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Portiert bis in die Ausmarchung — Schweizer Politiksprache für Fortgeschrittene

(reload vom 2.3.06)

  • Politik auf Schweizerdeutsch
  • In einem Leitartikel zum Thema „Wahlen Zürich“ im Tages-Anzeiger vom 13.02.06 schreibt Martin Huber über das Rennen zwischen CVP-Kandidat Gerold Lauber und Roger Liebi von der SVP. Gewöhnlich müssen wir den Tages-Anzeiger aufmerksam lesen, um unsere Fundstücke für die Blogwiese aufzulesen. Diesmal hätten wir im Prinzip den ganzen Artikel zitieren können. Es beginnt klassisch-schweizerisch mit: „Für einmal“, geht weiter mit einem „absoluten Mehr“ und findet seinen ersten Höhepunkt in der Formulierung:

    „(…) in den SVP-Hochburgen 11 und 12 schwang Lauber klar obenaus.“

    Ob das auch ein Begriffl aus der Schwingersprache ist, so wie Hosenlupf? Er schwang obenaus, wurde er dabei von jemanden geschwungen? Von einem Schwinger vielleicht? So ganz können wir die Bildlichkeit des Begriffes zwar nicht verstehen, aber es ist sicher hübsch anzuschauen.

    Portiert in die Ausmarchung
    Im zweiten Absatz finden wir den „Unterbruch“, und dann den Satz:

    „Er war als klarer Favorit in die Ausmarchung gegangen“.

    Die „March“ ist ein feuchtes Sumpfgebiet nördlich von Freiburg im Breisgau mit einem Dorf, das so heisst. „Marsch“ ist ein Schwemmland, wie wir bei Wiki erfahren. Im Kanton Schwyz gibt es einen Bezirk, der „March“ heisst. Aber eine „Ausmarchung„? Ob es da auch so feucht ist wie in einer Marschlandschaft?

    Wir ziehen den Duden zu Rate. Der verrät uns, dass das Wort „die Ausmarchung“ schweizerisch ist und soviel bedeutet „das Ausmarchen“. Also suchen wir „das Ausmarchen“ und finden als Erklärung, wer hätte es nicht gedacht, „schweizerisch für ‚Die Ausmarchung’“.

    Nur im alten Duden aus Papier steht erklärt:

    ausmarchen (sw. V.; hat) (schweiz.): (Rechte, Interessen) abgrenzen,
    durch Auseinandersetzung festlegen: Kredite ausmarchen, deren

    Google-Schweiz kennt 4’560 Belege:
    Beispiel:

    Die verbandsinterne Ausmarchung hat das Verhältnis zu Fritz Schuhmacher aus meiner Sicht sicher nicht belastet.“
    (Quelle: onlinereports.ch)

    Und wir Naivlinge glaubten, hier wird das Resultat einer Wahl besprochen!

    Im zweiten Abschnitt des Artikels kommt noch eine Science-Fiction Komponente hinzu:

    „Dass er das Blatt noch wenden konnte, hat er vor allem der SP zu verdanken, die ihn offiziell portiert hatte (…).“

    Dann ist also der Tele-Porter in der Schweiz schon erfunden, wenn das Portieren hier so einfach zu realisieren ist? Ganz falsch, es ist einfach nur ein neuer Fall von Schweizer Politiksprache zu beäugen:

    portieren (sw. V.; hat) [frz. porter, eigtl. = tragen < lat. portare] (schweiz.): zur Wahl vorschlagen, als Kandidaten aufstellen:

    Ich glaube, ich gebe es jetzt auf und trinke lieber ein Gläschen Port. Wer könnte mir den rasch portieren?

    

    9 Responses to “Portiert bis in die Ausmarchung — Schweizer Politiksprache für Fortgeschrittene”

    1. Phipu Says:

      Gerade eben wollte ich wieder etwa dasselbe schreiben wie beim Originaleintrag. Aus (Aufwand-)Spargründen deshalb hier der Link dazu: http://www.blogwiese.ch/archives/198

      Zusätzlich empfehle ich nun noch Grimms Wörterbuch http://germazope.uni-trier.de/Projects/DWB mit seinen Einträgen unter „ausmarken“, oder „Mark“ (die Mark) oder „Ausmarkung“. Würden sich die lebendigen Sprachen nicht über all die Jahrhunderte so rasant weiterentwickeln, und kämen nicht immer wieder diese regionalen Lautverschiebungen dazu, würde der Blick aus Deutschland nicht immer so rasch alles „komische“ als besonders schweizerisch betrachten.

