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Mein Abenteuer Schweiz — Was der Theatermann Michael Schindhelm bei den Eidgenossen erlebte

(reload vom 20.3.07)

  • Schweizerdeutsch klingt wie das Knirschen von Ziegelsteinen
  • Wir lasen in dem wunderbaren Buch „Mein Abenteuer Schweiz“ von Michael Schindhelm:

    Die Inkompatibilität Schweizer Schweizer Kommunikationstechniken ist weder wegzudiskutieren noch wegzuschweigen. Oskar Wilde dazu: „Sie benutzen eine unaussprechliche Sprache, die dem Knirschen von Ziegelsteinen gleicht: falls ein Schweizer in Versuchung kommt zu sprechen, wird ihn niemand verstehen – ausser vielleicht ein Geologe.“

    Es drängt sich uns der Verdacht auf, dass Oskar Wilde in Graubünden oder im Wallis weilte und dort nicht mit charmanten Skilehrer zu tun hatte, sondern mit unwirschen Schankwirten. Michael Schindhelm schreibt weiter:

    Das ist selbst als Satire scharfer Tobak. Bedauerlicherweise leisten die Eidgenossen selbst diesem Klischee Vorschub. Es ist unmöglich, in ihrer Sprache mit ihnen zu kommunizieren. Irgendwie scheint ihnen das unangenehm zu sein, und häufig entschuldigen sie sich Deutschen gegenüber für ihr angeblich „ungeschlachtes Kauderwelsch“
    (Quelle: Michael Schindhelm „Mein Abenteuer Schweiz“ , Echtzeit Verlag, Basel 2007, S. 30)

    Michael Schindhelm Mein Abenteuer Schweiz

    Michael Schindhelm verarbeitet in die Buch seine Erlebnisse als Direktor und Intendant des Theaters in Basel, wo er seit 1996 zehn Jahre lebte. Bis zum 15. Februar 2007 war er Generaldirektor der Oper Berlin.

  • Schriftdeutsch oder Neu-Süd-Deutsch sprechen?
  • Wir lesen weiter:

    Nein, das ist wirklich peinlich! Sobald sie einen Deutschen in der Runde ausgemacht haben, wechseln sie, auch untereinander, in eine auf Hochdeutsch gegründete Alltagskunstsprache mit helvetischem Phonetikflair („Es nimmt mich wunder, ob die Ursi den kaputten Velopneu angetönt hat..“), für die sie den Begriff „Schriftdeutsch“ gefunden haben.
    (Quelle für dieses und alle folgenden Zitate: Michael Schindhelm „Mein Abenteuer Schweiz“ , Basel 2007, S. 30)

    Wie wahr! Es ist eine „Alltagskunstsprache“, die gesprochen wird. Denn eine Schriftsprache kann man nicht sprechen, weil sie ist zum Schreiben da. Die Schweizer tun es dennoch, um bloss das Wort „Hochdeutsch“ nicht in den Mund nehmen zu müssen. Das klingt nach „hochtrabend“, nach „hochgestellt“ und „hochnäsig“. Alles Attribute, die man auch mit den Sprechern des Hochdeutschen verbindet. Doch dabei soll das arme „Hoch“ in „Hochdeutsch“ nicht an „hohe Qualität“ sondern an die „Hohen Berge“ im Neu-Hoch-Deutschen Raum erinnern, der sich vom Mitteldeutschen und Niederdeutschen der tiefergelegenen Küstengegend abgrenzt. „Neu-Süd-Deutsch“ wäre also eigentlich die korrekte Bezeichung für die Deutsche Standardsprache. Aber erklären Sie das mal einem Schweizer. Der hält Sie gleich für „hochnäsig“, wenn sie nur die hohen Berge als Namensgeber für das Standarddeutsche erwähnen.

    Fast jeder Schweizer erinnert an einen Musterschüler, wenn er Schriftdeutsch spricht.

    Klar, denn es wird „hyperkorrekt“ gesprochen, wie in der Schule vom Lehrer beigebracht. Sprechen wie man schreibt, mit vollendetem Perfekt „angetönt hat“ und niemals der einfachen Vergangenheit.

