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Ich wünsche Ihnen auch noch einen schönen Tag! — Die hohe Kunst der Schweizer Gesprächsbeendigung

March 5th, 2010

(reload vom 24.12.06)

  • Verabschieden in der Truman Show
  • Erinnern Sie sich noch an den Film „Die Truman Show“ von 1998 mit Jim Carrey?

    Die zentrale Figur des Films ist der Versicherungsvertreter Truman Burbank, der – ohne davon zu wissen – der Hauptdarsteller einer Fernsehserie ist, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Leben eines Menschen von Geburt an zu dokumentieren und live im Fernsehen zu präsentieren. Zu diesem Zweck hat der Produzent der Serie, Christof, Truman als Baby von seiner Firma adoptieren lassen und eigens eine von Wasser umgebene Küstenstadt, Seahaven, unter einer riesigen Kuppel – dem OmniCam-Ecosphere-Gebäude – bauen lassen, unter der Truman, umgeben von Schauspielern aufwächst, täglich beobachtet von über 5000 Kameras.
    (Quelle Wikipedia)

  • Rumlümmeln auf Ikeasofas
  • Truman verbrachte seine Tage wie jeder gute Amerikaner. Er trug den Müll raus, ging arbeiten, traf Freunde etc. Es wäre ihm nicht im Traum eingefallen, stundenlang auf einem Sofa abzuhängen. Kurze Zeit später strahlten zahlreiche europäische Fernsehsender das baugleiche TV-Format „Big Brother“ zum ersten Mal aus. Die ersten Teilnehmer wussten zwar, dass sie von Kameras bei all ihren Schritten beobachtet wurden, ahnten aber noch nichts von den medialen Konsequenzen ihres Handelns. Damals hatte Cablecom noch ca. 50 Stationen im Angebot (heute 37), und wer Lust hatte, konnte an einem gewöhnlichen Wochenabend beobachten, wie Menschen in Wohncontainern sich auf Ikeasofas rumlümmelten und dabei auf Englisch, Deutsch, Schweizerdeutsch, Österreichisch, Italienisch oder Französisch miteinander parlierten. Alles zur besten Sendezeit zwischen 20:00 und 21:00 Uhr. Truman wusste nicht, dass er gefilmt wird und er pflegte, als wohlerzogener Amerikaner, einen Ritus des „Guten Tag Wünschens“. Im Original-Drehbuch steht:

    TRUMAN
    Oh! And in case I don’t see ya’! Good
    Afternoon, Good Evening, and Goodnight!
    (laughs jovially)
    Yeah…yeah…
    (Quelle: un-offical.com)

    Truman beim letzten Abschied
    (Foto Truman Show: Truman verabschiedet sich ein letztes Mal von seinem Publikum)

    Truman muss Schweizer Vorfahren haben, denn die Kunst, sich freundlich aus einer Situation zu verabschieden, wird in der Schweiz mit Hingabe gepflegt. Die notwendigen Sätze sind den Schweizern dabei so vertraut und in Fleisch und Blut übergegangen, dass ihnen die Ausführlichkeit ihres Verabschiedens gar nicht mehr bewusst ist und erst markant auffällt, wenn dass Ritual einmal fehlt, falls z. B. jemand am Telefon einfach nur knapp „Tschüss“ sagt und das Gespräch sofort beendet. Man sagte mir, dass diese Unsitte, sich so kurz angebunden zu verabschieden, in der Schweiz “sich französisch verabschieden” genannt wird. Merkwürdig, ich hatte die Abschiedsriten in Frankreich immer mit viel “Küsschen hier” und “Küsschen da” in Erinnerung, sehr zeitaufwändig. Vielleicht wird das von Schweizern ja anders wahrgenommen.

