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Nehmen die Deutschen den Schweizern die Arbeitsplätze weg? — Wie die Schweiz von deutschen Zuwanderern profitiert

(reload vom 29.8.06)

  • Deutsche immer noch auf Platz vier
  • Seit der Liberalisierung durch die bilateralen Abkommen sind ungefähr 40.000 Deutsche in die Schweiz gekommen. Auf die Deutschen entfielen in den vergangen Jahren 56 Prozent der Nettozuwanderung, auf die ganze Schweiz bezogen rangieren sie mit 161’564 Personen immer noch auf dem vierten Platz hinter Italienern, Serben/Montenegrinern und Portugiesen.

    Wir lasen in der FAZ (Frankfurter Allgemeinen Zeitung) vom 7.8.06 in einer Analyse von Konrad Mrusek:

    Die Personenfreizügigkeit mit der EU war anfangs umstritten. Man fürchtete, Ausländer würden den Schweizern Stellen wegschnappen, die Löhne drücken und die Arbeitslosigkeit erhöhen. Diese Furcht war besonders gross, als 2004, zwei Jahre nach dem Inkrafttreten des Vertrags, auch der Inländervorrang entfiel. Dieser hatte die Einstellung von Ausländern zuvor nur erlaubt, wenn es für die Stelle keinen Einheimischen gab.
    Die Ängste waren offenbar unbegründet, wie jüngst ein zweiter Zwischenbericht des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) und des Bundesamtes für Migration zeigte.
    (…)
    Eine Verdrängung von Schweizer Arbeitskräften gab es bisher nicht. In jenen Tätigkeiten, in den mehr Ausländer eingestellt wurden, nahm auch die heimische Beschäftigung zu.
    (Quelle: FAZ vom 7.8.06)

    Was nicht ausschliesst, dass im Wettbewerb um eine Stelle ein Schweizer Kandidat in unmittelbarer Konkurrenz zu einem Bewerber aus Süddeutschland das Nachsehen haben konnte. Der „Inländervorrang“ war hier bisher eine Schutzklausel, die es nun so nicht mehr gibt. Die Wirtschaft sucht sich den besten Bewerber aus dem Angebot heraus, der dann auch noch zu den günstigsten Konditionen zu arbeiten gewillt ist. Aber keine Angst, auch hier werden Angebot und Nachfrage die Lohnfrage über kurz oder lang regeln.

  • Kommt der Aufschwung durch die Deutschen?
  • Konrad Mrusek schreibt weiter:

    Die Schweiz, in den neunziger Jahren noch europäisches Schlusslicht, erzielt seit zwei Jahren höhere Wachstumsraten als Deutschland. Für 2006 erwarten Optimisten ein reales Wachstum von 3 Prozent. Bisher wurde kaum diskutiert, ob neben dem Exportschub auch die Zuwanderung gut ausgebildeter Ausländer das Wachstum beschleunigen half. Die Zurückhaltung ist verständlich: Es würden den Schweizer Stolz beeinträchtigen, wenn man feststellte, dass ausgerechnet die Deutschen die Wirtschaft produktiver machten.

    Also wollen wir diesen Gerüchten tunlichst keine zusätzliche Nahrung liefern und jede Art von Vermutung in diese Richtung verschweigen. Sehen wir es einfach pragmatisch:
    Gesteigerte Produktivität bedeutet höheren Umsatz und höhere Gewinne, die vielleicht auch höher sind, weil die zugezogenen Fachkräfte aus Deutschland günstiger arbeiten?

  • Die Ausbildung wurde von Deutschland bezahlt
  • Ein weiterer Faktor in dieser Gewinn & Verlust Berechnung sind die Kosten der Ausbildung. Ein Medizinstudium in Deutschland kostet ein paar Hundertausend, bezahlt von deutschen Steuerzahlern. Die in Deutschland ausgebildeten Fachkräfte bringen ihr Wissen und ihren Ausbildungsstand kostenfrei mit in die Schweiz. Ein Faktor, über dessen finanzielle Auswirkungen jetzt auch in Deutschland nachgedacht wird. Ein Hochschulstudium ist in Deutschland für jeden Studenten bis auf geringe Gebühren so gut wie kostenfrei. Je mehr Mediziner nach ihrer Ausbildung Deutschland verlassen, desto grösser wird dieses Verlustgeschäft für den deutschen Staat.

