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Schade, bist Du nicht hiergewesen — Neues von der Schweizer Syntax

(reload vom 25.10.06)

  • Schade, bist Du nicht hiergewesen
  • Fällt Ihnen an diesem Satz irgendetwas auf? Würden Sie ihn so verwenden? Oder eher nicht?

    Warum ist der Satz für Deutsche so nicht verwendbar? „Bist Du gewesen“ ist lang und schwerfällig. „Schad‘ dass Du nicht da warst“ würde mir eher gefallen. Zumal da auch noch ein doppelter A-Laut am Ende vorkommt. „Da warst“ klingt bei mir jedoch eher wie „da-waast“.

    Wir entdecken diese Erkenntnis in dem bereits erwähnten Artikel in der Sonntagszeitung vom 24.09.06:

    Bestätigt werden diese Befunde durch eine Internetumfrage zur Alltagssprache im ganzen deutschsprachigen Raum (www.philhist.uni-augsburg.de/ada) sowie eine Befragung von 70 Deutschen und 77 Schweizer Studenten. So gaben 55 Prozent der Schweizer Studenten an, dass sie den Satz «Schade, bist du gestern nicht hier gewesen» verwenden würden. Von den deutschen würden dies nur 6 Prozent tun. Worauf diese eigentümlichen Satzstellungen zurückzuführen sind, ist noch unklar. Zum Teil spielt der Dialekt hinein («Schad, bisch nöd cho.»). Doch das Wort «bereits» existiert in der Mundart gar nicht. Seine prägnante Stellung muss also einen andern Grund haben.

    Nun, wir haben ja jetzt gelernt was „Vorfeldbesetzung“ bedeutet. Ein „Schad“ am Anfang des Satzes ist ein ziemlich gut besetztes Vorfeld. Danach mit einer obligatorischen Inversion weiterzumachen und das finite Verb an die Schluss zu rücken, wer mag das schon? Weil, es ist eben unbequem. Die Sprache sucht sich immer den bequemsten Weg (Gesetz der Ökonomie von Sprache) und da ist „Schad, bisch nöd cho“ einfach schneller und eleganter als „Schade, dass Du nicht hiergewesen bist“. Der letzte Satz ist so penetrant hyperkorrekt, wenn Sie den hören, dann können Sie mal davon ausgehen, dass ihn ein Schweizer ausgesprochen hat. „Schade dass Du nicht da warst“ halte ich für üblich.

  • Der Plan für eine Variantengrammatik
  • Ein spannendes Feld, nun nach den Varianten im Deutschen Wortschatz auch die Varianten in der Grammatik zu bestimmen und zu beschreiben:

    Christa Dürscheid plant nun, analog zum Variantenwörterbuch eine Variantengrammatik zu schreiben. Ein Projekt mit drei Forschergruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist angedacht, erste Vorarbeiten liegen vor. Diese Grammatik, so Dürscheid, soll eine Bestandesaufnahme und gleichzeitig ein Nachschlagewerk werden.

    Davon profitieren könnten nicht zuletzt die Schweizer Schüler. Studien haben gezeigt, dass die Lehrer Helvetismen gerne als Fehler anstreichen. «Man bewertet oft mit teutonischem Massstab», sagt Dürscheid. Wenn die schweizerhochdeutschen Varianten in einer Grammatik kodifiziert werden, könnte sich dies ändern. Die Lehrer würden toleranter korrigieren, vermutet Dürscheid. «Und die Schweizer könnten selbstbewusster zu ihrem eigenen Deutsch stehen.»

    Halten wir fest: Wenn es im Buch steht und wissenschaftlich untermauert wurde, dann werden die Lehrer die Verwendung von Schweizer Grammatik und Syntax toleranter korrigieren. Die Frage ist nur, ob sie es jetzt überhaupt korrigieren, weil das voraussetzt, dass sie diese Variante auch wahrnehmen.

  • Ist Triglossie besser als Diglossie?
  • Es ist ein durchaus legitimer und frommer Wunsch, den Schweizern dabei zu helfen, „selbstbewusster zu ihrem eigenen Deutsch zu stehen“. Ist ihnen damit wirklich geholfen? Die bisherige Diglossie, also die Beherrschung der Schweizer Muttersprache PLUS des Standarddeutschen würde dann noch stärker durch eine Triglossie abgelöst: Dialekt PLUS Standarddeutsch PLUS Schweizer Hochdeutsch-Variante, wobei „Hochdeutsch“ hier wirklich mal angemessen wäre, denn wie schon oft erwähnt, ist „Hoch“ eine geographische Komponente, neben Mittel- und Niederdeutsch. Und Höher als die Schweiz liegt kein deutsches Sprachgebiet.

