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Machen Sie Dampf oder setzen Sie Druck auf? — Neue alte Schweizer Redewendungen

(reload vom 22.06.07)

  • Drucken mit dem Druckknopf
  • Die Norddeutsche Langnase Mike Krüger, von Haus aus gelernter und praktizierender Betonbauer, beteiligt am Bau des Elbtunnels, schrieb in jungen Jahren nicht nur Erfolge wie „Mein Gott Walter“, sondern auch Kalauer und Schüttelreime wie „Er würgte eine Klapperschlang bis ihre Klapper schlapper klang“ oder „Siehst Du dort den schlappen Lappen in seinen schlappen Lappenschlappen“.
    In einem seiner Nonsens-Lieder von 1975 ging es um einen „Drucker“. Das war damals ein Beruf, und nicht so ein Billigteil das Tinte verbraucht und auf dem Schreibtisch neben dem PC steht:

    Er kaufte sich einen Druckknopf
    und begann zu drucken,
    denn er war viel zu dumm
    um aus nem Bus zu gucken

    Mike Krüger schuf auch recht spassige Nachdichtungen von amerikanischen Songs, so wurde aus „Mama Leone“ bei ihm „Seit ich hier wohne“, und „A boy named Sue“ von Jonny Cash dichtete er nach als „Junge namens Susi“. Ausserdem verballhornte er Jürgen Drews „Ein Bett im Kornfeld“ zu „Wenn die nach vorn fällt“, usw.

  • Es baut sich ein Tiefdruckgebiet auf
  • In Deutschland wird mitunter unter „Hochdruck“ gearbeitet, oder es „baut sich ein Tiefdruckgebiet auf“. Druck kann man grundsätzlich „machen“, so wie man mit einem Druckkopf drucken kann, und Kaffee kann man „aufsetzen“. Die Schweizer haben diese beiden Tätigkeiten geschickt kombiniert, und setzen einfach „Druck auf“. So lasen wir im Tages-Anzeiger vom 20.06.07.:

    Dann setzte er Druck auf

    Das es sich um keine journalistische Ente oder einen Druckfehler handelt, beweist uns der Google-Test. Es fanden sich 3190 Stellen in Google-CH. Beispiele:

    Für Straffreiheit des Drogenkonsums. Nationalratskommission setzt Druck auf.
    (Quelle: www.parlament.ch)

    Womit die Kommission hoffentlich am Drücker bleibt. Oder auch die SP:

    Road Pricing: SP setzt Druck auf
    (Quelle: 20min.ch)

    Auch in einem Reisebericht findet sich dieser Ausdruck:

    Keiner stresst uns (ausser wir uns selbst), niemand setzt Druck auf
    (Quelle: moniundrolli.ch)

  • Scotty, we need more power
  • Das war der klassische Befehl von Captain Kirk auf der Enterprise an seinen Schottischen Maschinisten Montgomery „Scotty“ Scott, so bekannt wie das tatsächlich nie gesagte „Beam me up, Scotty“. Ob das „Druckaufsetzen“ ein Vorläufer für „Power machen“ ist, ein Überbleibsel aus der Zeit der Dampflokomotiven, als durch Anfeuern des Kessels der Wasserdruck erhöht wurde, also tatsächlich „mehr Druck aufgesetzt“ wurde? In Deutschland würde man in einer vergleichbaren Situation eher „Dampf machen“. Also wird hier vergleichsweise nur „heisse Luft“ erzeugt, viel Wind um nichts, ohne damit den Druck wirksam zu erhöhen.
    Unser Variantenwörterbuch meint:

    Druck: „Druck hinter etw. machen“ A D; „Druck aufsetzen“ CH D-mittelost: Dampf: „Dampf aufsetzen“ CH; „Dampf hinter etw. machen“ D

    Demzufolge ist „Druck aufsetzen“ in D-mittelost auch gebräuchlich, „Dampf aufsetzen“ rein schweizerisch und „Dampf machen“ nur in Deutschland gebräuchlich. Gar nicht so einfach. Das braucht uns jetzt nicht bedrücken, ganz ohne Druck geht es auch.