    Es war für den Zuzügler eine langwierige emotionale Einführung in die Gesellschaft der Eidgenossen nötig, um mit Pokerface dem Übersetzungsvorgang zuzuschauen, den der Einheimische mit sich selbst abmachte, wurde er von einem Zuzügler angesprochen. Es dauerte in der Regel eine bange Viertelsekunde, bis die ins Schriftdeutsche übersetzte Antwort kam.

  • Wieviel Viertelsekunden hat eine Sekunde?
  • Das haben wir anders beobachtet. Es dauert nicht „eine“ bange Viertelsekunde, sondern derer vier.

    Die erste Viertelsekunde vergeht, wenn dem Zuzügler zugehört wird. Die zweite, wenn das soeben gehörte „on-the-fly“ übersetzt wird ins heimische Idiom. Die dritte Viertelsekunde ist notwendig, um die Antwort zu formulieren, und die letzte Viertelsekunde wird, wie Michael Schindhelm es richtig beobachtet, gebraucht für die adäquate Übersetzung ins Schriftdeutsche. Die gleiche Zeitverzögerung findet dann umgekehrt noch einmal statt bei einem Deutschen, der einem Schweizer zuhört und antwortet.

    Ich habe es irgendwann aufgegeben, meinen Gesprächspartnern gegenüber „anzutönen“, sie könnten gern auch in ihrer Sprache verweilen, denn ich wusste, sie würden unwillkürlich umschalten, hätte ich erst mal den Mund aufgemacht.

    Lange ist es her, dass wir auch solche Erfahrungen machen durften. Niemand schaltet mehr um, sobald wir den Mund aufmachen. Die Zeiten haben sich geändert. Als der Tessiner TSI Journalist Franco Valchera in Zürich eine Norddeutsche als Lockvogel auf dem Bellevue losschickte, um eine Passantin auf knappen Hochdeutsch nach der richtigen Strassenbahnlinie zum Hauptbahnhof zu fragen, antwortete diese ohne mit der Wimpern zu zucken sofort auf Züridütsch.

  • Sprechen Sie auch Schriftfranzösisch?
  • Für die Deutsche kein Problem, wenn sie schon eine Weile hier ist. Aber woran konnte das die Zürcherin erkennen? Sie ging davon, dass sie verstanden wird, war ihre freundliche Antwort auf die Rückfrage des Journalisten. Wie sich die Westschweizer oder Tessiner fühlen, wenn ihre Hochdeutsche Frage sofort auf Schweizerdeutsch beantwortet wird? Wahrscheinlich schaltet man dann in Zürich direkt um auf Französisch oder Italienisch, alles kein Problem. Ist das dann auch „Schriftfranzösisch“ und „Schriftitalienisch“?

  • Unter Rittern
  • Viele Deutsche empfinden es als „Ritterschlag“, wenn Schweizer im Gespräch mit ihnen nicht umschalten auf Hochdeutsch Schriftdeutsch, sondern in ihrer Sprache weitersprechen. Demnach leben wir in einer äusserst ritterlichen Schweizer Gesellschaft. Es quietscht nur manchmal ein bisschen bei den Rüstungen.

  • Leben im Basler Daig
  • Durch Michael Schindhelms amüsantes Buch lernten wir gleich noch ein neues Schweizerdeutsches Wort: Den Basler „Daig“. Wer meint, dass die Eidgenossenschaft eine Gesellschaft ist, welche die Aristokratie überwunden hat, der lese diese Erklärung von Wikipedia:

    Daig (dt. «Teig»; ausgesprochen [dajg]) ist eine im Raum Basel und in der Deutschschweiz geläufige Bezeichnung für diejenigen Familien der Stadtbasler Oberschicht, die seit Generationen das Bürgerrecht besitzen. Es handelt sich um eine gesellschaftliche Gruppe, die gekennzeichnet ist durch eine ausgeprägte Selbstabgrenzung, sowohl abwärts (gegenüber Mittelstand und Unterschicht) als auch seitwärts (gegenüber «Neureichen»). Die soziale Geschlossenheit und Wirkungsmacht des «Daig» haben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark abgenommen.
    (Quelle: Wikipedia)

    Lass mich raten: Daig-Mitglieder erkennt man doch bestimmt an Autokennzeichenen mit 3-4stelligen Nummern?

