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Wo es Aufsteller gibt, gibt es auch Ablöscher — Neues aus der Schweizer Alltagssprache

(reload vom 7.3.07)

  • Eine Mannschaft kann man aufstellen
  • Vor langer Zeit fragte ich auf der Blogwiese „Soll ich sie aufstellen?“ Ich war damals weder als Fussballtrainer damit beschäftigt, eine Mannschaft von guten Kickern „aufzustellen“, noch musste ich auf dem Bürgersteig (so heisst das trottelige Trottoir im Alltagstrott in Deutschland. Sie wissen schon, die steigen auf alles, die Bürger) „Aufsteller“ wie diesen

    Aufsteller

    platzieren. Ach ja, und an den Verkauf von Viagra denkt auch niemand in der Schweiz, wenn er nach einem guten „Aufsteller“ fragt, denn „Aufsteller“ sind „aufgestellte Leute“, und von denen wimmelt es nur so in Schweizer Kontaktanzeigen und Internetforen.

  • Ablöschen ohne Wein
  • Jetzt endlich, nach so langer Zeit, haben wir erfahren, wie in der Schweiz das Gegenteil eines echten „Aufstellers“ genannt wird. Es ist ein „Ablöscher“. Nein, kein Koch, der beim Kochen den Braten mit kalter Flüssigkeit ablöscht. So findet sich das Wort auch im Duden:
    ablöschen:

    3. a) (einen Brand) löschen: das Feuer konnte erst am Morgen abgelöscht werden;
    b) (Kochkunst) einer Sache kalte Flüssigkeit zusetzen: das angebratene Fleisch mit einem Glas trockenem Weißwein ablöschen.
    (Quelle: duden.de)

    Es gibt auch noch die Verwendung „die Tafel ablöschen“, wenn sie mit mit einem Schwamm oder Tuch saubergewischt wird, bzw. „die Tinte mit einem Löschblatt ablöschen“. Doch welches Kind weiss heutzutage noch, was Tinte und Löschblätter sind, wenn in der Schweiz die Löschtaste mit „Delete“ beschriftet ist und an Zerstörung denken lässt. So hübsche IBM-Deutsch Übersetzungen wie „Rücklöschtaste“ (= Backspace) oder „Wagenrücklauftaste“ (=Enter) haben sich die Schweizer auf ihren PC-Tastaturen aus Rücksicht auf die Romandie gar nicht erst geleistet. Auch eine „Einf“ = Einfügetaste heisst hier wie in England „Ins“ wie „Insane“.

  • Heimstätten des Ablöschers
  • Zurück zum Ablöscher. Lassen sich da Belege für finden?
    Bei Wikipedia gibt es sogar eine Abteilung „Seelenstrip“, welche nach dem „grössten Ablöscher der letzen Zeit fragt“.
    Ablöscher bei Wikipedia
    (Quelle: de.wikipedia.org)

    Nein, um Bratenrezepte oder den letzten Einsatzbericht der Freiwilligen Feuerwehr geht es hier ganz bestimmt nicht. Die haben echt praktische Wörter in der Schweiz, denn wie könnte man sonst zu einem Menschen oder Erlebnis sagen, das einen so richtig stimmungsmässig in den Keller bringt? Ein „Fertigmacher“? Ein „Abtörner“? Ein „Frank Baumann“? So langsam fühlen wir uns wie in einem Fortbildungseminar für creative Barmixer, die vom „Absacker“ genug haben.

    Wir fanden das Wort sogar in einem sprachkritischen WatchBlog:

    Zu hoffen bleibt, dass das “trendige” neue Lokal trotz seiner Marketingkampagne einen anständigen Espresso anbietet. Alles andere wäre Ablöscher pur.
    (Quelle: wortreich.nightshift.ch)

    Auch im filmblog.ch wir fleissig gelöscht:

    Nicht nur ich empfinde das als Ablöscher, auch Oliver hat darüber klar ihren Unmut erklärt.
    (Quelle: www.filmblog.ch)

    Ob Oliver eine Frau ist, liess sich in diesem Artikel nicht genau herausfinden. Wird wohl.

  • Wie löschen die Deutschen ab?
  • Wenn man in Deutschland nicht „ablöscht“, wie würde man das sonst ausdrücken? Gibt es das Wort „abtörnen“ als neudeutsches Gegenteil von „to turn up“ eigentlich noch? Ja hoppla, sogar der Duden hat es verzeichnet:

    1. abtörnen ( ugs. für die Laune verderben; verdrießen)
    2. abtörnen (sw. V.; hat) (ugs.): aus der Stimmung bringen.

