-->

Nicht pöbeln sondern pröbeln — Wenn der Verurteilte seine Probezeit erlebt

(reload vom 21.5.06)
Der „Pöbel“ ist, wie der Lateiner weiss, das Überbleibsel von lat „populus“:

Pöbel, der; -s [(unter Einfluss von frz. peuple) mhd. bovel, povel = Volk, Leute von afrz. pueble, poblo von lat. populus = Volk(smenge)] (abwertend): ungebildete, unkultivierte, in der Masse gewaltbereite Menschen [der gesellschaftlichen Unterschicht]
(Quelle: duden.de)

An diesen „Pöbel“ mussten wir unweigerlich denken, als wir zum ersten Mal in der Schweiz das hübsche Wörtchen „pröbeln“ lasen. Ist es etwas, das der Pöbel tut? Vielleicht eine Variante zu „herumpöbeln“:

pöbeln sw. V.; hat (ugs.): jemanden. durch freche, beleidigende Äußerungen provozieren:
(Quelle: duden.de)

Weit gefehlt! Es handelt sich vielmehr um eine geniale Wortschöpfung der Schweizer, mit der die langatmige Formulierung: „etwas ausprobieren“ kurz und präzise zum Ausdruck gebracht werden kann. Passend zum „Pröbchen“, der kleinen Probe, gibt es immer was zum „pröbeln“ in der Schweiz. Handelt es sich hierbei um Wein oder Käse, sprechen die Schweizer allerdings lieber von der „Dégustation“, die „erst noch“ gratuite sein muss, also umsonst. Später wird es dann teuer, wenn man nach dem fünften Probierglas Rotwein alle Hemmungen fallen lässt und unbeschwert den Bestellschein des Weinhändlers auszufüllen beginnt.

pröbeln (sw. V.; hat) (schweiz.): allerlei [erfolglose] Versuche anstellen: unser Nachbar pröbelt jetzt mit Elektromotoren; Während der Bub mit seinem Schwert herumpröbelt, pröbelt er ein wenig mit den Spiegeln (Geiser, Fieber 113).
(Quelle: Duden.de)

Bezogen auf das Wortfeld „Probe“ erfahren wir aus dem Variantenwörter noch ein paar weitere markante Unterschiede:

  • Eine Sechs für eine Probe ist in der Schweiz etwas sehr Gutes
  • Die „Probe“ wird in der Schweiz nicht nur für eine Chorprobe oder Theaterprobe verwendet, sondern kommt auch als Klausur, Klassenarbeit oder Schularbeit daher:

    Zum ungetrübten Ärger fast aller Lehrer waren sie gezwungen, uns nach jeder Probe eine Fünf oder Sechs zu notieren
    (Quelle: Schädelin: Mein Name ist Eugen, Seite 60)

    Die zitierte Quelle ist ein äusserst bekanntes Jungendbuch, das in der Schweiz Kultstatus hat, im Sommer 2004 genial verfilmt wurde und als einer der erfolgreichsten Schweizerdeutschen Filme überhaupt in die Geschichte einging. Link zum Film hier.

    Deutsche Leser müssen an dieser Stelle noch wissen, dass die Schweizer Schulnoten von 6 bis 1 absteigend vergeben werden. Die Sechs und die Fünf sind in der Schweiz die besten Noten, während sie in Deutschland als schlechteste Noten gelten.

  • Probelektionen sind nicht umsonst in der Schweiz
  • Die „Lehrproben“, die in Deutschland die Referendare während ihrer Ausbildung haufenweise abgeben müssen, heissen in der Schweiz passend „Probelektionen“. In Deutschland würde das allerhöchstens als erste kostenlose Unterrichtsstunde in einer Fahrschule oder in einem Tanzkurs aufgefasst.

  • „Der ist in der Probezeit“ muss nichts Gutes heissen in der Schweiz
  • Die „Probezeit“ wird in Deutschland nur für die ersten 3 Monate eines Arbeitsverhältnisses geltend gemacht, während sie in der Schweiz als „Bewährungsfrist“ bei einer bedingten Verurteilung gilt:

    Das Gericht entschied sich für eine Strafe von drei Monaten Gefängnis auf eine Probezeit von drei Jahren.
    Quelle: NLZ 24.08.01, Internet; CH, nach Variantenwörterbuch S. 592

  • „Der tut nix“ kann vieles heissen
  • So können die einfachsten Formulierungen schon zu grossen Missverständnissen zwischen Deutschen und Schweizern führen. Aber mitunter sind die Verwirrungen und Zweideutigkeiten auch direkt in der Deutschen Sprache verankert. So lernt der türkische Held des Romans „Selim oder die Gabe der Rede“, von Sten Nadolny, im Laufe der Geschichte während seines Aufenthalts als Gastarbeiter in Deutschland zwar immer besser Deutsch, ist aber völlig verwirrt bei dem Satz: „Der tut nix“. Wird dieser über einen Hund geäussert, bedeutet er etwas sehr Gutes. Auf einen Lehrling in einer Lehrwerkstatt bezogen jedoch etwas sehr Negatives.

    

    2 Responses to “Nicht pöbeln sondern pröbeln — Wenn der Verurteilte seine Probezeit erlebt”

    1. AnFra Says:

      Für „pöbelnde“ Blogger gibt’s nur eine Lösung:

      Bereitstellung von exklusiven „Bad Bloggs“ für exorbitante „toxische Blogger“!

    2. Ric Says:

      So Begriffe ergeben sich aus dem Beamtendeutsch.
      Auch innerhalb der Bundesrepublik.
      In Bayern gibt es auch Proben, allerdings nur an Hauptschulen.
      Klausuren nur an der Universität.
      Am Gymnasium hingegen gibt es Schulaufgaben (die angekündigten Lernzielkontrollen) und „Extemporale“ (kurz: Ex), die kommt wie der Name schon sagt ohne Ankündigung und wird auch Stegreifaufgabe genannt. Unter Schulaufgaben würden die meisten Nichtbayern hingegen das verstehen was in Bayern Hausaufgaben genannt wird.
      Achja, man spricht nicht vom „Schummeln“ sondern wenn jemand unerlaubte Hilfsmittel benutzt oder abschaut dann heißt das in Bayern „Unterschleif“. Reinstes Hochdeutsch, aber wenn man jemand fragt der nicht in Bayern zur Schule ging – ob aus Zürich oder Hamburg – wird man unter Garantie nur fragende Gesichter erleben.
      Diese Wörter breiten sich im Alltag einfach aus offizieller Benutzung heraus aus, die dann eben in Schulen etc. gehört werden und dann auch im Privat- und Berufsleben benutz werden. Das konnte man in Österreich gut sehen. Da war zB Jänner für Januar eigentlich komplett ausgestorben (so wie das norddeutsche „Sonnabend“ für Samstag). Dann wurde es auf einmal von Behörden, in Schulen und im Rundfunk wieder benutzt und inzwischen ist Jänner häufiger zu hören als Januar.

    Leave a Reply