    Wir sind skeptisch, denn in den meisten Fällen passiert die Verwendung dieser Schweizer Grammatikvarianten jetzt schon, auch ohne „kodifiziert“ worden zu sein, aber den wenigsten fällt es auf. Während wir beim „Variantenwörterbuch“ verstehen können, wie wichtig es ist, die Varianten der Standardsprache zu kennen, sind wir uns bei einer „Variantengrammatik“ nicht sicher, ob hier nicht aus der jetzt schon schwierigen Diglossie eine Triglossie gezimmert wird.

    „Die Lehrer würden toleranter korrigieren“, vermutet Christa Dürscheid. Aber ist den Schülern damit geholfen, wenn sie quasi die Verwendung von spezifisch Schweizerischen Grammatikvarianten in der Schriftsprache erlaubt bekommen, und damit später im Berufsleben gewiss keinen leichten Stand haben, wenn es um Kommunikation mit dem restlichen deutschsprachigen Ausland geht.

    

    9 Responses to “Schade, bist Du nicht hiergewesen — Neues von der Schweizer Syntax”

    1. Ric Says:

      Merke: was man den Süddeutschen nicht gönnt (Spott darüber dass dort zB das Präteritum inexistent ist) und auszutreiben versucht („Wir sprechen hier Deutsch!“ – ich hab‘ es noch in den Ohren, dieses Gefauche von meiner ehemaligen Deutschlehrerin aus dem Norddeutschen) das wird bei den Schweizern – wie könnte es auch anders sein – von den Norddeutschen nicht nur romantisiert sondern nein, die Schweizern sollen sogar „stolz“ drauf sein (die Schweizer sollen also noch stolzer auf sich sein? Geht das überhaupt? Ein Superlativ lässt sich nicht mehr steigern).
      Ich bin mir sicher nach dem alten Schema wird es dann eine teutonische Grammatik geben die gefälligst – zack zack – von Flensburg bis Garmisch zu gelten hat, während ein Bocksprung weiter in Vorarlberg und St. Gallen die heimelige Welt der Alpengrammatik beginnt und alle Norddeutschen ganz gütig und wohlwollend die Stimme senken und sich wünschen „Ach wär ich doch auch dort geboren!“.

      Tja, wenn es stimmt dass Sprache ein zentraler Bestandteil kultureller Identität ist dann haben die Teutonen – wen überrascht es – vor allem ein Problem mit der eigenen Identität, was stellvertretend durch die Schwaben, Bayern, Österreicher und Schweizer bewältigt wird. Ich weiss nicht wo es mich mehr graust, bei „Tach“ oder wenn ein Teutone versucht „Gruezi“/“Servus“ zu imitieren. Schuster bleib bei deinen Leisten, die Teutonen hätten genug eigenes sprachliches WirrWarr aufzuarbeiten: man denke nur an „Plattdeutsch“. Und Hochdeutsch können’s ja trotzdem nicht, die würden Bühnendeutsch nach Siebs noch für „Dialekt“ halten.

    2. simon Says:

      Ich bin da auch immer hin und hergerissen. Auf der einen Seite finde ich es gut, dass es Gralshüter gibt, die die Esthetik einer Sprache als Kulturgut bewahren. Auf der anderen Seite finde ich eine lebendige Sprache wichtiger.
      Gerade in der Liedtexte musste man erst die Standardsprache verbiegen, damit sie brauchbar wurde.

      Ich habe ich erst in der Schweiz erkannt wie spannend das Thema Sprache für mich sein kann. Mit ganz vielen unterschiedlichen Aspekten. Zumal ich selber nicht so ein Sprachtalent bin. Inzwischen tut mir „gestummt“ auch nicht mehr so weh. Keine Ahnung woher diese Schmerzen kommen, Kindheitstrauma?

      Neben Wortwahl, Grammatik und Aussprache (inkl. Satzmelodie) geht es ja auch um Inhalt und eine Funktion. Und vielleicht ist es etwas vermessen, in CH Dinge einzufordern, die auch in D vernachlässigt werden.

    3. simon Says:

      60s sind ziemlich knapp für text und rechenaufgabe
      kann man das verbessern?

      [Antwort Admin: Ja, die wichtigste Empfehlung lautet: Texte immer offline schreiben, vor allem wenn sie länger als 5 Zeilen sind, dann via Zwischenablage (zu Deutsch „Clipboard“ mit copy and paste einfügen. Sonst schlägt der Timeout zu und die ganze online geschriebene Arbeit ist futsch. Kurzum: Niemals lange Texte online schreiben.]