      Wer ausserdem „dur March und Bei“ richtig dialektnah aussprechen kann, denkt bei „March“ eher an „Mark“ (hier allerdings „DAS Mark“) als an Marsch (hier DIE Marsch). Womit eine verständnishindernde Lautverschiebungsfalle bereits überwunden wäre. Ich bin sicher, sogar dein Hund denkt lieber an „Mark und Bein“ als an „Marsch, ins Körbchen“. Der „markiert“ zudem auch gern sein Territorium. Hat das also nicht auch etwas mit Grenzen ziehen zu tun?

    2. Phipu Says:

      Nachtrag:

      Grimms Wörterbuch http://germazope.uni-trier.de/Projects/DWB ist wirklich eine wahre Schatzkiste. Da findet man sogar „obenaus“. Für unseren Bedarf besonders den Sinn 2) beachten.

      „Portieren“ scheint man übrigens auch zunehmend in Deutschland zu verstehen. Allerdings müssen dafür aber immer nur moderne Kommunikationstechniken und englische Einflüsse herhalten:
      http://www.computerlexikon.com/begriff-portieren

      http://hilfe-center.1und1.de/mobilfunk/11_handy_flat/fragen_zu_leistungen_diensten_und_preisen/rufnummermitnahme_portierung_von_mobilfunknummern_/6.html

      Die Idee des Majestix, der auf seinem Schild „getragen*“ wird, ist mindestens Jahrzehnte alt, falls sie von den Asterix-Autoren Uderzo und Goscinny stammt, oder Jahrtausende alt, falls sie geschichtlichen Tatsachen entspricht. (Kleiner Ansporn für AnFra?)

      * frz. „porter“ = „tragen“, aber auch „(den Kandidaten zur Wahl) aufstellen“

    3. Marroni Says:

      Die March ist eine Gegend im Kanton Schwyz, angrenzend an „Höfe“, das sind die am oberen Zürichsee gelegenen Gebiete des „Kantons Ausserschwyz“ ( So heisst er Scherzhaft ) Steuergünstig, da ziehen alle Deutschen hin, die das Bauland in Freienbach nicht mehr zahlen wollen oder können.

    4. Werner Says:

      In Ergänzung zu Phipu interessanten Ausführungen:
      In Grimm’s Wörterbuch existiert sogar der Ausdruck
      DIE MarCH = Grenze und umgrenztes Gebiet (mit Verweis auf Mark).

      Der Bezirk March im Kt. SZ dürfte seinen Namen auch daher haben, war er doch seit jeher Grenzland (in der Antike zu den Rätern(-Romanen), Grenze zwischen Provinz Germanien/Rätien und bis heute zu GL-SZ. (Weiteres dazu: http://www.bezirk-march.ch/de/portrait/geschichte/welcome.php) und ist es heute noch, grenzt die March doch an die Kanton GL und SG.

      Die Marsch ist ja gewissermassen das Grenzland zwischen Wasser und Land und ich tippe mal die Marsch von die March herstammt und nicht umgekehrt.

      Übrigens Jens, „Mark Brandenburg“ und „Markgraf“ dürften Dir vom Norden herkommend ja wohl auch geläufig sein, nicht nur die MarSch oder die Marschmusik! Oder hast Du etwa in Geschichte nicht aufgepasst? 😉

    5. AnFra Says:

      @Phipu

      Kleiner Ansporn? – Großer Aufwand! Wollte eigentlich nur zum „March“ schreiben.

      Das mit dem „portieren“ ist jedoch wirklich auch eine interessante Sache, weil:
      Inzwischen wird jeder neutechnischer Mist immer und ausschließlich auf seine angebliche Quelle aus dem Englischen wie beim „potieren“ verwiesen. In Wirklichkeit wird m. E. bei diesen Wortschöpfungen voll in den lateinischen bzw. indo-gemanischen / indo-europäischen Steinbrüchen der Sprachen gewühlt, herausgebrochen und auf den Markt der sprachlichen Eitelkeiten geworfen, bei der Fülle der Begriffe meint man fast schon: „fortgeworfen“!
      Und hier im „fort“ liegt auch „der Hase im Pfeffer“ bzw. ist die uralte Quelle dafür. In der sog. 1. Lautverschiebung hat sich der Laut „f“ in den Laut „p“ verändert, z. B. vom „fader, father, vater“ in „pater, padre“.

      Das Adverb „fort“ (mhd. „vort“, altsächs. „forth“) drückt das „vorwärts, weiter, weg, hinweg, fortan uam.“ aus.
      Wenn man nun „port“ für „fort“ einsetzt, wird man feststellen: Es ergänzt sich sprachlich und sinninhaltlich. Man sollte jedoch beachten: In den 2 bis 3.000 Jahren haben sich um dieses „fort / port“ viele neue Begriffe gruppiert mit teilweise weitergehenden Begriffsveränderungen, aber immer ist dieses „weg, weiter, fort, wegzubringendes“ beinhaltend.

