Ein Trockengedeck ist kein Trockenfisch im Trockendock — Neue Schweizer Lieblingswörter

November 26th, 2011

(reload vom 04.07.07)

  • Eine trockene Angelegenheit beim Essen
  • Wir erhielten Post von einem Deutschen:

    Sehr geehrter Herr Wiese,
    mit großem Vergnügen las ich in Ihrem Blog. Wahrscheinlich fehlt noch ein Wort (denn alle Beiträge habe ich natürlich nicht gelesen), das mir letztes Jahr begegnet ist: das “Trockengedeck“. Als ich vom Kanton Thurgau die Einladung zu einem Mittagessen erhielt, musste ich als Deutscher rätseln, was das wohl bedeutete. Das Wort hört sich nicht gerade nach genussvollem Essen an.

    Warum nicht? Trockenfisch schmeckt doch auch lecker. Er wird auch „Stockfisch“ genannt, weil die Trocknung auf Stockgestellen erfolgt (vgl. Wikipedia)

  • Das Trockendock gab es schon in der Antike
  • Das „Trockendock“ kennen die Hamburger recht gut. Es dient dazu, Schiffe trocken zu legen um sie zu reparieren. Eine Technik, die schon aus der Antike bekannt, wie man bei Wikipedia nachlesen kann. Aber ein „Trockengedeck“? Man bekommt ja schon einen trockenen Mund, wenn man das Wort nur liest. Die Elektropost berichtet weiter:

    Nun, es war so, dass wir zum Essen eingeladen waren und das Trockengedeck spendiert bekamen. Der Kanton Thurgau lud zum Essen ein, die Getränke sollte man selbst bezahlen. Zwischen der Einladung und dem Mittagessen kamen jedoch die neuesten Bilanzen herein, so dass sich die Verantwortlichen des Kantons großzügig zeigten und auch noch die Getränke bezahlten.

    Und wirklich, das praktische und knochentrockene Wort lässt sich nur in der Schweiz nachweisen, weder unser Duden, noch Der Wortschatz der Uni-Leipzig oder Grimms Wörterbuch wissen etwas darüber. Hier die Fundstellen von Google-CH.

  • Steinsuppe als Trockengedeck?
  • Besonders lecker fein als „Trockengedeck“ stellen wir uns die berühmte „Steinsuppe“ vor. Die Geschichte dazu geht so:

    Es war einmal vor langer Zeit, als die Menschen noch an Märchen glaubten, da klopfte ein Landstreicher an die Tür des Seeblick in Filzbach und bat um ein wenig heisses Wasser. Das wurde im gewährt. Der Landstreicher setzte seine Gamelle mit dem Wasser auf’s Feuer, zog einen Kieselstein aus der Tasche und tat ihn dazu. Dann rührte er das heisser werdende Wasser mehrmals um, schmeckte ab, leckte sich geniesserisch die Lippen. Auf die Frage, was er da mache, antwortete er: Ich koche mir eine Steinsuppe. Ob sie gut schmecke ? Vorzüglich. Aber ehrlich - etwas Salz könnte ihr nicht schaden; sagte der Landstreicher. Das Salz wurde ihm ebenfalls bewilligt.

    Wie die Suppe jetzt schmecke ? Immer besser. Allerdings mit etwas Zwiebeln, Knoblauch und einer Handvoll Griess wäre sie ein Genuss. Auch diese Zutaten wurden ihm gereicht. Mit der Zeit erbat sich der Besucher weitere Zutaten, wie einen Fisch vom Walensee, Kräuter vom Garten, am Ende gar noch weissen Wein und geriebenen Käse. Die Suppe schmeckte wirklich herrlich. Als alle von dieser vorzüglichen Steinsuppe gegessen hatten, wusch der Landstreicher den Stein sorgfältig ab und steckte ihn in die Tasche. Aber der Wirt vom Seeblick liess nicht locker und gab solange keine Ruhe, bis der Suppenkoch ihm den Stein für teures Geld verkaufte.
    (Quelle: www.seeblick-filzbach.ch)

  • Keine alte Kamelle aber eine Gamelle
  • Die in der Geschichte erwähnte “Gamelle” ist übrigens auch ein Schweizer Spezialwort, welches Deutsche nicht kennen dürften. Es findet sich wie vieles aus der Schweiz im Duden erklärt:

    Gamẹlle die; -, -n aus gleichbed. fr. gamelle, dies über it. gamella “Essnapf” aus lat. camella “Schale”:
    (schweiz.) Koch- u. Essgeschirr der Soldaten
    (Quelle: duden.de)

    Eine “Kamelle” ist hingegen etwas Süsses, nämlich ein Karamelbonbon, dass im rheinischen Karneval zur Gaudi der Zuschauer von den Umzugswagen ins Publikum geworfen wird.

