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Chasch du nöd Dütsch redä? — Als Deutsches Kind unter Schweizerkindern

(reload vom 17.1.06)

  • Als Deutsche unter Schweizern
  • Wir waren erst ein paar Wochen in der Schweiz, als unsere Tochter auf einem Spielplatz erste Kontakte zu einheimischen Kindern bekam. Diese merkten schnell, dass sie irgendwie anders sprach, und schnell kam es zu der berechtigten Frage:

    Chasch du nöd Dütsch redä?

    Es waren Chinzgi-Kinder, denen der Unterschied zwischen Schweizerdeutsch und Hochdeutsch noch nicht bewusst war. Die Wahrnehmung von „Lehrersprech“ (Hochdeutsch reden, so wie es der Lehrer in der Primarschule redet) kommt erst später in der Sozialisation der Schweizer Kinder. Wir hörten diese Frage von Kindern immer wieder mal, in einem von mir leider nicht transkribierbaren Satz:

    Wiso redsch Du so komisch? Chasch nöd düütsch?

    Die Schweizer Kinder haben keine Scheu vor Hochdeutsch. Sie passen sich rasend schnell an und ahmen die Sprechweise der Geschichten aus der „Sendung mit der Maus“, aus dem „Tigerenten-Club“ und von anderen Kindersendungen des Deutschen Fernsehens nach. Die Abneigung, Hochdeutsch zu sprechen, wird ihnen erst später in der Schule beigebracht, wenn es plötzlich zum Zwang wird, diese unbequeme Sprache zu artikulieren, bei der auch die Lehrer immer es immer wieder vorziehen, sie elegant zu umgehen.

    „Säb mun ich jetz mal uf Schwitzerdütsch erchläre, susch verstönd er das nöd!“—
    „Ich muss das jetzt mal auf Schweizerdeutsch erklären, sonst versteht ihr das nicht…“

    Diesen Satz hörte unsere Tochter nicht selten.

    Ein Deutsches Kind unter Schweizern lernt natürlich schnell, sich sprachlich anzupassen. Dazu gehört auch das Fachvokabular für den Spielplatz:

  • Gigampfen
  • Das Wort findet sich im Duden sehr ausführlich erklärt:

    gigampfen V.; hat [Intensivbildung zu alemann.
    gampfen, gampen = schaukeln, auf und ab bewegen, mhd. gampen = hüpfen, springen, stampfen]
    (schweiz.): schaukeln: „Übertragung: eine realistische Politik kann es sich nicht leisten, zwischen Ost und West zu gigampfen“
    (Quelle: Duden.de)

    Gigampfle ist Schaukeln
    Auch im schwäbsch/bayrischen Sprachraum sind ein paar Varianten davon gebräuchlich:

    Giegampfa Schwaben / Allgäu mit dem Stuhl schaukeln
    Giegampfer Schwaben / Allgäu Jemand der auf einem Stuhl sitzt und hin und her wackelt/schaukelt.
    Gigampfen Schwaben / Allgäu hin und her wippen, z. B. auf den Hinterfüßen eines Stuhls.

    Jetzt wird es schwierig. Heisst das Wort nun „Schaukeln“ oder „Wippen“ oder beides?

    Eine Wippe ist für uns dies hier:
    Wippe für zwei

    Es gibt in der Schweiz noch ein zweites Wort für „Schaukeln„:

  • Gireizle
  • Die Herkunft dieses Worts für „Schaukeln“ ist schwer herauszukriegen. Möglicher Weise hat es was mit Französisch „giratoire“ = Kreisel zu tun, wobei das ja eigentlich zwei ganz unterschiedliche Bewegungen sind. Jedenfalls ist es schon ein sehr altes Schweizer Wort, und es findet sich im schwäbisch/bayrischen Sprachraum mit keine Entsprechung dafür. (Siehe: )

    Irene Hammermüller kam als Fünfjährige aus dem zerbombten Wien durch die Kinderverschickung des Roten Kreuzes in die Schweiz. Ihre spannenden Erinnerungen kann man hier nachlesen: Quelle

    Das Schrecklichste war für mich sicher, dass ich kein Wort Schwyzerdütsch verstand. Ich ging ja noch nicht zur Schule, konnte also auch nicht Hochdeutsch, sondern sprach wienerisch. Das gab sich allerdings bald. Ich lernte sehr schnell, und nach einigen Tagen begann ich mich schon mit der ganzen Familie, mit den Kindern auf dem Kirchplatz vor dem Haus, mit den Gästen im Gasthaus auf Schwyzerdütsch zu unterhalten. Mama erzählte mir immer, wie schnell ich diese doch schwierige Sprache gelernt habe. Es gefiel mir hier sehr gut, zu gut – ich war im Nu kein „Wienerli“ mehr, sondern ein Schweizerkind geworden.

