-->

Bitte keine spontane Kommunikation — Deutsch-Schweizer „communication gap“

(reload vom 23.04.07)

  • Bloss nicht angequatscht werden
  • Auch nach zehn Jahren Leben im Land der Eidgenossen überfällt mich immer noch mitunter die Lust auf spontanten, ungeplanten, und ohne Vorspiel durchgeführten Sex Dialog mit meinen Nachbarn. Einfach so spontan mal etwas sagen, ohne ein „Entschuldigen Sie bitte, aber..“ voran zu schicken, ohne um Erlaubnis zu fragen, ohne die Kommunikation mit umständlichen „Exgüse…“ zu eröffnen. Immer wenn es mir passiert, geht es schlecht aus, laufe ich gegen eine Wand, ernte entsetzte Blicke, Ratlosigkeit, im besten Fall noch ein Fragendes „Reden Sie mit mir?“ ins Gesicht geschrieben.

  • Beispiel 1: Der Mann im Zug
  • Viele Tage stieg ich exakt zur selben Uhrzeit exakt im gleichen Zugabteil exakt am gleichen Bahnhof aus dem Zug. Während der Zug in den Bahnhof einfuhr, wartet ich zusammen mit einem (vermutlichen) Schweizer Morgen für Morgen einige Sekunden darauf, dass der Zug ganz zum Stehen kam und sich die Tür öffnen liess. Aus solch einer Situation könnte doch eine gewisse Vertrautheit entstehen, man sieht sich ja jeden Tag wieder an gleicher Stelle und zur gleichen Uhrzeit, um das Gleiche gemeinsam zu tun. Eines Tages wage ich ein „Na, heute sind wir ja extrem pünktlich!“ zu meinem Mitreisenden zu äussern, direkt ins Gesicht. Einfach so, ganz ohne Grund. Resultat: Er schaute sofort betreten beiseite und es erfolgte keine Reaktion. Der Mann fühlte sich nicht angesprochen. Communication gap.

  • Beispiel 2: Die Schweizer Touristen und der Deutsche
  • An einem touristischen Aussichtspunkt in Südfrankreich erklärte ein Schweizer seiner Reisegefährtin das Panorama. Der Blick fällt auf das Plateau de Vaucluse. Ich schalte mich spontan ins Gespräch ein und bemerke, dass dort oben einst die französischen Atomraketen, die „force de frappe“ stationiert war. Mein Gott, ich wollte nicht klugscheissern, auch keinen Vortrag halten, es war lediglich eine spontane Anwandlung von Lust auf Kommunikation. Finstere Blicke sind das Resultat. Was mischt sich dieser Deutsche Besserwisser in unser Gespräch ein!

    Plateau de Vaucluse
    Blick über das Plateau de Vaucluse
    (Quelle Foto: lochstein.de)

    Ist es typisch Deutsch, gern mit fremden Menschen zu kommunizieren? Oder ist es typisch Schweizerisch, dies nicht zu tun? Ich habe oft das Gefühl, dass jeder direkte Dialog, jede Kontaktaufnahme ohne „diplomatisches Vorspiel“, in der Schweiz eher auf Unverständnis und kühle Ablehnung stösst.

  • Eng und doch auf Distanz beim Essen
  • Einige Schweizer berichteten über die hierzulande übliche Verhaltensweise, in einem Restaurant, in dem die Gäste eng an eng sitzen, bei der Ankunft an einem Tisch, kurz zum Nachbartisch zu grüssen, vielleicht sogar später „En Guete“ zu wünschen, um dann die restliche Zeit höflich den Blick nicht mehr in diese Richtung zu lenken. Deutsche seien in solchen Situationen oft unhöflicher und würden diese „Pflicht zum Grüssen“ nicht einhalten. Ich kann diese Erfahrung nicht teilen, im Gegenteil. Es muss mehr geheime Verhaltensregeln und „Codizes“ geben, bei Schweizern wie bei Deutschen, die hier zur Anwendung kommen, als ein Beobachter solcher Situationen ausmachen kann.

  • Liegt es an der dichten Besiedelung der Schweiz?
  • Den Deutschen wird oft nachgesagt, dass sie sich gern zusammenfinden, einen Verein gründen, feiern und dabei fröhlich und laut werden (Stichwort Ballerman-Mythos). Abgesehen davon, dass wir ähnliche Verhaltensweisen auch bei Franzosen, Holländern, Italienern oder Engländern beobachtet haben, glauben wir für die Schweizerische Distanziertheit einen guten psychologischen Grund gefunden zu haben. Es lebt sich einfach enger in der Schweiz, das Land ist knapp und dicht besiedelt, die wenigen freien Wohnflächen werden permanent weiter verdichtet. Distanz voneinander zu halten ist somit ein Trick, um bei aller Enge nicht durchzudrehen und sich an die Kehle zu gehen.

