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Versteht jemand im Saal kein Schweizerdeutsch? — Wer outet sich schon gern als Deutscher

  • Motortown im Schiffsbau
  • Kürzlich sahen wir im Zürich im Schiffsbau das neue Stück des erfolgreichen englischen Autoren Simon Stephens. Es heisst „Motortown“ und erzählt die Geschichte eines britischen Soldaten, der aus dem Irak-Krieg nach England zurück gekehrt ist und dort mit niemanden über seine schrecklichen Erlebnisse zu reden kann.
    Motortown im Schiffsbau
    (Quelle Foto:Schauspielhaus Motortown)

    Vor dem Stück gab es eine Einführung durch eine sehr freundliche junge Schweizerin, die sich als „Studentin der Theaterpädagogik im letzten Jahr“ vorstellte und bei der Inszenierung ihr Praktikum absolviert hat. Bevor sie anfing mit ihrer Einführung mussten wir kurz warten, bis alle interessierten Theaterbesucher einen guten Platz gefunden hatten und etwas Ruhe eingekehrt war. Dann kam die unweigerliche Frage:

    „Gibt es irgendjemanden im Raum, der kein Schweizerdeutsch versteht? Denn sonst würde ich die Einführung auf Schweizerdeutsch machen. Seien Sie bitte ehrlich, sagen Sie es ruhig.“

    Schweigen war die Antwort. Das Theater ist in Zürich, das Publikum besteht zu 80 % aus Schweizern, und welcher Deutsche würde es wagen, jetzt den Finger zu heben und zu sagen: „Ich fände es besser, wenn Sie Hochdeutsch sprechen würden“. Doch, eine leise, vorsichtige Frauenstimme aus der ersten Reihe meldete sich und sagte deutlich vernehmbar ein Schüchternes „Jeeiin, ich verstehe dann nicht alles“. Das genügte, und schon sprach die junge Dame auf Hochdeutsch weiter, wie sie begonnen hat. Sie sprach ausgezeichnetes Hochdeutsch, erzählte 20 Minuten über das Stück und den Autor, über die Arbeit der Inszenierung und was die Zuschauer erwartete. Dann beantwortete sie Fragen aus dem Publikum. Nein, die NZZ-Kritik hatte sie noch nicht gelesen. Auch das ein oder andere englische Wort floss in ihre Rede ein. Sie war sehr sprachgewandt und geschickt im Umgang mit einer Zuschauergruppe.

  • Warum fragt die dann?
  • Ich fragte mich nach der Einführung: Warum hat sie sich dann zuvor erkundigt, ob auch alle Schweizerdeutsch verstehen? Wäre es ihr komisch vorgekommen, vor einem rein schweizerischen Publikum Hochdeutsch zu sprechen? Wie gesagt, ihr Hochdeutsch war ausgezeichnet, und dies war eine Spielstätte, auf der permanent Schweizer und Deutsche Ensemblemitglieder ausgezeichnetes Theater in der Bühnenhochsprache abliefern.

    Eine endgültige Erklärung für diese Frage fand ich nicht. War es einfach nur sprachliche Faulheit, weil ein Vortrag auf Schweizerdeutsch für sie leichter gewesen wäre? Bleibt der Wechsel in die Standardsprache eine Anstrengung, auch wenn man gerade ein Studium der Theaterwissenschaften absolviert hat?

  • Der Wunsch nach der doppelten Muttersprache
  • Mir macht diese Beobachtung Sorgen, denn sie zeigt auf, dass der Wunsch nach der „doppelten Muttersprache“, vom „sich heimisch fühlen“ in der Mundart sowie in der Standardsprache, der perfekten Zweisprachigkeit, eben nur ein Wunsch oder ein Ziel ist, aber keine Realität. Jedenfalls keine „gefühlte Realität“. Denn wie diese Theatereinführung zeigte: Hochdeutsch war kein tatsächliches Problem für diese Studentin, doch sie wollte es dennoch vermeiden. Merkwürdig.

    P.S.:
    Absolut klasse Inszenierung, spannend, rasant, geniales Bühnenbild und wie immer eine hervorragende schauspielerische Leistung der Akteure. Leider keine Komödie, aber es gibt bei allem Ernst und bei aller Brutalität auch lustige Stellen. Unbedingt ansehen!

    

    41 Responses to “Versteht jemand im Saal kein Schweizerdeutsch? — Wer outet sich schon gern als Deutscher”

    1. Ch.Arm Says:

      Es ging mir ähnlich vor kurzem im Konzerthaus.
      Die Einführung wurde „aus Rücksicht auf unser internationales Publikum“ auf Hochdeutsch gehalten. Nun, unabhängig davon, dass sich die Internationalität anscheinend in diesem Sinne sprachlich sehr begrenzte, ging ein sanftes, aber deutlich hörbares Raunen durch den Saal.
      Um ehrlich zu sein verständlich.
      In deinem (jaja, ich Duze mal) Falle war wie auch bei mir wohl die große Mehrheit des Publikums Schweizer. Und warum sollen diese nunmal Ihre eigene Sprache ablegen für 20 % Nicht-Schweizer. Sollen doch besser diese (also in dem Sinne wir) das (höllisch schwierige wie ich finde) Schweizerdeutsch erlernen.
      Das werden wir aber nicht tun, denken wir doch insgeheim, Deutsch reicht ja aus. Richtig, tut es auch. Aber es ist eben auch nicht die Landessprache bzw. die Hauptsprache in Zürich.

      Und vielleicht sollte man dem guten Mann im Konzerthaus erklären, das Deutsch nicht gerade eine internationale Sprache ist 🙂
      …oer ihn alternativ auf diesen Blog aufmerksam machen 🙂

      MfG

      Ch. Arm

    2. Minute Says:

      Ich rege mich immer noch tierisch auf, dass ich vor gut 3 Jahren in einem 10vor10-Interview Schweizerdeutsch gesprochen habe. Realisiert habe ich das erst, als ich die Wiederholung auf 3sat (mit Untertiteln!) sehen musste. Das wäre nicht nötig gewesen!!