    Per Verschickung zu den Schweizern

    Sie lernt dort die Kindersprache und kann sich danach mit ihrem Bruder nur noch schwer verständigen:

    Fritz sprach eine völlig fremde Sprache für mich. Er erzählte von Oma, was er alles erlebt hatte, aber eben im heanzisch-burgenländischen Dialekt. „Schurln“ habe er bei Oma im Hof können. Ich wusste natürlich nicht, was das war. Mutti sagte es mir: Schaukeln. Für mich als „Schweizerkind“ hieß das aber „gireize„! Solche fremde Ausdrücke gab es natürlich haufenweise, von ihm und von mir. Mama spielte immer wieder Dolmetsch und versuchte zu vermitteln.

  • Schliisele
  • Hörten wir im Thurgau für „rutschen“, wobei hier die lautliche Nähe zu Französisch „glisser“ = gleiten, rutschen auffällt.
    (Quelle:)

  • Schlitteln
  • Dieses Wort haben wir gleich im ersten Jahr in der Schweiz freiwillig und ohne Murren in unser Vokabular aufgenommen. Warum? Weil es dafür kein Hochdeutsches Wort gibt. „Schlitten fahren“ oder „rodeln“ ist nur eine losermässige Umschreibung für die rasanten Abfahrten, die wir jeden Winter auf der genialen Schlittelpiste der Rigi über 3.1 Km zwischen Rigi-Kulm und Rigi-Klösterli erlebten. Ein grandioser Spass für Nicht-Skifahrer. Ihren alten Davos-Schlitten sollten Sie aber daheim lassen, die Modelle der Rigi-Bahn sind gepolstert und haben breitere Kufen, mit denen man auch Kurven elegant seitlich mit Drift nehmen kann.
    Schlitteln auf der Rigi

    Es ist bei der Abfahrt nicht schwierig, die Rigibahn selbst zu überholen, denn die unterliegt einer strengen Geschwindigkeitsbegrenzung:

    Max. Geschwindigkeit der Rigibahn

    

    6 Responses to “Chasch du nöd Dütsch redä? — Als Deutsches Kind unter Schweizerkindern”

    1. Adrian Says:

      „Gigampfen“ tut man auf dem „Gigampfi“ und „gireizen“ auf dem „Gireizi“. Das sind tatsächlich zwei paar Schuhe. Die Bilder dazu sind in dem Sinne genau verkehrt rum.

      Beim „gigampfen“ kann man dann auch noch mitsingen „gigampfe wasser stampfe“.

      Das „Gireizi“ kommt von meinem Gefühl her vom „gieren“, das wohl auch ein Schweizer Wort. Da fehlt mir moment überhaupt kein Hochdeutsches Wort dazu ein. „Gieren“ tun zB Türen im Scharnier oder im Fall vom „Gireitzi“ das Geräusch wenn der Eisenring auf der Stang reibt oder auch das Seil unter der Last stöhnt.

    2. Simone Says:

      Wenn ich an meinen eigenen Übergang vom Kindergarten in die erste Klasse zurückdenke, so hat sich gerade in dieser Zeit mein Hessisch sehr stark entwickelt. Man wird älter, autonomer und entwickelt einen eigenen Kopf. Die Unterrichtssprache war jedoch Hochdeutsch und zwar ausnahmslos. Wer zu sehr in den Dialekt verfiel, wurde von der Lehrerin freundlich aber bestimmt korrigiert. Von daher habe ich ein gewisses Verständnis für Schweizer Kinder, die ihre Sprache erhalten möchten. Wer lässt sich schon gerne korrigieren!
      Wenn es allerdings so ausartet wie neulich, als die Kinder einer Schweizer Grossfamilie (ok, die Gegend war eher ländlich) zusammenzuckten, als ich sie auf Hochdeutsch begrüsste (Hallo, ich bin die soundso, schön, euch kennenzulernen!), dann stimmt etwas nicht. Ich weiss nicht, ob man den Kindern dann wirklich einen so grossen Gefallen tut, wenn man als Eltern ausschliesslich Dialekt spricht.

    3. AnFra Says:

      Bei der Frage wg. „Schaukel / Gireizle“ kommt man aber heftig ins „rotieren“.

      Und hier liegt auch die mögliche Lösung zur Herkunft des Begriffes. Wenn man rotieren durch giro / giral ersetzt, eröffnet sich nun der Lösungsweg. Rotieren, giro und vergleichbare roman. / ital. Begriffe stehen u. a. für „kreisen, drehen, umlaufen, rundum-führen, -bewegen, -fahren.

