-->

Schweizer Wohneinheit mit fünf Buchstaben — Was ist ein Flarz?

(reload vom 23.05.06)

  • Kreuzworträtsel sind anspruchsvoll!
  • Die Pendler in den Agglo-Zügen stürzen sich jeden Morgen auf die Kästen mit der kostenlosen Minizeitung „20minuten“. Einige Zeit lang gab es auf dem Heimweg dann noch eine Spätausgabe von „heute“. Nein, das war nicht die betuliche Nachrichtensendung im Zweiten Deutschen Fernsehen, einst wegen seiner regierungsfreundlichen Berichtausstattung auch als „Kohls Privatshow“ verunglimpft, sondern eine weitere „Zeitung für Nichtleser“. Doch „heute“ blieb nicht lange am Markt sondern wurde von „Blick am Abend“ übernommen. Die seit dem 15. Mai 2006 erscheinende Gratiszeitung „heute“ (später „Blick am Abend“) wird an Bahnhöfen von „Kolporteuren“ verteilt. Das sind keine schmuddeligen Gestalten, die „Kolportagen“ schreiben, also anrüchige Berichte, denn laut Duden ist eine Kolportage:

    Kolportage […], die; -, -n [frz. colportage, zu: colporter, kolportieren]: 1. literarisch minderwertiger, auf billige Wirkung zielender Bericht
    (Quelle: Duden.de)

    Nein, so heissen die Verteiler der Zeitungen in der Schweiz. Eigentlich ein sehr negativ besetztes Wort:

    Kolporteur […] der; -s, -e aus fr. colporteur „Hausierer“:
    1. jmd., der Gerüchte verbreitet.
    2. (veraltet) jmd., der mit Büchern od. Zeitschriften hausieren geht.
    (Quelle: Duden.de)

    Über die Duden typische Wertung „veraltet“ für einen typisch schweizerischen Begriff sehen wir wie immer gewohnt souverän hinweg. Auch der Blogger Jérome, der heute übrigens Geburtstag hat, fing an als Kolporteur:

    Meine „Promokarriere“, die 2001 als 20-Minuten und Metropol Kolporteur (bei Wind und Wetter: Jé war immer gut gelaunt) in Zug begann – hat gestern ihren wohl vorläufigen Höhepunkt erreicht!
    (Quelle: jeromel.kaywa.ch)

    Doch kehren wir zurück zu „20minuten“ und „heute„, zwei äusserst auflagenstarke Blätter im Schweizer Blätterwald, die besonders auf einer Seite einen besonders hohen Tribut an Verstand und Geistesgabe fordern: Beim Kreuzworträtsel.

  • Tagi und Dagi statt Maggi und Daggi
  • Manchmal schaue ich meinem Banknachbarn in der S-Bahn über die Schulter und lese heimlich mit, welche Frage in den Rätsel gelöst werden müssen: „Singvogel mit fünf Buchstaben, erster Buchstabe ein A“. Hmm, das ist jetzt aber verdammt schwer für einen Stadtmenschen wie mich. Vielleicht „a’Spatz“? Aber das sind ja schon sechs Buchstaben. Dann versuche ich mich wieder im Verstehen meiner Lieblingslektüre, dem „Total Anspruchsvollen Gesamt-Idiotikon“ für die Schweiz. Kurz: Dem „TAGI“, bei dem nur Deutsche auf die Idee kommen könnten, ihn mit zwei „g“ in der Mitte abzukürzen. Merke: Der „Tagi“ schreibt sich nicht wie „Maggi“, also nur mit einem „g„. Eine „Dagmar“ würde in Deutschland zur „Daggi“ und in der Schweiz zur „Dagi“ verkürzt (zum Name siehe hier)

  • Behausung mit fünf Buchstaben
  • Und dort im Tagi stolperten wir auch prompt über ein Wort, das gut in jedes Kreuzworträtsel passen würde. Der „Flarz“

    Aber das Haus hat natürlich auch eine Identität und eine Geschichte, die ein Stück weit einbezogen werden. Es ist ein ehemaliger Flarz aus dem Jahr 1780, der vor 15 Jahren einer grossen Renovation unterzogen wurde.
    (Quelle:Tages-Anzeiger.ch)