    Glotzen Sie Sexy? — Hörverständnistraining beim Radio „für uns“

    November 17th, 2011

    (reload vom 3.7.07)

  • Spracherwerb per Radio
  • In den ersten Monaten nach unserem Umzug in die Schweiz war das tägliche Hörverständnistraining beim Radiohören eine wichtiger Faktor für den ständigen Spracherwerb im passiven Schweizerdeutsch. Auch nach sechs Jahren hat dieses Medium noch nicht nachgelassen, uns zu überraschen. So am Samstagvormittag, als wir um. 10:35 Uhr auf DRS4 den Satz vernahmen:

  • Glotzen Sie Sexy?
  • SiiGlotzeSiiSexy“. Er wurde mehrfach wiederholt und ist hier laienhaft verschriftet wiedergegeben. Es schien unserer Meinung nach wohl um eine neue TV-Sendung zu gehen, mit Namen „Sexy“, und die Zuhörer wurden gefragt, ob sie diese Sendung glotzen. So wie einst “Tutti-Frutti“, das kunterbunte Eissorten-Raten mit Hugo Egon oder Egon Hugo Balder, in den Anfangszeiten von RTL via Antenne.

  • Glotzen und nicht luegen?
  • Irgendwie wunderten wir uns, dass „glotzen“ im Schweizerdeutschen verwendet wurde, und nicht wie sonst „luege“. Die Sendung „Sexy“ kannten wir nicht. Kein Wunder, wer nicht täglich das Gerät anschaltet, dem entgeht so manches. Sicher ein neues Format, mit Veronika Feldbusch Pooth als Moderatorin. Alles schonmal dargewesen, nannte sich “Peep!”, nichts Neues unter dieser Sonne. Der gehörte Satz war eine Mischung zwischen “siiglotzensexy?” und “glotzesiisexy”. Doch dann kristallisiert sich plötzlich heraus, um welches Thema es wirklich ging in dieser Hörerbefragung: „Sind Glatzen sexy“, der neue Bruce Willis Film „Die Hard 4.0“ wurde diskutiert. Peinlich, peinlich.

    Die Haard ist ein Gebiet bei Recklinghausen
    Wer glotzt denn da das?

    Der Schwestersender von DRS3 nennt sich auch „Radio Virus“, wobei wir hinter diesem Titel ein clever gemachtes Wortspiel vermuten. Es geht nicht um Grippe oder Computerschädlinge, sondern um „für uns“ auf breitem Züridütsch ausgesprochen, oder ist auch dies ein Hörverständnisfehler? “Für uns” wäre auf Alemannisch “für Eus“, so wie die rheinische Kreisstadt “Euskirchchen” = “unsere Kirche” ist?
    Wikipedia erklärt uns, was ein “Schwestersender” ist:

    Virus ist das jüngste Programm von Schweizer Radio DRS, das die Hörer unter 25 ansprechen soll. Es ist 1999 gestartet und war ursprünglich als DRS 4 projektiert. Mit dem Schwestersender DRS 3 werden unter anderem die Sendung Hitparade geteilt. Das Programm ist nicht über UKW zu empfangen, sondern nur über Kabel, DAB in der Deutschschweiz, europaweit über Satellit und weltweit als Livestream Internetradio.
    (Quelle: Wikipedia)

    Nicht über UKW zu empfangen? Ganz schön gewagt für ein Radio.

  • Grüne Schrift und Fortschrittsbalken
  • Wir hatten den Film über das Waldgebirge bei Recklinghausen, nördlich des Ruhrgebiets, “Die Hard“, übrigens schon gesehen und mit Resignation feststellen müssen, dass auch im Jahr 2007 die Schrift am Computer fast immer grün ist, sich zeilenweise aufbaut, beim Download Zahlenkolonnen von oben nach unten durch den Bildschirm flitzen und wenn es richtig spannend wird, dann muss der „Fortschrittsbalken“ als Spannungsmoment herhalten, wie in allen Computer-Hollywoodfilmen seit 1987. Fehlte nur die metallisch klingende Maschinenstimme. Aber immerhin können moderne Jagdflieger der US Air Force jetzt auch auf der Stelle fliegen und als Surfboard zweckentfremdet werden. Alles wie gehabt und hier beschrieben.