      Ein schönes Beispiel sehe ich im „Port“ (Hafen, ital. „Porto“). Hier hat sich das Adverb richtig materialisiert: Der Hafen ist der Ort, am welchen man Gegenstände „fortschifft, fortbringt“. Auch bei der „Porta“ (Tür) kann man den materialisierten Gegenstand erblicken, den es ermöglicht, durch diesen Gegenstand andere Sachen selber „forttragen, wegführen, wegfahren, fortbringen uam“.
      Es bleibt immer das gleiche Spiel: „fort“ und „port“ stehen zueinander in Kongruenz! Die Erweiterungen für tragen, heben, hochheben, raufbringen, auflegen, rüberbringen, hinüberbringen und alle anderen Vorgänge mit verbinden, strecken, verknoten uam dürfen nicht vergessen werden.
      So gesehen ist der „port“ (IT-Technik) auch nur eine Stelle, an welcher eine Sache gesteckt wurde und dann die Elektronen vom Ort A fortfließen, portiert werden und dann im Ort B anzukommen.

      Das mit auf dem Schild tragen (portieren) ist m.E. schon richtig, aber natürlich nicht den ganzen Tag. Bei den ollen Germanen, aber auch den Gällen (Scotten) wurden die zu wählenden Herrscher auf „das Schild gehoben“. Soll heißen: Für diese Zeremonie beim Wahlakt sollte der Neue für jeden Krieger und übrige Volk sichtbar sein.
      Das portieren hat hier eigentlich die Funktion des „Erhebens“. Die Bezeichnung portieren mein im weitesten Sinne das gleiche, aber es kann nicht das Getragenwerden beim Asterix sein, weil sinnwidrig.
      Die „Schilderträger“ führen diesen Moment der „Erhebung“ durch, danach muss der König auch eigenen Beinen gehen / laufen.
      „Es lebe der neue König!“
      Also bedeutet im weitesten Sinne das portieren den Akt der Königswahl.

    6. AnFra Says:

      @Phipu

      Noch ein kleiner Nachtrag, da sich ein Teil des Textes beim Kopieren „autoportiert“ hat.

      Ein weiteres schönes Wortbeleg kann man im „transportieren“ sehen: aus fr. 17.JH „transporter“, dieses wiederum aus lat. „transportare“ = hinübertragen, forttragen, wegbringen!

    7. AnFra Says:

      Das mit der March und dem Marsch wird so ein Matsch.

      Der Begriff March ist eindeutig ein Derivat aus dem Begriff Mark, dieses als Grenze gemeint. Der Ortsname leitet sich aus seiner mittelalterlichen Grenzlage im Norden der Freiburger Beherrschung ab.
      Nun taucht die Frage auf: Warum ist March und Marsch ein Matsch?

      Weil die drei Begriffe einen gemeinsamen Grundbegriff und Eigenschaft haben: Sie sind lautnachahmende Gattungsbegriffe, deren Grundlage eine feuchte, nasse, schmierig-matschige Materie ist, wie z. B. Matsch, Schlamm und Schlick. Denn all dieses verbindet den Grundbegriff: Mark (Sichtzeichen, Währung, auch Knochenfüllung), Marken, Markt und sogar Marketing.

      Folgend eine kurze, nicht ganz schleuderfreie Hermeneutik, die jedoch den Vorteil hat, dass wir beim Namengeber selbst anfangen können.
      Hermes gilt als Nachrichtenüberbringer aus dem Götterhimmel zu den Menschen. Er ist auch der Schutzpatron der Grenzen, Wege und der entsprechenden Markierungen; der Kaufleute, Wegelagerer, Taschendiebe und Gaukler (!!!); ab 2008 auch der Banker; Vermögensberater und Finanzagenten.
      Hermes: der Alleskönner (fast)! Im röm. Imperium wurde diese Rolle dem Merkur übertragen.

      Die alles verbindende Situation ist nun bei einer Handlung zu finden, die sehr „markant“ ist und eine prägende „Markierung“ hinterlässt: Bei den Containern der Vorzeit, den damals verwendeten Amphoren. Diese wurde nicht nur für Flüssigkeiten, sondern auch für wichtige, wertvolle und betruganfällige Güter, wie z.B. Schmuck, Edelmetalle, Metallbarren, fertige Waffen, verwendet. Beim Einsatz dieser Amphoren als Transportbehälter von Wertsachen wurden die Öffnungen mit Ton verschlossen, verschmiert und es wurde ein Zeichen des sendenden Händlers ins noch feuchte (matschig-schmierige) Material eingebracht. Da die Altgriechen auch aus dem indo-europäischen Umfeld abstammen, werden sie dann auch für die elementaren Grundbegriffe wie die verwandten anderen Indo-Europäer (Proto-Indo-Germanen) gleiche oder ähnliche Begriffe verwendet haben.

