Da kommt der Zügelmann, der sich nicht zügeln kann — Umziehen in die Schweiz

July 19th, 2007

(reload vom 20.09.05)

  • Zügeln in die Schweiz
  • In die Schweiz “ziehen Sie nicht um”, sondern sie zügeln dorthin. Das erinnert an Pferdefuhrwerke mit einem Kutscher und Zügel, aber diese merkwürdige Assoziation haben sie nur, wenn sie aus Deutschland stammen. Die Schweizer verbinden unser deutsches Wort “umziehen” zum Ausgleich eher mit etwas, dass man in einer Umkleidekabine allein tut, und nicht am hellichten Tag in aller Öffentlichkeit.

    Die Männer, die Ihnen dabei tatkräftig zur Seite stehen (jetzt beim Orts- und nicht beim Kleiderwechsel), sind die “Zügelmänner“.
    Da kommt der Zügelmann, der sich nicht zügeln kann… sollten sie allerdings nicht vor sich hinträllern, denn die Jungs haben Muskeln und verstehen überhaupt keinen Spass, schon gar nicht bei ihrer Berufsbezeichnung.

  • Provisorisches Verzollen möglich
  • Falls Sie beim Umzug in die Schweiz für diese noch keine Dauer-Aufenthaltsbewilligung vorweisen können (Schweizerdeutsch “B-Bewilligung“. Warum “B“? Na, wegen “Be-willigung), sind sie dennoch berechtigt, ihren Hausrat über die Grenze zu transportieren. Sie müssen ihn nur “provisorisch verzollen“. Das darf leider kein Privatmensch, das darf nur eine Spedition, und die hocken im Zollamt an der Grenze in kleinen Büros und Verschlägen wie die Spinnen im Netz und warten darauf, dass Sie da mit ihrer Ladungsliste vorbeikommen, um sich die Einfuhr ihres Umzugsgutes für 120 CHF vorläufig provisorisch verzollen zu lassen.

  • Küche und Waschmaschine in Deutschland lassen
  • Kommen Sie bloss nicht auf die Idee, wie in Deutschland üblich, ihre eigene Küche oder Waschmaschine mit in die Schweiz umzuziehen. In der Schweiz mietet man die Küche gleich mit, sie bleibt in der Wohnung, und ein Schweizer würde nie auf die abstruse Idee kommen, sich eine eigene Küche zu kaufen, so wie ein Deutscher.
    In Deutschland lebt eine ganz Branche vom Handel mit der “weissen Ware”, das sind Kühlschränke, Küchenherde und Waschmaschinen, die von Endkunden in riesigen Supermärkten wie Media-Markt oder Saturn gekauft werden.

    In der Schweiz gibt es diese Märkte zwar auch, jedoch verkaufen die keine Waschmaschinen. Die werden nur von Bauunternehmen oder Liegenschaftsverwaltungen en gros geordnet, schnell mal 6 x 6 Maschinen für ein Block mit Neubauwohnungen. Privatmenschen kaufen das kaum in der Schweiz. Es sei denn, sie besitzen ein Eigenheim, und das haben wesentlich weniger Leute hier als in Deutschland, weil die Grundstückspreise so horrende hoch sind, das man schon gut geerbt haben muss, um sich sowas leisten zu können. Auch relativ gut verdienende Ärzte oder Rechtsanwälte wohnen zur Miete statt im Eigenheim.

    Also keine Waschmaschine aus Deutschland mit in die Schweiz bringen! Denn wenn sie dann mit ihrer 60 cm breiten “Miele Softtronic” in der neuen Wohnung anrücken, werden sie eine kleine Überraschung erleben:

    Die Badezimmertür ist als einzige Tür in der Wohnung schmaler als 60 cm, und sie kriegen die Maschine gar nicht da durch.

    Badezimmertür nur 58 cm breit

    Abgesehen davon, dass im Bad sowieso kein Platz dafür vorhanden ist. Höchstens für ein Mini-Maschinchen, das sich ein Schweizer nur kauft, wenn er mit dem örtlichen “Waschküchen-Reglement” nicht einverstanden ist, also trotz all der grossen und tollen Luxusmaschinen in der gemeinsam genutzten Waschküche doch lieber seine eigene Wäsche im eigenen Bad waschen will.

