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Hat da jemand beim „Streicheln“ das „S“ vergessen? — Was sind Treicheln

(reload vom 10.3.06)

  • Hat da jemand beim „Streicheln“ das „S“ vergessen?
  • Nun leben wir mehr als 8 Jahre in der Schweiz und waren viel unterwegs, haben dabei Kühe mit wunderbaren Kuhglocken gesehen:
    Kuhglocke bei Bülach
    Und nun das: Wir erfahren durch eine Bildunterschrift im Tages-Anzeiger, dass diese Dinger in der Schweiz gar nicht „Kuhglocken“ heissen, sondern „Treicheln“.
    Treicheln klingen
    Bildunterschrift „Süsser die Treicheln nie klingen
    (Quelle: Tages-Anzeiger 23.02.06 S. 13)
    Nur warum ist das so? Hat es was mit „treiben“ oder „treideln“ zu tun? Klingt so ähnlich, oh pardon, „tönt genauso“ meinte ich natürlich. Tun Kuhglocken eigentlich klingen oder tönen?

    Wir haben schon Nord- und Süddeutsche darüber debattieren hören, ob man an einer Haustüre die „Schelle“ oder die „Glocke“ betätigen muss und ob das nun „klingeln“ , „schellen“ oder wohlmöglich gar „läuten“ heisst, was man da tut.

    Solche typischen Nord-Süd Sprachdubletten gibt es einige in Deutschland, ganz selten sind sie wirklich Synonym, so z. B.

    Samstag und Sonnabend
    Tischler und Schreiner
    Fleischer, Metzger oder Schlachter
    Klempner, Flaschner, Spengler oder Blechner
    Dachboden, Bühne, Speicher und Estrich (und „Stir“ in der Süd-West. Schweiz)

    Doch zurück zu den Kuhglocken oder –schellen, die in der Schweiz „Treicheln“ heissen.
    Unser Duden weiss warum:

    Treichel:
    1. Berufsübername für einen Jäger, Fallensteller (zu mhd. dru-ch ) Falle, um wilde Tiere zu fangen< + -l-Suffix: ) *Dräuchel/*Träuchel, entrundet > Treichel).
    2. Berufsübername zu schwzdt. Treichle „große Kuhschelle“ für den Hersteller.

    Heisst der Hersteller wirklich „Treichle“, mit dem „l“ vor dem „e“ am Ende? Oder gibt es da einen Druckfehler in unserem Duden? Egal, was würden wir anfangen ohne den Duden!

    Zu Google flüchten, was sonst: Für „Treicheln“ finden wir 2280 Belege bei Google-Schweiz und nur 374 Belege bei Google-Deutschland.

    Der „Treichel“ ist also ein Fallensteller, und „Träuchel“ erinnert auch entfernt an die Englische „trap“, die wir alle aus der „Mousetrap“, einem Theaterstück von Agatha Christie, kennen, zu Deutsch: „Die Mausefalle“:

    Das Kriminalstück „The Mousetrap“ (dt.: „Die Mausefalle“), 1947 entstanden, wird seit seiner Uraufführung am 25. November 1952 ununterbrochen jeden Abend in London gespielt und hält damit einen einsamen Rekord in der Theatergeschichte und steht damit auch im Guinness-Buch der Rekorde. Ursprünglich im „Ambassadors Theatre“ aufgeführt, zog es 1974 in das benachbarte, größere „St. Martin’s Theatre“ um. Am 25. November 2002 wurde das 50-jährige Jubiläum im Beisein von Queen Elizabeth II. gefeiert. Im Laufe der Jahre wurde das Stück alleine in London ca. 22.000 mal gespielt. Weiterhin wurde es bisher in 24 Sprachen übersetzt und in 40 Ländern aufgeführt. Damit hat es über 10 Millionen Zuschauer erreicht. Die Einnahmen aus den Autorenrechten erhält Agatha Christies Enkel.
    (Quelle: Wiki)

    Über dieses Stück erzählt man sich zahlreiche Anekdoten. So z. B., dass eines Abends eine Schauspielerin krank war und dann kurzer Hand eine Garderobenfrau für sie einsprang, die die Rolle vom vielen Zuhören schon lange auswendig kannte. Oder dass einmal ein neuer Schauspieler den Text vergass, worauf die Souffleuse aus dem Tiefschlaf geweckt werden musste, den Staub vom Textbuch abklopfte und aushalf.

    Und dann gibt es noch den deutschen Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel, dessen Romane wie
    Der Verlorene (1998) und
    Tristanakkord (2000) wir sehr schätzen.

