Ein Jahr Blogwiese — Sind Ostdeutsche die netteren Deutschen?
September 1st, 2006Die Blogwiese feiert heute ihren ersten Geburtstag. Am 1.9.2005 wurde der der erste von 378 Postings aufgeschaltet, seither kam jede Nacht um Uhr 00:05 ein weiterer Beitrag dazu. Wir danken allen Lesern und Schreibern für die Treue und für die vielen Beiträge zu den Diskussionen!
Insbesonders freuen wir uns über die neuen Leser der Süddeutschen Zeitung aus München, die am heutigen 01.09.06 die Blogwiese erwähnt. Die Online-Fassung war schon gestern abend hier zu lesen.
Für die Schweizer war die typische Bezeichnung für Deutsche bisher einheitlich und einfach: Egal ob ein Deutscher aus Niedersachsen stammt und Hochdeutsch sprach, aus Bayern oder dem Frankenland stammte, er war und blieb immer ein „Schwob“, geographisch genauer aus „S-tuttgart, A-alen oder U-lm“ als S-A-U-Schwob bezeichnet. Nebenbei bemerkt ein Übernamen, den auch die Elsässern für die Deutschen verwenden. Im wunderbar amüsant zu lesenden Roman „Die Linden von Lautenbach“ (= Les Tilleuls de Lautenbach) des Elsässers Jean Egen wird beschrieben, wie die Grossmutter des Erzählers, im Alter in Paris wohnend, beim Stimmengemurmel deutscher Touristen vor ihrem Fenster im 14ten Arrondissement ausruft: „Mein Gott, die Schwoben kommen!“
Doch nach der deutschen Wende 1989 und der späteren Wiedervereinigung tauchte plötzlich ein ganz anderer Schlag Deutscher in der Schweiz auf: Die Ostdeutschen. Seit Sommer 2004 können sie dank der Bilateralen Verträge II ohne die bisher geltenden Einschränkungen, dass immer ein Schweizer Bewerber für eine Stelle bevorzugt eingestellt werden muss, in Gebiete vordringen, die vor dem Fall der Mauer ein Ostdeutscher nie von Nahen zu sehen bekam. Fahren Sie einmal an den Vierwaldstätter- oder an den Zugersee und gehen sie dort in eins der beliebten Ausflugsrestaurants. Wer wird sie am Tisch im Restaurant bedienen? Wer steht an der Rezeption des Hotels genauso wie in der Küche an der Röschtipfanne? Richtig geraten: Es sind Ostdeutsche! Alles Fachkräfte, ausgebildetes Hotelpersonal, Servierkräfte und Köche, die dort in den letzten Jahren die Saisonniers aus Ex-Jugoslawien verdrängt haben.
So schreibt Konrad Mrusek in der FAZ vom 7.8.06:
„Waren es zunächst vor allem Kliniken, in denen die Schweizer — im wahrsten Sinn des Wortes — immer häufiger in deutsche Hände gerieten, so findet man die Deutschen inzwischen in fast allen Branchen. In der Gastronomie war der Wandel für die Eidgenossen besonders gut sichtbar. Die Deutschen ersetzten sehr schnell die Kellner aus dem ehemaligen Jugoslawien, denn dies waren nicht allein wegen ihrer mageren Sprachkenntnisse höchst unbeliebt. Auffällig oft wird man nun selbst in der Schweizer Provinz von jungen Ostdeutschen bedient, die die gute Bezahlung und die bessere Arbeitszeitregelung loben. Es kommt nicht von ungefähr, dass Schweizer Wirte vor allem Mecklenburger und Brandenburger holen: „Ossis“ sind den Schweizern lieber, weil man sie als nicht so arrogant empfindet wie die „Wessis“. Diese sind, zumal wenn sie vorlaut sind und ihre sprachliche Virtuosität im Hochdeutschen ausspielen, nicht sonderlich beliebt bei den Eidgenossen, was so mancher junger Einwanderer jetzt verwundert feststellt“.
Nun, wir wissen nicht, welch traumatische Erlebnisse der Autor dieser Zeilen mit Kellnern aus Ex-Jugoslawien und deren Sprachkenntnissen machen musste. Im echten „Schwabenland“ rund um Stuttgart, in den Orten des „mittleren Neckarraums“ von Plochingen bis Sindelfingen stellten Sie schon immer die grösste Gruppe der ausländischen Arbeiter. Vom Stuttgarter Busbahnhof fährt täglich ein Linienbus ins Ex-Jugoslawien, und ohne die vielen tausend Kroaten, Serben und Montenegriner liefe im Musterländle in der Wirtschaft nicht viel, könnten nicht so viele Daimler in Sindelfingen oder Untertürkheim vom Band rollen.
Verwundert sind wir über die hier attestierten Differenzierungsfähigkeiten Schweizer Gastwirte, die bei der Einstellung ihres Personals offensichtlich unterscheiden, ob sie jemanden aus Bremen oder Brandenburg den Zuschlag geben.
Fakt ist, dass tatsächlich das Gastgewerbe der Schweiz fest in Ostdeutscher Hand zu sein scheint. Es sind die Jungen, die aus Mecklenburg und Brandenburg vorziehen müssen, weil dort bei katastrophal hohen Arbeitslosenzahlen kein Überleben mehr für sie möglich ist. Landflucht wird wird zu einem Problem für den Osten Deutschlands:
Ostdeutschland bald menschenleer?
In Deutschland ist schon jetzt zu bemerken, dass aufgrund der besonders geringen Geburtenraten und Landflucht in Ostdeutschland ganze Landstriche veröden
(Quelle: europa-digital)
Darum kommen sie also auch in die Schweiz, die Ostdeutschen, und geniessen hier einen Bonus gegenüber den Westdeutschen. Sofern das stimmt, was Konrad Mrusek da in der FAZ beschrieben hat. Zumindest können die Ostdeutschen, wenn sie mit Bärndütsch konfrontiert werden, locker vom Hocker zurückfragen: „Verstehen Sie Sächsisch? Oder muss ich Hochdeutsch sprechen?“