  • Wäsche für 4 Wochen bunkern
  • Die Schweizer Häuser haben gemeinsam genutzte Waschküchen, meistens abgeschlossen, und der Schlüssel zu dieser Waschküche wird von Mieter zu Mieter nach einem strengen “Waschküchenschlüssel-Übergabereglement” weitergereicht. So kann es passieren, dass sie nur einmal alle 4 Wochen waschen dürfen, wenn nämlich ihr Waschtag ist. Also am besten gleich losgehen und Socken und Unterwäsche für die 4 Wochen einkaufen, die sie überstehen müssen ohne Zwischendurchwäsche, und alle Termine am grossen Waschtag verschieben. Da müssen sie waschen, da können sie nicht arbeiten oder ausgehen oder Urlaub machen, es sei denn, sie haben meinen Rat beherzigt und sich gleich für 8 Wochen Vorräte an frischer Wäsche angeschafft. Kommen Sie auch nicht auf die Idee, ihren Waschtag mit anderen zu tauschen, oder dies anderen vorzuschlagen. Dazu wäre Kommunikation im Hause von Nöten (siehe nächster Abschnitt).

  • Kommunizieren in der Waschküche
  • Die Pinwand in der Waschküche dient übrigens in vielen schweizer Häusern auch als Kommunikationsplattform für alle Mietparteien. Man teilt sich mit, wer wann welchen bunten Socken wo gefunden hat, und dass in das Buntwaschmittel, was jemand beim letzten Waschtag absichtlich stehen gelassen hat, feine bunte Farbkügelchen untergemischt wurden, nur so als Warnung. Nehmen Sie also stets Zettel und Stift mit in die Waschküche, nebst genügend Heftzwecken, um auch an der allgemeinen Kommunikation teilhaben zu können. Und fangen Sie bloss nicht an, bei einer Frage direkt die betroffen Mieter an ihrer Wohnungstür aufzusuchen und sie in eine direkte mündliche Kommunikation zu verwickeln! Wozu gibt es denn schliesslich Zettel?

    Der Schweizer Autor Hugo Loetscher hat zum Thema “Waschküchenschlüssel” ein eigenes Buch verfasst, dass sie unbedingt mal lesen sollten, wenn sie am Waschtag in der Waschküche sitzen und auf das Ende vom letzten Schleudergang warten:

    Hugo Loetscher: Der Waschküchenschlüssel

    Laut Statistik geht es in 60 % aller Mietstreitereien vor Gericht in der Schweiz um die Waschküche und ihre Nutzung. Also nehmen Sie am besten gleich Ihren Fürsprecher mit, wenn sie die Waschküche das nächste Mal betreten wollen.

  • Türen die nicht ins Schloss fallen können:
  • Schweizer Wohnungstüren haben zum gemeinsamen Treppenflur hin keinen unpersönlichen Türknauf:

    Kein Türknauf in der Schweiz

    sondern eine Klinke. Die Türen können also nicht plötzlich durch einen Luftzug zu fallen und man steht im Bademantel ohne Schlüssel draussen und bibbert.

    Wohnungstür mit Klinke aussen

    Damit erübrigt sich auch ihre Geschäftsidee, in der Schweiz einen 24Stunden Schlüsseldienst anzubieten, er wird schlichtweg nicht benötigt.

  • Briefkästen mit praktischem Einlegefach:
  • Dieses Fach unterhalb des Briefkastens dient eigentlich zur Aufnahme der Zeitung. Es kann aber auch als Ablage für Nachrichten gebraucht werden, oder als Depot für ihre Hundeleine.

    Schweizer Briefkasten mit Fach

    Ich habe es auch schon erlebt, dass über dieses Fach Ware ausgetauscht wurde. Der Verkäufer legt seinen Artikel dort bereit (Schweizerdeutsch “parat“), der Kunde kommt - zeitversetzt-, entnimmt die Ware und wirft das Geld in einem Umschlag in den Briefschlitz. Ich möchte nicht wissen wieviel Drogendealer in der Schweiz so illegal und offen ihre Geschäfte abwickeln. Ursprünglich wurde in diesen Kasten die leere Milchflasche gestellt, welche der Milchmann dann durch eine volle Flasche austauschte. Das “Milchbüchlein” lag daneben, um den geschuldeten Betrag einzutragen. Heute würde kaum eine Milchflasche stehend in das Fach passen.