    Doch zurück zu den Schweizer Treicheln. Warum haben die Kühe diese Dinger eigentlich um den Hals? Wiki meint dazu:

    Kuhglocken oder auch Kuhschellen dienen in der alpenländischen landwirtschaftlichen Erwerbswirtschaft dazu, Herden von Rindern zusammenzuhalten. Sie werden vom Leittier um den Hals getragen und es ist der Brauch, dass ältere Tiere größere Schellen umgehängt bekommen.
    Durch die Bewegung der Kuh, vor allem beim Äsen, bimmelt die Glocke, was allen anderen Tiere der Herde eine Orientierung ist. In losen Tierverbänden erhalten alle eine Kuhglocke, damit man Verirrte leichter wieder finden kann.
    (Quelle: Wiki)

    Womit wir auch verstehen, warum Hans-Ulrich Treichel einen Roman „Der Verlorene“ nannte, denn ohne Treichel können sich die Kühe verirren und gehen verloren.

    

    11 Responses to “Hat da jemand beim „Streicheln“ das „S“ vergessen? — Was sind Treicheln”

    1. solanna Says:

      Glocken sind rund und gehen unten auseinander, Treicheln werden unten eng und sind nicht rund sondern fast rechteckig oder oval.

    2. AnFra Says:

      Nicht verzagen, Brüder Grimm befragen!

      Wenn „Treichel“ in die frühere Sprachform zurückgewandelt wird, ergibt sich diese interessante sprachliche Genese:

      – Treichel = TrEIchel < TrIchel = Trichel (d.h.: Das „EI“ kommt vom „I“). - TriCHel kommt von TriKel = Trikel ( d.h.: Das „CH“ entwickelte sich vom „K“). Hier nun die Lösung: „Treichel“ von Trikel = „Trinkel“ (mit zusätzlich einem öfters verschluckten Buchstaben, hier z. B. dem „n“). Laut Grimm ist TRINKEL: 1.) Ein Hohlmaß. 2.) ...Schelle, besonders, wie man sie dem weidevieh um den hals hängt, kuhglocke. das wort ist im deminutiv seit dem 13. jh. belegt: drinkilken ahd. .....doch schon seit dem 12. jh. mit anderem vokal: drenkila ahd. .....der sich bis in die modernen mundarten fortsetzt, s. unten. räumlich gehört es vorwiegend der Schweiz an, das heimatverhältnis der genannten glossenbelege drenkila (handschriftlich aus st. Blasien im Schwarzwald) und drinkilken mit seinem auffälligen deminutivsuffix ..... ist allerdings noch zu klären. das wort ist auch in rheinabwärts gelegene mundarten gedrungen, u. zw. ins elsäszische, rheinische und sogar ins südl. Westfalen..... Trinkel / Treichel wird bei der Leitkuh ( bei Grimm auch „Heerkuh“ genannt, da „Heer“ im altgerm. / indoeurop. für „Haufen, Gruppe, Menge“ steht und auch im altgriech. der Gott für Grenzen, Grenzmarkierungen uam. „Hermes“ als Synonym „Haufen“ bedeutet). Die alten historischen Treicheln / Trinkeln dürften aus Eisenblech geschmiedet worden sein, da die gegossenen Glocken ansonsten das wesentlich teurere Material Bronze oder Messing benötigten. Der Klang / Ton und das Gewicht ist dann ausreichend für die Nutzung auf der Weide gewesen. Wenn die gesamt-südwestdeutsche Bezeichnung „Treichel / Trinkel“ für Hohlmaße, Trinkgefäße und Weide-Schellen steht, wird also logischerweise der diese Dinge herstellender „Blechner“ dann „Treichle“ („Der mit dem Bleche treibt“) genannt werden können! Weitere Infos bei Grimm unter „Trinkel“. Siehe auch: http://www.chaernehus.ch/schriften/EinsiedlerWoerterbuch.pdf

      Fazit:
      In den Beizen und Kneipen haben die gsuffenen Leitstiere bzw. Heerochsen immer die größten Treicheln / Trinkeln. Denn dann ist eine Maul-Schelle bestens angebracht.

    3. Guggeere Says:

      Im Duden Band 1, Rechtschreibung, ist «Treichel» noch nicht enthalten, was mich eigentlich erstaunt. Für «grosse Kuhschelle» gibts kein anderes adäquates standarddeutsches Wort. In Mundart ist das entweder als «Treichle» oder «Trichle» auszusprechen.
      Ein anderes, dem Dialekt noch näheres Wort für Treichel ist «Plümpe». Diese baumelt, also «plampet» eben am Hals des Viehs. Damit wären wir schon wieder beim «Plämpu» (oder «Plämpel», wie der «Tages-Anzeiger» Tanja Friedens schönen berndeutschen Ausdruck zu verschriftlichen versucht hatte; siehe Beitrag «Was pendelt denn da?» vom 12. Januar).