    3. züpf Says:

      Ich verstehe zwar die Sorge nicht ganz. Ich dachte es sei inzwischen klar, dass wir mit Schweizerdeutsch eine emotionale Nähe haben, die sich auf Standarddeutsch nicht so leicht einstellt.

      Die Kritik an der Frage, ob jemand den Dialekt nicht versteht, finde ich allerdings absolut berechtigt, vor allem in diesem Rahmen.

    4. räulfi Says:

      Ich versteh zwar ihre Nachfrage auch nicht, ab einem gewissen ‚Niveau‘ ist es auch in der Schweiz selbstverständlich, hochdeutsch zu sprechen.
      Trotzdem wirst du mit dieser Frage leben müssen Jens, die wird nämlich immer und überall auch unter Schweizern gestellt, sobald z.B. Romands und/oder Ticinesi dabei sind.
      Und faul war die Studentin wohl nicht unbedingt, über den Dialekt werden ja auch Inhalte kommuniziert, die für Schweizer in der doch fremden und ‚künstlichen‘ Hochsprache nur umständlich und schwerfällig ausdrückbar sind.
      Was das ganze mit dem Studium zu tun haben soll, seh ich hingegen jetzt nicht ganz. Auch Fremdsprachenstudenten, die die erlernte Sprache ‚technisch‘ besser beherrschen als der durchschnittliche Muttersprachler, werden ihre eigene Muttersprache der erlernten immer noch vorziehen, nicht?

    5. Jean Says:

      Gääähhn, schon wieder Jens‘ Lieblingsthema.

      Antwort:

      Weil sich der Schiffbau in Zürich befindet und in Zürich Schweizerdeutsch gesprochen wird. Darum wollte die freundliche junge Schweizerin ihren Vortrag auch in Schweizerdeutsch halten.

      So einfach ist das !

    6. Administrator Says:

      @Jean
      Ich freue mich, dass es auch Dein Lieblingsthema ist!
      Du solltest nur einfach ein bisschen früher ins Bett gehen,
      dann löst sich das Problem mit der Müdigkeit am Morgen von allein.
      Gruss, Jens

    7. Phipu Says:

      Ich hätte da eine – vielleicht etwas subjektive – Erklärung parat, weshalb nur auf Wunsch Hochdeutsch gesprochen wird. Einige Hinweise darauf, wie z.B. Faulheit, wurden schon gegeben.

      Meinst du tatsächlich ernsthaft, dieser jungen Dame wäre es nicht doch auch nur ein kleines bisschen leichter gefallen, den Vortrag auf Mundart zu halten? Jemand, der keinen Dialekt spricht, kann sich das eben gar nicht vorstellen, dass Hochdeutsch sprechen halt immer noch eine – wenn auch für einige nur kleine – Überwindung darstellt. Das Hirn ist dauernd höher gefordert, als wenn die/der entsprechende Schweizer/in sprechen könnte, „wie ihr/ihm der Schnabel gewachsen ist“. Dazu kommen meist noch die – je nach Fähigkeiten mehr oder weniger auffälligen – Pausen, die durch Nachdenken und Simultanübersetzen erfordert werden. So wage ich zu behaupten, dass die selbe Einführung auf Dialekt einige Minuten kürzer gewesen wäre. „Zeit ist Geld“ gilt sicher auch im Schauspielhaus.

      Frag mal, wie viele Dialektsprecher/innen spontan auf hochdeutsch denken oder träumen. Auch wenn das Hochdeutsch noch so perfekt klingt, ist es eben nicht gleich Muttersprache. Das wäre es lediglich, wenn man mit einem hannoverschen (oder wo auch immer das dialekt-/akzentfreieste Deutsch gesprochen wird) Elternteil aufgewachsen wäre. Solange dies nicht bei der Mehrheit der Schweizer/innen der Fall ist, gilt lediglich der Überbegriff „Deutsch“ unter Akzeptanz all seiner von dir promovierten „Varianten“ als Muttersprache. Selbstverständlich können alle Deutschschweizer, die mal in der Schule waren, Hochdeutsch, mit mehr oder weniger Schweizer Färbung. In dieser Sprache muss man ja schliesslich lesen und schreiben lernen. Wer also nur diesen „Muss“-Prozess durchgemacht hat, spricht sicher eher weniger gut und weniger gern Hochdeutsch als jemand, der Schauspieler werden „will“. Da gibt es tausende von Mikro-Abstufungen des Empfindens. Aber niemand Mundart-Indigenes mit reeller Selbsteinschätzung wird dir antworten, gleich gut oder gar besser Hochdeutsch wie/als Dialekt zu können.

      Die nach deiner Schätzung 80% Schweizer*, die im Saal sassen, hätten daher die Einführung auf Dialekt auch um ein kaum merkliches bisschen schneller und besser verstanden. Auch wenn es für Kulturinteressierte nicht eine wirkliche „Schwierigkeit“ ist, Hochdeutsch zu verstehen (siehe oben: „Abstufungen“).

      * = „Schweizer“ setze ich hier mit nativen Deutsch-Dialektsprechern gleich, ohne auf Phänomene wie Welsche, Tessiner und Rätoromanen, sowie Einbürgerung und Auslandschweizer einzugehen.
      80% wäre übrigens eine Mehrheit, die in einem demokratischen Land „haushoch“ ihren Willen durchsetzen dürfte. Aber in gewissen Kulturen und Kulturpalästen existiert eben noch etwas wie „Respekt“ und „Rücksicht“, das über die „Faulheit“ obsiegt.

      Irgendwie habe ich das Gefühl, dass dies alles auf diesem Blog schon irgendwo geschrieben wurde, wäre ich nicht selbst zu „faul“, all das in den vergangenen Kommentaren heruszusuchen und mit „kopieren – einfügen“ einen neuen Kommentar zu generieren.