    4. neuromat Says:

      na ja zum einen: in dem Fall: schapischko

      und zum anderen: das ist einfach von vorne bis hinten Bockmist. Schuster bleib bei Deinen Leisten. Persönliches Grausen befällt mich ganz ueberwiegend, wenn jemand so unqualifiziert daher kommt: genug eigenes sprachliches Wirrwarr aufzuarbeiten … hier hat jemand vielleicht genug „eigenes WirrWarr“ aufzuarbeiten?

    5. Egon Says:

      Entgegen jeder Einsicht ernstzunehmender Sprachwissenschaft, entgegen jeglichen Selbstrepräsentanzen „besser“ eben „bestens“ informiert zu sein, scheint in den Schweizer Schulen noch die offenbar in die Hirne eingebrannte Vorstellung herumzugeistern, es gebe im deutschen Sprachgebiet eine einheitliche deutsche Hochsprache, die man sich aneignen sollte.

      Logische Folge, dass aus der „angeborenen Abneigung der schweizerischen Wähler gegen alles Fremdartige“ die Notwendigkeit wird, den Bedürfnissen, nach etwas eigenem nachzukommen. Warum also nicht auch eigene Grammatik. Klar, wir haben ja sonst nichts zu tun. Und dann greifen wir doch auch unser „Radio-DRS-Florilegium 1989“ wieder auf und lernen endlich und schlussendlich gesamthaft richtig Schweizer Standarddeutsch zu sprechen.

      Na, schon mitgekriegt, wo der Irrtum liegt. Richtig die Zürcher Intelligenzbestie hat wieder sein klassisches Rousseau Eigentor hingelegt. Richtig: nirgends ist ein Assimilationsdruck, ein Durchhalten von Sanktionen grösser als in diesem kleinen Verein von selbsternannten tüpflischeissenden Sonderbären. Wenn also versucht wird, etwas nach „Normen“ durchzusetzen, dann dort, wo auf das korrekteste „a“ das passende „r“ das unverwechselbare „grützi“ bestanden wird, in einer Form zum Teil abwertender Polemik, die es einem schwer macht eine halbwegs zivilisierte Erziehung zu vermuten.

      Denn es wird nicht darum gehen, dass „Die Lehrer dann toleranter würden“. Denn es geht um «Und die Schweizer könnten selbstbewusster zu ihrem eigenen Deutsch stehen.» Eben das eigene und dann nur das eigene. Und dann wird es endlich auch ausserhalb der Mundart möglich sein, die helvetische Elite von genormten Korrektsprechern und eidgenössischen Grammatikalern zu besitzen, die schon so lange fehlt.

      Ach ja und wegen der Sympathie: Mal mit CH Kontrollschild nach Bayern fahren … 🙂 und dann auch noch Züritütsch reden 🙂 🙂

    6. Guggeere Says:

      «Studien haben gezeigt, dass die Lehrer Helvetismen gerne als Fehler anstreichen.»

      Ein Lehrer in der Schweiz hat Helvetismen in Schülertexten weder gerne noch sonst irgendwie als Fehler anzustreichen. Ich erwarte sogar das Gegenteil: Er soll Helvetismen wenn nötig fördern, anstatt sie auszumerzen. Denn schweizerisch gefärbtes Standarddeutsch ist, wies der Name sagt, hierzulande Standard. (Achtung: Es ist hier nicht die Rede von Dialekt.)

    7. swambo Says:

      @ Zuercher
      „Bayern, Oesis und helvetische Schluchtenscheisser gelten als beliebt und sympathisch“ Naja in Bayer, Österreich und der Schweiz vielleicht….

      „Aber was gibt es Schoeneres als ein Bayer auf Ruegen resp. reden zu hoeren, der mit wunderbar gefaerbter Stimme Lustiges von sich gibt.“
      Ganz Klar, einen Bayer NICHT reden zu hören.

      Alles in Allem, wie immer reine Spekulation, wenig Substanz, nur Blabla….

    8. Mare Says:

      Man kann’s auch ganz neutral und objektiv hier anschauen, welche Unterschiede denn bestehen, ich empfehle auch besonders die sechste Runde.
      http://www.philhist.uni-augsburg.de/lehrstuehle/germanistik/sprachwissenschaft/ada/

    9. REgina Says:

      @zürcher
      was der wohl wählt?? 😉

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