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Schreien Sie auch erst nach einer Höflichkeitssekunde? — Verzögerte Begeisterung à la Suisse

  • Neulich beim Drill-Sergeant
  • Neulich war ich mal wieder beim Fitness. Ich trainiere gern in der Gruppe und hasse es, stumm und isoliert an Hightech-Geräte ganz für mich alleine die schweisstreibenden Trainingseinheiten durchzuführen. In der Gruppe, da macht jeder bzw. jede zwangsläufig mit, man bzw. frau spornt sich gegenseitig an, und nichts ist peinlicher, als weniger Gewicht auf der Langhantel montiert zu haben als die max. 50 Kg schwere leichte Trainerin, im Fachjargon „Instructor“ genannt. Die steht vorn, macht die Übungen vor, zählt dabei abwechselnd auf Hochdeutsch, Englisch und Schweizerdeutsch, schaut uns an, und brüllt alle paar Minuten via Headset verstärkt in die Runde „GOOATS EUCH GUUOT?“. Ich brülle stets spontan ein deutliches „JOOPS!“ zurück, obwohl ich am liebsten „SIR, NO SIR, ES GEHT MIR BESCHEIDEN, SIR“ gebrüllt hätte. Aber erstens steht da eine Trainerin vor uns und kein Sir, wie in einem amerikanischen Bootcamp, und zweitens wäre dieser Satz viel zu lang, und dafür reicht dann die Puste nicht.

    Jens beim Bodypump
    (Jens beim Bodypump. Quelle Foto: Les Mills)

  • Erst mal 2 Sekunden abwarten
  • Denn egal wie es kommt, ich bin zunächst immer der einzige Kursteilnehmer, der ein Feedback gibt. Meine Schweizerischen Mitturnerinnen und Mitturner brauchen stets 1-2 Sekunden länger, um dann zaghaft im Chor ebenfalls ein vorsichtiges „GUOT“ zu brüllen, nun ja, laut rufen bzw. nur „rufen“ ist die bessere Umschreibung von dem was da zu hören bzw. nicht zu hören ist. „Antönen“ trifft es am besten.

    Warum stets diese Verzögerungssekunde? Sind sie so angestrengt, dass sie erst mal Luft holen und über die Antwort nachdenken müssen? Die Frage der Instruktorin wurde auf Schweizerdeutsch gebrüllt, also kann es auch keine Verzögerung bei der Übersetzung sein. Ich reagiere immer sofort und spontan, die anderen warten 1-2 Sekunden und reagieren dann wie inner-seelisch abgesprochen im Chor.

  • Bloss keine spontane Zustimmung äussern
  • Ein Schweizer Freund erklärte mir dieses typische Verhalten damit, dass keine in der Gruppe die erste sein will, die etwas sagt. Frau will nicht aus der Menge herausstechen, den Eindruck vermitteln, man würde sich vordrängeln. Schweizerische Zurückhaltung also auch in der Muckibude. Einfach spontan eine Antwort in den Raum brüllen, das vermögen keine Schweizer. Jedenfalls nicht in dieser Stunde, die sich alle paar Jahre anders nennt. Zur Zeit heisst es „Bodypump“, die Körperpumpe, was wir da betreiben. Davor hiess es „Musclework“, wiederum ein paar Jahre früher war es „Langhanteltraining“, und vor 20 Jahren nannte man, es glaube, ich „Skigymnastik“ oder schlichtweg „Turnen“.

    Sollte ich in Zukunft lieber gar nicht mehr eine Antwort brüllen? Oder auch 1-2 Sekunden warten? Vielleicht macht dann auch niemand sonst mehr das Maul auf. Vielleicht brauchen alle diesen Vorbrüller, um überhaupt den Mut zu finden, etwas zu sagen? Als Deutscher lernt man also am besten auch das Maul zu halten oder man baut bei spontanen Beifallsäusserungen erst mal zwei Schweizerische Verzögerungssekunden ein: Ein-und-zwanzig, zwei-und-zwanzig, „JUHEE!“.

    

    4 Responses to “Schreien Sie auch erst nach einer Höflichkeitssekunde? — Verzögerte Begeisterung à la Suisse”

    1. Yolke Says:

      Genau dieser kulturelle Unterschied ist es doch, der aus Deutschen scheinbar arrogante, laute Menschen und aus Schweizern scheinbar unauffällige, langweilige Menschen macht. In der Schweiz wird (oder eher wurde?) den Kindern die (vordergründige) Bescheidenheit und Zurückhaltung als Kind eingetrichtert. Irgendwie nicht so europäisch, mich erinnert das eher an Asien? Indianer? Aha! Da sind sie wieder, die Indianer. Der Kreis schliesst sich. Hug 😉

    2. neuromat Says:

      nun, später als ich ruft wahrscheinlich niemand in solchen Kursen.

      Ja, ich vermag mich noch zu erinnern, als sei es gestern gewesen. Unsere Instruktorin kam aus Brasilien und der Kurs musste bald wegen Männerüberfüllung geschlossen werden. Auf jeden Fall habe ich immer erst nach dem Ende die Fragen beantwortet, wenn ich von Miss Instruktor unter der Langhantelstange befreit wurde, sehr zum Neid der völlig verausgabten Mittrainierenden.

      Ansonsten genau gleich, auch dreisprachige Kommandos irgendein brasilianisch-portugiesischer Dialekt, Englisch und Deutsch. Hat eh keinen interessiert. Wir haben nur auf die brasilianischen Einzelteile geglotzt.

    3. Franzl Lang Says:

      Ganz klar mit der thoitschen Kasernenhofmentalität erklärbar, während der schöngeistige Schweizer lieber schweigt und geniesst. usw. usf.

      Oder so…

      Hi, hi.

    4. Void Says:

      Also ich bin Kroatin und lebe in der Schweiz, habe aber auch Freunde aus Deutschland (die sind mir viel lieber als Deutsche, die hier leben – liegt warscheinlich an der bayrischen Gemütlichkeit).
      Was diese „Zögersekunden“ angeht, kann ich mir denken, dass es den Leuten einfach egal ist?
      Ich selbst bin bspw. temperamentvoll, diese Tendenz muss ich aber nicht auf dem Silbertablett allen präsentieren um etwas zu beweisen. Deutsche neigen doch stark dazu, sich auf Kosten anderer aufzuwerten gespickt mit dieser „Deutschen Arroganz“ (nicht zu verwechselnd mit Arroganz).
      Ich erlebe Deutsche, die in der CH leben auch anders als in Deutschland.
      Als ob sie absichtlich auf sich aufmerksam machen und dieses laut-prollig-aufdringlich-Klischee aufrecht erhalten wollen, ja gar zur Tugend erklären.
      Will jetzt aber nicht verallgemeinern, es gibt sogar bei der Prollnation solche, die aus der Reihe tanzen ;).
      Das Schweizer langweilig sind ist absoluter Quatsch, die machen genau so Party wie sonst wo. Und Spiesser gibts überall…

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