  • Distanz halten am Südpol
  • Ein guter Freund von uns aus den Vereinigten Staaten verbrachte ein Jahr am Südpol als Funker einer Forschungsstation. Während 6 Monate ist es dort so kalt, dass kein Flugzeug hätte landen und wieder starten können. Landen schon, nur für den Start wäre das Kerosin zu kalt geworden. Wenn das Dieselaggregat ausfiel, mit dem Strom erzeugt wurde, der die Heizdecken speiste, die den Diesel vor dem Einfrieren bewahrten, hatten die Techniker nur 30 Minuten Zeit, das Ding wieder zum Laufen zu bringen, denn danach wäre der Diesel eingefroren und hätte kein Aggregat mehr antreiben können

    Neumayer Station am Südpol
    Foto von der Neumayer Station
    (Hier ein Foto-Film der letzten 24 Stunden dort.)

  • Am letzten Abend gab es Zoff
  • Wer dort war, musste also dort bleiben. Um in den wenigen geheizten Räumen so etwas wie Privatsphäre zu haben, gab es eine stillschweigende Abmachung: Wenn jemand nicht angesprochen werden mochte, schaute er einfach nicht auf, falls jemand anders den Raum betrat. Als unser Freund auf diese Station kam, war am letzten Abend die alte Mannschaft, die am nächsten Tag heimfliegen würde, noch anwesend. Es kam zu einem gewaltigen Streit innerhalb dieser Mannschaft. Ein Jahr hatten Sie jede Animosität unterdrücken müssen, jetzt war das Jahr vorbei, und alles kam raus. Distanz halten als Überlebensstrategie. Sind alle Schweizer Polarforscher?

    

    16 Responses to “Bitte keine spontane Kommunikation — Deutsch-Schweizer „communication gap“”

    1. Schwertzeit Says:

      Wir sind alle Kommunikationsphobiker, jeder auf seine Weise.
      der Schweizer hat Angst freundlich zu reden , der Deutsche hat Angst zu laut zu reden. Der Franzose hat Angst englich zu reden, Brite hat Angst über Sex zu reden, der Schwede hat Angst zuviel zu reden. der Däne…

    2. Andreas Stricker Says:

      Tja… was für ein schrulliges Alpenvolk wir doch sind. 🙂 Ich halte mich ferienhalber gerade in Deutschland auf und empfinde die Deutschen tatsächlich entspannter. (Subjektiver Eindruck; kann bekanntlich täuschen.)

      Möchte jedoch anmerken, dass es in ländlichen Gebieten der Schweiz abseits der Agglo-Wüste durchaus nicht überall so sein muss wie im Blogbeitrag geschildert.

    3. AchimK Says:

      Ích kann Andreas‘ Anmerkung über die „Schweiz jenseits der Agglo-Wüste“ nur bestätigen. Z.B in einer Godel zu Andermatt entwickelte sich ein spontanes Gespräch mit einem Urner, meiner Freundin und mir(Deutsch). Alles ohne Warm-Up.

    4. Marroni Says:

      Mit den Schweizern kann man über ALLES reden ausser: Politik Religion Sex Geld.

    5. matty Says:

      Salut

      Vorschlag: mal einen besuch in der 3-seenlandschaft (expo 02) machen da sind die leute auf grund der nähe zu frankreich etwas offener. Die region ist zweisprachig

    6. Lukas Says:

      Deutschland ist dichter besiedelt als die Schweiz und auch als China.

    7. Brun(o)egg Says:

      Ich weiss nicht was für Schweizer ihr kennt? Meine sind anderst. Und mit den ganz andern sprech ich nicht. Die Sorte gibts überall. Nationen unabhängig.