    4. Bayer Says:

      Eine Glocke (zB Kirchturm) läutet, eine Klingel klingelt (Klingelton beim Telefon, die Fahrradklingel,..). Daher klingelt man natürlich wenn man vor einer Haustür steht. Außer beim Papst der hat wohl tatsächlich eine echte Glocke die man läuten kann.

      Und es heißt natürlich Metzger da es sich hierbei um einen Eigennamen handelt, während Schlachter lediglich eine Ableitung von der Tätigkeit und Fleischer eine Ableitung vom Produkt ist. Selbes gilt für Schreiner (Eigenname) und Tischler (Produkt). Und wie immer haben die Bayer in Wahrheit das beste Hochdeutsch, was wohl auch dran liegen mag dass das Hochdeutsche aus dem süddeutschen Raum stammt und die Norddeutschen sich vor allem deswegen eines „besseren“ (näher am Schriftdeutschen gesprochenen) Hochdeutsch brüsten können weil deren Vorfahren das Hochdeutsche wie eine Fremdsprache gelernt haben von den Süddeutschen. Außer in den Niederlanden wird nirgends mehr ein niederdeutscher Dialekt gesprochen (selbst Platt ist ja fast verschwunden). Das ist so als ob ein deutscher Student der Anglistik sein Studium mit Prädikat abschließt und im Schlaf Shakespeare runterbeten kann – dann fährt er nach England und korrigiert am laufenden Band die Einheimischen und nennt ihre Akzente einen „Bauerndialekt“. So geht es den Süddeutschen, Österreichern und Schweizern mit den Norddeutschen. Die Schweizer sprechen im Übrigen eigentlich das beste Hochdeutsch, da dort die hochdeutsche Lautverschiebung komplett abgeschlossen ist. Es ist also weder richtig wenn ein Norddeutscher behauptet dass die Schweizer kein gescheites Deutsch sprechen würden, noch wenn ein patriotischer Schweizer behauptet Schweizerdeutsch sei etwas ganz anderes als Hochdeutsch – das genaue Gegenteil ist der Fall.

    5. Peach Says:

      @Bayer:
      In der Schweiz klingelt es nicht an der Haustüre, sondern es läutet. Auch das Telefon läutet.

    6. Egon Says:

      @ Bayer

      fast richtig.

      Es erscheint mir jedoch grundsätzlich nicht sinnvoll von Wertungen auszugehen wie „das Beste“ und „besseren“. Dann sind Landesgrenzen natürlich keine Sprachgrenzen. Die Verwendung eines unpassenden Beispiels ist problematisch. Und die Ausweitung diese Beispiels auf nicht bewiesene Befindlichkeiten gar nicht zulässig.

      Scheinbar wird auch von einem „abgeschlossenen“ Sprachwandel ausgegangen. Dies ist in sich unmöglich, wäre allenfalls bei einer „toten“ nicht mehr gebräuchlichen Sprache. Selbst mit einer Verschriftlichung einer Sprache setzt sich der wortsprachliche Ausbau immer noch fort.

      Der Begriff „Hochdeutsch“ – ohnehin problematisch – wird „sprachwissenschaftlich – historisch“ nicht korrekt gebraucht. Das „Hochdeutsch“ umfasst in der historisch sprachwissenschaftlichen Betrachtung das oberdeutsche und das westmitteldeutsche, welches das rhein-fränkische, das moselfränkische und das ripuarische beinhaltet.

      Was den Sprachwandel betrifft, so können wir diesen natürlich zurückverfolgen. Dies führt uns irgendwann zur Entstehung des althochdeutschen aus dem germanischen. Wissenschaftlich steckt eine germanisch Sprachwissenschaft, die uns erklären müsste, wie aus diesem germanischen mindestens dreizehn weitere Sprachen entstanden noch in den Anfängen.

      Die Blogwiese ist ein Hobby. Das dürfte mit grosser Sicherheit für alle Schreibenden und Lesenden gelten. Wir haben es hier also stets mit Hobby-Etymologie, – Soziologie, – Linguistik, – Ethnologie usf. zu tun. Da jeder sich einer Sprache bedienen kann, hat er das Gefühl, er könne etwas zu diesem Thema beitragen. Das ist wie mit dem Körper, den hat auch jeder, so wie sein „seelisches Empfinden“ – und schon hast Du die üblichen Dauerbrennerthemen, bei denen jeder mit“reden“ kann. Das ist auch nichts Schlechtes – nur sollte man das nie aus dem Blick verlieren.

      Was zudem nie vergessen werden darf, ist die „themenübergreifende“ Diskussion. Sprache wird politisiert und umgekehrt. Auf Mentalitäten wird zurückgeschlossen.

      Dabei wiederum benutzt jeder sein ihm anerzogenes, manchmal auch andressiertes Ordnungs- und Wertungssystem. Das funktioniert bei maximaler Vereinfachung eines Sachverhaltes am ringsten. Angenommen Vorraussetzung jeder hier geführten Sprachdiskussion ist das Wissen um die Ebenen der Sprache von Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik und Pragmatik, so hätten wir ganz andere Beiträge.