  • Wo ist denn hier die Rauhfasertapete?
  • Tapezieren müssen Sie ihre Wohnung beim Auszug nicht. Wie denn auch, wenn es gar keine Tapete gibt, sondern nur einen haltbaren Rauhputz, unter Umständen sogar abwaschbar.

    Schlangestehen bei der Post am Monatsende — Die Kontonummer wird nicht preisgegeben!

    July 18th, 2007

    (reload vom 09.09.05)

  • Gehen Sie auch zur Post am Monatsende?
  • Die Schweizer sind ein sehr geselliges Völkchen und gern beieinander. Am liebsten treffen sie sich regelmässig in der Warteschlange vor dem Postschalter am Monatsende. Es gehört zum Schweizer Lebensgefühl, dort mit Bargeld alle anfallenden (Schweizerdeutsch “allfälligen”) Rechnungen zu bezahlen und sich beim Warten die Zeit mit Diskussion darüber zu vertreiben, wie teuer wieder alles geworden ist. Der letzte Satz war glatt gelogen: Es wird niemals diskutiert oder lamentiert dort. Es wird stoisch geschwiegen und gewartet, dass man endlich dran kommt. Das allerdings mit einem gewissen Leidensgenuss. Wie sonst ist es zu erklären, dass viele Schweizer diese Qual jeden Monat wieder über sich ergehen lassen? Zur Abwechslung lässt man sich auch mal gern von einem Trickbetrüger ausrauben (siehe unten).
    Die Post hat Monitore aufgestellt mit einem Unterhaltungsprogramm, um das Warten zu versüssen. Schokoriegel und Bonbons kann man sich auch kaufen in der Halle vor den Postschaltern. Vielleicht kommen ja deswegen die Schweizer immer wieder?

  • Ihre Kontonummer will niemand haben
  • Bankkunde zu sein in der Schweiz ist ein völlig anderes Gefühl als in Deutschland. Es beginnt mit der Tatsache, dass solch vertraute Daten wie Kontonummer und Bankleitzahl (über die in Deutschland jede Bank eindeutig identifiziert wird, wie Strasse, Hausnummer und Postleitzahl einer Personenanschrift) plötzlich keine Rolle mehr spielen. Man lernt schnell, dass diese Nummern nicht wichtig sind, und wenn überhaupt nur die internationale IBAN Nummer etwas zählt (falls man Zahlungsverkehr mit Deutschland abwickeln möchte).

    In der Schweiz will niemand ihre Kontonummer wissen. Sie wird geheim gehalten, sie brauchen sie nicht preis zu geben. In Deutschland bekommt man keinen Mietvertrag, keinen Telefonanschluss, keinen Stromanschluss , keine Versicherung und kein Zeitungsabonnement, wenn man nicht seine Kontonummer mit Bankleitzahl angibt, und einem automatischen Lastschriftverfahren (Abbuchung) zustimmt. Das hat zur Folge, das der typische Deutsche bei 10-20 Kontobewegungen monatlich gar nicht mehr so genau weiss, was das denn alles im Einzelnen ist, es geht automatisch von seinem Konto ab.

    Natürlich ist es auch in Deutschland möglich, Telefon und Strom per Rechnung zu bezahlen, aber niemand nimmt freiwillig diesen mühseligen Weg auf sich, wenn doch so einfach abgebucht werden kann. Ehrlich gesagt, die meisten Deutschen haben noch nie darüber nachgedacht, dass es auch anders gehen könnte als per Abbuchung. Das ist einfach so, und es funktioniert meistens prima. Bei Fehlbuchungen kann ich mir ja von meiner Bank die Kohle zurückholen lassen, was horrende Strafgebühren für den Fehlbucher zur Folge hat.

  • Rosa oder rote Einzahlscheine?
  • In der Schweiz bekommt man dafür rosa Einzahlsscheine (sind die wirklich rosa? Oder doch eher rot?) zusammen mit der Rechnung vorausgefüllt zugeschickt, um diese Dinge ganz diskret über die eigene Bank oder noch besser über die Post abwickeln zu können. Und das ist für Deutsche gleich auch das grösste Paradoxon: Die grosse Schweizer Post, das wichtigste Geldinstitut für alle Zahlungsangelegenheit, ist nicht einmal ein Bank. Eine solche will sie werden, und kämpft momentan verbissen darum, von den Kreditinstituten in der Schweiz anerkannt zu werden.