    8. Ändu Says:

      reload meines Kommentars von 04.04.2007:

      Ich finde, Sie projezieren Ihre eigenen Besonderheiten bei der Kommunikationsaufnahme auf „die Schweizer“.
      Ich persönlich würde es ebenfalls als unhöflich empfinden, wenn sich jemand ungefragt in ein Gespräch anhängen würde. Ein Gespräch ist ebenfalls Privatsphäre und das Bedauern betreffs Ihrer Übergriffigkeit scheint sich auch in engen Grenzen zu halten. (auch Blogger bloggen nicht alles)
      Niemand wird etwas dagegen haben angesprochen zu werden, aber nicht in dieser Form. Z.B. könnte man sich entschuldigen, dass man das Gespräch verfolgt hat und den Anderen in die vorteilhaftere Position setzen, z.B. indem man die Aussage in eine Frage umformuliert. Man hätte gehört, die force de frappe hätte hier in diesem Tal …. Damit hat man die Oberlehrerhaftigkeit vermieden, den anderen zu einer Reaktion ermuntert, bei der er trotz seiner Unwissenheit in diesem Fall sein Gesicht wahren kann.
      Man ist es sich nicht so gewohnt mit der oberlehrerhaften Verbreitung absoluter Wahrheiten zwecks Aufpolsterung des eigenen Egos. Leute, welche auf Parties ungefragt irgendwelches Studentenfutter verbreiten gibt es wirklich im Dutzend billiger.
      Auch ich lebe jenseits der Städte und der Agglo und habe nie derart aufgeschlossene Menschen getroffen. Meine Nachbarn kenne ich nur per Vornamen und bislang alle haben bald das Du angeboten. Reich ist in diesem Tal noch niemand geworden, aber man respektiert und hilft sich wo es geht, deshalb wundere ich mich über die Pauschalisierungen in dem Artikel. Soweit zum Thema Zürich/Städte – Restschweiz kontrastiv.

    9. AnFra Says:

      @Bruno

      Da sag doch den anderen Schweizern, die sollen über die anderen Schweizer und anderen Deutsche doch bitte anders sprechen. Wie die anderen Typen so über die anderen Mensche sprechen, da wird’s doch einem ganz anders. Denn solche anderen Personen gibt’s wirklich in jeder anderen Nation. Last das Anderssein anders werden, auch auf diesem anders seienden Blog.

      PS: Hoffentlich erbricht sich jetzt nicht der @CV

    10. Beobachterin Says:

      Nicht immer haben Leute Lust, mit jemandem zu reden (meist über irgendwelche Banalitäten), den sie nicht kennen. Dies zu respektieren, dabei aber höflich zu bleiben, zu grüssen, auch mal guten Appetit zu wünschen, sollte doch nicht so schwer fallen. Die invasive Art vieler Deutschen, die einfach davon ausgehen, die von ihnen Angesprochenen müssten an einem Gespräch interessiert sein, geht vielen hier auf den Geist. Wer es sich also in den Kopf gesetzt hat, in der Schweiz zu leben (weshalb eigentlich, wenn es zuhause doch so viel besser ist?), soll dies akzeptieren. Nicht wir Schweizer müssen uns den Einwanderern anpassen, sondern diese sich an hiesige Gepflogenheiten.

    11. pfuus Says:

      @Ändu/ Beobachterin: Das ergibt der „Schwobefilter“
      Oberlehrerhaftigkeit, absolute Wahrheiten, invasiv- unfreundliche Art und natürlich mangelnde Demut. Wenn ich etwas über D und Deutsche erfahren möchte, dann brauche reicht schon der Tagi online. und nicht zu vergessen die Kommentare, vorallem diese.

      Dabei ist das Problem nämlich nicht das Angesprochen werden an sich, sondern das es eben ein Deutscher war der es wagte anzusprechen.

      O.k der Herr Wiese hätte den CH Herrn nicht stören sollen als er seiner Begleiterin das Panorama erläuterte und beim Anblick der sanften Hügeln eigentlich ganz andere Rundungen im Sinn hatte. Vielleicht wusste er von der „force de frappe“ , wollte sie aber erst im Hotelzimmer zünden.

      Ganz richtig hat hier ein CH Schreiber im Tagi kürzlich festgestellt:

      „Ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass, wenn Begriffe wie „EU“ oder auch „Deutschland“ fallen, gewisse Leute gleich in Hysterie und Panik verfallen. W a s i s t l o s i n d i e s e m L a n d ? „

    12. Ändu Says:

