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Zu Boden mit dem Burschen — Wenn die Volksinitiative ins Sägemehl muss

(reload 8.1.06)

  • Nach dem Hosenlupf werden sie gebodigt
  • Die Schweizer lieben ihren Nationalsport, das „Schwingen“. Sie lieben ihn so sehr, dass sie auch im Alltag die Fachsprache der Schwinger verwenden. Hatten wir uns gestern über den „Hosenlupf“ ausgelassen (vgl. Blogwiese), der ja ganz offensichtlich für jede Art von Auseinandersetzung und Kräftemessen, vor Gericht und anderswo, Synonym geworden ist, so lesen wir im Tages-Anzeiger vom 07.01.06

    „Der Zürcher Regierungsrat will die Volksinitiative ‚für eine realistische Flughafenpolitik’ per Gegenvorschlag bodigen“

    Zu Boden mit dem Vorschlag

    Hier wird also gar nicht mehr auf den Hosenlupf gewartet, hier wird so fest zugepackt und hochgehoben, dass der Gegenvorschlag gleich zu Boden geht, hoffentlich nur hinein ins weiche Sägemehl, und nicht auf die harte Betonpiste des Flughafens in Kloten.

  • Bodigen ist eine Schweizer Tätigkeit
  • „Bodigen“ tut man in der Schweiz gern, es finden sich 16’400 Google-Schweiz Belege gegenüber nur mageren 176 in Deutschland im Jahr 2006 , von denen sich die meisten mit der Frage beschäftigen, was denn „bodigen“ eigentlich heisst. In der Zwischenzeit (2012) ist auch Google.de bei 17’300 Einträgen angekommen.

    In der Deutsch-Synchronisierten Fassung der Monty Python Komödie „The Life of Brian“ (= Das Leben des Brian) sagt Pilatus: „Werft den Purschen zu Poden“. Es wird also schon bei Monty Pythons Truppe fleissig „gebodigt„. Die Schweizer kennen diese Übersetzung leider nicht, weil sie am liebsten nur die Originalfassungen im Kino ansehen.

    Wer sich auf dem Boden wieder findet beim Schwingen, zumal noch auf dem Rücken, der gilt als besiegt. Und genau diese Bedeutung hält auch unser Duden fest, wenn er zum Verb „bodigen“ schreibt:

    bo|di|gen [zu Boden] (schweiz.):
    a) bezwingen, besiegen:
    die gegnerische Mannschaft bodigen;
    „Der Berner Käser machte dann aber kurzen Prozess und bodigte den Sinser schon nach vier Minuten“
    (Blick 30. 7. 84, Seite 13);
    b) bewältigen:
    sein Arbeitspensum bodigen

    Quelle: Duden

    Und wie würde man in Deutschland an Stelle von „bodigen“ sagen? Im Ruhrgebiet wäre es „platt machen“. Und aus die Maus.

    

    5 Responses to “Zu Boden mit dem Burschen — Wenn die Volksinitiative ins Sägemehl muss”

    1. Yogi-TheBear Says:

      Wie wäre es denn mit „GESCHAFFT“?

      => http://www.duden.de/suchen/dudenonline/geschafft

    2. Brenno Says:

      Da „bodigen“ im Schwingsport ein häufiger Ausdruck ist, könnte man ihn auch mit niederringen übersetzen. Schwingen ist ja eine Art Ringkampf.
      Sonst bedeutet er zu Boden werfen, überwältigen, bemeistern, mit etwas fertig werden (z. B. mit einer Portion von etwas Essbarem), zu Grunde richten.

    3. Schwabenstreich Says:

      Wenn eine Initiative wie hier im Beispiel genannt per Gegenvorschlag gebodigt werden soll, dann bedeutet das doch sicherlich, sie soll nicht bezwungen / bewältigt / geschafft, sondern „zu Fall gebracht“ werden? Oder wie der Schweizer auch sagen würde: bachab geschickt werden.

    4. AnFra Says:

      Bodigen kann man m. E. mit „Auf die Bretter zwingen, auf die Bretter werfen, auf die Bretter schmeißen“ übersetzen.
      Die Begründung hierzu hat sich in den letzten Tagen zufällig ergeben, als ich die Benennung „Bodensee“ etymologisch und hermeneutisch für eine Lektorierung eines neuen Bodensee-Buche überprüfen sollte.

      Der Bodensee hatte in der frührömischen Okkupationszeit die Namen für den Ober- und Überlinger-See „Lacus Venetus“ (Blauer See) und den Radolfzeller- bzw. Untersee „Lacus Acronius“ (Vorspringender (?) See). In der späteren Zeit wurde er „Lacus Raetiae Brigantinus“ nach dem röm. Hauptort Brigantium (Bregenz) genannt, also Bregenzer See. Aber ab dem 8. JH ist sein lateinisierter Name „Lacus Potamicus“, also „Bodmaner See“.