    Momentan ist die Post noch der besagte beliebte Treffpunkt der Schweizer am Monatsende: Man trifft sich in der Schlange vor den Schaltern, mit einem stapel rosa Einzahlungsscheine in der Hand, um seine Miete, seinen Strom, das Telefon, Internet und alle anderen regelmässigen Kosten zu bezahlen. Natürlich in Cash, durch Einzahlung. Sonst müsste man ja seine Kontonummer preisgeben, oder doch auf eine dieser ominösen Abbuchugsanträge eingehen, die ständig ins Haus geflattert kommen.

    Der Schweizer liebt seine Anonymität in Sachen Bankangelegenheit, und sogar der Krankenversicherungsbeitrag wird per Einzahlungsschein bezahlt, obwohl die Versicherung natürlich sehr wohl weiss, wohin sie die Rückerstattungen überweisen soll. So weit geht es noch nicht, dass dafür nur Verrechnungsschecks verschickt werden. Einen solchen habe ich in der Schweiz noch nie gesehen.

  • Treffpunkt auch für Trickdiebe
  • Schlangestehen zu Monatsende gehen die Leute dann mit zig Tausend Franken los, um alles zu bezahlen, und sind beliebtes Opfer von Trickdieben in der Schalterhalle, die z. B. 100 CHF zu Boden fallen lassen, und wenn sich das Opfer bückt, mit dessen Geldumschlag, der schon bereitliegt, plötzlich verschwinden.

    Banking in der Schweiz ist natürlich durch die starke Verbreitung des Internets via Kabelanschluss auch “electronical banking“, und auch hier ist manches anders als in Deutschland: PIN-Nummern von Online-Konten und EC-Karten sind grundsätzlich sechsstellig, und nicht nur vierstellig wie in Deutschland. Zu Zeiten, als man in Deutschland noch mit lax verschlüsselten HTTPS Seiten online ging, gab es hier bereits verschlüsselten Java-Code für den Kontozugang, der selbstverständlich über SSL-Verschlüsselung, mit einer spezielle Zugangsnummer PLUS geheimes Passwort PLUS einer TAN-Streichlistennummer authentifiziert werden muss. Nach wenigen Minuten ohne Aktivität wird man rausgeworfen, und ordentlich abmelden muss man sich auch im Browser, sonst meckert der Server beim nächsten Mal.

    Pin-Nummern von EC-Karten kann man im übrigen an jedem Bankautomat sofort ändern, auch das habe ich in Deutschland noch nie gesehen. Leider führt dass dann dazu, das manche Leute die Nummer 123456 oder 888888 verwenden, wirklich schwierig zu merken.

    Bei der Deutschen Postbank Online (das ist wirklich eine Bank in Deutschland!) reicht die Eingabe der Kontonummer (die auf jedem Briefpapier zu finden ist) und einer nur 4stelligen Geheimzahl. Danach wird mit schlichtem SSL/HTTPS verschlüsselt. Kein Wunder, dass dieses Institut immer wieder Ziel von “Phishing“-Angriffen wird, bei solch laxen Sicherheitsvorkehrungen.

    Noch ein paar Unterschiede, an die man sich erst gewöhnen muss:

  • Sie wollen also einen Dispokredit haben?
  • Einen automatischen Dispo-Kredit in 2-3 facher Höhe des monatlichen Gehaltseingangs bekommt man in Deutschland grundsätzlich nach 3 Monaten von seiner Bank geschaltet. Wenn man ein bisschen bettelt, sind da schnell 10.000 Euro “Konsumenten-Dispo-Kredit” möglich. Die hohe Anzahl von verschuldeten Privathaushalten in Deutschland ist die Folge. Versuchen Sie dies mal in der Schweiz bei ihrem Geldinstitut als Privatkunde, der nicht mit 200.000 CHF Einlage daherkommt:
    “Sie wollen einen Überziehungskredit? Wären für den Anfang 1.000 CHF ausreichend? Aber bitte immer bald zurückzahlen!”

