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Was alles so passiert beim Tempelbau — Neues aus der Schweizer Politiksprache

(reload vom 4.10.06)

  • Was passiert? Was geht?
  • “Qu’est-ce qui se passe?“ fragen die Westschweizer, wenn Sie wissen wollen, was abgeht. Wörtlich: „Was ist das was sich passiert?„. Kommen Sie dann nach Zürich oder Deutschland, wird schnell die Frage „Was passiert?“ daraus. Ein korrekter Satz des Deutschen, der doch so nie gesagt werden würde: „Was IST passiert?“ oder „Ist was passiert?“ sind okay, Letzteres dann meinetwegen auch in Kurzform „ (ist) was passiert?

  • Was in der Schweiz passiert

  • Anders in der Schweiz. Da passiert eine ganze Menge. Für uns war das nur möglich in der Kombination mit „ist passiert“. Bisher kannten wir „passieren“ an sich nur noch aus der Küche, wenn wir in Frankreich erleben durften, wie das leckerste Gemüse gnadenlos gleich gemacht wurde, in dem es der „chef de cuisine“ durch ein Sieb „passierte“, so dass nur noch Babybrei und grüner Gemüseschleim unten dabei heraus kam.

    Die Franzosen kaufen sich solch „passiertes Gemüse“ auch in Dosen, fertig gekocht, muss man nur noch aufwärmen. An sich lecker, wenn da nicht diese grüne Farbe und die sämige Konsistenz zu bemängeln wären.

  • Bau mir noch ne Säule
  • Wir hörten in der Nachrichtensendung „10 vor 10“ im Schweizer Fernsehen am 19.09.06 einen Bericht über die „dritte Säule“. Die Schweizer sind nämlich passionierte Tempelbauern, und so ein richtiger Tempel wäre nicht vollständig ohne ein paar anständige Säulen. Zwei Säulen hat jeder, für die „dritte Säule“ muss man selbst Vorsorge tragen, in der Schweiz gern als „Sorge heben“ bezeichnet. Nicht „Säule(n) heben“, das können nur Gewichtsheber oder Schweinezüchter. Die drei Säulen meinen die Altersvorsorge:

    Drei Säulen braucht der Mensch
    (Quelle Grafik: bankcoop.ch)

    Wikipedia meint dazu:

    Die Vorsorge in der Schweiz basiert auf drei Säulen, dem sogenannten „Drei-Säulen-System“. Die Darstellung des 3-Säulenprinzips erfolgt in der Praxis unterschiedlich, insbesondere können die Meinungen betreffend der unter der 2. Säule zu erwähnenden Versicherungen divergieren. In der Bundesverfassung Art. 111 wird bei der Verwendung des Ausdruckes „…drei Säulen…“ für eine der Säulen nur die „Berufliche Vorsorge“ (Pensionskasse) erwähnt. Vielfach werden jedoch bei der Darstellung eines umfassenden Drei-Säulensystems alle Versicherungen im Zusammenhang mit der Berufstätigkeit (obligatorische und freiwillige) als 2. Säule bezeichnet, resp. dargestellt
    (Quelle: Wikipedia)

    Und jetzt wurde die dritte Säule Thema im Ständerat. Erika Forster aus St. Gallen hatte den Vorstoss beigebracht, eine Säule „3C“ einzuführen. Im dem Beitrag auf „10 vor 10“ hiess es dann:


    „Forsters Idee
    passierte im Ständerat mit grossem Mehr“

    Es geht uns hier nicht um das „Mehr“, die Schweizer Variante von „Mehrheit“ (vgl. Blogwiese). Es geht ums „passieren“.
    Da ist „es passiert“, genauer gesagt „passierte die Idee“. Kennen wir vom Schachspielen, dort gibt es den besonderen Zug „en passant“ = „im Vorbeigehen“.

    Mal schauen, ob das öfters passiert in der Schweiz:

    Der Gestaltungsplan passierte in der Schlussabstimmung mit 201:3 Stimmen.
    (Quelle: www.zuonline.ch)

    Es sind also Pläne, Vorschläge oder Motionen die durch eine Abstimmung müssen, wenn sie „passieren“.

    Kennt der Duden das eigentlich?

    passieren (aus gleichbed. fr. passer, dies über das Roman. zu lat. passus „Schritt, Tritt“, Bed. 2 aus fr. se passer):
    1.
    a) durchreisen, durch-, überqueren; vorüber-, durchgehen;
    b) durchlaufen (z. B. von einem Schriftstück).

  • Ja wo laufen sie denn durch, die Schriftstücke?
  • Aber es durchläuft doch nicht, sondern es wird in einer Abstimmung besprochen. Egal, wir sind grundsätzlich gern dabei, wenn irgendwo was los ist. Und hier passiert ganz offensichtlich häufig mal was. Wieder ein kleines Stückchen Schweizer Politiksprache gelernt.

    

    4 Responses to “Was alles so passiert beim Tempelbau — Neues aus der Schweizer Politiksprache”

    1. Mare Says:

      Es gibt doch den „Passierschein“, mit dem jemand eine Grenze passieren kann. Dann passiert der Inhaber des Passierscheins eben auch.

    2. Ric Says:

      @Mare
      Ich weiss auch nicht warum Herr Wiese daraus ein Aufhebens macht. In der Tagesschau heißt es beinahe täglich „Der Gesetzentwurf passierte den Bundestag…“ und dergleichen. *schulterzuck*

    3. Georg Schweizer Says:

      Es ist ganz einfach, die Schweizer haben einen ungezwungeneren Umgang mit der französischen Sprache als die Deutschen. Der Duden z.B. tut sich sehr schwer mit Fremdwörtern aus dem Französischen und will sie zwangsverdeutschen: Portmonnee statt Portemonnaie usw. Das lehnen wir hier in der Schweiz entschieden ab, Französisch ist schliesslich Landessprache, die bis vor Kurzem als erste Fremdsprache gelernt wurde und unberechtigterweise von Englisch verdrängt wird. Ein Schweizer, der nicht Französisch spricht, ist kein gebildeter Schweizer. Gebildet ist man erst, wenn man die Landessprachen fliessend spricht und natürlich auch Englisch.

    4. Guggeere Says:

      @ Schweizer
      Abgesehen von den Verallgemeinerungen («die Schweizer haben…», «ein Schweizer ist…»), gebe ich dir grösstenteils Recht.
      Allerdings ist das so genannte «Eindeutschen» (= das allmähliche orthografische Angleichen) von Wörtern aus fremden Sprachen etwas ganz Normales und findet auch in der Schweiz statt: Sonst schriebe man bei uns ja immer noch «Bureau» und «Compagnie». «Zwangsverdeutschen» gibts nicht.
      Und jene, die beispielsweise über die neuerdings korrekte Schreibversion «Nessessär» lästern und das bisherige (ebenfalls korrekte) «Necessaire» bevorzugen: ob die wohl alle wissen, dass man das in richtigem Französisch mit Accent aigu (nécessaire) schreiben müsste? Zudem fürchte ich, dass ein grosser Teil der Deutschschweizer das Wort «Portemonnaie» nicht auf Anhieb richtig zu Papier bringt…

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