    Essen fremde Fötzel besonders gern Fotzelschnitten? — Hübsche Wörter aus dem Schweizer Sprachalltag

    November 5th, 2011

    (reload vom 2.7.07)

  • Eine Fotze ist eine Gosche ist eine Schnorre ist ein Latz ist ein Sabbel
  • Auch nach vielen Jahren in der Schweiz geraten wir noch in Erstaunen über besonders hübsche und drastische Wortfunde, die im Schweizer Sprachalltag zwar selten aber doch lässig und unbedarft Verwendung finden. Die Rede ist von den Varianten rund um das derbe Wörtchen „Fotze“. Im Gemeindeutschen ist dies ein vulgäres Wort für das innere weibliche Geschlechtsorgan, laut Variantenwörterbuch im Süden in dieser Bedeutung jedoch seltener, mehr noch, es gilt in Österreich und Süddeutschland als Variante für „Mund“, neben weiteren Ausdrücken wie:

    Pappen A, Gosche A D-süd, Schnorre A-west CH, Latz CH, Klappe CH D-nord/mittel, Fresse D-nord/mittel, Sabbel D-nord/mittel, Schnauze D (ohne südost), Schnute D
    (Quelle: Variantenwörterbuch S. 258)

    Da fehlt nur noch die „Klappe“ in der Liste, bzw. der „Rand“. Beides kann man halten in Deutschland.

  • Eine Fotze kann auch weh tun
  • Ausser für zwei Körperöffnungen gilt das Wort in Österreich und Deutschland auch als Synonym für eine gemeindeutsche „Ohrfeige“. Dieser schmerzhafte Vorgang bringt es ebenfalls auf eine Vielzahl von Varianten, in der Schweiz z. B. als „Chlapf“:

    Dachtel A D-südost, Watsche A D-südost, Chlapf CH, Backpfeife D-nord/mittelwest, Schelle D-nordost/südost
    (Quelle: Variantenwörterbuch S. 258)

  • Und die Fotzelschnitte?
  • Sie ist tatsächlich essbar und hat mit den oben erwähnten Körperöffnungen ganz und gar nicht zu tun. Sie ist eng verwandt mit dem „Fötzel“, der sich sogar im Duden findet:

    Fötzel, der; -s, - [wohl zu alemann. Fotz = Zotte, Fetzen, H. u.] (schweiz.): Lump, Taugenichts.
    (Quelle Duden.de)

    Besonders in der Kombination mit „fremd“ als „fremder Fötzel“ erfreut sich dieses Wort grosser Beliebtheit in der Schweiz, 214 Fundstellen bei Google-CH mögen als Beleg genügen:
    So im Zürcher Unterländer:

    «Fremde Fötzel» mussten weichen
    (Quelle: www.zuonline.ch)

    Oder im Velojournal.ch:

    Geniale Scheidegg und fremde Fötzel
    (Quelle: velojournal.ch)

    Doch was hat der „Dahergelaufene; Fremde“ mit einer essbaren Schnitte gemein? Die „Fotzelschnitte“, so erfahren wir aus dem Variantenwörterbuch, ist ein

    „Gericht aus in Milch eingeweichten, in Ei gewendeten, gezuckerten und in Butter gebratenen Brotstücken“.
    (Quelle Variantenwörterbuch S. 258)

    Fotzelschnitte
    (Quelle Foto: luckymagenta.spaces.live.com)

    Ein Gericht also, dass man in Österreich als „Pafese“ kennt und in Deutschland als „arme Ritter“, in der Schweiz auch als „verlorenes Brot“ oder „Goldschnitte“ serviert. Ein einfaches Gericht für arme Leute, diese „Fotzelschnitte“, nur nicht mit Rittern zubereitet sondern mit „Dahergelaufenen“, bzw. „Fremden“.