    8. Andreas Says:

      Was mich an dieser ganzen Muttersprachler Diskussion stört, ist, dass es das Schweizerdeutsch garnicht gibt. Der gesprochene Akzent unterscheidet sich deutlicher Zwischen Bern und Zürich als z.B. zwischen Schlingen (D) und Basel. Dennoch wird immer argumentiert, als ob es eine seperate Sprache sei. Das ist reine Selbsttäuschung.

    9. Thomas Says:

      Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor.
      Die Frage “ isch schwyzerdütsch ir ornig, oder söu ig Scriftdeutsch sprechen“ hat nichts mit Deutschen zu tun.
      Vielmehr drückt der Schweizer damit seine Rücksichtsnahme auf die Viel(r)sprachigkeit der Schweiz aus. Romands und Ticinesi lernen in der Schule nun mal Schriftdeutsch. Und es wäre ja dann etwas komisch, wenn man damit in der Deutschschweiz nicht durch kommt. 🙂

      Ob Schweizerdeutsch eine Sprache, ein Idiom oder was auch immer ist, dass überlass ich den Sprachgelehrten. Trotzdem empfinde ich als Muttersprache diejenige, in der ich meine Gedanken formuliere und die auch im Totaldelirium über die Lippen kommt. Es ist auch die Sprache, in der man sich schlussendlich am Besten ausdrücken kann. Mit Selbsttäuschung hat das wenig zu tun.

      Wie auch immer, die Schweizer sind und bleiben sehr zuvorkommend: Egal ob in London, in Paris, in München, in Wien, in Rom, in Sevilla… nirgends wurde ich gefragt obs recht sei, wenn man Englisch/Spanisch/Italienisch etc. reden würde..

    10. elisabeth Says:

      Doch, Schweizerdeutsch gibt es sehr wohl, es ist der Sammelbegriff für die Muttersprachen der Deutschschweizer. Schweizerdeutsch ist unsere mündliche Muttersprache, Schriftdeutsch unsere schriftliche Muttersprache. Dass sich die beiden nicht beliebig austauschen lassen, ist neurologisch erklärbar. Wie dies in der Praxis aussieht, beschreibt Phipu sehr schön.
      Es ist also Wunschdenken, Jens, dass die Schweizer eines Tages so perfekt Schriftdeutsch sprechen, dass du nicht mehr Ausländer bist. Aber deine Kinder werden alles können 🙂

    11. Widi Says:

      Es fällt einfach leichter, in der Sprache zu sprechen, mit der man aufgewachsen ist, resp. mit der Muttersprache.
      -> Wenn man es dieser Studentin nicht angemerkt hat, heisst das noch lange nicht, dass es nicht mehr Mühe war, auf Hochdeutsch zu sprechen…

      @Andreas:
      Tja, das sehe ich anders. Aus Prinzip. Nicht wirklich sinnvoll, aber das ist mir egal. Das wiederum zeugt von einer gewissen Ignoranz – und? Ich bin ein freier Mensch. Für mich ist Schweizerdeutsch eine eigenen Sprache, ganz gleich, was ALLE anderen um mich herum sagen.
      -> Doch, es gibt die Sprache „Schweizerdeutsch“! 😉

    12. Branitar Says:

      Ich denke, in Deutschland wird man (auch im Dialekttheater, dass ja vom Dialekt lebt und deshalb nur diesen verwendet) die Frage nicht hören, auch in Bayern oder Schwaben nicht, wo der Anteil der Dialektsprecher eher gegen 100% geht. Von daher finde ich Jens‘ Verwunderung nicht so verwunderlich, wie offenbar meine ob seiner Verwunderung verwunderten Vorkommentatoren 😉

    13. Willi Tell Says:

      Komm schon, Jens. Mittlerweile solltest Du doch gemerkt haben, dass das Hoch- und Hoechstalemannische und deren mannigfaltige dialektale Varietaeten im Raum der deutschsprachigen Schweiz nun mal die taegliche Kommunikationsgrundlage bilden. Das Hochdeutsche ist fuer uns zwar keine Fremdsprache, aber wenn wir koennten – wuerden wir gerne darauf verzichten; nicht aus Trotz, sondern ganz einfach weil unser Schnabel nun mal auf „Schwyyzertuetsch“ schnattert und wir von selbst nie auf die Idee kaemen auf Hochdeutsch zu kommunizieren.

      Wenn man aber schon in der Schweiz lebt, dann sollte man die lokalen Sprachgepflogenheiten auch respektieren und man darf sich auch durchaus bemuehen sie zu verstehen. Und wie gesagt, wenn ihr uns nicht versteht, dann uebersetzen wir es euch gerne und hoeflich ins Euch besser verstaendliche Hochdeutsche…;-)

      Aber ich bin ueberzeugt, dass mein Hochdeutsch besser ist als Dein Schweizerdeutsch. 😉

    14. Phipu Says:

      zu Branitars Kommentar:
      Ich finde, der Vergleich zum Dialekttheater hinkt. Eben z.B. in der Mehrzweckhalle in Hinterkrachigen, wo „‘s Annebäbi Jowäger“ aufgeführt wird, wäre ich über die Frage nach Nicht-Dialektsprechenden verwundert. Dort haben es Zuschauer selbst zu verantworten, wenn sie weder Vorwort noch Stück verstehen.

      In Zürich, wo eine Aufführung gespielt wird, mit recht deutsch klingender Besetzung: http://www.schauspielhaus.ch/www/107_430.asp?PlayID=227 , kann es ja gar nicht anders sein, als dass die Akteure hochdeutsch artikulieren. Dass allerdings das Vorwort von einer Schweizerin in Zürich zu Schweizer Publikum nicht in Mundart vorgetragen werden sollte, schockiert niemanden, ausser die wenigen, die immer noch glauben, man könne über gewisse Themen, wie z.B. über Kant nicht auf Mundart philosophieren. http://www.blogwiese.ch/archives/386 . Es gibt eben keinen Zwang, unbedingt Hochdeutsch zu sprechen, wenn es für ALLE andersrum einfacher wäre. Im mondänen Zürich, wo man aber mit Eingewanderten, Touristen oder anderen Fremdsprachigen rechnen muss, finde ich diese Frage ganz einfach höflich und mache mir dazu keine weiteren Gedanken.