    Lächerlich ist da, einfach lächerlich, wenn man deutsche Konditionen gewohnt ist. Aber auch sehr weise, denn so verhindert der Staat die rasche und hoffnungslose Überschuldung seiner Bürger. Hat man dann vielleicht 150 CHF Dispo-Kredit tatsächlich über 6 Wochen in Anspruch genommen, ohne das Konto aktiv aufzufüllen, so hagelt es schriftliche Ermahnungen von Seiten des Geldinstituts, immer von zwei Leuten unterschrieben. Die Schweizer Bank macht sich Sorgen, wo das Geld bleibt, anstatt sich darüber zu freuen, dass sie prima Überziehungszinsen in Rechnung stellen kann. Paradox.

  • Kreditkarte für alle
  • Geändert hat sich dies erst, als COOP mit der SuperCard und die Migros mit der BudgetCard zwei kostenlose Kreditkarten auf den Schweizer Geldmarkt brachten, die nebenbei auch gehörigen Überziehungskredit bieten. Wer also einen festen Wohnsitz mit B-Bewilligung in der Schweiz hat, bekommt so locker einen gehörigen Kreditrahmen von den beiden Unternehmen eingeräumt. Die “Einladung zur Selbstverschuldung”, wie sie in Deutschland bei jeder Bank üblich war, hat also auch die Schweiz erreicht.

  • Zahlungsziel 30 Tage
  • Zahlen muss man seine normalen Rechnungen übrigens grundsätzlich erst nach 30 Tagen, das ist in der Schweiz so üblich. Wenn jemand kürzere Fristen verlangt, gilt er als misstrauisch und nicht den Schweizer Konventionen folgend.

    Nach4 Monaten Strombezug vom Stromlieferanten EKZ gibt es die erste Rechnung. Die ist dann für die ersten 3 Monate, und man braucht sie wiederum erst in 30 Tagen zu bezahlen. Alles klar? Wer eine Website anmietet, bekommt sie bei fast allen Provider binnen (Schweizerdeutsch “innert”) weniger Stunden freigeschaltet, mit vollem Zugriff, und eine Rechnung erfolgt nach 1-2 Wochen, mit aufgedrucktem Zahlungsziel von 30 Tagen, was sonst.

    Sind sie nicht grosszügig und geduldig, die Schweizer?

    Einmal in was warmes Weiches fassen — Als Hundebesitzer in der Schwei

    July 17th, 2007

    (reload vom 15.09.05)

  • Die Aufhebepflicht ist nicht aufgehoben
  • Richtig angekommen sind Sie als deutscher Hundebesitzer in der Schweiz erst, wenn Sie zum ersten Mal, vielleicht gleich am Morgen nach ihrem Umzug, ihrer „Aufhebepflicht“ nachgekommen sind: Einmal in was warmes Weiches fassen, mit dem über die Hand gestülpten braunen Plastiksack,
    Der Robidog Beutel für das warme Weiche
    das Häufchen aufheben, den Sack sauber verknoten, und dann ab damit in den grünen Hundebriefkasten:

    Hundebriefkasten?
    Hier ist es richtig.

    Briefkasten mit Hund
    Hier ist es falsch.

    Dann sind sie ein waschechter „Hündeler“, dann haben Sie ihre Feuerprobe bestanden und können wie alle anderen Hündeler in Zukunft mit Stolz ihren braunen Sack als Abzeichen an die Hundeleine geknotet spazieren führen.

    Das braune Ehrenzeichen am roten Bande:
    Hundeleine mit Abzeichen

    Das System ist perfekt. Die Schweiz ist ein angenehm Hundekot freies Land, sieht man einmal ab von den eigensinnigen Welschen in Genf. Dort behilft man sich an Stelle der Aufhebepflicht mit Mosaiken von Hunden, die schwören, nicht auf den Gehweg zu kacken zu wollen.
    Ich kacke nicht auf den Gehweg
    Ob das funktioniert und die Hunde das entziffern können?

    Die Nachbarländer haben begonnen, dieses Erfolgsmodel der Aufhebepflicht fleissig zu imitieren. Anders als in Berlin oder Paris muss man bei Spaziergängen durch eine Schweizer Stadt nicht permanent den Gehweg (Schweizerdeutsch „Trottoir“) im Auge behalten, um nur ja nicht in eine Tretmine zu tappen.