    Kein Wunder dauerte es nicht lange, bis Schindhelm als Theatermann mit dieser Basler Teigware aneinandergeriet. Mehr darüber in seinem Buch, das wir jedem Zuzügler und Alteingesessenen als Lektüre wärmstens empfehlen können.

    

    5 Responses to “Mein Abenteuer Schweiz — Was der Theatermann Michael Schindhelm bei den Eidgenossen erlebte”

    1. YOGI-TheBear Says:

      Mir ist der Begriff: „Hauchdeutsch“ noch geläufig aus meiner Zeit in der Schweiz!!!

    2. neuromat Says:

      Dieses Ritterschlag-Gefühl – kenne ich nicht.

      Ich warte eher weiter auf den Tag, an dem ich mit irgendjemand aus dem Land, ausgestattet mit einem vergleichbaren Wortschatz und ohne innere Ablehnung für die gewählte Sprache, begabt mit der Fähigkeit der ironischen Distanz und der Empathie für feine Satire ein Gespräch führen kann.

      Wer jetzt die ewig wiederkehrenden peinlichen Bemühungen der Innerschweizer JungSVP verfolgt, die ja, wie man an ihren Namen ablesen kann, zudem tief verwurzelten Schweizer Geschlechtern entsprechen dürften, den Dialekt quasi als conditio sine qua non der „Integration“ durchzudrücken, dem schaudert es angesichts solcher tumber nationalistischer Regungen.

      Wie imponiert hingegen die Haltung der Selbstverständlichkeit einer Harmonie von Dialekten aus einem Sprachraum und einer zum gemeinsamen Verständnis geschaffenen Sprache, wie sie guggeere immer wieder zeigt.

    3. pfuus Says:

      http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Der-Dialekt-als-Sprache-des-Herzens-Pardon-aber-das-ist-Kitsch-/story/12552220

      Auch wenn manche Aussagen etwas harsch formuliert sind, skizziert von Matt das Wesentliche doch treffend.
      Besonders treffend die Metapher mit dem Fahrrad, pardon, Velo.

    4. Guggeere Says:

      Ähnlich wie Oscar Wilde ging es Charles Ferdinand Ramuz (Zitat aus dem Roman «Derborence»; es geht um Berner Oberländer vom Sanetschpass):
      «Eux, ils se parlaient dans leur langue, qui est une langue qu’on ne comprend pas, parce que c’est du gravier allemand;[…]»
      (Sie unterhielten sich in ihrer Sprache, die eine Sprache ist, die man nicht versteht, weil es deutscher Kies ist;[…])
      Schriftsteller haben sehr feine Sensoren: Die Deutschschweizer haben tatsächlich eine Affinität zur Geologie. Immerhin lebt ein beträchtlicher Teil von uns in gewisser Weise vom Geschäft mit Kies (u.a. deutschem), Schotter und Kohle. 🙂

      @ neuromat
      Danke! Wenn das kein Ritterschlag ist…

    5. Paolo Brunner Says:

      Ich bin eigentlich kein Xenofobe,relativ weltoffen lebe im Ausland.Ein sogenannter Auslandschweizer.
      Aber es gibt gewisse Aspekte welche die massive Deutsche Immigration in die Schweiz in Frage stellen.Zum Beispiel die Duckmaeuserische Art,angepasstes und doch arrogantes Verhalten.Das sage ich aus persoenlicher Erfahrung.Das ist natuerlich subjektiv,und ist weder allgemeingueltig noch real.
      Es gibt viele Gruende welche die alte Feindschaft zwischen Deutschen und den Schweizern wieder beleben.Untergraben der Lohnpolitik,Arbeitskaempfe,Wohnraum und starke praesenz auf dem Arbeitsmarkt.Viele Deutsche kommen hierher nicht aus Not sondern weil sie mehr verdienen als in Deutschland,und weniger Steuern bezahlen,aber wenn sie erst einmal hier sind beginnen sie sich wie Besatzer aufzufuehren,immer gegenueber Untergebenen oder sonstwie Abhaengigen.Ich finde eine gewisse Restriktion gegenueber der Deutschen Einwanderung durchaus erwuenschenswert.Ich bin kein Freund der Deutschen Kultur.

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