      Mich würde nun die Gegenfrage interessieren. (Die Antwort habe ich aus Branitars Kommentar nicht herauslesen können). Ich war noch nie im Theater in z.B. München oder Stuttgart. Wäre dort zum gleichen Stück das Vorwort ohne Frage in den Saal gleich in lokalem Dialekt gewesen? Oder eben selbst von einer bairischen oder schwäbischen Theaterstudentin kommentarlos in Bühnendeutsch, um dem besonders deutschen Image „Dialekt ist Sprache für ungebildetes Fussvolk“ http://www.blogwiese.ch/archives/95 , entgegenzuwirken?

    15. ach du mein sonnenschein Says:

      Grusel. Wir leben in Europa und sind doch von Europa so weit entfernt, wie vom Mars. Mir wird ganz übel wenn ich diese Diskussion hier verfolge. Ich hab das Gefühl um 200 Jahre in der Zeit zurück versetzt worden zu sein.
      Man stelle sich einen Texaner in New York vor, der eine Rede vor Leuten aus den ganzen USA halten soll. Seine ersten Worte wären: „Kann ich meinen Vortrag mit texanischem Dialekt halten oder muss ich Stanford – English sprechen?“ Ich glaube den Lacher hätte er auf seiner Seite.
      Die Diskussion zeigt mir hier immer wieder, wie es gerade in den Alpenländern üblich ist, die Grenzen des Dorfes und die Stammeszugehörigkeit eindeutig, auch in einer modernen Welt, den anderen klarzumachen und auszugrenzen. Ich finde es politisch vollkommen inkorrekt, wenn in einer angeblichen Weltstadt, und auch noch in einem Schauspielhaus, diese Frage gestellt wird. Mit der Frage ansich impliziert man ja schon einen gewissen Rassismus. Übrigens auch gegen Schweizer aus der französischen und italienischen Schweiz oder Ausländern wie z.B. Amerikanern die mal Hochdeutsch gelernt haben etc.

    16. Friederike Says:

      @ach du mein sonnenschein
      In Zürich sprechen die tumben Eingeborenen Schweizer Deutsch. Und Theaterbesucher sind in Zürich mehrheitlich Schweizer Deutsch sprechend. Auch in Radio und Fernsehen der deutschen Schweiz wird sehr viel Schweizer Deutsch gesprochen – ob Berndeutsch, Baseldeutsch oder Ostschweizer Deutsch ist egal, die zuhörenden Schweizer kennen nichts anderes und nehmen alle diese Dialekte als Schweizer Deutsch wahr. Es ist nichts anderes als ein freundliches, sicher gut gemeintes Bemühen, wenn bei einer Einführung vor dem Theaterstück gefragt wird, ob jemand Schweizer Deutsch nicht gut versteht, um für diesen Fall die Einführung in Hochdeutsch vorzutragen. Gruselig ist es von Dir, eine solches Bemühen mit Rassismus in Verbindung zu bringen. Auf der anderen Seite erlebe ich immer werder Deutsche, die im Gespräch mit Schweizern verlauten lassen, man solle Schweizer Deutsch sprechen, z.B. weil sie es nach ein paar Jahren in der Schweiz so gut verstehen wie Einheimische. Solche Deutschen fühlen sich vielleicht ausgegrenzt, wenn man auf diese Assimiliertheit nicht eintritt. Ich empfinde es schon arrogant, wenn gewisse Landsleute hierher kommen und den Eingeborenen, die (Zitat dem Sinne nach) mit ihrem Dialekt ja sowieso nur ihre alpenländische Stammeszugehörigkeit betonen wollen, politische Inkrorrektheit vorwerfen, nur weil sie in der „angeblichen Weltstadt“ in erster Linie so reden möchten, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Schweizer Deutsch hat hier einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland – und das darf ruhig so bleiben, auch wenn in den letzten Jahren einige Zehntausend Deutsche dazugekommen sind.

    17. Administrator Says:

      @Phipu
      Deine Frage, die Branitar nicht beantwortet hat, bringt die Sache auf den Punkt. In einer schwäbischen Kleinstadt, in der sicher im Alltag die Menschen ihre Variante von Schwäbisch/Alemannisch sprechen würden, käme in solch einer Situation eine Studentin im Theater nicht auf die Idee, ihre Einführung auf Schwäbisch abzuhalten. Sie würde automatisch Standarddeutsch sprechen, weil es eine öffentliche, keine private Situation ist.

      Wie schrieb Geissenpeter einst: „Dialekt ist Privatsache in Deutschland“. Es ist die Sprache unter Freunden, es ist Soziolekt, die Sprache der Familie, die Sprache mit den Eltern und den Grosseltern, aber niemals die Sprache gegenüber Unbekannten, von denen ich nicht weiss, ob sie diesen Dialekt verstehen.

      Wahrscheinlich würde ein „es hat noch“ anstatt „es gibt noch“ einfliessen, und ein „Gell“ an Stelle von „nicht wahr“. Manche stimmhaften Konsonanten würden stimmlos ausgesprochen, man würde die sprachliche Heimat der schwäbischen Studentin schon hören, aber das war’s dann auch schon.

      P.S.:
      Oliver Masucci, der Hauptdarsteller von „Motortown“, stammt, gemäss seiner Vita, sogar aus Stuttgart.

