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Wenn der Stiefel sinnig wird — Neue Schweizer Lieblingswörter

(reload vom 20.6.07)

  • Der Sinn im Stiefel
  • Sagt doch neulich ein Schweizer Freund zu mir: „Du, das macht mich stiefelsinnig“. Nun weiss ich, dass viele Sachen nicht immer sinnig sondern eher unsinnig sind, dass man einen „Stiefel trinken“ kann, und davon ganz schön besoffen wird, aber diesen Sinn sinniger Weise im Stiefel zu suchen fiel mir bisher nicht ein. „Stiefelsinnig“ ist definitiv unser neues Schweizer Lieblingswort. Ziemlich alt, wie alles in der Schweiz, und schon in Grimms Wörterbuch erwähnt:

    STIEFELSINNIG, adj., ‚verdrieszlich, trübsinnig‘, vgl. stiefel B 1 (sp. 2781); nur in der Schweiz, s. STALDER Schweiz 2, 398; FRIEDLI Bärndütsch 1, 112; ‚verrückt‘ HUNZIKER Aargau 254; da seufzte ein alt kudermannli und sagte … er wett, er chönnt die ganze nacht da hocke und machte ein gesicht dazu trüb- und stiefelsinnig GOTTHELF w. 1, 365 Bartels.
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

    Man beachte die wichtige Feststellung, das wir es hier offensichtlich mit geschriebenem Bärndütsch zu tun haben, aber auch für das Aargau gibt es Belege. In Schweizer Diskussionsforen geht es zum Grundwortwortschatz:

    „mich macht das stiefelsinnig, wenn ich merke dass irgendetwas nicht stimmt und ich nicht an ihn herankomme“
    (Quelle: www.gordontraining.ch)

    Auch in aktuellen Blogs ist das hübsche Wort zu finden:

    Die Navigation macht einem fast stiefelsinnig, und barrierefrei ist die Site auch nicht.
    (Quelle: Reklame.moblog.ch)

    Die Online-Ausgabe der Berner Woche, der „ebund“ verwendet es auch. Claro, ist ja auch Berndeutsch:

    Die nicht mehr ganz so frischen Söhne Mannheims machen mit ihrer Musik gewordenen Nächstenliebe die minderjährigen Töchter Berns stiefelsinnig
    (Quelle: ebund.ch)

    Ob in diesen Textstellen irgendwo „stiefelsinnig“ mit „verdriesslich, trübsinnig“ übersetzt werden kann? Wir lesen da eher Synonyme für „verrückt“ heraus.

  • Von stiefelsinnig zum Stiefelkönig
  • Ein ganz besonders stiefelsinniger Mensch muss übrigens 1919 von der Schweiz aus nach Österreich ausgewandert werden, um dort ein grosses Schuhhandelshaus zu gründen. Der Sinn ging ihm dabei verloren, aber zum König langte es allemal, flugs war die Idee zum „Stiefelkönig“ geboren. Eine erfolgreiche Idee, denn die Monarchie war in der frisch gegründeten „Republik Österreich“ nach dem 1. Weltkrieg gerade radikal abgeschafft worden. Kein „von“ oder sonstiger Adelstitel war mehr erlaubt, warum also nicht analog zum Walzerkönig einen „Stiefelkönig“ erschaffen? Macht Sinn, auch bei Stiefeln.
    P. S.: Wie wir durch einen Kommentar erfuhren, ist die Schreibweise „stigelisinnig“ bei Google sogar häufiger anzutreffen als das Original, nämlich an 564 Stellen.

    