  • Dann wünsche ich Ihnen auch noch einen recht schönen Tag!
  • Die Varianten, mit der Sie in der Schweiz ein Telefongespräch oder eine direkte Begegnung zu Ende führen können, sind zahlreich und hängen von der Tageszeit und vom Wochentag ab. „In dem Fall wünsche ich Ihnen auch noch einen recht schönen Abend“ gehört sicherlich noch zu den knapperen Varianten. „Einen recht schönen Tag noch und ein schönes Wochenende wünsche ich Ihnen!“. Den „schönen Tag“ gibt es gelegentlich im Kanton Zürich auch jovial verkleinert als „schönes Tägli“, ganz ohne „Schlägli“. Wir fragten unseren Fachmann fürs Schweizerdeutsche nach seiner Meinung:

    Sicherlich hast du im Raum Zürich schon oft ein verkaufsbeflissenes, verabschiedendes “… und no es schöns Tägli!” gehört. Natürlich begleitet von den anderen geschäftstüchtigen Floskeln “danke vilmaal, uf Widerluege Frau/Herr …” Eben, im Züribiet ist das durchaus gebräuchlich. Ausserhalb des Zürcher Sprachraums ist diese Formel aber eher selten, bzw. klingt eher lächerlich. Unter Kollegen wünscht man sich “no en schöne”, womit die Hauptaussage (Morge/Tag/Abig) gleich verstümmelt wird, wie in “en Guete” (Appetit) , “es guets Nöis” (Jahr). Die gewöhnliche Formel, womit man aber immer im richtigen Soziolekt ankommt, ist das einfache “no en schöne Tag“.
    (Quelle: private E-Mail)

    Es dürfte zugezogenen Deutschen schwer fallen, sich diesem Ritual auf Dauer zu verweigern und schroff und wortkarg mit „schönen Tach noch…“ davon zu ziehen. Vielleicht gewöhnen sie sich einfach meine Lieblingsformel für den kurzen Abschied am Freitag abend im Fahrstuhl an: “in dem Fall“. Aus der Truman Show haben wir gelernt, dass es in anderen Ländern und Kulturen ähnliche Verabschiedungsriten gibt.

  • Verabschieden in Frankreich
  • In Frankreich überlebten diese Höflichkeitsfloskel vor allem im offiziellen Briefverkehr. Anstelle eines preussisch-knappen „hochachtungsvoll“ pflegt man dort Verabschiedungen wie: „Restant à votre entière disposition, je vous prie d’agréer, cher Monsieur, l’expression de mes sentiments les plus distingués” = (sinngemäss) „Ihnen vollumfänglich weiterhin zur Verfügung stehend bitte ich Sie anzunehmen, lieber Herr, den Ausdruck meiner unterwürfigsten Gefühle“.

    Nun, einen solchen verbalen „Kratzfuss“ müssen Sie verbal in der Schweiz nicht machen, schliesslich sind sie beim „einig Volk von Brüdern“, die sich in ihren souveränen Orten seit 1648 als Republik verstanden. (vgl. Wikipedia).

  • Verabschieden per Reinigungsmittel
  • Wie gesagt: Es ist ein Ritual der Höflichkeit, es wird kaum bewusst wahrgenommen geschweige denn bewusst ausgeführt. Aber es fällt sofort auf, wenn sie aus der Reihe scheren und mit einem knappen „Adé“ von dannen ziehen, vom „Tschüss“ ganz zu schweigen. “Adé” wird im Südalemannischen Freiburg i. Brs. übrigens zu “Adaa“, das schon wieder fast wie ein Reinigungsmittel klingt, nämlich “Ata!”
    ATA Scheuer-Pulver
    (Quelle Foto: Ostprodukte-Versand.de)

    Nicht verwechseln mit Atta, Vorname Mohammed.

    Woher kommt der Schweizer Bergführer namens Jochen?