      Dann kommt meistens der Einwand, dass ist alles unnützes theoretisches Zeug, das brauchte es nicht. Stimmt, wenn man eben akzeptiert, dass jeder auch in die Ferien fahren kann, ohne zu wissen, wo er sich dort eigentlich befindet. Dann wird das Rote Meer schon mal „Schwarz“. Ist ja egal ist auch Wasser drin. (vgl Comment Guggeere).

      Genau diese „Umstände“ hast Du mit Deinem letzten Satz auch erkannt, hättest Du den Anhang mit dem „genauen“ Gegenteil weggelassen. Auch drückt sich ja in dem „weder – noch“ gar kein Widerspruch aus, sondern die nahezu gleiche Annahme. Die einen sagen, die anderen sprechen kein Deutsch. Und die anderen sagen von sich eben auch, wir sprechen kein Deutsch.

      Es gibt dann nur kein Gegenteil. Niemand käme in England auf den Gedanken zu sagen, er spräche kein Englisch. Auch in Amerika nicht. Dort wird eben nicht „Amerikanisch“ sondern „Amerikanisches Englisch“ gesprochen. Dies dürfte für die meisten verständlicher sein als „Cockney“. Insofern ist Schweizerdeutsch eben „Schweizer Deutsch“.

      Die Schwierigkeit besteht in der grundsätzlichen Ablehnung einer „Realität“. Das hat dazu geführt, dass journalistisch schon gemutmasst wurde, hier helfe nur der Gang zum Psychiater.

      Biologisch betrachtet drängt sich ein derartiger Ansatz auf. Denn wenn Du als XY Ausgabe mit dem Willen lebst – alles will ich sein nur nicht männlich, bleiben nicht so wahnsinnig viele Alternativen. (Scharfe Messer liegen im Küchenschrank parat).

      Was wir aber nicht wissen können, ob sich in tausend Jahren aus einer dialektalen Eigenart nicht doch eine eigene Sprache entwickelt haben wird.

      Vielleicht „klingelt“ es ja bei dem einen oder anderen irgendwann doch noch mal.

    7. Sonne Says:

      Hab auch noch eine Bemerkung: Der Schreiner leitet sich auch von seinem Produkt ab, das er herstellt – den Schrein.

    8. Margrit Says:

      Hallo, noch ein Wort für Ihre Sammlung:

      Ausser „Bühne, Speicher und Estrich“ wird der Dachboden auch „Winde“ genannt (uf de Winden obe sy / uf d Winden ue tue). Soviel ich weiss, wird dieser Ausdruck in Teilen der Kantone AG ZH und evtl. LU verwendet.

      s Margrit

      PS. Habe übrigens noch einen Fehler irgendwo in Ihrem Blog entdeckt. Richtig wäre: „färn“ heisst „letztes Jahr“. „Nächti“ heisst „gestern Abend“. „Hinecht“ heisst „Heute Abend/Nacht“. „Mörndrisch“ heisst „morgen“ (the following day).

    9. Phipu Says:

      An Margrit:
      Schön entdeckt: „Mörndrisch“ oder „z’mörndrisch“ ist wohl tatsächlich so langsam am Aussterben. Ich kenne es im Gegensatz zum einen Zürcher wenigstens noch passiv, und bin erst noch seit weniger als 100 Jahren Schweizer. Ich muss mir das wohl wieder etwas aktiv antrainieren, es ist nämlich so praktisch.
      Man kann es viel einfacher aus dem Französischen/Italienischen als aus dem Hochdeutschen 1:1 übersetzen: „le lendemain/l’indomani“! Dies beinhaltet auch ein „demain/domani“ (CH-D: „morn“). Da sind die hochdeutschen Formeln, die dasselbe ausdrücken, wieder einmal etwas umständlicher: „am Folgetag, tags darauf“.

    10. Egon Says:

      @ Phipu

      morgig

    11. Phipu Says:

      Au ja, Egon.
      Ich kann von dir wohl tatsächlich noch etwas Hochdeutsch lernen! Flechte mir doch mal bitte „morgig“ so elegant wie „mörndrisch“ in diesen kurzen Text:
      „Nach dere schlimme Reis si mer ersch churz vor de-n-eufe hei cho. Mir hei de aber mörndrisch scho wieder am haubi sächisi müesse-n-üse Flüger verwütsche!“
      Ich schaffe es nur mit „anderntags“: „Nach dieser schlimmen Reise kamen wir erst kurz vor 23 Uhr heim. Wir mussten dann aber anderntags schon wieder um halb sechs unser Flugzeug erwischen!“.

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