    7 Responses to “Wenn der Stiefel sinnig wird — Neue Schweizer Lieblingswörter”

    1. Brenno Says:

      Was ist eigentlich mit dem Administrator los, dass er auf einmal ein solches Tempo anschlägt beim Hochladen frühere Beiträge? Will er uns etwa Beine machen? Wer noch etwas beizutragen hat, muss sich also sputen. Da kann man anscheinend nichts machen…
      Und nun zur Sache:
      Das ist alles richtig. Im Schweizerischen Idiotikon (wieder einmal …) kann man lesen, dass stifelsinnig [!] folgende Bedeutung hat:
      a) wirr im Kopfe, (halb) verrückt vor Lärm, Ärmer, Ungeduld
      b) unwirsch, aufgebracht
      c) trübsinnig, melancholisch
      Ausserdem weist das Schweizerdeutsche Wörterbuch darauf hin, dass stifelsinnig eine volksetymologische Umdeutung des Wortes stigele-, stigeli-, stigel-, stigeresinnig mit der Bedeutung „äusserst konfus“, „verdüstert“ sei. Dieses Wort war mir bis dato unbekannt.
      Interessant sind übrigens auch die Reaktionen der Blogteilnehmer zur Erstveröffentlichung dieses Beitrages vom 20. Juni 2007
      Ob eine Verwandtschaft mit dem Verb stigle im Sinne von „stottern“, „stolpern“ besteht, sagt das Idiotikon nicht.

    2. Bert Says:

      Gibt schon echt paar lustige Wörter in der Schweiz.

      HAHA hab mich weggeschmissen bei Stiefelsinnig…. so ein Quark ^^.

      Toller Artikel
      Gruß
      Bert

    3. Guschti Says:

      Ich als Ostschweizer kenne den Begriff nur als „stigelisinnig“ und zwar genau in den Bedeutungsvarianten a) und b) von Brenno resp. des Idiotikons.

      Offenbar habt ihr Quellen, die für „stiefelsinnig“ einen berndeutschen Ursprung nahelegen. Allerdings frage ich mich da, ob ein Berner das überhaupt so aussprechen würde/könnte, wie das geschrieben wird (offenbar auch von Gotthelf). Ein Berner würde doch irgendwie „stifu“ irgendwas sagen, nicht?

    4. Brenno Says:

      Das Schweizerische Idiotikon weist die verschiedenen Varianten an folgenden Orten bzw. in folgenden Kantonen nach:
      stifelsinnig: Leerau (AG), Ruedertal (AG), Kantone Bern, St. Gallen, Schaffhausen, Thurgau
      stigelesinnig: Wohlen (AG), Frauenfeld, Müllheim (TG), Stadt Schaffhausen, Zürcher Oberland
      stigelisinnig: St. Gallen, Schaffhausen, Hüttwilen (TG), Steckborn (TG), Kanton Zürich
      stigelsinnig: Kantone St. Gallen und Zürich
      stigeresinnig: oberes Rheintal (SG)
      Dazu ist zu sagen, dass das Schweizerdeutsche Wörterbuch, wie das Idiotikon auch heisst, etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen wurde und heute mit 15 Bänden immer noch nicht ganz abgeschlossen ist. Es gibt demzufolge einen früheren Entwicklungsstand wieder. Die obigen Angaben stimmen heute so vielleicht schon nicht mehr.
      Die Berner sprechen das Wort tatsächlich stifusinnig aus, dies ist aber eben nur eine Aussprachevariante. Mit Gotthelf ist so eine Sache, denn zu seiner Zeit gab es noch keine einheitliche berndeutsche Schreibweise, und es gibt sie bis heute nicht! Das Idiotikon belegt glücklicherweise manche Wörter mit ganzen Zitaten. So will es der Zufall, dass für „stifelsinnig“ auch eines von Gotthelf angeführt wird: „Ein alt Kudermannli …machte ein Gesicht trüb- und stiefelsinnig.“ Der Dichter gleicht das Wort also der schriftdeutschen Lautung an, obwohl es ja mit Stiefel gar nichts zu tun hat!
      P. S. Das Idiotikon ist seit 2010 auch online abrufbar: http://www.idiotikon.ch/index.php
      Die Angaben zu Herkunft und Quellen bestehen aber hauptsächlich aus Abkürzungen, welche man einzeln nachschlagen muss. Ich habe mir deshalb die Mühe genommen, die ausgeschriebenen Wörter einzutippen.

    5. Guggeere Says:

      @ Brenno: Ich meine irgendwo gelesen zu haben (weiss aber nicht wo und vielleicht irre ich mich), dass zu Gotthelfs Zeiten in Berner Mundart das l vor Konsonant und im Silbenauslaut noch nicht als u ausgesprochen wurde. Den Sprung von der „Quöllwulche“ zur „Quöuwouche“ hätte demnach das Berndeutsche – gemäss den allgemein bekannten bernischen Tempoverhältnissen 😉 – soeben erst hinter sich gebracht… Weiss da jemand vielleicht Genaueres?