    Die Schweiz hat viele alte Gebäude und Haustypen, und als Deutsche stehen wir immer wieder staunend vor alten Fachwerkhäusern, die langsam vor sich hin modern, weil niemand Interesse hat, sie zu renovieren. Es gibt einfach zu viele davon. Oftmals werden sie abgerissen und an gleicher Stelle wird, mit gleicher Dachform und Umfang, etwas Neues gebaut. In Deutschland wurde durch das Bombardement im Zweiten Weltkrieg ein Grossteil der alten Bausubstanz ausradiert. Wer heute durch eine schnuckelige Altstadt wie die von Freiburg im Breisgau läuft, verfällt leicht dem Irrglauben, hier wirklich alte Häuser zu sehen.
    Altes Kaufhaus in Freiburg im Breisgau ist nicht alt
    (Quelle: lpb.bwue.de)
    In Wirklichkeit wurde fast alles mühsam wieder aufgebaut in den Fünfzigern, nur das Münster überstand wie durch ein Wunder den Bombenteppich der Engländer.
    Freiburg nach dem Bombenangriff
    Man muss sich das als Deutscher in jeder Schweizer Altstadt vor Augen halten: Hier ist alles wirklich alt, hier gab es keinen Bombenkrieg, hier wurde nicht alles erst wieder aufgebaut. Wirklich alte Wohnhäuser sind darum in deutschen Städten eine Seltenheit, die sorgsam gepflegt werden und häufig unter speziellem Denkmalschutz stehen, ob sie nun schön anzusehen sind oder nicht.

  • Doch was ist ein Flarz?
  • Wir fanden eine Definition auf Englisch:

    House in “flarz” style
    Three hundred years ago many communities in the Zurich Highlands restricted house construction because of the rapid population growth. They specified exactly how many dwellings were permitted within their municipal borders, or they completely prohibited the construction of new apartments. The crafty highlanders, however, found ways to circumvent such obstacles by dividing up existing houses or by adding extensions to the gable end. The outcome was the row house in “flarz” style – which today is a coveted, romantic dwelling.
    (Quelle: bioengineering.ch)

    Beispiel für ein Flarz
    Flarzhaus in Sternenberg
    (Quelle: sternenberg.ch)

    Das Flarzhaus ist ein so spezielles Haus, dass die Bezeichnung von vielen Schweizern auch nicht gekannt wird. Es sei denn, sie stammen aus dem Zürcher Oberland:

    Das Flarzhaus ist typisch für das Zürcher Oberland: Ein Zürcher Weinbauernhaus am Zürichsee unterscheidet sich vom Flarzhaus des Zürcher Oberlandes. Für eine gezielte Exkursion zur Beobachtung von Haustypen eignet sich das Zürcher Oberland besonders gut. Auf kleinstem geografischem Raum können verschiedene Bauweisen besichtigt werden. Fachwerkhäuser sind in Lützelsee-Hombrechtikon (das Menzihaus und das Hürlimannhaus) und in Lutikon-Hombrechtikon (das reich geschmückte Eglihaus) zu sehen. Das Dürstelerhaus in Ottikon-Gossau und das Guyerhaus in Wermatswil sind Bohlenständerbauten. In Rutschberg-Pfäffikon ist ein so genanntes Flarz-Reihenhaus aus dem 16. Jahrhundert erhalten geblieben
    (Quelle: verlagzkm.ch)

    Heute werden Häuser dieser alten Form des Flarzhauses nachempfunden:
    Häuser im Flarz Stil
    (Quelle: forums9.ch)

    Und weil Sie es ja sowieso wussten: Der Singvogel mit fünf Buchstaben, erster Buchstabe „A“ ist eine „Ammer„, oder was hatten Sie gedacht?

    

    3 Responses to “Schweizer Wohneinheit mit fünf Buchstaben — Was ist ein Flarz?”

    1. dampfnudle Says:

      Und ich habe immer gemeint, das Typische an einem Flarzhaus seien die langen Reihen schmaler Fenster dicht an dicht. Dies als Notwändigkeit, genügend Licht in die Stuben der Heim-Handweber zu bringen.