    18. Friederike Says:

      @aministrator
      Das ist ja gerade der Unterschied. In Deutschland sind Dialekte sprachlich etwas Untergeordnetes, Standardsprache ist Hochdeutsch. In der Deutschschweiz kommunizieren alle problemlos in ihren regionalen Dialekten miteinander und verstehen diese Dialekte in ihrer Gesamtheit als Schweizer Deutsch. Es gibt keinen übergeordneten „klassischen“ Dialekt als Mass aller (Dialekt-)Dinge – nur den Konsens, dass man sich auf Schweizer Deutsch unterhält. In Norddeutschland, wo ich herkomme, wurden Dialekte, z.B. das Bayrische, Schwäbische belächelt und haten oft den Anstrich des Einfältigen, Rückständigen. Die sogenannten besseren Kreise in Deutschland sprechen auch ein „besseres“ Deutsch. Anders in der Schweiz. Hier hat Dialekt keinen sozialen Status, alle Schichten/Klassen sprechen ihren Schweizer Dialekt, also Schweizer Deutsch. Die Schweiz ist ein föderalistisches Land des Konsenses und fährt gut damit. Wieso sollen sie sich das Hochdeutsch oder Schriftdeutsch, das viele als eine halbe Fremdsprache empfinden, als Umgangssprache aufpfropfen lassen wenn sie sich mit ihrem Schweizer Deutsch so problemlos verstehen? Sie sind ja meist sofort bereit „Schriftdeutsch“ und auch andere Sprachen zu sprechen, wenn es dem besseren Verständnis dient. Es ist gar nicht so selten, dass gefragt wird ob man in Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch reden solle. Ich erlebe das auch bei Ausstellungs-Führungen, bei Vernissagen usw. Dass man dieses Verhalten noch mit Rassismus in Verbindung bringt (siehe @ ach du mein Sonnenschein) ist nicht nachvollziehbar.

    19. Thomas Says:

      @ach du mein Sonnenschein: ich glaube das treffendere Beispiel wäre ein Hispanic, der in Tijuana fragt, ob er Spanisch srpechen kann oder doch lieber english reden soll.
      Was Höflichkeit mit Rassismus zu tun hat, begreife ich leider nicht, und wenn Zürich diese Weltstadt ist/wäre, dann hätte die Frau einfach englisch geredet.

    20. swissami Says:

      @ach du mein sonnenschein:

      sorry, aber als schweizerin die seit jahren in den staaten lebt, weiss ich, dass ein texaner, der normalerweise mit einem richtig „heavy southern accent“ spricht, in new york bestimmt nicht einen vortrag in diesem akzent gibt. hoer dir doch mal die politiker an. astreines nordwestamerikanisches englisch – sogar bush (mehr oder weniger)!

      schade eigentlich, weil besonders in den staaten ein wenig abwechslung doch gut taete. schade vorallem, dass der „southern accent“ als ungebildet angeschaut wird und viel laecherlich gemacht wird…

      darum finde ich, dass die junge frau in zuerich doch nur aus respekt gefragt hat. lest phipu’s und elisabeth’s kommentare – sie haben es so schoen erklaert.

      entschuldigt bitte mein schriftdeutsch – seit 13 jahren schreibe und lese ich viel mehr „hochdeutsch“ als schweizerdeutsch und trotzdem koennte ich mich viel besser in schweizerdeutsch ausdruecken. aber ich moechte eben, dass alle mich verstehen. 🙂

    21. Brun(o)egg Says:

      Bei Laudatios die ich, im Bereich der bildenden Kunst, halten muss, spreche ich immer hochdeutsch ohne dies anzukündigen. Dies wird dann immer als sehr rücksichtsvoll empfunden. Dabei bin ich nur zu faul, den meistens komplexen Text, auswendig zu lernen oder öfters zu memorieren. So kann ich vom Blatt ablesen, was mit Schwizerdütsch schlecht geht. Ist geschrieben so oder so unlesbar.

    22. ach du mein Sonnenschein Says:

      @Friederike
      Es lag mir fern etwas zu verbieten. Im Gegenteil. Da hast Du mich wohl missverstanden. Es geht mir nur um die kompromittierende Situation im Schauspielhaus. Man kann ja dort davon ausgehen, dass immer 20 bis 30 Prozent keinen oder nur wenig Dialekt sprechen oder verstehen. Dann diese vor der versammelten Mannschaft zu fragen, obwohl man es wissen müsste, ist kompromittierend, ausgrenzend. Diese Leute haben sich sicher nicht wohl gefühlt. Vielleicht ist der eine oder andere dabei, der sich das nächste mal überlegt von Stuttgart oder sonst wo nach Zürich zu fahren um in das Schauspielhaus zu gehen. Erstrecht die einzelne Frau die sich dann mit einem „Jein“ gemeldet hat. Und nur diese Situation meinte ich in meinem Statement oben. Wenn es sonst um die Ausgrenzung von Minderheiten auf der Welt geht, ist man hier auch nicht zimperlich, oder?

      @Thomas
      Dein Beispiel wäre richtig, wenn Du San Diego geschrieben hättest. Dort spricht die Mehrheit Spanisch, aber die offizielle Sprache ist Englisch.

      @swissami
      Danke das Du mein Statement bestätigst. Soweit ich dass von Verwandten und Bekannten weiss gehört es einfach zum guten Ton. Das ein Schweizer solche Reden lieber in Mundart hört kann ich verstehen.

    23. Daniel Says:

      Danke für die Inspiration:

      http://myblog.de/danielnaftaly/art/35249108/Zitat_des_Tages_

    24. hogelgogel Says:

      Interessant in diesem Zusammenhang ist vielleicht auch die folgende Situation:

      Ich (Muttersprache Schweizerdeutsch) war bis vor kurzem Lehrer an einer Zürcher Kantonsschule. Die Lehrerkonvente wurden dort auf Hochdeutsch abgehalten, was ich eigentlich als ganz normal empfand, hat es doch auch Lehrpersonen für Fremdsprachen, für die eben Deutsch eine Fremdsprache ist, und die Schweizerdeutsch kaum verstehen und schon gar nicht sprechen. Später erfuhr ich dann, dass alle anderen Kantonsschulen in Zürich ihre Konvente auf Schweizerdeutsch abhalten. Deshalb wurde dann an unserer Schule einmal sogar über einen Wechsel zum Schweizerdeutsch abgestimmt, der – zur Überraschung aller Beteiligten – nicht nur knapp, sondern mit ca. 80 % abgeschmettert wurde.