    Aber ist das wirklich von der Bedeutung her mit einem „Ablöscher“ vergleichbar? Man spürt bei diesem Wort geradezu den kalten Schwall Wasser, den man über den Nacken geschüttet bekommt, um nur ja das kleinste glimmende Stimmungselement abzulöschen.

  • Der Ablöscher muss in den Duden!
  • Wir werden gleich heute noch einen Brief an die Dudenredaktion schreiben und um Aufnahme dieses hübschen Nomens in den Duden bitten, es hätte es verdient! Nicht einmal im Züri Slängikon findet sich das Wort. Die meisten Schweizer sind sich wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass sowohl der „Aufsteller“ als auch der „Ablöscher“ etwas sind, dass es im Gemeindeutschen völlig unbekannt ist. Höchste Zeit dass sich das ändert.

  • Abstellen ist auch eine Methode des Ablöschens
  • Unser Variantenwörterbuch setzt sogar noch eins drauf: Der „Absteller“, neben dem Ablöscher ein „Anlass für schlechte Laune“. Ob das aus der Zeit stammt, als die Eltern den zu laut angestellten Plattenspieler einfach abstellten? Oder die Stereoanlage, und dadurch der Haussegen schief hing?
    Zitat aus dem Variantenwörterbuch:

    Wenn sie vor dem kollektiven Theaterbesuch mit der Klasse noch ein ein Reclam-Büchlein lesen und später einen Aufsatz schreiben müssen, ist das für viele der totale Ablöscher (Tages-Anzeiger 24.2.1999, S. 21)

    Wir sollten jetzt endlich erklären, dass in der Schweiz das Licht nicht „ausgemacht“ sondern eben „abgelöscht“ wird. Bestimmt ist das der Ursprung dieses Stimmungsdämpfers. Mitten im schönsten „Was-auch-immer-Gefummel“ löschte jemand das Licht ab. Der „Ablöscher“ war geboren und gesellte sich zu dem Fiesling, der die Musik abstellte, dem „Absteller“. Warum gibt es diese Wörter nur in der Schweiz? Vielleicht weil die dazu passende aussersprachliche Wirklichkeit, die sie beschreiben, auch nur hier existiert? Licht aus, Musik aus und fertig ist die Kiste.

    

    9 Responses to “Wo es Aufsteller gibt, gibt es auch Ablöscher — Neues aus der Schweizer Alltagssprache”

    1. Mareike Says:

      netter Beitrag, aber das „Ins=insane“ springt heraus….. eine unterschwellige „Mitteilung“ die absichtlich geschehen ist, oder ein Fehler?? 🙂 bei den meisten bedeutet ins=insert…. 😛

      [Antwort Admin: Ja]

    2. neuromat Says:

      bei mir ist die „ins“ = insult – Taste ein direkter Link zum Züri Slängikon. Die halten dort plemplem für Züritüütsch. Ganz schön plemplem, diese Möchtegern Hauptstädtler.

      Warum hast Du also einen Schweizerdeutschen Begriff dort nicht gefunden? Sie uebersetzen vieles in Dialektgefärbtes Hochdeutsch, es entsteht so eine Art „von allem ein wenig“, am wenigsten von Züritüütsch.

      Na ja, was soll’s. Fahre eh lieber nach/auf Basel.

    3. Brun(o)egg Says:

      Wie wahr neuromat.
      Die haben doch schon für Ihren amerikanisch versauten Dialekt schon einen Namen gefunden: Slänglikon. Grauenhaft.

      Vielleicht trifft man sich mal in Basel bei gutem Baseldeutsch in der Brötlibar.

    4. Susanne Says:

      Das Licht „ablöschen“ kommt noch von früher.

      Früher hatte man Kerzen als Lichtquellen die man „ablöschte“ / „auslöschte“/ „erlischt hat“ … oder wie auch immer 🙂

      Vielleicht hat das etwas mit Bequemlichkeit zu tun oder der Drang an Traditionen festzuhalten, dass die Schweizer die Sprache nicht an das Moderne angepasst haben.

    5. Brenno Says:

      Aufsteller und Ablöscher bzw. die diesen Wörtern zugrunde liegenden Verben stammen tatsächlich aus der Umgangssprache, insbesondere jener der Jugend und sind daher eindeutig dem Dialekt zuzuordnen. Mit der Zeit haben sie ihrer Popularität wegen Eingang gefunden in die Schriftsprache. Ein weiterer Beleg für die landesübliche Unbekümmertheit und das mangelnde Stilgefühl im Umgang mit der geschriebenen Sprache. Die beiden Ausdrücke darf man getrost in das Slängikon aufnehmen; der Duden möge von ihnen verschont bleiben.