    2. AnFra Says:

      Das Thema „Flarz“ ist eine wunderbare Fortsetzung und Ergänzung zum Thema „Wo lagern Sie Ihr Heu“. ( http://www.blogwiese.ch/archives/1108#comment-975094 ).

      Wenn man etymologisch den Begriff „Flarz“ untersucht, muss man über die mhd. „Flarre“ oder „Vlarre“ sowie ahd. „flarra“ zum „flarr“ zurückgehen!
      Dieses „flarr“ meint u. a. auch ein großes altes Haus oder Dach, welches im schlechten Zustand ist. Laut Br. Grimm werden auch Dinge, welche sich breit in den Weg stellen oder unnötig Platz einnehmen, “Geflärre und Geflärr“ oder auch „flarre“ genannt. Der germanische Anlaut „d“ nimmt in der niederdeutschen Sprache öfters das „rr“ an. Also dürfte die Grundform und die Begriffquelle somit „flade“ lauten, d. h. also in nhd. „Fladen“! Also ein breitgezogenes und nicht dickes oder breites Ding.

      Und das ist die Lösung, denn wie im Beitrag „Heu“ sind diese hier gemeinten Gebäude mit den zugewanderten Alemannen, damals als sie sich in der römischen-keltischen Provinz der heutigen Schweiz mit Gewalt ihr Asyl erkämpften, aus ihrer letzten Bleibe aus Norddeutschland mitgebracht worden. Dies meisten Gebäude waren zunächst wohl als Langhäuser mit der Unterteilung in jeweils einzelne Wohnungen im Erdgeschoss und einer gemeinsamen Heubühne im Dachstock. Später haben siech diese Häuser in Wohnbereiche von kleineren bzw. ärmeren Bauern (sog. „Häusler, Hausel oder Huber“) gewandelt. Da diese Bewohner wenig / kein Großvieh hatten, wurde die Heubühne über jedem Grundriss durch eine Wandung getrennt. So entstanden in den ehem. germ. Langhäusern für die gesamte Stammessippe dann einzelne Wohnungen für je eine Familie mit zunächst gemeinsamen Heuboden, welcher später in eine absolut vertikal getrennte Wohneinheit überging. Und nun das sprachlich-technische Problem:
      „Flarz“ ist im heutigen Sinne kein irgend wie abzuleitendes Gebäude a la „Reihenhaus / Reihenhäuser“, sondern es ist tatsächlich ein baulich und statisch autarkes „Ständerhaus“ nach der alten germanischen Vorväter-Weise , im welchen mehrere vertikal aufgeteilte eigenständige Wohnbereiche untergebracht sind. Dadurch entstehen recht schmale Wohnbreiten, welche man in den älteren und historisch noch original belassenen Bauwerken erkennen kann, da ab dem 19. JH oft diese Gebäude im Inneren oft entkernt wurden, um die jeweiligen Nutzflächen vergrößern zu können. Die Ständerbauweise ist ein Vorläufer des Fachwerkbaus.
      Zusammenfassend ist zu sagen: Der Begriff „Flarz“ steht nicht für einen speziellen Baustil oder eine besondere Dachart, sondern beschriebt die spezifische, also recht schmale Wohnung in diesem ehem. germ. „Langhaus“, dass nun mehrere Wohnungen unter dem gemeinsamen Dach beherbergt.

      Also ist „Flarz“ ein Gebäude, welches man so beschreiben kann: Es hat i. d. R. ein gemeinsames Sattel- oder Giebel-Dach, hat zwei gleichmäßig geneigte Dachflächen (meist ohne Öffnungen und / oder Aufbauten) als klassische Grundtyp. Die im Erdgeschoss (später mit den später zugefügten zusätzlichen Stockwerken) befindlichen Wohnungen und die Bühne (Dachgeschoss) sind hier immer baulich getrennt. Im Grundsatz ist die ursprünglich unter einem Dach befindliche Heubühne nun unterteilt. Erst in laufe der Zeit wurden weitere Anbauten in dann verschiedenen Bauarten und Dachformen durchgeführt. Da alles preiswert sein sollte und man nicht den Raum eines großbäuerlichen Gebäudes benötigte, waren somit die Wohnungen der ärmeren Schichten. Als Folge dieser Bautechnik waren die Wohnungen immer recht schmal gehalten, vergleichbar einem „Fladen“. Vergleichbar den Kuchenabschnitten von einem rechteckigen Kastenkuchen. Die heutige schweizerische Bezeichnung „Flarz“ geht somit auf den Begriff „Fladen“ zurück, wie auch der engl. Begriff „flat“ für eine Geschosswohnung! Der Fladen ist nun mal flach und platt.