      Neulich habe ich aber an eine Kantonsschule im Kanton Luzern gewechselt, wo an den Lehrerkonferenzen (jawohl, offizielle Bezeichnungen können auch innerhalb der Deutschschweiz unterschiedlich sein) Schweizerdeutsch gesprochen wird. Da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, finde ich diese Situation nun etwas seltsam. Eine Konferenz ist ein offizieller Anlass, aber auf Schweizerdeutsch kommt es mir gefühlsmässig doch irgendwie inoffiziell vor. Schweizerdeutsch zu verstehen gehört in der Gegenwart und wohl auch in Zukunft nicht zum Anforderungsprofil von Lehrpersonen an Kantonsschulen, aber der Besuch von Lehrekonventen/-Konferenzen ist Pflicht…

      Ich kann auch verstehen, dass es peinlich ist, sich in einer grossen Runde auf die Frage nach Dialekt/Hochdeutsch als einzige Person zu melden. Ich bin deshalb der Meinung, dass es am höflichsten ist, als Schweizer in gewissen Situationen von sich aus Hochdeutsch zu sprechen. Das sage ich allerdings als Lehrer, der jeden Tag in der Schule Hochdeutsch spricht, was die Durchschnitts-Deutschschweizer eben nicht tun.

      Eine Frage noch zum Schluss: Ich war noch nie an einer Gerichtsverhandlung. Wird da eigentlich Hoch- oder Schweizerdeutsch gesprochen?

    25. Thinkabout Says:

      Wer ein „Staatstheater“ besucht, in dem auch kein Mundartstück gegeben wird, hat Anspruch auf eine Abend-Performance in Hochdeutsch. Punkt.
      Wir lesen in der Schule Dürrenmatt auch nicht in Mundart.
      Und noch ein Satz zur Besonderheit der meisten Dialekte:
      Sie mögen zwar wärmer klingen, aber sie sind fast immer bezüglich Grammatik verkrüppelt. So fehlt dem Schweizerdeutsch mehr als nur eine Vergangenheitsform. Zur erklärung: Es versuche mal einer in Dialekt zu sagen:
      „Ich fragte ihn.“

    26. renegade Says:

      Ich stelle mir gerade vor, wie wohl die Aufführung von Dällebach Kari auf Hochdeutsch gewesen wäre, sicherlich nicht halb so gut. Nur gut das bei dieser Aufführung niemand fragte, ob man Hochdeutsch sprechen solle.

      Mich würde aber schon interessieren, was dieses Thema mit Rassismus zu tun hat, bekanntlich geht der Mensch zu 99% von sich selbst aus, was da wohl im verborgenen liegt?

    27. Christian Says:

      @ achdumeinsonnenschein:
      Ausgrenzend wäre das Gehabe der Dame dann, wenn sie gar nicht gefragt, sondern ihre kleine Rede einfach auf Schweizerdeutsch gehalten hätte – was in der Schweiz ja tatsächlich mitunter auch vorkommt.

      Ich glaube, diese Floskel zum Beginn von Ansprachen gehört für viele im öffentlichen Sprechen nicht so versierte Leute derart zum Einleitungsrepertoire, dass sie gar nicht daran denken, wie sinnvoll die Frage ist.

      Mir wird unvergesslich bleiben, wie bei einer Einführungsveranstaltung für StudienanfängerInnen die anwesende Studentin, die ihr Fach aus studentischer Perspektive vorstellen sollte, auch so fragte, und dann tatsächlich auf Hochdeutsch fortfahren musste. Die Rede wurde dann absolut grau-en-voll; da gingen die meisten Sätze, wo sie sagte, daneben. Ach ja, richtig: Bei der Studentin handelte es sich um eine Germanistin.

    28. Feustel Says:

      und wer neben all dem gemoser noch sinn fürs alltägliche hat möge doch bite auf http://www.xcn.de schauen.

    29. swissami Says:

      was ich noch fragen wollte: ich verstehe nicht ganz warum du glaubst, dass die frage der jungen frau an rassismus grenzt. ich meine, ein riesen frust der tessiner und der welschen ist doch, dass sie hochdeutsch lernen aber in der deutschschweiz kein schweizerdeutsch verstehen. die junge frau hat doch darum gefragt, nicht? heisst das aber nun, dass ein deutschschweizer nur hochdeutsch zu sprechen hat? bestimmt nicht. auch im theater nicht.

      ps: waere doch kuul, wenn in san diego jemand fragen wuerde, ob sie die einleitung auf spanisch machen soll. nicht ganz dasselbe, aber mein punkt ist, dass dort gar niemand fragen wuerde.

    30. swissami Says:

      meine frage war an ach du mein sonnenschein 🙂

    31. Friederike Says:

      @achdumeinsonnenschein
      Ich verstehe überhaupt nicht, was daran kompromittierend ist, wenn die Frage gestellt wird, ob alle Schweizerdeutsch verstehen, oder ob Hochdeutsch gesprochen werden sollte. Damit wird etwas angeboten, auf das man/frau eintreten kann oder nicht. Wieso soll sich da jemand nicht wohlfühlen, ein solch gutgemeintes Angebot anzunehmen oder sogar davon abgehalten werden, jemals wieder das Schauspielhaus zu besuchen? Das setzt ja voraus, dass man sich minderwertig vorkommt oder gar schämt, weil man Schweizerdeutsch nicht versteht. Entschuldige, aber ich finde solche Schlüsse einfach lächerlich. Dein unsäglicher Spruch (Zitat dem Sinne nach) über die Einheimischen, die mit ihrem Dialekt ja sowieso nur ihre alpenländische Stammeszugehörigkeit betonen wollen und sich damit inkorrekt verhalten, ist für mich schon das bessere Beispiel für Ausgrenzung. Damit kommt man hier weit. So kommt das rüber: Hier die anständigen kultivierten Deutschen, die ja wissen, was sich gehört und dort die arroganten Alpenländer/Schweizer, die immer noch nicht begriffen haben, dass sie ihre Unsprache, die sie seit Generationen sprechen, „kübeln“ sollten. Denn zufällig anwesende Deutsche könnten Schweizerdeutsch als Ausgrenzung und Rassismus empfinden usw. Ich verstehe leidlich französisch, englisch und italienisch. Ich habe es aber noch nie aus Ausgrenzung empfunden, mich trotzdem als Deutsche zu outen, wenn in einem anderssprachigen Land auch noch Ausführungen in Deutsch angeboten wurden.

    32. Thomas Says:

      @sonnenschein: doch doch, das beispiel stimmt schon.
      Es zeigt sehr gut die unterschiedlichen Ansatzpunkte.

    33. Brun(o)egg Says:

      @ hogelgogel

      Habe zwei Gerichtsverhandlungen als Kläger erlebt. Es wurde beide Male Schwizerdütsch gesprochen. (Kt.Aargau)

    34. Daniel Says:

      Auf Spiegel Online (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,451237,00.html) sieht man dann an einem Beispiel vom anderen Ende des deutschen Sprachraums, in welchen Nischen man in Deutschland nisten muss, wenn man ausser einer Mischsprache, die so standardisiert nicht ist*, seine Muttersprache sprechen will. Da lobe ich mir den unverkrampfteren Umgang der Schweizer mit ihrer – durchaus in sich variantenreichen – Sprache…

      * Wie man z.B. auch immer wieder schön an „Wer wird Millionär“ sieht, wenn die Redakteure eine für sie wohl sehr einfache Frage nach einem Begriff stellen, die für den Kandidaten aus einer anderen deutschen Region schwer bis gar nicht lösbar ist.

    35. wolfi Says:

      Eine Frage noch zum Schluss: Ich war noch nie an einer Gerichtsverhandlung. Wird da eigentlich Hoch- oder Schweizerdeutsch gesprochen?

      selbstverständlich schweizerdeutsch. allerdings wird bei ausländischen „anwesenden“, egal ob zeuge oder beschuldigte, immer gefragt, ob sie die „landessprache“ verstehen.

      * Wie man z.B. auch immer wieder schön an “Wer wird Millionär” sieht, wenn die Redakteure eine für sie wohl sehr einfache Frage nach einem Begriff stellen, die für den Kandidaten aus einer anderen deutschen Region schwer bis gar nicht lösbar ist.

      sehr gut erkannt. ich scheitere sehr oft an einfachen fragen nach begriffen, die man nur in norddeutschland (= alles oberhalb bayerns/b.w.) kennt.

    36. Willi Tell Says:

      liebe achdumeinesonnenfinsternis,

      gehst Du nach Holland, so spricht man Holländisch, gehst Du nach Frankreich, so spricht man Französisch, etc.. und in der Deutschschweiz, spricht man nun mal eben immer Schweizerdeutsch – auf der Strasse, zu Hause, im Büro, in der Schule, im Tram, in der Post – überall. Lediglich aus Respekt und Höflichkeit anderen Personen gegenüber, die uns nicht verstehen, „switchen“ wir ins Hochdeutsche.

      Ich finde es anmassend und arrogant von Dir, uns vorzuschreiben zu wollen, wie wir in unserem eigenen Land zu sprechen haben. Damit erweckst Du nur noch mehr Widerstand und erreichst genau das Gegenteil.

      Woher Du die Daten hast, dass im zürcher Schauspielhaus 20 – 30 % der Besucher kein Schweizerdeutsch verstehen, ist mir ein Rätsel. Und warum sich eine Person, die die lokale Umgangssprache nicht versteht, ausgegrenzt fühlen soll, ist mir absolut unverständlich. Manchmal haben Länder andere Sprachen als ihre Nachbarstaaten. Ist nun mal so.

      Gegenwärtig bin ich den USA, und ich spreche Englisch. Würde ich die englische Sprache doof finden, dann würde ich freiwillig in ein anderes Land gehen, denn wenn man unwillig ist, die lokalen Sprachgepflogenheiten wenigstens verstehen zu wollen (wir Deutschschweizer verlangen von Niemandem, dass er lupenreines Schweizerdeutsch sprechen lernt), dann wird man garantiert ausgegrenzt werden. Oder hast Du schon mal einen Sachsen gesehen, der einen Bayern in Bayern bittet das Bayrische zu unterlassen, weil erster es nicht versteht?

      Suchst Du eine deutschsprachige Monokultur, dann wirst Du in der Schweiz nicht fündig werden, such‘ weiter.

      Cheers

    37. schaagi Says:

      Hi Jens

      Super Blog!! muss unbedingt alle Beiträge lesen. Bin nach beinahe zwei Stunden noch lange nicht fertig.

      mach wiiter so

    38. MFox Says:

      Hallo zusammen

      ich habe die ganze Diskussion kurz überflogen und kann ehrlich gesagt nicht verstehen, warum diese Frage nicht angepasst sein sollte.

      Ist die Frage, ob jeder deutsch versteht, bei einem Meeting einer internationalen Unternehmung (im deutschsprachigen Raum) ebenfalls unangebracht? Warum sollte das Meeting auf englisch abgehalten werden, wenn jeder aus dem deutschsprachigen Gebiet kommt?