    March 4th, 2010

    Gastbeitrag vom Blogwiese-Leser Phipu:

    Vor einiger Zeit war ich auf einer Schneeschuhtour. Da war ein Bergführer dabei, der Berner Oberländer Dialekt mit nach meinem Gehör gewissen Unreinheiten - die ich aber nicht einordnen konnte - sprach. Die mit bernnahen Sprachen nicht so sehr vertrauten Zürcher Gruppenteilnehmer fragten ihn dann mal, woher er denn überhaupt komme. Darauf gab er die geheimnisvolle Antwort, wir sollen mal raten, woher er komme, das fänden jeweils die wenigsten heraus. Meine Antwort war sinngemäss: “Einzig anhand deines Vornamens Jochen tippe ich auf Deutschland“. Das war dann auch richtig. Voilà, das Ratespiel war anhand des Vornamens nach 15 Sekunden vorbei. Hätte ich mich auf den Dialekt abstützen müssen, hätte ich nebst dem Berner Oberland wirklich nicht sagen können, was da noch mitmischt.

    Die gesamte Lösung war folgende: Er war aus Süddeutschland (also immerhin mit Alemannenbonus), hatte mehrere Jahre als Hüttenwart auf einer Bündner SAC-Hütte gearbeitet, hatte darauf in Grindelwald (eben, Berner Oberland) die Bergführerausbildung gemacht, und hat heute eine Grindelwaldnerin zur Freundin.

    Es gibt sie also doch, die durch Immersion den entsprechenden Dialekt fast perfekt lernen, und denen man nicht von vornherein entmutigend sagt, sie sollen es bleiben lassen, das töne sowieso furchtbar. Vom anderen Bergführer erfuhr ich später, dass dieser Jochen innert drei Jahren Dialekt gelernt habe.

    Fazit 1: Nur nicht entmutigen lassen. Man kann sogar Dialekt sprechen lernen.
    Fazit 2: An alle künftigen Eltern: Durchkreuzt die zukünftigen Assimilationspläne eurer Kinder nicht, indem ihr sie allzu regional Ulf, Urs, Annebäbi, oder Anke tauft, dann doch lieber fantasielos und global Kevin oder Jessica. So wird das Herkunftsraten etwas spannender und beruht wirklich nur auf den Sprachfähigkeiten.

    Also dann, bis sonst wieder mal,
    Liebe Grüsse, Phipu

    Fondue im Ruhrgebiet — Wenn China noch wie Schiina klingt

    March 3rd, 2010

    (reload vom 20.12.06)

  • Frittieren wie in der Pommesbude
  • In meiner Kindheit im Ruhrgebiet, also in Nord-Westdeutschland gab es bei uns daheim nur an sehr besonderen Anlässe, z. B. an Silvester, „Fondue“ zu essen. Dazu wurde Öl auf dem Gasherd zum Sieden gebracht und dann mit einer heissen Spiritusflamme am Köcheln gehalten. Weniger gefährliche Brennpaste gab es nicht. In der Ecke stand ein Eimer mit einer nassen Decke, um im Notfall einen Zimmerbrand löschen zu können. In diesen Sud gab man auf Spiesse gesteckte Schweine- oder Rindfleischstückchen, die dann herrlich im Öl zischten und brodelten, bis sie so richtig schön nach Frittenbude schmeckten. Die Technik des Frittierens war uns Kindern wohl bekannt von den zahlreichen Pommesbuden, die es im Ruhrgebiet regelmässig im Abstand von 500 Meter in jeder belebten Strasse gibt. „Fleisch-Fondue“ war lecker, auch wenn uns regelmässig schlecht wurde von diesen Unmengen halb gegartem Fleisches, und der Fettgeruch und – geschmack danach tagelang in den Gardinen hing.

  • Schoko-Fondue am Kindergeburtstag
  • Dann gab es da noch die „Schoko-Fondue“ Variante an Kindergeburtstagen. Dazu wurde kein Fett, sondern Vollmilchschokolade kiloweise im Fondue-Topf zum Schmelzen gebracht, und nun mussten aufgespiesste Bananen- oder Ananas-Stückchen durch die Schokolade gerührt und dann verzehrt werden. Allen Gästen wurde unter Garantie auch hier nach maximal 20 Minuten „Schoko-Fondue“ ganz anders vom übermässigem Schokoladenverzehr. Das war recht und billig, denn so konnte das spätere Abendessen der Geburtstagsgesellschaft einfach wegfallen, es war sowieso allen kotzübel.