      Und hier ist der erste springende Punkt. Denn dies deutet klar darauf hin, dass nun eine germanische Bezeichnung der neuer Namensgeber war.

      Folgend in vereinfachter Form die Beschreibung: Der Name lässt sich offensichtlich auf den Flecken „Bodman“ mit einer Pfalz zurückführen. Den historischen Zusammenhang kann man sicherlich auf die funktionelle Besonderheit des gemeinten Flecken zurückführen. Denn dieses Kaff ist sicherlich nicht in der römischen Besiedlung beteiligt gewesen. Die Lage ist von drei Seiten (N: Überlinger See, O: Seilufer, S: Steilgänge Bodanrück) schwer passierbar. Der Zugang von W ist relativ gut zu verteidigen, also im Sinne der alten Germanen recht interessant.

      Und hier der zweite springende Punkt: Da der Tiedehub das damaligen Wassersniveaus sicherlich größer war als in unserer Zeit, wurde möglicherweise am schlammig-weichsedimentierten Uferbereich sog. Senkkästen / Caissons (die im oberen Bereich aber offen blieben) aus Baumstämmen errichtet und mit Wacken, Erdaushub, Holzmaterial uam. aufgefüllt. Dadurch erhielt man einen Kai oder eine Mole. Die Auffüllung hatte den Vorteil, dass trotz einer späteren Absenkung des Senkkasten / Caisson die Oberfläche mit Material (z.B. Kies) aufgefüllt und stätig ein horizontales und gutes Planum gehalten werden konnte.

      Und hier der dritte und entscheidende Punkt: Da diese fränkische Anlage sicherlich zunächst wohl eine Flucht- und Überlebensfunktion hatte, ergab sich die lebensrettende Möglichkeit, bei Angriff vom Festland kommend, dann schnell mit Booten auf den See zu flüchten. Beim Bau dieses Bootsanlegers kann eine Verwendung von gehobelten Stämmen angenommen werden, die den hier gemeinten „Boden“ auf dem Kai / bzw. der Mole bildeten. Dies erscheint sehr wahrscheinlich, da die Kosten durch Reichsgelder beglichen wurden. Somit könnte die „gehobenere“ Qualität eines Boden als eine singuläre Ausstattung am „Lacus Potamicus“ diesen Namen „Bodensee“ generiert haben.

      Also ist das ein Ort am See, welcher am Hafen einen „Boden“ aus gehobelten Baumstämmen hatte. Etwa vergleichbar wie beim „Schaffot“, dessen Bezeichnung sich auf die altgermanisch-indoeuropäisch Bezeichnung für gehobelte Stämme zurückleiten lässt.

      Die Bezeichnung „Boden“ meint meist den Grund, Fußbereich, Unterteil und Abschluss, Verschluss, Deckel von Fässern, Kästen, Kisten, Podesten, Schafotten und eben den besagten Sinkkästen /Caissons sowie Schiffen / Schiffsböden! Die Bezeichnungen für den Hersteller dieser Böden lautet logischerweise „Bodmer“.

      Also meint „bodigen“ dem ursprünglichen Sinninhalt nach, den Gegner auf die Bretter zu Fall zu bringen. Vermutlich war im Anfang das Schwingen ein höherwertiges Ritual, welches höchstwahrscheinlich auf einem Podest durchgeführte wurde. Fragmente der alten Rituale kann man m. E. noch im Gebrauch von Sägespänen finden, der beim schweizerischen Schwingen verwendet wird. Da taucht die Frage auf, ob hierbei noch Reste eines germanischen Götterurteils bzw. christlichen göttlichen Entscheidungsfindung zur Urteilsbildung bei entsprechenden Gerichtsverhandlungen zu sehen sind? Und das noch auf dem hölzernen Podest, welches sich inzwischen zum sägespänebedeckten Ringplatz mutiert hat!

      Bodigen? Ein göttliches Urteil auf festem Boden!

    5. Brenno Says:

      @Schwabenstreich
      Für jene, die mit dem Politbetrieb in der Schweiz nicht vertraut sind, kann der Ausdruck „eine Initiative per Gegenvorschlag bodigen“, missverständlich sein. Der Gegenvorschlag ist inhaltlich gesehen zumeist eine gemässigte Variante der Initiative, mithin ein Entgegenkommen der Exekutive, also des Bundesrates oder, auf kantonaler Ebene, des Regierungsrates. Obwohl mit dem Gegenvorschlag die in manchen Fällen zu weit gehende Initiative verhindert werden soll, führt er oft, aber nicht immer, zu einem sog. guteidgenössischen Kompromiss.

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