  • Ein Fötzel ist ein Fetzen Papier?
  • Ein „Fötzel“ an sich hat in der Schweiz zwei Bedeutungen. Zum einen ist es:

    Fötzel, der; -s, - (mundartnah) — Lump, Taugenichts.
    (Quelle: Schweizer Wörterbuch von Kurt Meyer S. 123)

    Zum anderen ist es aber auch ein Fetzen Papier:

    „Die Bürokratie verlangt für jede dritte Nacht die schriftliche Bestätigung eines Hotels. Reist man mit Fahrrad und Zelt, ist es nicht verwunderlich, dass die Papier unvollständig sind, also muss man sich die erforderlichen Fötzel mit etlichem Schmiergeld bei Hotels ergaunern
    (Quelle: Velojournal 1/2002, 19; zitiert nach Variantenwörterbuch S. 258)

    Man achte auf die Finesse, dass im „Velojournal“ vom „Fahrrad“ die Rede ist!

    Aus diesem „Fetzen Papier“ leitet sich dann noch die beliebte Tätigkeit „fötzeln“ selbst ab, was nichts anderes bedeutet wie das Aufsammeln solcher Papierfetzen bzw. sonstiger Abfälle:

    Asylbewerber «fötzeln» für ein Taschengeld
    (Quelle: www.zuonline.ch)

    fötzele
    Mir göi go „fötzeln“ in Kappeln
    (Quelle: schulekappel.ch)

    Besonders bemerkenswert finden wir an dieser Überschrift der Kappeler Schulzeitung, dass das Tätigkeitswort „fötzeln“ mit deutlichen Anführungszeichen als „nicht schriftfähig“ gekennzeichnet wurde. Richtig so! Wir sind uns eben schon deutlich bewusst, dass hier ausnahmsweise mal ein Dialektwort verschriftet wurde!

  • Frotzeln ist nicht fötzeln
  • Nicht verwechseln sollte man die umweltfreundliche und gemeinnützige Tätigkeit des „Fötzelns“ hingegen mit dem Gemeindeutschen „frotzeln“:

    frọtzeln (sw). V.; hat› [H. u., viell. zu: Fratzen ‹Pl.›, Fratze] (ugs.): a) mit spöttischen od. anzüglichen Bemerkungen necken: jmdn. [wegen etw.] f.; b) spöttische od. anzügliche Bemerkungen machen: sie frotzelten gern über ihn.
    (Quelle: duden.de)

    oder mit dem derben Wort für “ohrfeigen”:

    fotzen (sw) . V.; hat> [zu →Fotze] (bayr., österr. derb): ohrfeigen.

    Fazit: Wir hören auf zu frotzeln, gehen am Wochenende im Wald fleissig fötzeln und laden alle fremden Fötzel ein zu einer Fotzelschnitte. Genial!

    Wie wird man eine Kirmes-Bratwurst in Bern? — Nur per Ufnahmeverfahre

    October 31st, 2011

    (reload vom 29.06.07)

  • Berner im Unterland und in Zürich
  • Die Berner gründen gern Vereine wenn sie nicht in Bern verweilen, darüber hatten wir schon berichtet: Was machen die Berner im Zürcher Unterland? Einen Verein gründen. bzw. hier Was machen die Berner in Zürich? Auch einen Verein gründen.

    Die in Bern verbliebenen Berner lieben die Bratwurst und gründen daher den „Verein Bärner Chiubigigle“, der sich statt mit „u“ am Ende mit einem „le“ schreibt. Wir haben ja inzwischen gelernt, dass das die übliche Mehrzahl ist. Ein Verein der Bratwürste also? Oder doch der „Kirmes-Deppen“?

    Bärner Chiubi Gigle
    (Quelle Foto: chiubigigle.ch)

  • Soziale Aspekte Pflegen auf Bärndütsch
  • Was genau dieser Verein eigentlich macht, war auf der lehrreichen und informativen Homepage, die ziemlich komplett auf Berndeutsch geschrieben ist, erst nach langem Suchen und Berndeutsch Entziffern zu lesen. Genau gesagt war der entsprechende Passus merkwürdiger Weise in der Katastrophensprache Hochdeutsch verfasst. Krisenanweisungen und Vereins-Statuten bitte nicht auf Bärndütsch? So lasen wir:

    „Sinn und Zweck des Vereins ist die Erhaltung einer guten Freundschaft, das Erleben von gemeinsamer Freizeit und das Pflegen sozialer Aspekte.“
    (Quelle: chiubigigle.ch )

    Die “Erhaltung”, nicht der “Erhalt”, so wie „die Betreibung“ und nicht „der Betrieb“ oder „die Entscheidung“ und nicht „der Entscheid“, ach nee, das war ja anders herum.