  • Asterix bei den Schweizern und Emil kennt jeder Deutsche
  • Schoko-Fondue war auch ein Abenteuer für uns Kinder, bei dem es galt, bloss nicht das Fruchtstückchen in der dunklen Masse zu verlieren. Denn für diesen Fall waren diverse Strafen vorgesehen. Nicht gerade die berühmten „Fünf Stockschläge“, oder „die Peitsche, sie ist aber noch nicht trocken“ oder „mit einem Stein an den Füssen in den See…“ wie wir sie sehr bald aus „Asterix bei den Schweizern“ lernten. Dieses bedeutende literarische Werk war für uns als Kindern neben den Auftritten von Emil Steinberger im Deutschen Fernsehen sicherlich die zweite wichtige Informationsquelle, aus der wir etwas über die Lebensweise und Eigenarten der Helvetier erfuhren.

    Asterix bei den Schweizern Fondue

    Viele Schweizer ahnen nicht, wie stark diese Zitate aus „Asterix bei den Schweizern“ bei den Deutschen präsent sind, wenn diese zum ersten Mal in die Schweiz kommen und hier zu einem Käse-Fondue eingeladen werden. Dass man auch Käse beim Fondue schmelzen und essen kann und die Bezeichnung Fondue von „fondre“ = Schmelzen (und nicht von „fonder“ = begründen, aufbauen eines Käseklotzes im Magen) kommt, das hatten uns unsere Eltern beim Fondue mit Brühe oder Öl und Schweine- oder Rindfleisch nicht erklärt. Die ersten Bilder dieser Käsefondues sind erst per Asterix-Lektüre in unser Bewusstsein gedrungen.

  • Wir schmelzen uns einen Chinesen
  • In der Schweiz angekommen wurden wir bald in die Feinheiten des Fondues eingeführt, die da sind: „schwer im Magen liegend“, „sehr schwer mit Magen“, „sauschwer im Magen liegend“. Nein, gemeint ist natürlich der Unterschied zwischen einem „Fondue Bourguignonne“ und einem „Fondue chinoise“. Bei der ersten Variante wird niemand aus dem Burgund und bei der zweiten Variante niemand aus China zum Essen eingeladen oder gar verspeist. Obwohl es ein beliebter Spass beim Fondue-Essen ist, nach der dritten Flasche Fendant zu fragen, wie man eigentlich „Bourguignonne“ buchstabiert, bzw. korrekt ausspricht.

    Es gehört neben dem französischen Wort für Blinker (am Auto, Amtsdeutsch „Fahrtrichtungszeiger“)= „Clignotant“ zu unseren Lieblingswörter, die sicher von eingewanderten Festlandchinesen nach Frankreich eingeführt wurden. Richtig betont klingen beide Wörter wie eine Provinz in Südchina. Doch zurück zu den Fondue-Sorten. Wiki belehrt uns:

    Spricht man von Fleischfondue, so meint man entweder das Fondue Bourguignonne oder das Fondue chinoise, als japanische Variante Shabu-Shabu genannt. Das “Chinesische Fondue” ist auf Bouillongrundlage; in der heissen Fleischbrühe kocht jeder Teilnehmer selbst am Tisch seine Fleischstücke, feingeschnittenes Fleisch, Fisch und andere Meeresfrüchte, aber auch Gemüse. Ein typisches Gerät für die Zubereitung des “chinesischen Fondue” ist der Mongolentopf. In der Variante Bourguignonne gart man die Zutaten im heissen Fett beziehungsweise Öl.
    Eine weitere Art ist das Fondue Bacchus. Dabei wird gleiches Fleisch und Würzmischung wie beim Fondue Chinoise, aber anstelle von Bouillon wird Weisswein verwendet. Diese Zubereitung ist vor allem im Wallis bekannt.
    Obwohl bei keiner dieser Arten etwas geschmolzen wird, spricht man dennoch von “Fondue”.
    (Quelle Wiki Fondue )