      Die Bezeichnung „Wippe“ ist die ältere germ. Bezeichnung für die Schaukel. Die Tätigkeit „wippen“ kommt aus der indogerm. Wurzel „ueib / ueip“ für winden, drehen uäm.
      Da viele unsere Begriffe aus der Landwirtschaft abstammen, kann man fast bedenkenlos dieses „ueib / ueip“ aus der Aufbereitungstechnik der „Korn und Spreu-Trennung“ ableiten.
      Hierbei wurde zunächst das Dreschgut in die Luft geworfen und der Wind hatte das Korn vom Spreu getrennt. Effektiver ging es dann mit einer aus Stroh, Holz oder später aus Metall hergestellten wannenförmigen Schüssel, in welcher durch leichtes „wippen“ das Korngut vom Spreu vorgetrennt wurde und öfters in den Wind geworfen und wieder in der Schüssel aufgefangen wurde. Diese Wurfschüssel, welche ruckartig hoch und nieder bewegt wurde, also „gewippt“ wurde, nannte man „Wippe“.
      Ab dem 18./19.JH wurden handbetriebene „Windsichter“ verwendet, welche große Menge von Korn aufbereiten konnten. Auch diese wurden z. T. umgangssprachlich weiterhin „Wippen“ genannt, in der CH aber auch „Schwingen“.
      Diese „Wippen / Schwingen“ hatten einen kreuzförmig ausgeformten Ventilator, mit welchem der benötigte Wind erzeugt wurde und somit das Korn zu jeder Zeit und unabhängig vom Windaufkommen gut vom Spreu getrennt werden konnte.
      Und hier haben wir die schweizerische umgangssprachliche Bezeichnung „schwingen“ für die verschiedenartigen Trennungsvorgänge, wie z. B. dieses „Windsichten“ von Korn, jedwelche Separierung von trockenen und nassen Gemischen und insbesondere beim Zentrifugieren von Flüssig-Fest-Stoffen.
      Bei diesem Ventilator gibt es nun auch das Prinzip der drehenden „Wippe“, denn einem jeden Ventilatorblatt war auf der gemeinsamen Achse auf der gegenüberliegenden Seite ein gleichartiges Ventilatorblatt angeordnet. Das ergibt das Grundprinzip der Wippschaukel!
      Die Grundlage für das „Wippen, Windsichten, Schwingen“ ist durch die „rotierende“ bzw. „drehende“ Funktion des „Winderzeugers“ d.h. des Ventilators erbracht.

      Und hier kann mans ableiten: drehen in ital. „girare“ und die anderen roman. Begriffe für drehen, rotieren, umkreisen uam. Ob es nun aus der lat., ital. oder franz. Sprach abgeleitet wurde, ist momentan nicht so wichtig, da mindestens die roman. Wurzel erkennbar und ableitbar ist.

      In technischer Hinsicht ist die Grundbewegung einer auf- und nieder bewegenden „Wippe, Wippschaukel / Gireizle“ identisch mit der Drehebewegung eines Ventilators, da bei beiden Vorgängen ein „Balken, Wippenstamm, Flügelblätter“ an einem gemeinsamen Lager verbunden sind und ihre Bewegungen immer gleichartig erfolgen.
      Da in der CH viele Werkzeuge in Landwirtschaft, Bauwesen, Militär uam. ihre germanisch-dt. Namen verloren und einen oft roman. Namen erhalten haben, sind die Ableitungen recht schwierig.

      Man kann sagen: Die alem. Schweizer sind ihrer germ. Bezeichnung „Wippe“ für die „Schaukel / Wippschaukel“ etwas untreu geworden und haben sich der roman. „Gireizle“ hingegeben.

    4. Brun(o)egg Says:

      Das heisst nicht „gireize“ sindern „riite“. Mindestens in Basel. Gigampfe bleibt sich gleich.

    5. Guggeere Says:

      Zum oben erwähnten alemannischen Verb «gampen» für «schaukeln»: Das Schaukelpferd heisst auf Hochalemannisch immer noch «Gampiross». «Gampen» selbst ist mir auch bekannt, bin aber nicht sicher, obs noch aktiver Wortschatz ist oder schon so gut wie verschwunden. Ausserdem hege ich den Verdacht, dass viele Deutschschweizer den Begriff «Gampiross» gar nicht mehr kennen. Obs vielleicht damit zusammenhängt, dass die lieben Kleinen heutzutage eher mit einem dämlichen Plastik-Weltraumungeheuer – pardon: Space Monster – durch die Wohnstuben gigampfen?

    6. pit vo lissabon Says:

      „wippen“ für „windsichten“ kannte ich bisher nicht. in der deutschschweiz wird der begriff „worfeln“ verwendet. auf das „gampiross“ bin ich gestossen, als ich einen gemeinsamen ursprung für engl. „to jump“ und alemannisch „gumpen“ suchte. es heisst also „gigampfi“ aber „gampiross.

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