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Sommergeschichte (ein Gastbeitrag) — Als Deutscher unter Schweizern auf der Insel

Ein Blogwiese-Leser und guter Freund war ebenfalls auf einer friesischen Insel in diesem Sommer in den Ferien und verarbeitete seine Erlebnisse mit „Schweizerischem“ in einem kleinen Beitrag, den wir heute als „Gastbeitrag“ präsentieren:

  • Sommerferien — Als Deutscher unter Schweizern auf der Insel
  • Moin, moin, sagte der Beifang und geiht in de Huuk de Kantüffelschell hoochbören. Nu maak mal kenen Sums … nein, die würden auch wir nicht verstehen, aber die Norddeutschen sind freundliche Menschen und mit uns Touristen und das sind eigentlich alle, die keine Insulaner sind reden die Hochdeutsch.

    Wir machen Ferien in einem völlig anderen Kulturkreis. Hier müssen wir wissen, was Luv und was Lee bedeutet, damit wir zielsicher in die richtige Richtung kotzen.

    Aber fangen wir von vorne an. Hier sind wir auf einer Insel und da kann man Fisch essen, wenn auch keine Dorade, so ist die Insel doch ein Eldorado für deutsche Touristen in Deutschland, für ein Kontingent von viereinhalb Niederländern und für viele Schweizer: „Des isches Paradies für Kinder“ – „Des ische so.“ Ja, ja von wegen. Ihr fallt nicht auf. Warum zieht Ihr dann immer Eure Originalverpackung über? Und dann müsst Ihr schon etwas leiser flüstern auf den Bänken am Strand. Merkwürdig die Schweizer zieht es immer zu einer Bank:

    Ist dies eine Schweizerbank?

    Zurück zum Thema, zum immerwährenden märchenhaften Abenteuerland. Das Abenteuer beginnt bereits ein Jahr vor den eigentlichen Ferien, also während der letzten Ferientage der vergangenen Ferien, denn das ist der späteste Zeitpunkt, sich um eine Bleibe – meistens ist es seit Jahren die gleiche – zu kümmern. Die begehrtesten Lagen werden wahrscheinlich nur vererbt. Da kommst Du nicht rein, sagte mal jemand zu mir, da musst Du warten, bis jemand wegstirbt.

    Diese Insel ist deswegen so ein deutsches Reiseziel, da hier die Touristen auf der Insel die Insel besser kennen als die Insulaner. Wenn deutsche Touristen mehr als zweimal hinter einander ein und dasselbe Reiseziel aufsuchen, beginnen sie, diese Region besser zu kennen als die Einheimischen, meistens kennen sie diese Region dann auch besser als die eigene Heimat. Gebirgsketten können vorwärts wie rückwärts bis auf den kleinsten Nebenzipfel eines Gipfels benannt werden. In diesem Falle kennen die meisten bereits den Fährenplan, wenn dieser noch gar nicht geschrieben wurde.

    Das wiederum erinnert schon ein wenig an die Schweizer Meisterleistungen; denn die kennen eine Region oder ein Land auch dann besser als die Menschen, die dort wohnen, wenn sie selbst noch nie dort gewesen sind. Aber was ist mit denen, die nun auch tatsächlich da hinfahren, warum tun die sich das an, diesen fremden barbarischen Kulturkreis, in welchem kein Papier gebündelt wird … dachten wir zumindest bisher.

    Altpapier bitte bündeln

    Na also, wenn da beim Helvetier keine Heimatgefühle aufkommen.

    Fragt sich nur, was passiert mit dem so verwöhnten eidgenössischen Gaumen, der an kulinarische Höhepunkte wie Cervelas und Käserösti, Bauernbratwurst mit Pommes frites oder Kartoffelstock mit Seeli gewöhnt ist. Die Insel ist also ideal …

    um abzunehmen, sollte man meinen. Zumal die Speisekarte in der Strandhalle seit mindestens zehn Jahren die gleiche ist. Dafür bietet sie alle Varianten. Der Brathering kann mit Brötchen oder wahlweise auch mit Bratkartoffeln genommen werden, aber es würde auch niemanden stören, wenn man ihn gleich mit dem Milchreis nimmt. Vernünftige Menschen lassen nach kurzer Zeit das Essen von ganz allein. Aber sind die alpenländischen Touristen vernünftig?