    Bisweilen findet man auch speziel abgezäunte kleine Grundstücke mit einem einladenden Schild: „Hundeversäuberungsplatz“. Hier können sich also Hunde „versäubern“, aber warum liegen dann nicht Handtuch und Seife bereit?

    Eine Steuer müssen Sie selbstverständlich auch zahlen für ihren Hund, nur hat die in der Schweiz einen viel schöneren Namen. Sie wird „Hundeverabgabung“ genannt. Welch geniale Sprachschöpfung eines deutschen Wortes! Jede Gemeinde hat hierzu ihre eigenen Vorschriften, wie ein Blick in Google zu dem Wort “Hundeverabgabung” beweist: (504 Treffer dazu!)

    Zitat:

    Es sind alle Hunde im Alter von über sechs Monaten zu verabgaben.

    Das Wort ist scheints so schwer, dass es nicht immer gleich geschrieben wird, so wie in der Gemeinde Grüningen, denn dort wird „Hundevergabung“ daraus. Vergibt man hier den Hunden? Oder werden Hunde vergeben? Oder geschah dies vielleicht alles früher einmal, den „Vergabung“ ist doch offensichtlich die Vergangenheit?

    Übrigens nehmen die meisten schweizer Gemeinden mit der Hundeverabgabung mehr Geld ein, als das Aufstellen und Leeren der Hundebriefkästen kostet, und die Mehreinnahmen werden dem Stadtsäckel stillschweigend als “Zustupf” (Schweizerdeutsch für “Hilfsgelder, Stütze”) zugesteckt. Also keine Rückzahlung an die Hündeler in Form von Hundekuchen oder so. Denn merke: Hündeler haben keine Lobby, die haben Hunde.

    Als Hündeler in der Schweiz werden Sie schnell Kontakt finden zu anderen Hündelern, sie werden die Hundenamen und Rassen kennenlernen und beim Griff ins warme Weiche werden sie uneingeschränkte Solidarität empfinden!

    Pinkeln erlaubt auf der Hunde-Versäuberungsstrecke:
    Hier ist das Pinkeln offiziell erlaubt

    Zii nii uff Bärn — Erlebnisse in der Schweizer Hauptstadt

    July 16th, 2007

    (reload vom 18.09.05)

  • Busfahren in Bern
  • Einmal muss ich in einem Berner Vorort mit einem Linienbus fahren. Er verkehrt angenehm häufig, alle 15 Minuten und ist natürlich auf die Minute pünktlich. Ich steige ein, nehme Platz und beobachte, wie sich der Busfahrer mit riesigem Walrossbart auf seinem Fahrersitz umdreht, die eingestiegenen Fahrgäste betrachtet und laut und deutlich artikuliert:
    „Grüüezaaach miteinand“.

    Dann dreht er sich zurück nach vorn, schliesst die Türen und fährt los. An der nächsten Haltestelle hält der Bus, die Türen öffnen sich, der Fahrer dreht sich erneut um zum Fahrgastraum und sagt langsam, laut und deutlich:
    „Auf Wiederluegge miteinad“.

    Es steigen neue Fahgäste ein. Der Busfahrer schaut sie an und sagt:
    „Grüüüezaaach miteinand“.
    Umdrehen nach vorn, weiterfahren.
    So geht das an jeder Haltestelle.
    Ich bin erstaunt, dass ich trotzdem pünktlich ankomme.
    Sie haben Zeit, die Berner.

  • Massimo Rocchi
  • Der aus Italien stammende Comedian Massimo Rocchi hat in seinem Soloprogramm «äuä» ausgiebig geschildert, wie er, aus Frankreich kommend, in Bern versucht hat, erst Hochdeutsch und später Berndeutsch zu lernen.
    Zitate:

    „Wo lernt man besten Hoch-Deutsch? In Nieder-Sachsen. (…)
    „Nehmen sie den Aufzug und fahren Sie hinunter in den Keller. (…) „

    Sein Programm enthält eine Fülle von Sprachwitzen und ist als Einstieg ins Berndeutsche sehr zu empfehlen:

    „In Bern waren alle erkältet. Sie kamen zu mir und sie sagten immer ‚Ttschuuldigung’“.
    „In Bern gibt es überall Ecken und Plätze, die man für die Tiere gebaut hat. Es gibt Bärengraben, Hirschengraben, Rossfeld, Ratthaus…“