    6. AnFra Says:

      @Brenno

      Na, die Aussage, Ablöscher entstamme der sog. Umgangssprache, dem Dialekt oder gar Jugendsprache müsste doch genauer hinterfragt werden.

      Die Bezeichnung Ablöscher ist ein alter gesamtdeutscher Begriff, sicherlich seit dem Spätmittelalter im Gebrauch gewesen, wie auch beim Georgius Agricola (1494-1555) gesehen. Gemeint ist damit, wenn beim Schmieden das glühend geschmiedete Eisenstück zum Ablöschen (heurig Abschrecken = schnelles Abkühlen) in Wasser, (auch Öl, Salz, Sand) eingetaucht wird, um so die Eisenstruktur in ihrem gewollten Zustand der Eisen-Kohlenstoff-Anordnung zwecks Härtung auf die gewünschte Handwärme zu überführen. Um die dadurch als unerwünschte Nebenerscheinung erhaltene übermäßige Sprödigkeit, Bruch- und Rissneigung uam. zu beseitigen, erfolgt das Anlassen, wobei das Eisenstück auf etwas erhöhte Temperatur gebracht wird und dann wieder unter besonderen Randbedingungen auf Handwärme abgelöscht wird. Beim Ablöschen erfolgt somit ein stufenloses, gezielt-angepasstes Ablkühlen, wobei man bei diesem Vorgang bei jeder gewünschten Temperaturstufe diesen unterbrechen kann. Beim Auslöschen ist es klarer. Entweder AN oder AUS, brennt oder brennt nicht, Licht oder Dunkelheit, wobei im Regelfall keine dazwischen befindliche Situation eingestellt werden kann.

      Die Bezeichnung Aufsteller ist m. E. schon seit mind. 100 Jahren im Dt. Reich verwendet worden. Das ist ein Werbeträger, der beim Verkaufsstand oder vor dem Laden auf dem Gehweg aufgestellt werden kann.

      Also keine neuen oder umwerfenden Neuigkeiten auf dem Gebiet der Schweizersprache. Das Problem ist dieses, wenn Begriffe durch unbekannten Quellen / Implantierer in die Sprachebene des Dialektes eingeführt (richtig: wiedereingeführt!) oder gar in der sog. Jugendsprache etabliert wurden, kann natürlich der nicht richtige Eindruck entstehen, hier sei ein eigenständiger, besonderer Sprachschöpfungsakt nachzuweisen. In Wirklichkeit scheint es sich auch hier um sprachliche Derivate des alten mittelalterlichen Deutsch zu handeln!

      Also gehören die alt-neuen Begriffe in den Duden UND ins Slängikon. Denn: Keine Tochter ohne Mutter.

    7. Brenno Says:

      @ AnFra

      Das nehme ich zur Kenntnis. Es handelt sich demnach um fachsprachliche Begriffe. Inwiefern die gleichlautenden umgangssprachlichen Ausdrücke auf jene zurückgehen, dürfte schwer nachzuweisen sein; aber das ist vielleicht auch nicht so wichtig.

    8. AnFra Says:

      @Brenno

      Natürlich ist es nicht so wichtig, woher die neu-alten Ausdrücke herstammen und von welchen sprachlichen Wurzeln sie abgeleitet wurden.
      Jedoch bei Kenntnis ihrer Abstammung oder vermuteter Herkunft kann man manchmal / mengisch besser als der Sprecher diese im Sinninhalt halbwegs vernünftig erkennen.

      Das kann man als auch so einen „Trachten-Effekt“ nennen. Alle (!?) tragen das trachtige Zeug, aber fast keiner von diesen Hästrägern kennt die wirklich reale Herkunft. Das ist echte Tradition und Fasnacht. Wie z. Z. der „Trachten-Wahn“ auf dem Oktoberfest in Minka. Tragen, saufen, rülpsen! Hauptsache es ist Tradition. Oder auch die Fasnacht, oft sinnentleert und ohne Basis, aber Tradition.

      Wenn die realen inneren Werte sich verlieren- dann wird’s immer Tradition. Vergleichbar auch bei der „modernen Neusprach“.
      Es wird im Sprachsteinbruch rausgebrochen was brauchbar erscheint und dann neu verarbeitet. Hier aber seltsamerweise wird die Tradition unbewusst verweigert, gerade da wo sie am stärksten wirkt.

    9. Brenno Says:

      @ AnFra

      Einverstanden.

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