    Schwierige Frage, aber die fühlen sich beim Thema Nahrung wie zu Hause. Der Einkauf beim Edeka wird zum mit der Heimat verbindenden Erlebnis, denn im Vergleich zu diesem herrscht im heimischen COOP die reinste Hektik. Hier auf der Insel geht das alles sehr langsam, manchem Eidgenossen vielleicht auch schon wieder etwas zu langsam, was in Einzelfällen dazu führen kann, dass wir denken, das hier eine Wuppertalerin mit Zürcher Dialekt am Nahrungslift ansteht.

    Aber die Profis, die lassen sich auf so ewtas gar nicht ein. Nein, die triffst Du garantiert vor diesem Laden:

    Schröders Laden

    Wenn Du Helvetier abgreifen willst, dann bleibst Du den Tag einfach vor Schröders stehen und während Du so da stehst entdeckst Du links unten am Haupteingang ein Schild:

    Käsedonduetopfverleih

    na bitte, dann kann doch gar nichts mehr schief gehen.
    Nachdem nun für das leibliche Wohl gesorgt wurde, bleibt Zeit für die Politik. Die Insel liegt im Meer und in einer Art Dauerfehde mit der Nachbarinsel im Westen. Einmal im Jahr findet dies seinen sportlichen Ausdruck, wenn Jugend und Erwachsene mit Holzkeulen auf kleine rote Lederbälle eindreschen. Daher heisst dieser Sport auch Schlagball. Diese Fehde hat auch die Touristen erfasst.

    Und seit einiger Zeit gibt es eine neue Front. Ein reicher Reeder aus Bremen versucht der Insel seinen Stempel aufzudrücken. Und da wo sich früher ein wolkenformationsloser grauer Himmel nahtlos in den kargen Alltag fügte, entstehen nun Workshops und Seminare, tobt die Kinderdisco. Das sehen die Insulaner gar nicht gerne. Denn diese Insel ist ihre Insel. Und wie die funktioniert, das wissen nur sie.

    Ja, so tobt auch die Politik sich hier aus und plötzlich sehen wir, woher die Schweizer ihre Wahlplakate nehmen.
    Schwarzes Schaf Plakat

    Oder ist dies ein Schweizer Schaf im Ausland …..

    

    4 Responses to “Sommergeschichte (ein Gastbeitrag) — Als Deutscher unter Schweizern auf der Insel”

    1. Brun(o)egg Says:

      Fondue auf friesischen Inseln. Schande über uns! Das ist ja wie Eisbein an der Adria. Aber eben: Essgewohnheiten haben nichts mit dem Kultukreis zu tun, sonder mit Gewohnheiten, den sozialen Schichten und vor allem dem Mut auch mal was anderes zu geniessen.

    2. Simone Says:

      Glückwunsch zum gelungenen Gastbeitrag! Die Schilder sind Kult auf den Inseln. Je kleiner eine Insel ist, desto mehr Schilder gibt es. Das hängt m. E. das Schilder als Grundorientierung für alle Menschen dienen. Auf autofreien Inseln gibt es deutlich weniger davon, daher greift der Insulaner zu Ge- und Verbotsschildern zurück.

    3. Schnägge Says:

      Herrliche Geschichte!

    4. ändu Says:

      „Wir machen Ferien in einem völlig anderen Kulturkreis.“
      Sicherlich hat der Autor das ironisch gemeint, den nach strikter Mülltrennung und das gebündeltem Papier betrachtet, ist es eindeutig ein sehr ähnlicher „Kulturkreis“.

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