    Als wir früher Fleischfondue mit Brühe statt heissem Fett assen, hatten wir keine Ahnung, dass es hier ein „Fondue Chinoise“ war, dass uns vorgesetzt wurde. Es wäre dann eher ein „Schiinoise“ geworden, denn im Norden von Deutschland wird bekanntlich das „ch“ wie „sch“ gesprochen, also „Schina“, „Schemie“ und „Schemikalie“. Besucher aus dem Süddeutschen Raum, die in Norddeutschland plötzlich von „Khina“, „Khemie“ oder „Khemiekalie“ sprachen, machten sich unfreiwillig zum Gespött jeder Tischrunde.

    Es ist schon ziemlich diskriminierend, was hinsichtlich der Aussprache von „Ch“ bei diesen Wörter in Deutschland abgeht. In der Standardsprache wird es als „SCH“ gesprochen, also im Mitten und Norden von Deutschland, das Schwabenland und Bayern ist sich aber mit den Schweizern darüber einig, dass diese Wissenschaft mit einem gesprochenem „K“ beginnt. Auch „Kinakohl“ (Chinakohl) hat im Süden vorn und hinten ein gesprochenes „K“ und ist im Norden „Schinakohl“.

  • Schina oder Kina?
  • Die Diskriminierung und der Spott wird einem gleichfalls als Norddeutscher zugeteilt, wenn man naiv in den Süden reist, und meint, die korrekte Aussprache sowieso gepachtet und allgemeingültig für alle Zeit intus zu haben. Nirgend woran scheiden sich die Geister so leicht wie an der Aussprache dieser Wörter. „Toleranz für Varianten“? Nie gehört, jeder glaubt fest und bestimmt, dass nur seine persönliche Aussprache, ob „Schina“ oder „Kina“ richtig sei und amüsiert sich köstlich, wenn er etwas anderes hört. Ob Sie selbst mitlachen dürfen oder eher ausgelacht werden hängt davon ab, ob Sie in der sprachlichen Minderheit oder in der Überzahl sind, also als Norddeutscher in Zürich oder als Schweizer in Hamburg leben. So kann man auch mit kleinen Sachen den Menschen eine Freude machen.

    Schweizer Aussenverteidigung in Krisenzeiten — Geschäften auch Sie in der Schweiz?

    March 2nd, 2010

    (reload vom 19.12.06)

  • Der Feind kommt von Norden
  • Als die Welt noch geordnet war und Gefahren klar erkennbar, da entstand die Schweizer Verteidigungslinie im Norden des Landes, unweit des Rheins. Die Gebiete nördlich des Rheines (Eglisau zum Beispiel) galten während der Naziherrschaft in Deutschland sowieso als verloren. Wir schrieben schon über die immer noch vorhandenen Reste dieser Verteidigungsanlagen, wie z. B. dieser versteckte Scharfschützenstand am Ende der Flughafenautobahn, im Wald bei Bülach gelegen

    Schiesstand bei Bülach

    in „die Kunst der heimlichen Landesverteidigung“.

  • Ein Elitesoldat zur Abschreckung
  • Kurz nach den Angriffen auf Amerika am 11. September 2001 richtete in der Schweiz im Kanton Zug ein Amokläufer ein schreckliches Blutbad an. Er verwendete selbstverständlich keine Militärwaffe, denn das gehört sich nicht, aber einige weiteren Waffen, u. a. Pumpguns, die er sich zuvor legal und ohne Registrierung in verschiedenen Kantonen zusammenkaufen konnte, obwohl zu diesem Zeitpunkt sein aggressives Verhalten gegenüber einer Behörde schon aktenkundig geworden war.