      Der Begriff Hermes ist hier nicht ableitbar, weil die „Herme“ selbst eine Markierung, Grenzhaufen, Grenzpfahl (mit aufgesetztem Totenkopf ) bezeichnet. Herme = Haufen (von Steinen, Pfähle bei Grenzmarkierung) = Haufen (von Kriegern) = Hermann (?germ. Mann vor dem (kriegerischen) Haufen?) = Heer (Ansammlung von Kriegern. Heerhaufen ist eine Tautologie, weil „Haufen-Haufen“ genannt!
      Da die Altgriechen ihre alte Waldwirtschaft (Baustiel, Grenzmarkierung zunächst eingerammte Pfähle) mitbrachten, mussten sie im mediterranem Gebiet anpassen und der Pfahl wurde zum Steinhausen. Und der Lehm und Ton wurden die wichtigen Materialien.

      Der Abklatsch bei den Römern ist der Merkurius. Möglicherweise treffen sich die höherentwickelten griech. Vorgänge im Handel, Technik und Regeln mit den wohl noch nicht ausentwickelten römischen Kenntnissen, die eigentlich in der längeren Vergangenheit sich mit den griech. wieder in der indo-europä. Urquelle findet. Vermutlich daher der Name „Merkur“, in welche, der Begriff „Mark“ angedeutet ist und im Sinninhalt identisch ist.

      Hier die hermeneutische Aussage:
      Da die altgriech. Fernhändler die Verschlüsse an ihre Amphoren in feuchten Lehm (Matsch. Klitsch, Ton, Letten uam) mit ihren eigenem Zeichen markierten, hat sich die daraus folgende Entwicklung verselbstständigt und es sind die Begriffe „Marke“ (Zeichen, Besitzhinweis, Unversehrtheitszeichen), „Markt“ (Handel mit all dem Plunder), „Mark“ (Mark Silber im dt. Reich für garantiertes 1 dt. Pfund reines Silber, Knocheninneres, Pflanzeninneres) UND als Zeichen an den Grenzen entwickelt.
      Daher die deutsche Mark, als vom römisch-deutschem Kaiser garantierter zusage, das 1 Mark Silber immer den gleichen Wert hat. Ein fast tausend Jahre im Kopf und Gemüt der Menschen schwebende Gewissheit.
      Im Heil. Röm. Reich (dt. Nation) wurde die nach Außen sichernden Gebiete „Marken“ genannt, wie z.B. Steiermark, Mark Brandenburg, Marken (röm.-dt. Gebiet in Oberitalien) usw. Später gabs mal für kurze Zeit eine „Ostmark“ heutzutage Austriakien.
      Da diese Außensicherungsgebiete als „Markierung und Marke“ die dt. Reichfarbe (Zunächst: Rot-Weiß) oft führten, kommen wir indirekt auf die Schweizer Rot-Weiße Farbe sowie die Rot-Weiße Farbe in der „Ostmark“. Die letzte kaiserlich Flagge: Rot-Weiß-Scharz. Diese Farben-„Marken“ haben also die Reichsgrenzen „markiert“ und haben ihre Spuren hinterlassen. Von den Landesfarben bis zum Schlagbaum als Grenzdurchlass!

      Zusammenfassend kann man sagen: Wenn man was „ausmarchen“ tut, geht man aus seiner Sicht bis zur möglichen „Grenze“, d.h. man lotet aus, wie, ob und wann die Grenze überschritten wird und / oder verabredet ein Einhalten dieser.

      Nachtrag: Das mit den „Marketing“-Leuten meinen etliche Menschen, nun wisse man, dass man diese ungestraft „Schmierer“ nennen kann, wenn sie auch ihren historischen Ursprung im schmierigen Lehm haben.

    8. Brun(o)egg Says:

      @ Marroni

      Kanton Ausserschwyz? Das sind SüdZürcher. Steht so auf den Autonummernschildern.

    9. Helza Says:

      Portieren scheint aus dem Lateinischen zu stammen, später in Französisch porter, Italienisch portare. In Dorfgemeinschaften oder im Heer wurde der gewählte Sieger einer „Ausmarchung“ oder der neue Anführer oftmals im wörtlichen Sinn „auf den Schild gehoben“, er stand auf dem Schild, den seine Leute auf den Schultern trugen, während das Volk applaudierte. Sie „portierten“ den Gewählten so bis zum Thron, Rathaus oder zu seinem Pferd, denn er sollte sich ja aus der Masse erheben. Heute nennt man das bei Managern auch „schräg nach oben wegefördern“.

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