      Es ist sprachlich sehr interessant: Der Begriff „Fladen“ hat tatsächlich hier eine doppelte Bedeutung. Es meint das in der Gesamtheit doch recht große Bauwerk und gleichzeitig auch die ursprünglich immer vertikal angeordneten schmalen Wohnungen in diesem Bauwerk.
      Diese Art des Bauens, d. h. unter einem gemeinsamen Dach und jeweils einer eigenen Wohnung und sogar eigenem Kamin für jede einzelne Feuerstelle , kann man auch sehr oft auf der britischen Insel sehen. Die von den Angeln, Sachsen, Friesen und Jüten im 5. JH mitgerbachten Langhäuser haben sich auch dort funktionell und typologisch erhalten und weiterentwickelt. Wie teilweise mit diesem „Flarz“ auch in der Schweiz.

      So lässt sich auch ein seltsames Phänomen erklären, warum „die Schweizer“ als einzige europäische Volksgruppe in der Lage waren, die vom Peer Steinbrück niemals wörtlich (!!!) mit den Schweizern in Verbindung gebrachten Aussagen wegen „der Peitsche, der Indianer und der Bananenrepublik“ als nonverbale Aussage doch zu hören, zu verstehen und zu durchschauen:
      Es ist die Stimme des „gemeinsamen Blutes“ aus der gemeinsamen Abstammung aus den norddeutschen Gebieten.

    3. AnFra Says:

      @dampfnudel

      Diese lange Reihe von schmalen Fenstern ergibt sich zwangsläufig durch die bei dem Flarzhaus typische traditionelle Ständerbauweise und der hierbei notwendigen Rasterung. Diese Ständer sind die statisch wirkenden und dadurch an dieser Stelle notwendigen „Pfosten“, welche die Bauwerkskräfte in den Untergrund ableiten.

      Wenn man z. B. für eine recht kleine typische Wohneinheit eine Breite von 20 Fuß (´) annimmt, ergibt sich ein Maß von ca. 6,40 m. Bei einem Rastermaß (Ständer zum Ständer) von 5 Fuß (´) ergibt dies ca. 1,60 m. An beiden Ständer je 1 Fuß (´) für Anschläge, Leibung und Verkleidung ergibt ein verbleibendes lichtes Fenstermaß von 3 Fuß (´) = ca. 0,96 m.

      Da man aus technischen Gründen diese Fenster nur im freien Ständerfeld einbauen kann, entsteht durch diese spezifische Anordnung mit gleicher Bemaßung sowie der gleichen Wiederholung an diesem Bauwerk solch ein sehr augenfälliger und charakteristischer Reiheneindruck.
      Denn im Gegensatz zum Ständerbau kann man bei der Steinmauerung und gewissermaßen auch beim Fachwerkbau durch die größere statische Freiheit fast an jeder beliebigen Stelle die Fenster einsetzen. Auch ist zu berücksichtigen: Die in der Mitte befindlichen Wohnungen haben nur an der vorderen und hinteren Traufenseite ihre Fenster. Dadurch haben die Räume im hinteren Bereich zwangsläufig weniger Licht.

      Die qualifizierte Heim-Werktechnik, wie z. B. die Burgunderuhren ab 16./17.- 19. Jh im Burgung und auch die Uhren- und Feinwerktechnik und Schmuckindustrie im Jura, Genf uam. haben die vorhandene Bauweise zunächst gut genutzt und sicherlich dann erst später weiter beeinflusst.
      Die Heimweberei benötigt m. E. nicht diese große Lichtfülle, die durch die Technik des Flarzhauses gegeben ist, hat sie aber sicherlich gut genutzt.

    Leave a Reply