    Ungefähr zu dieser Zeit sahen wir mit einmal an der Grenze Militär auffahren. Keine Schützenpanzer, keine zusätzliche Kontrolle zur EU, nein, es war ein einsamer, dafür aber umso beeindruckend aussehender Elitesoldat im langen Wintermantel. Gross, kräftig, breitschultrig, mit Gewehr stand er an der Grenze bei Hüntwangen und blickte grimmig in Richtung Norden. Mehr tat er nicht, nur schauen und Präsenz zeigen. Beeindruckend, und sicher absolut abschreckend.

  • Kein Bademeister sondern Gefahrenabwehr am See
  • Kurze Zeit später fand im Frühjahr 2002 die EXPO-02 statt, die grosse Schweizer Landesausstellung, im „Dreiseenland“, wie das Gebiet zwischen dem Murtener, Neuenburger und Bieler See genannt wird. In den Orten Yverdon und Neuchâtel lag das Ausstellungsgelände am bzw. im Wasser, auf Pontons und Säulen errichtet. Dort in Yverdon und in Neuchâtel sahen wir sie das zweite Mal, die praktische Gefahrenabwehr und Landesverteidigung auf Schweizer Art: Auf einem Hochstuhl, wie wir ihn sonst nur vom Tennis für den Schiedsrichter am Netz bzw. vom Schwimmbad für den Bademeister am Beckenrand kannten, sassen im Abstand von 150 Meter jeweils ein Soldat, ob mit oder ohne Waffe kann ich nicht mehr sagen (vielleicht versteckt unter dem Mantel?), und blickte aufmerksam auf den See. Praktische Gefahrenabwehr à la Suisse.

  • Das Schnellboot ist erkannt, das Schnellboot ist gebannt
  • Wenn nun ein Schnellboot, vollgepackt mit Sprengstoff auf die künstlichen Plages zugerast gekommen wäre. Er hätte es gesehen! Er wäre vielleicht sogar aufmerksam geworden. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Schnellboote, genauer gesagt „Tragflügelboote“ waren auf dem Neuenburger See sogar im Linienverkehr unterwegs zur Zeit der Expo, um die diversen „plages“ ohne Plage miteinander zu verbinden.

  • Warum wird die Schweiz nicht angegriffen?
  • Ob so auch Angriffe von Tauchern erkannt worden wären? Zum Glück ist nichts passiert. Die Schweiz ist ja neutral, da passiert dann auch grundsätzlich nichts in solchen internationalen Krisenzeiten. Wer zerdeppert schon gern den Ort, an dem er sein Nummerkonto hat oder der Bruder von Bin Laden als grundsolider Businessman in Genf geschäftet. Und ausserdem, wie sollte denn die Schweiz angegriffen werden, wenn da diese Elitesoldaten stehen und aufpassen? Unmöglich.

  • Geschäften ist absolut schweizerisch
  • „Geschäften“ kennen Sie nicht? Das sagt man in der Schweiz gern immer dann, wenn jemand in Deutschland „sein Geschäft macht“ heisst, was uns wiederum an ein stilles Örtchen erinnert, auf das selbst ein König allein geht. So kann es gehen mit den sprachlichen Missverständnissen. Erstaunlich, dass unsere Lieblingsquelle, der Duden, dieses hübsche Wort nicht kennt. Von „geschäftsmässig“ über „geschäftig“ und „sein Geschäft machen“ ist alles dabei, nur nicht das so einfache und praktische Wörtchen „geschäften“. Müssen wir unbedingt für die nächste Auflage vorschlagen, mit einem kleinen Schweizerkreuz-Fähnchen angesteckt auf dem „Swiss Quality“ geschrieben steht. Sie haben praktische Wörter in der Schweiz,

    60 Mal fand sich „er geschäftet“ bei Google-CH und kein einziges Mal bei Google-DE. Den Infinitiv „geschäften“ kann man mit Google leider nicht sinnvoll suchen, weil sich Google nicht auf die Kleinschreibung festlegen lässt und so stets der Plural von „Geschäft“ gefunden wird. Wie sagt man eigentlich in der Standardsprache für „geschäften“? „Ein Geschäft betreiben“, oder „in Geschäften unterwegs sein“, oder „Geschäfte machen“, womit wir wieder beim Klo sind, der in der Schweiz ein Abort ist, den man mit AB abkürzt, was die Deutschen dann wiederum für einen Anruf-Beantworter halten, der in der Schweiz nur ein „Beantworter“ ist. Aber jetzt ist Schluss. Das Geschäft ruft.