    Am heutigen Montag, 21.09.09 schreibt der Tagesanzeiger, dass die 3500 deutschen Ärzte, welche mit ihrer in Deutschland erhaltenen und von Deutschland bezahlten Ausbildung in die Schweiz kamen, eine Einsparung von 4 Milliarden Franken bringt:

    Der Tagi schreibt:

    Eine 30-jährige Ärztin, die während ihrer Fachausbildung das Land verlässt, zuvor nur wenig Steuern und Sozialabgaben gezahlt hat und von einer kostenlosen Ausbildung profitieren konnte, belastet die Allgemeinheit mit 436’000 Euro. Bliebe sie in Deutschland, würde sie über ihre gesamte Lebenszeit einen positiven Beitrag von 639’000 Euro leisten. Per Saldo entgehen dem deutschen Staat damit Einnahmen von 1,075 Millionen Euro. (…)
    Damit wird klar, wie stark die Schweiz von den aus Norden zugewanderten Ärzten profitiert: keine Ausbildungskosten, dafür Steuereinnahmen und Beiträge an die Sozialversicherungen.

    Das Bundesamt für Gesundheit geht davon aus, dass jeder Medizinstudent in der Schweiz den Fiskus im Laufe der Ausbildung im Schnitt 720’000 Franken kostet. Für die Weiterbildung zum Facharzt kommt schnell einmal noch eine halbe Million hinzu. Hätte man die deutschen Mediziner an hiesigen Universitäten ausbilden müssen, hätte dies das Budget von Bund und Kantonen mit geschätzten 4 Milliarden Franken belastet.
    (Quelle: Tagesanzeiger.ch)

    In der FAZ heisst es dazu:

    Der Ökonom Hans-Peter Hausheer von der Grossbank UBS hält den Zusammenhang zwischen höheren Qualifikation der Migranten und höherem Wachstum für plausibel. „In ökonomischer Hinsicht hat das für mich eine gewisse Logik“.

    Die Seco-Studie verrät auch, dass es besonders bei Akademikerstellen einen parallelen Zuwachs gab:

    Hier hat sich die Zahl der Schweizer um 27’000 erhöht, die der EU-Ausländer um 9’000. Nur in die Riege der Führungskräfte schafften es die Ausländer bisher nicht: die 1’000 zusätzlichen Stellen in dieser Kategorie gingen allein an Eidgenossen.

    Tiefes Uffschnuufe, oder Einatmen, je nach Sprachvariante! Die Kaderstellen bleiben also in Schweizer Hand (darf man sagen „Schweizerhand“?)!

    Faktisch bleibt nicht viel übrig von der Befürchtung, dass alle Kaderstellen nach und nach von Deutschen eingenommen werden. Ausreisser ist in dieser Statistik die hohe Ausländerquote unter Konzernchefs: Nestlé führt ein Österreicher (Peter Brabeck) und Credit Suisse ein Deutscher (Oswald Grübel).

    

    5 Responses to “Nehmen die Deutschen den Schweizern die Arbeitsplätze weg? — Wie die Schweiz von deutschen Zuwanderern profitiert”

    1. neuromat Says:

      würde man der oben genannten Aerztin ein Gehalt zahlen, welches möglicherweise (wenn überhaupt) den positiven Beitrag auf 436’000 Euro schmälern würde, bliebe sie möglicherweise im Land. In dem Land, welches selbst die entstehende Lücke mit Personal aus Litauen, Weissrussland und Polen auffüllt.

      Wäre dieses Land zudem in der Lage mit einer dubiosen Staatsanwaltschaft in Mecklenburg Vorpommern und Skandalen wie Flowtex und vielem mehr fertig zu werden – was nichts anderes als ein Versagen der Politik darstellt – dann wäre die Wahrscheinlichkeit, dass Frau Doktor daheim bliebe noch grösser.

      Für die Schweiz würde dies bedeuten, dass die Ausbildungsversäumnisse ebenso eklatant würden, wie die Milliardenrisse in den sozialen Systemen. Es gibt bereits jetzt Rekrutierungsprobleme.