  • Kehr ist nicht Verkehr
  • Das „Ufnahmeverfahre“ (Titel auf Schweizerdeutsch) enthält einen interessanten Absatz, der wiederum auf Hochdeutsch geschrieben wurde:

    Im November des laufenden Jahres werden alle Neubewerber zu einem Altstadtkehr eingeladen. Während dem Altstadtkehr muss jeder Neubewerber mindestens 10 Müntschis von verschiedenen Serviertöchtern der Altstadtkneipen einsammeln.
    (Quelle: Ufnahmeverfahren)

    Trotz der betont lässigen Verwendung des Schriftdeutschen hier rätselten wir doch über den „Altstadtkehr“ und die „Müntschis“. Sind das unter Umständen „Münzensammler“, die in der Altstadt mit Besen für den Kehraus sorgen? Vielleicht weil so viel Kleingeld im Trubel auf die Strasse fällt, dass sich der Einsatz von Kehrbesen lohnt.

  • Sind Müntschis Gäste aus München?
  • Oder ist das Einsammeln von „Müntschis“ eben dieses „Pflegen sozialer Aspekte“, welches in den Statuten so deutlich als Vereinszweck bezeichnet wird? Fragen über Fragen. Gäste aus München werden die „Müntschis“ auch kaum sein, und „Schiss münt“ sie auch keinen haben, die „Müntschis“, so hoffen wir wenigstens.

    Gönner-Werbung liest sich auf Berndeutsch übrigens so:

    O das Jahr si mir wider uf dr Suechi nach Lüt, wo üs miteme chline finanzielle Bitrag unger d’Arme griife u üs mit däm z’einte oder angere Feschtli tüe ermögleche. Säubschtverschtändlech tüe mir üs o wider revangschiere, idäm mir o hür wider e Gönnerevent wärde organisiere. Mir fröie üs über jede u jedi, wo üs, sigs zum erschte oder aber o zum widerhoute Mau, tuet ungerschtütze. Im Gönner-Beriich finget dir aui nötige Ahgabe wo dr bruchit, zum Gönner wärde.
    (Quelle: chiubigigle.ch)

    Säubtschtverschtändlech braucht man auf Berndeutsch ein paar Buchstaben mehr, um sich auszudrücken. Auch die „üs“ und „ös“ sollten locker vom Hocker aus dem Handgelenk kommen.

  • Die singenden Bratwürste
  • Singen können diese lustigen Brodwurst-Fans übrigens auch, hören Sie selbst: Mir si d’Bärner Chiubigigle (189kb)

    P. S.: Obwohl “Die Bratwurst” weiblich ist, dürfen in diesen Bärner Verein nur Männer eintreten.
    P. P.S: Falls sich genügend Mitglieder finden wollen wir uns demnächst als die „Verein der Unterländer Currywürsteeintragen lassen gründen, aber bitte mit scharfer Sosse.

    Was ist ein CHIUBIGIGU — Berndeutsch für debile willige Killer

    October 23rd, 2011

    (reload vom 28.06.07)

  • Bilder angucken in Heute
  • Wir wurden auf dieses hübsche Wort aufmerksam gemacht, welches sich in einer Anzeige von „Heute“ fand. Sie wissen schon, nicht die dröge Nachrichtensendung des ZDFs um 19:00 Uhr, sondern das „spritzig-witzige“ Nachmittagspendlermagazin mit den vielen bunten Bildern und den seitenlangen, kaum lesbaren Artikeln ohne Punkt und Komma. Textinput und Leseaufwand ca. 10 Minuten, denn Heimwärtspendler am Abend sind entschieden weniger aufnahmefähig als die 20-Minuten-Leserinnen und Leser in der morgendlichen Rush-Hour (2007 existierte es noch, kurz danach übernahm es der “Blick” und machte es zu “Blick am Abend“)