      Von Rassismus kann bei dieser Frage absolut keine Rede sein, sondern nur die Toleranz der Schweizer. Ich versuche mich immer in der Sprache auszudrücken, in welcher mich mein Gegenüber am besten versteht.. ob dies nun schweizerdeutsch, hochdeutsch oder englisch ist…

      Gerade diese Toleranz finde ich zum Teil bei den Deutschen nicht. Als Beispiel liegt gerade wieder eine Mail vor mir, welche über mehrere Stationen innerhalb eines internationalen Unternehmens nun zu mir zurück gekommen ist. Das Mail wurde ursprünglich auf englisch verfasst, da im Projektteam auch englischsprachige Mitarbeiter involviert sind. Das Mail blieb solange auf englisch, bis der erste Deutsche das Mail erhalten hat…. damit ich nun auch vom englischsprachigen Mitarbeiter ein Feedback erwarten kann, muss ich dies nun noch übersetzen und wieder an einen Teil des Teams weiterleiten….

    39. Frank Says:

      Bitte sprechen Sie mit mir ruhig Schweizerdeutsch. Ich verstehe es gut. Das ist meine Reaktion auf Schweizer, die immer automatisch ins Hochdeutsche wechseln. Ungläubiges Gucken, kurzeitiges wechseln ins Schweizerdeutsche sind die Folge – wer es verkraftet wird ein zweites Mail gebeten schweizerdeutsch zu reden, da ich es gerne lernen möchte…

      Ich finde es grausam und unerträglich, wie insbesondere intellektuelle Schweizer versuchen ihre Landsleute in die „Standardsprache“ politisch korrekt zu drängen; arrogant und wütend finde ich wenn meine deutschen Landsleute quasi verlangen dass man sich ihrem Hochdeutsch anpassen solle. Denn das ist doch die Konsequenz einer Ansicht, die Schweizerdeutsch als Dialekt begreift, der von vorgestern sei und eigentlich nicht richtig in die Welt passe.

      Ja geradezu lächerlich sind diverse Rassimsuvorwürfe an die überaus freundliche Person, die das Publikum ermuntert mitzuteilen, falls man schweizerdeutsch nicht verstehen würde. Mich packt immer der Frust, wenn jemand dann allen anderen im Raum das Hochdeutsche aufzwingt; anstatt den aktuellen Anlass zu begreifen besser schweizerdeutsches Sprachverständnis zu trainieren. Ich kenne die Schweiz seit 2001 und konnte es doch auch nur verstehen, nachdem ich mich mit der Sprache beschäftigte die Gelegenheiten nutzte, die sich mir zum Lernen boten…

      Wer hier zuwandert, muss begreifen, dass Schweizerdeutsch eine Sprache ist, die NOCH nicht offiziell geschrieben wird. Ich denke der Trend der Sprachentwicklung ist eindeutig erkennbar, insbesondere wenn man sich anschaut wie die Jugend „Simst“ und im Internet in Foren schreibt. Es wäre nicht das erste mal, dass in Europa eine Sprache sich emanzipiert, hat doch auch das Norwegische sich vom Dänischen engültig gelöst, als man entschied aus dem Dialekt auch eine Schriftsprache zu geben.

      Also liebe Schweizerinnen und Schweizer, seit mutige, sprecht EURE Sprache und lasst uns Zuwanderer daran teilhaben. Wechselt doch nicht immer automatisch ins Hochdeutsch oder wollte ihr wirklich dass ich als aus Hannover stammender Euch mit meinem nicht wirklich schönen Versuch „schwizzerdütsch zu spräche“ nerven? Das wäre nämlich die Strafe die ich demnächst jedem Schweizer androhe, der mich immer als Ausländer diskriminiert*1, in dem er nicht die Sprache seines Herzens mit mir spricht.

      *1 = 😉

    40. Tobi Says:

      Ich habe es auch lieber, wenn die Leute so mit mir reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Mit ArbeitskollegInnen habe ich sogar eine entsprechende Vereinbarung getroffen, da sie am Anfang immer ins Hochdeutsche gewechselt haben.

      Was mich allerdings tierisch nervt, sind Nachrichtensendungen oder Magazine bei denen permanent zwischen Dialekt und Hochdeutsch hin- und her gewechselt wird.

      Im übrigen mag ich die Schweizer Mundart sehr. Geradezu körperliche Schmerzen bereiten mir hingegen Sachsen, Schwaben und Hessen 😉

    41. Ingo Says:

      @Frank:
      Ich bin da völlig Deiner Meinung – und mache auch immer dieselbe Erfahrung. Vor allem am Anfang ist das Lernen des Schweizerdeutsch-Verstehens unglaublich schwierig, da fast alle meine Gesprächspartner (i.W. aus Basel und Zürich) sofort umgeschaltet haben. Auch jetzt passiert mir das mit Unbekannten immer noch, aber ich fühle mich auch sicherer, wenn ich dann darum bitte, wieder auf Schweizerdeutsch zu wechseln.

      Trotzdem passiert es mir immer wieder, dass Nachfragen statt mit einem „deutlichen Schweizdeutsch“ gleich wieder mit Schriftdeutsch beantwortet werden und der Gesprächspartner dann wieder darin bleibt. In den seltensten Fällen habe ich aber tatsächlich den Dialekt nicht verstanden, sondern einfach akustisch was nicht mitgekriegt (was mir auch in Deutschland sehr oft passiert, ich bin allgemein jemand mit Tomaten auf den Ohren… 😉 ).

      Und selber bleibe ich auch lieber bei meinem – wohl sehr schulbuchmässigen (kein Selbstlob, komme einfach aus der „richtigen“ Gegend) – Deutsch, da ich noch nie gut Dialekte sprechen konnte und mir auf Grund meines dauernden Pendelns zwischen Basel und Zürich wohl auch nie eine eindeutige Schweizerdeutsch-Variante aneignen würde…

      PS: In Norwegen hat man sogar gleich vier „Varianten“ standardisiert (http://de.wikipedia.org/wiki/Norwegische_Sprache) – vielleicht ein gutes Vorbild für die Schweiz, da könnte man dann auch den doch starken Unterschiede zwischen den lokalen Dialekten noch ein bisschen Rechnung tragen.