      Im Fall ist ja am Sonntag Wahl- und Abstimmungssonntag. Die einen dürfen wählen, die anderen müssen abstimmen. Von dieser Stelle ein kleiner Hinweis: JA zur Mehrwertsteuererhöhung.

      Der erwähnte Schweizer Stolz ist tatsächlich so eine Sache. Nur der Mühe nicht wert, den weiter zu relativieren. Genausogut könnte man versuchen, Kühen das selbermelekn beizubringen. Hier den Ball flach halten und sich fragen, wie Deutsche das wohl fänden, wenn Dänen, Niederländer oder Luxemburger oder Russen in wichtigen Funktionen Deutschland florieren liessen. (Die Russen deflorieren Deutschland wenigstens – und bleiben dabei wenngleich metaphorisch ihrer Einstellung seit dem 2. Weltkrieg treu)

      Wer das Thema vertiefen möchte, dem sei ein Buch aus dem NZZ Verlag empfohlen — dessen Titel mir peinlicherweise gerade nicht einfällt – und ich muss jetzt wieder ranklotzen das BSP mehren ……

    2. Egon Says:

      @ neuromat

      Sie meinen NZZ libro „Die neue Zuwanderung“ – Die Schweiz zwischen Brain gain und Ueberfremdungsangst. Und wahrscheinlich meinten Sie das BIP steigern zu müssen.

      was da dann nach Ihnen weiter unten wieder abgesondert wurde ist an Dummheit natürlich nicht zu überbieten. Allein dieses Geseire zeigt auf den Hasen im Pfeffer. Es ist zuwenig Substanz da. Es reicht für das sinnlose monotone Abspulen der ewig gleichen in sozialer Desintegration abgehaltener Monologe, für eintägliche aufs Neue erfolgende maximal unsympathische Auftreten und das schwafelnde Verbreiten von Binsenweisheiten, die keine sind. Dieser Mann hat wohl zurecht seine Arbeit verloren; denn er ist eine personifizierte Gefährdung für jedes Unternehmen.

      Zum Beispiel:
      Die Schweiz in der wirtschaftlichen Krise. Sie sollte dann doch die angeblich billigen Arbeitnehmer beahlten und die teuren entlassen. Wird aber nicht so gemacht.

      Mir ist noch nie der Vorwurf gemacht wurden, hier in welcher Form auch immer „Honorare“ zu dumpen. Die Schweizer Versuche, wo man steht und geht wieder mal etwas einzusparen, noch ein „Schnäppchen“ zu machen und immer schön günstig an etwas ranzukommen sind bekannt und werden von vielen Deutschen zur Kenntnis genommen, belächelt und nicht weiter kommentiert.

      In diesem Zusammenhang sah ich letztlich einen Dokumentarfilm über Wilhelm Tell, der wohl eigentlich Oesterreicher war und gegen Entgelt (Schweizer Staatsbürgerschaft) bestimmte Spionagetätigkeit uebernahm. Den gesprächigen Rütli-Helveten war dann zum Ende vor allem eines wichtig: „Wir haben keinen Verlust gemacht“.

      Nein, man hat sich schon immer gern die Arbeit erledigen lassen, seitdem man sich dies leisten konnte.

    3. Egon Says:

      welche Fakten?

      Bei Ihnen wäre es mit einer Ehrverletzung wie folgt: Verletzt werden kann nur, was auch vorhanden ist, folglich nie eine Ehrverletzung. Drum können Sie auch Ihre Intelligenz nicht verlieren. Drum kann auch gegen Ihre „Person“ nicht gegiftelt werden.

      An dem Tag, an dem Sie mal in der Lage sein werden, einen auch nur annähernd sich nicht aus „Copy and Paste“ Teilen zusammensetzenden Comment zu schreiben … aber vergessen Sie es, bei welcher kantonalen Verwaltung sind Sie denn angestellt?

    4. AnFra Says:

      @Egon

      Pssst!

    5. Christian (der Andere) Says:

      @ Jens-Rainer Wiese:

      Was den Braindrain aus Deutschland anbelangt, man kann als Staat nicht einfach individuelle Kosten kollektivieren und dann über Personenfreizügigkeit und Verschwendung jammern.

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