    6. Brenno Says:

      @Guggeere
      @Guschti
      1/2
      Genau auf diesen Punkt wollte ich in meinem Kommentar weiter oben etwas näher eingehen, habe es dann aber unterlassen. Ich hole dies nun gerne nach:
      Wenn mit Gotthelf nicht gerade der Pfarrer durchgeht und er seine seitenlangen (Moral-)Predigten hält, lässt er seine Figuren ausführlich in direkter Rede zu Wort kommen, flicht dabei hin und wieder auch Berndeutsche Ausdrücke oder Helvetismen ein. Ich erinnere mich aber auch an einzelne Sätze, ja sogar ganze Abschnitte im Dialekt; nur ist es gar nicht so einfach, sie zu wieder zu finden.

      So habe ich eben versucht, auf solche Stellen im Uli der Knecht zu stossen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/2482/1 , bin aber auf Anhieb nicht fündig geworden. Sie kommen vor, da besteht gar kein Zweifel. Soviel ich mich erinnere, gibt er jedoch nur in ganz seltenen Fällen die Aussprache des (niederen) Volkes wieder. Ich schliesse im Übrigen nicht aus, dass es sich beim Gutenberg-Text um eine „gereinigte“ Fassung handelt, die für deutsche Leser bestimmt ist bzw. war. Man muss wissen, dass Gotthelf schon zu Lebzeiten ein erfolgreicher Schriftsteller war, und zwar besonders deswegen, weil er vom gebildeten Berliner Publikum um die Mitte des 19. Jahrhunderts gelesen und geschätzt wurde. Nicht zuletzt aus diesem Grund zählten seine Werke eine Zeitlang zur Weltliteratur.

    7. Brenno Says:

      @Guggeere
      @Guschti
      2/2
      Und nun zur Frage, wie das l im Berndeutschen ausgesprochen wird. Hier ist zunächst einmal klar zu unterscheiden zwischen Schreibweise und Aussprache! Meines Wissens war es früher unüblich, z. B. Stifu anstatt Stifel zu schreiben. Die mir bekannten Dialektschriftsteller der Vergangenheit haben dies wohl kaum getan. Ich muss jedoch einräumen, dass ich die Sache nicht nachgeprüft habe. Man kann also bei älteren Texten gar nicht auf die damals übliche Aussprache schliessen. Dieses Problem stellt sich übrigens nicht für das Berner Oberland, da hier das l von echten Einheimischen nicht als u ausgesprochen wird (Beispiel: der aus Interlaken stammende Polo Hofer). Die städtischen Oberschichten von Bern und Thun haben der Verschiebung teilweise auch widerstanden. Dagegen wird dies in Teilen der Kantone Freiburg, Solothurn und Aargau sowie im luzernischen Entlebuch sehr wohl getan.
      Ich habe keine Ahnung, ob die Verschiebung von l zu u jüngeren oder älteren Datums ist. Dagegen erinnere ich mich, dass diese manchmal sogar zwischen Vokalen vorkommen konnte. Meine Grossmutter zum Beispiel sprach das Wort „Italiener“ Itauiäner aus (!!). Womit wir wieder beim HIATUS wären … Während ich dies schreibe, blättere ich hin und wieder in einem Buch und surfe im Internet. Dabei bin ich jetzt gerade auf den Hinweis gestossen, dass die sog. l-Vokalisierung im Bernbiet vermutlich vor etwas über 200 Jahren erstmals im Emmental auftrat und sich dann langsam aber unaufhaltsam in der Westdeutschschweiz ausbreitete. Gotthelf wäre also an der Quelle gewesen, hätte er früher gelebt …
      Wie bereits erwähnt, gibt Gotthelf, der ach so volkstümliche, die Sprache des gemeinen Volkes in lautlicher Hinsicht höchst selten genau wieder. Das gilt nicht nur für das l/u-Problem, sonder auch für die seit der Nachkriegszeit im Rückzug begriffene Monophthongierung, z. B. Boum –> Buum, Böim –> Büüm, einisch –> iinisch, usw. Noch vor ein, zwei Generationen war diese unter der ländlichen Bevölkerung bis vor die Tore der Stadt Bern weit verbreitet, insbesondere bei Bauern.
      Für heute genug!

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