    

    One Response to “Machen Sie Dampf oder setzen Sie Druck auf? — Neue alte Schweizer Redewendungen”

    1. AnFra Says:

      Ach, um die Begriffsverwirrung an den Dampfmaschinen aufzulösen macht man jetzt etwas Dampf und Druck.

      Der Ausgangspunkt dieser Betrachtung ist der ominöse franz. elegante Chauffeur (im schnöden Deutsch: Heizer). Die Etymologie des Chauffeur wird m. E. in der Wikipedia unrichtig abgeleitet. Denn den Ursprung davon kann man wohl ab dem 7. JH aus dem germ. / fränkischen Sprachbereich zuordnen. Gemeint ist damit der Heizer, der seltsamerweise in anderen romanischen Sprachen „Rauch-Dampf-Schwaden-Erzeuger“ genannt wird. Der franz. Ursprung liegt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit beim germ.-fränk. „schieben, schaufeln, schütten uäm.“. Der galloromanische Heizknecht (Schaufler) bekam vom hochherrschaftlichen Franken den Auftrag: „schufle inne“ bzw. „schüett uffe“, damit es die germ.-fränkischen Herrenmenschen schön warm hatten.

      Die Bezeichnung der Beschickungstätigkeit des Chauffeur lässt sich in der franz. Sprache schriftlich ab dem 13. JH nachweisen. Ob da die stolzen Franzosen schon Autos hatten kann bezweifelt werden. Der Begriff Chauffeur wurde ab dem 18. JH für die Heizer der langsam aufkommenden Dampfmaschinen übertragen. Er war der Heizer, Entascher, Öler, Abschmierer sowie der Pfleger und Inganghalter der Dampfmaschinerie.

      Und nun der springende Punkt. Er regulierte die Menge und den Druck des Dampfes mit weniger oder mehr genauen Dosierung des Brennmaterials sowie des entsprechenden Drucküberströmventils. Dies führte zur Reduktion / Steigerung des Dampfdruckes sowie auch der Drehzahl. Beides kann dann zur Erniedrigung / Erhöhung des Drehmomentes der Abtriebswelle / Abtriebsrades genutzt werden, mit welchen demzufolge eine schwächere / bessere Wirkung bei der entsprechenden Nutzung erzielt werden konnte. Es ist also eine Leistungsregulierung der einfachen Art.

      1. Druck machen. Hierbei wird auf das Dampfüberströmventil eine zusätzliche Menge von Gewichten aufgelegt. Man kann auch auf einen vorhandenen Hebel, welcher auf das Ventil drückt, noch weitere Gewichte zugeben. Dadurch wird auf das gemeinte Ventil ein höherer Druck ausgeübt. Oder wenn auf dem Ventilhebel eine Kulisseneinrichtung vorhanden war, konnte man das entsprechende Gewicht weiter zum Hebel hinausschieben. Also wird zur Regulierung des Druckes ein regelnder Überdruck erzeugt. Nach der Art: Last mal Lastarm ergibt höheren Gegendruck. Folge: Der Dampfdruck steigt mit gleichzeitig erhöhter Explosionsgefahr.

      2. Dampf machen. Hierbei wird durch den Chauffeur mehr Heizmaterial zugeführt. Eine etwas vergeudende Technik. Beim nicht oder schlecht geregelten Betrieb gibt’s auch hier eine höhere Explosionsgefahr.

      3. Die weiteren Benennungen dürften Ableitungen vergleichbarer Vorgänge sein.

      Fazit: Aller ist nur die Sache des jeweiligen Blickwinkels zum gleichmeinenden Standort.
      Also gibt’s auch hier viel Schall und Dampf, natürlich nur beim richtigen Druck.

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