dem Deutschen übertragen, aber zu 100 % logisch und auch noch stimmig.
      En gueten, aber ohne Pelz!

    10. Brun(o)egg Says:

      @ AnFra

      Sackstark!

    11. AnFra Says:

      @Brenno

      Danke.

      Solche Lösungen wie bei der Fotzelschnitte müssten eigentlich diese Hyperkritiker wie z. B. dieser @Amos Johnette erbringen!

      Man beachte:
      Amos leitet sich vom Begriff „Das Leiden Gottes“ ab. Wie passend.

    12. AnFra Says:

      @Brun(o)egg

      Tschuldigung. Brunno und Brenno! Wollte eigentlich Dir danken, aber die Fingerchen waren mal schneller als das Hirn. Gruß von Dr. Alzheimer.

    13. Brenno Says:

      @AnFra
      Ja, ja, die deutsche Gründlichkeit – es gibt sie noch!
      Wenn die Fotzelschnitte von Deutschland über die USA zu uns gekommen ist, dann ist der xenophobe Unterton, der bei unserer Bezeichnung mitschwingt, eigentlich leicht erklärbar. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf den Ausdruck „Frömde Fötzel“. Wir Schweizer müssten jetzt ehrlicherweise zugeben, dass die Fotzelschnitte politisch ganz und gar nicht korrekt ist…

    14. Chrisbo Says:

      @Brenno

      Politische Richtigkeit gibt es nicht, das ist eine Chimäre wie fleischessende Vegetarier.

      Phobien gibt es viele u. A. auch die Arachnophobie, aber bestimmte Wörter sind eindeutig progressivistische Pejorative, so auch die Xenophobie.

    15. Brenno Says:

      @Chrisbo

      Kann sein. Wer weiss schon, was hinter der Beflissenheit des Durchschnittsschweizers alles steckt? Hauptsache, man fällt nicht unangenehm auf!
      In der Satirezeitschrift „Der Nebelspalter“ erschien vor langer Zeit in jeder Nummer eine Folge mit Herrn Schüüch. Von political correctness sprach damals noch niemand, aber von Herrn Schüüch hätte man punkto Korrektheit viel lernen können, nicht nur in politischer Hinsicht:
      http://videoportal.ch.msn.com/video?id=c1b633c1-c45e-4c01-9548-faac17463e44

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