    Heute schon ein Vorurteil gepflegt? Warum jedes Land seine Ossis hat

    March 1st, 2010

    (reload vom 15.12.06)

  • Innerschweizer Nettigkeiten
  • Die Zürcher mögen die Basler wenig, sie sind vielleicht eifersüchtig auf deren europäische Lebensstil im Dreiländereck mit Deutschland und Frankreich. Wären sie doch selbst gern eine „Weltstadt“ , und auf die locker-gelöste Art der Basler, mit der am Rheinknie die Fasnacht ohne Zwänge und Riten gefeiert wird, sowie natürlich auf die erfolgreiche Wirtschaft.

  • Die Zürcher sind die Deutschen der Schweiz
  • Die Basler wiederum mögen, wie die meisten anderen Kantone auch, die Zürcher nicht so sehr. Die Anerkennung und Beliebtheit eines Zürchers in der Schweiz (ausserhalb von Zürich) ist vergleichbar der Situation von Deutschen in Zürich. Sie gelten als arrogant, überheblich, etwas vorlaut und immer mit der Überzeugung daherkommend, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Alle Schweizer sind sich einig gegen die Zürcher, weil die so schnell „schnurren“, ohne deswegen Ähnlichkeiten mit Katzen zu haben.

    Die Beliebtheit gewisser Landesteile lässt sich gut an der Beliebtheit der Dialekte ablesen:

    So wurde gemäss einer Umfrage aus dem Jahr 2002 der Walliserdialekt von 20% der Befragten als beliebtester Dialekt angegeben. Noch beliebter war Berndeutsch (27%), während der Zürcher Dialekt nur gerade von 10% der Befragten als Lieblingsdialekt genannt wurde.
    (Quelle: swissworld.org)

    Die genaue Rangfolge sah so aus (von sehr beliebt bis am am wenigsten beliebt)
    1. Bern
    2. Bünderland (Attribut heimelig, warm, abwechslungsreich)
    3. Wallis (urig, lebhaft, freundlich)
    4. Uri
    5. Basel
    6. Luzern
    7. Zürich
    8. Appenzell
    9. St. Gallen
    10. Thurgau (grell, ungünstig, kalt)

    Wir hörten diese Reihenfolge zitiert bei einem Vortrag auf dem SAL Forum. Die Quelle ist nur wage belegt, das Material erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch auf Korrektheit. Auch ist nicht bekannt, wie diese Daten erhoben wurden, wieviele Menschen befragt wurden etc.

  • Wer aus Bern oder aus dem Wallis kommt hat es leichter
  • Jetzt ist auch klar, warum im Schweizer Fernsehen gern ein Moderator aus dem Wallis eingesetzt wird, wie Patrick Rohr, der uns jedoch einmal verriet, dass er selbst als “Vorzeige-Walliser” diesen Dialekt erst als dritte Muttersprache mit ca. 14 Jahren zu lernen anfing. Es hat sich für ihn beruflich gelohnt.

  • Wehe wenn Sie aufeinander losgelassen
  • Die sonst nach aussen so harmonisch und freundlich auftretenden Schweizer sind tief im Innersten ein ganz schön zerrissenes Völkchen. Der viel zitierte „Kantönligeist“ ist dafür nur ein beschönigender Ausdruck. Kommt es zu einem spielerisch gemeinten Wettbewerb zwischen den Kantonen, sei es bei einer Casting-Show wie „MusicStar“ oder einem anderen Wettstreit im Schweizer Fernsehen, wird sich mächtig für den eigenen Kanton ins Zeug gelegt.