      @pfuus
      Sehen Sie, dieses Blog arbeitet mit flächendeckenden Urteilen und Verallgemeinerungen. Die möglichen Erklärungen und lustigen Deutungen werden auf „die Schweizer“ heruntergebrochen. Davon lebt diese Kommentarspalte auch noch nach drei Monaten aufgewärmtem „reload“.
      Gerne erkläre ich es Ihnen ausführlicher: auch nördlich des Rheines ist es kein Zeichen guter Manieren, ohne Strich und Komma in die Unterhaltung anderer Leute einzufallen. Auch dort sitzen die Leute manchmal dicht gedrängt in der Gartenwirtschaft, wünscht sich natürlich „Guten Appetit“, respektiert dennoch die Privatsphäre der Nachbarn, so wie hier auch.
      Für die Internationale der Ballermänner gilt das natürlich nicht: man setzt sich ohne zu fragen einfach dazu (mögl. schon betrunken) und reisst sofort lautstark das Tischgespräch der anderen an sich. Tendenziell würde ich sagen, solche Prachtexemplare sind hier seltener zu finden als im grossen Kanton.
      Den „begeisterten“ Blick der Frau nach Einsatz der force de frappe im Hotelzimmer durch Herrn Ballermann kann ich mir vorstellen.
      Ich bin Deutscher, insofern darf ich Ihr Argument vom „Schwobenfilter“ für meinen Einzelfall entkräften. Das Sprichwort: „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil“ gibt es hier aber auch?
      Was in der Tagi steht, fragen Sie bitte die Kommentatoren selbst.

    13. Guggeere Says:

      @ Beobachterin
      „Nicht wir Schweizer müssen uns den Einwanderern anpassen, sondern diese sich an hiesige Gepflogenheiten.“

      Jawohl! Das ist ein Befehl!

      Immer und immer wieder die gleichen schwachsinnigen Sprüche, bis in alle Ewigkeit. Es ist zum Davonlaufen…

      Wie ja jedermann weiss, hatten sich die alemannischen Einwanderer in unserem Gebiet vor 1600 Jahren der damals dominierenden spätrömischen „Leitkultur“ sofort, vollständig und ohne den geringsten Widerspruch angepasst, weshalb wir Schweizer noch heute täglich ausschliesslich Lateinisch sprechen, Jupiter und Mars anbeten…

      O sancta simplicitas!

    14. pfuus Says:

      @Ändu

      Vielleicht ist dieses Blog bzw. dessen Entstehung ja das Bedürfnis nach einer „Katharsis“. Vergleichbar mit der Gründung einer Facebookgruppe 2009 etwa, die da lautete: “ Ich könnte Steinbrück stundenlang in die Fresse hauen“ und einige 1000 Freunde(Ballermänner) hatte.
      Im Übrigen reagiere ich auf das was der „Schwobefilter“ so hergibt mittlerweile allergisch, ganz besonders dann, wenn es sich dabei um Konvertiten handelt.

    15. André Says:

      Also, die Lust auf Kommunikation in Deutschland kann ich so nicht bestätigen. Ich bin Nord-Deutscher 🙂
      Hier setzt sich keiner an deinen Tisch. Wenn kein wirklich leerer Tisch mehr frei ist, dann verlassen die Leute wieder den Laden. Gesprochen wird eigentlich auch nicht viel mit anderen.
      Ich mag die Schweizer sehr gerne und habe sie freundlich und offen kennengelernt.

    16. Laura Says:

      Ist jetzt zwar schon nicht mehr ganz frisch, der Eintrag, aber ich kanns mir nicht verkneifen, auch noch meinen Senf dazu zu geben (und ja, ich bin Deutsche, und ja, ich lebe in der Schweiz).
      Ich musste echt grinsen bei diesem Artikel. Der beschreibt nämlich nicht unbedingt *nur* das Verhältnis von Deutschen zu Schweizern… Ich komme aus dem Raum Stuttgart, und habe eine Weile in NRW gelebt, bevor ich in die Schweiz kam. Die Leute in NRW (ob das nun Rheinländer oder Westfalen sind, und ja, ich kenne den Unterschied, aber in dieser Hinsicht sind sie ähnlich) quatschen einfach gerne andere Leute an! Völlig ohne Hemmschwelle, einfach so, und total harmlos gemeint.
      Wenn man allerdings aus dem tiefsten Schwaben kommt, oder gar aus dem Hohenlohischen, oder so, und wird von jemand wildfremdem“einfach so“ angequatscht, ist man erst erstaunt, und dann verwirrt, und dann, je nach Gemüt, möglicherweise verärgert ob der Störung. Oder was eine Freundin zu dem Thema mal meinte: „Wenn mich jemand einfach so anspricht, dann denke ich hä, wieso spricht der mit mir? Will der mich heiraten?“
      Möglicherweise ist das ähnlich bei Schweizern?
      😉

    Leave a Reply