  • Nicht in Versen aber in Versalien
  • Das Wort wurde in „KAPITÄLCHEN“ geschrieben, was nichts mit dem KAPITAL von Karl Marx zu tun hat sondern ein anderes Wort für „Versalien“ = Grossbuchstaben ist. Die Schreibweise erinnerte uns wegen dieser Grossbuchstaben an eine Abkürzung, so wie einst das leckere „FIGUr hat GErn GeLittene“ von FIGUGEGL . Das Wort ist extrem schwierig zu entschlüsseln, doch wir haben ja unseren Sprachexperten, der uns einen Tipp gab. Im ersten Teil des Wortes steckt das Hilly-Billy-Lieblingswort aller chill-out Fans: „Chilbi“ in der Berner Fassung „Chiubi“ geschrieben, denn merke: In Bern wird immer „l“ zu „u“, wie uns neulich in einem Kommentar erklärt wurde:

  • Billig und willig in Bern
  • „Biuig ist Billig im Berndeutschen. Vgl: Wiuig (Willig), Viu (Viel), debiu, stabiu …“
    (Quelle: Kommentar auf der Blogwiese)

    Muss man alles erst lernen. Ein Satz wie „Ein stabiler und debiler Killer ist oft billig und willig“ müsste sich auf Berndeutsch extrem interessant anhören.

  • Ein Gig, eine Gigue und ein Gigu
  • Der erste Teil von CHIUBI-GIGU wäre geklärt, wenden wir uns dem „Gigu“ zu. Einen “Gig” nennt man in der Musikbranche einen Auftritt einer Band. Eine “Gigue” hingegen ein barocker Tanz. In Deutschland wird die Lautfolge “Gigu” von nichts ahnenden Feuerwehrleuten als Kurzbezeichnung für “Ginsheim-Gustavsburg” im Namen geführt wird, so bei der dortigen Feuerwehr-gigu.de und zwar nicht nur dort (vgl. skb-gigu.de ). In in der Schweiz und speziell in Bern ist “Gigu” hingegen schlichtweg ein Schimpfwort der harmloseren Art:

    Gigu
    Es ist sehr harmlos, ein schweizerdeutsches (oder besser gesagt berndeutsches) Wort für Trottel …
    Sprache: Schweizerdeutsch
    Verwandte Wörter: Stromkasten-Pinkler Ochse Glezn Blödsack Blödel Vollidiot Strandhaubitze Mit-Feuerzeug-in-Tank-Leuchter Wafferl Semmbachel Dulli Smörebrötblöd Yek Yoggler Dummbatz Halbidiot Dumpfnudel Humanoide Minimalkonfiguration Blödzinken Deppchef
    (Quelle: rindvieh.com)

    Klasse Liste! Wer kennt davon mehr als 25%? Mir waren nur 5 von 20 der Begriffe geläufig.

  • Kann man Kirmesidioten essen in Bern?
  • Überraschend ist nun, dass die Kombination aus „Kirchweih“=Chiubi und „Gigu“ = Blödmann keinen „Kirmesidioten“ entstehen lässt, sondern in ein ganz anderes Wort mündet. Doch geben wir einfach unserem Fachmann fürs Berndeutsche das Wort:

    Kinderfresser in Bern
    (Quelle Foto Berner Kinderfresser)
    (Vgl. auch hier)

    Da die Berner schon seit jeher gerne Menschen fressen, werden also die “Chiubi-Gigle” (Einzahl: ei Gigu, Mehrzahl: zwe Gigle) verzehrt. An der Chilbi gibt es also etwas Typisches, das gegessen wird. Was ist also typisch für die Chilbi? Das einzige gesalzene Essen, das man dort bekommt, sind Würste. Der Chiubigigu ist also auf Berndeutsch nichts Harmloseres als eine “Bratwurst“. Auf Berndeutsch sagt man übrigens etwas interkantonaler auch “e Bradwurscht” und davon abgeleitet “bräätle” (grillieren, siehe hier). Wenn also Solothurner zu Bernern von “Brootwurscht bröötle” sprechen, erntet das schmunzeln. Und Solothurner Kinder müssen erst lernen, dass es in der “Brotwurst” kein Brot hat. So wie die Basler Kinder erst lernen müssen, dass das “Roothus” nicht wegen der Farbe so heisst, sondern dass darin “beraten” wird.
    (Quelle: Private Elektropost)

    Bleibt festzuhalten, dass sich das Wort „Chiubigigu“ bei Google 147 Mal zu finden ist. Echt keine schlechter Wert für eine Bratwurst.