  • Der Aargau liegt zwischen Basel und Zürich
  • Basler und Zürcher lächeln gemeinsam über den Aargau, dem „Rüebliland“ und Zwischenkanton, über den die wichtigste Aussage „er grenzt an Basel und an Zürich“ geradezu sprichwörtlich ist. Es fällt auf, dass der Kanton Aargau im “Dialekt-Ranking” gar nicht erwähnt wird. Er ist “Niemandsland” für die Schweizer. Sprachlich eher an Zürich ausgerichtet, mit dem Herzen jedoch eher in Bern. Die Jurabewohner im jüngsten Kanton hingegen reagieren allergisch auf Bärndütsch und auf jegliche Bevormundung aus dieser Richtung.

    Die Walliser wiederum finden, dass alle, die von hinter den Bergen kommen und nicht aus ihrem Tal stammen, „Grüezis“ sind und das man denen lieber misstrauen sollte. Ganz unten auf der Dialekt-Beliebheitsskala steht der Thurgau. Man könnte die Einwohner des Thurgaus auch als die „Ossis der Schweiz“ bezeichnen. Der Begriff “Ossi” passt, weil der Kanton so weit im Osten liegt. Es ist also auch in der Schweiz möglich, noch unbeliebter als die viel gescholtenen Zürcher zu sein.

  • Jedes Land braucht seine Ossis
  • Als Otto Walkes in den Siebzigern durch Deutschland tourte und ganze Hallen mit seinen Live-Auftritten zum Kochen brachte, ward der Ostfriesenwitz geboren. Deutschlands Ossis waren bekannt für ihre langsame Sprechweise, ihre logische Art zu Denken und für die roten Halstücher, mit denen sie die Holzgewinde am Hals der jungen Mädchen versteckten.

    Die nächsten Ossis kamen dann nicht mehr aus Ostfriesland, sondern nach der Wende im November 1989 aus dem richtigen Osten, „Zonengabi mit ihrer ersten Banane“ war ein Klassiker der Satirezeitschrift Titanic:
    Zonengabi und ihre erste Banane
    Gezeigt wurde ein ostdeutsches Mädchen mit einer geschälten Gurke in der Hand.

  • Die Ossis der Schweiz wohnen im Thurgau
  • Die Thurgauer erinnern uns in der Beschreibung an all die Klischees, die einst einem Mantafahrer nachgesagt wurde: Weisse Tennissocken in Sandalen, Jogginganzug beim Einkauf und ein liebevoll aufgemotztes Auto mit Kenwood-Aufkleber.

  • Im Ruhrgebiet EN, im Breisgau EM
  • Dass die Prinzipien der soziale Stigmatisierung und Ausgrenzung nicht nur in der Schweiz existiert, können wir an Hand des Ruhrgebiets belegen. Dort ist das Autokennzeichen „EN“ für „Ennepe-Ruhr-Kreis“ das deutliche Brandzeichen für ein zünftiges Landei. Wer dieses Kennzeichen fährt, hat quasi Narrenfreiheit beim Abbiegen, Vordrängeln oder Parken im eingeschränkten Halteverbot. In der Französischen Provinz sind es die 75er Nummernschilder, die den Pariser beim Landbesuch verraten, und im badische Oberzentrum Freiburg im Breisgau haben die Kennzeichen EM für den Landkreis Emmendingen und VS = Schwarzwald-Baar-Kreis (von Villingen-Schwenningen) für die Freiburger deutliche Warnfunktion.

  • Pflegen wir weiter unsere Klischees
  • Ist es nicht klasse, wie praktisch sich die ganze Welt in Gut und Böse, in Schlaue und Dumme, in freundliche und in arrogante Menschen einteilen lässt? So herrscht wenigstens Ordnung und jedermann weiss genau, woran er beim anderen ist. Nachdenken oder selbst ein Urteil bilden ist nicht mehr nötig. Spart einfach eine Menge Zeit. Und wo lassen Sie denken?