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Im Nachbarland geht ohne Visum gar nichts — Geschichten von der Deutsch-Schweizer Grenze (Teil 2)

(reload vom 19.01.07)

  • Als Secondo niemals über Jestetten
  • In der Schweiz hatte ich eine Kollegin, deren Eltern aus Kroatien stammten. Sie war 22 Jahre alt, in der Schweiz geboren, hatte die Primarschule und alle weiteren Schulen hier besucht, ihre Lehre hier absolviert, war aber als „Secondo“ immer noch ohne Schweizer Pass. Mit dem „-ic“ am Namen war das auch nicht leicht. Sie galt als Kroatin und hatte eine C-Bewilligung (permanter Aufenthalt).

    Wir wollten zusammen nach Schaffhausen fahren, was von Bülach aus über den „Sackstich“ Jestetten knapp 30 Minuten dauert. Das ist ein kurzes Stück Deutschland, über das sogar die SBB fährt und in dem sie sogar zwei Schweizer Bahnhöfe auf deutschem Gebiet unterhält. So kamen wir zur Grenze und wurden prompt kontrolliert. Keine Chance, die deutschen Grenzer liessen sie nicht ein- bzw. durchreisen ohne Visum für die 8 Km lange Strecke über deutsches Hoheitsgebiet. Das Visum konnte man beim Konsulat in Zürich für eine gute Gebühr bekommen. Moderner Wegezoll. Also mussten wir einen Umweg von 50 Minuten in Kauf nehmen, um ohne Stress nach Schaffhausen zu kommen. (Ergänzung: Die Rechtslage hat sich mittlerweile geändert, es geht heute einfacher).

  • Eine Russin welche die Berge liebt
  • Von einem Leser der Blogwiese erhielten wir einen ganz ähnlichen Bericht, nur aus der anderen Perspektive:

    Meine Frau ist russische Staatsbürgerin. Eines Tages fuhren wir nach Waldshut, jenen besagten Freund zu besuchen. Nun liebt meine Frau die Berge sehr, und wollte überaus gern kurz in die Schweiz, wo sie noch nie war. „Kein Problem“, sagte ich ihr, „wir sind doch in Europa, da gibt es Grenzkontrollen nur pro forma, da fahren wir einfach durch!“ Sie wissen sicher, was kommt. An drei verschiedenen Grenzstellen haben wir es versucht, in Waldshut sogar zu Fuß über die Brücke – keine Chance! Der Schweizer hält seine Kantönli dicht. Besonders gefallen hat mir, dass der Grenzbeamte angesichts des auffälligen roten russischen Passes nicht sofort nach dem Visum fragte und und umdrehen ließ, sondern erst den Pass durchblätterte, um dann das Wachthäuschen aufzusuchen. Nach zehn Minuten kam er zurück und fragte dann amtlich, ob sie ein Visum habe – natürlich wusste er, dass sie keins hatte! Beim dritten Mal war ich doch sehr frustriert, und es ist gut, dass kein Schweizer je meine Meinung über ihn erfahren hat. Ich sagte dem Beamten dann im Ton größter Selbstverständlichkeit: „Aber sie hat doch ein deutsches Visum!“ Der Beamte war wie getroffen, und brauchte einen Moment, den ich nutzte, um unschuldig hinzuzusetzen: „Ja, braucht man denn *dann* noch ein *eigenes* für die Schweiz?“ Der Blick in das Gesicht des schweizerischen Grenzers entschädigte mich für einiges. Die deutsch-schweizerische Freundschaft hat dies leider wohl nicht besonders befördert.
    (Quelle: Private E-Mail)

  • Um 18:00 Uhr ist Feierabend am Schweizer Zoll
  • Kleiner Trost für diejenigen, die Ähnliches erlebt haben: Um Punkt 18:00 Uhr macht der Schweizer Zoll an den kleinen Grenzübergängen Feierabend. Das ist sehr unangenehm, wenn man gerade in Deutschland etwas über 300 Euro gekauft hat, sich bei den Deutschen Zöllnern die Ausfuhr für die Mehrwertsteuer-Rückerstattung bestätigen liess, und nun keinen Schweizer Zöllnern mehr findet, der einem die Einfuhr deklariert bzw. die Schweizer Mehrwertsteuer kassiert. Das erfordert anschliessend weite Weg durch Helvetien bis zum nächsten geöffnete Grenzposten, um so die in Deutschland erworbenen Waren zu amtlich eingeführter und verzollter Waren werden zu lassen. Aber wer würde da schon Zeit und Mühe scheuen, wenn es um die eigene Redlichkeit geht.

    

    5 Responses to “Im Nachbarland geht ohne Visum gar nichts — Geschichten von der Deutsch-Schweizer Grenze (Teil 2)”

    1. gengeli Says:

      Es gibt aber auch unzählige Orte, wo man ohne Visum und Kontrolle über die D-CH-Grenze gelangt (z.B. in Kreuzlingen). Allerdings nur zu Fuss oder mit dem Velo. Ich bin in den letzten 20 Jahren noch nie kontrolliert worden.

    2. Graggsel Says:

      Der schweizerischen Korrektheit halber: Die Freigrenze zum abgabenfreien Import in die Schweiz liegt bei 300 CHF (!) (natürlich ist etwas über 300 Euro somit auch über der Freigrenze, aber diese ist eben tiefer), das heisst, der entsprechende Euro-Betrag hängt vom aktuellen Wechselkurs ab.

      Ein diesbezüglich nützlicher Link:
      http://www.ezv.admin.ch/zollinfo_privat/zu_beachten/00350/index.html?lang=de

      Das Problem mit dem Feierabend-Hinweis ist, dass an den meisten (allen?) Grenzübergängen Formulare zur Selbstdeklaration mit Briefkasten aufliegen auch wenn die Zollstelle geschlossen ist. Die Grenzwache führt hinter der Grenze (bis 10 km oder so) sogenannte Schleierfahnudungen durch und gerade bei den „bekannten“ Grenzübergängen werden gerne mal Kontrollen durchgeführt. Wenn dann die Deklaration nicht stattgefunden hat, nützt es leider auch nichts, den ahnungslosen zu spielen.

    3. Marroni Says:

      Der Tüpflischiisär ist wieder mal da! Es sind 3 Bahnhöfe.
      Das ist ein kurzes Stück Deutschland, über das sogar die SBB fährt und in dem sie sogar zwei Schweizer Bahnhöfe auf deutschem Gebiet unterhält.
      http://www.luwi.ch/Lexikon1.htm Schweizer Eisenbahn Lexikon Schweizer Bahnhöfe/Haltestellen im Ausland: Jestetten, Altenburg-Rheinau und Lottstetten an der Linie Zürich – Schaffhausen: betrieben durch die SBB
      Liebe Grüsse.

    4. AnFra Says:

      @Marroni

      Als Obertüpflscheißer möchte ich auf den Schweizerbahnhof bei uns in Konstanz hinweisen. Dafür sind deutsche Bahngleise für Bereitstellungen, Wartestände und Rangieren auf Kreuzlinger Schweizergebiet.
      So geht’s auch.

    5. freiheitistunteilbar Says:

      @Graggsel

      Die Strauchdiebskunst der Zöllner funktioniert in der Schweiz also ebenso gut, wie der Protektionsismus. 😀

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