  • Berndeutsch mit Mani Matter
  • Wir haben Berndeutsch lieben gelernt durch die Lieder und Texte von Mani Matter , der leider schon 1972 durch einen Autounfall ums Leben gekommene Schweizer Liedermacher, dessen Lieder die schweizer Kinder in der Schule lernen, und dessen Platten man heute noch kaufen oder in jeder Stadtbibliothek der Schweiz ausleihen kann.
    Mani Matter ist Kult

    Dene wos guet geit
    Giengs besser
    Giengs dene besser
    Wos weniger guet geit
    Was aber nid geit
    Ohni dass’s dene
    Weniger guet geit
    Wos guet geit

    Drum geit weni
    Für dass es dene
    Besser geit
    Wos weniger guet geit
    Und drum geits o
    Dene nid besser
    Wos guet geit

  • Warnung eines Berners

  • Bei meinem ersten Besuch 1999 in Bern suchte ich am Abend ein Internetcafé mit Zugang zum Word-Wide-Web in der Altstadt. Ich fand auch nach langem Suchen keins und fragte schliesslich einen jungen Berner auf der Strasse. Der fasste mich sogleich fest am Arm, schaute mir dann tief in die Augen und sagte: Zieh niii uff Bärn, denn hier gibt es kein Internetcafé und auch sonst ist hier am Abend der Hund begraben.

    Ich konnte später nicht mehr überprüfen, ob er die Wahrheit gesagt hat. Berner Freunde versicherten mir: “Kann schon sein, dass es kein Internetcafé in Bern gibt. Wozu auch, es hat doch fast jeder einen Zugang zu Hause”.

    Das tönt gut - oder - Über den schleichenden Prozess, ein Schweizer zu werden

    July 13th, 2007

    Hinweis in eigener Sache:
    Die Blogwiese war von Freitag 13.07.07 16:30 Uhr bis Samstag 14.07.07 17:28 gesperrt, “wegen Missbrauch”, wie uns der Provider mitteilte. Genaueres erfahren wir erst am Montag.

    (zuerst veröffentlich am 17.09.05)

  • Wir leben in einem anderen Kulturkreis
  • Das Leben “in einem anderen Kulturkreis” (Originalaussage eines Primarschullehrers über die Schweiz!) führt unweigerlich dazu, dass man nach und nach immer mehr Helvetismen übernimmt, ohne es zu merken.

    Bei den folgenden Beispielen merken wir deutlich, dass wir schon sechs Jahre hier sind. Denn langsam aber sicher werden die aufgezeigten Helvetismen Bestandteil unserer Standardsprache:

  • “Es rentiert nicht”, darüber nachzudenken (statt: Es rentiert sich nicht)
  • “Das Wetter ändert morgen” (statt: Das Wetter ändert sich morgen)
  • Dazumal haben wir in Bern gewohnt” (statt: damals haben wir in Bern gewohnt)
  • “Ich gehe heute in die Badi” (statt: ich gehe in die Badeanstalt)
  • “Das können sie kehren” (statt: Das können sie auch anders herum verwenden, das können sie umdrehen)
  • Ich mache noch ein Telefon” (statt: ich erledige noch einen Telefonanruf)
  • oder

  • Mach mir doch es Telefon” (statt: ruf mich doch einfach an).
  • Ich mach’ Dir gern den Hengst, aber wie mach ich dir’s Telefon?

  • “Sprich mir auf meinen Beantworter” (statt: … auf meinen Anrufbeantworter)
  • Der “Anrufbeantworter” wird in Deutschland übrigens gern als “AB” abgekürzt, was für das Leben in der Schweiz fatale Folgen haben kann, denn hier ist ein “AB” die Abkürzung für den Abort, das Klo also.
    Sprich mir doch einfach auf’s Klo” klingt das also in Schweizer Ohren, wenn sie sagen: “Sprich mir auf den AB“.

  • Es “klingt” nicht in der Schweiz, sondern es “tönt“:

  • Noch so ein häufig verwendetes Verb, dass einem am Anfang sehr lustig vorkommt, bevor man unweigerlich dazu übergeht, es selbst zu verwenden. “Es tönt” wird von den Deutschen als lustig empfunden, denn sie verwenden dieses Verb nur im Zusammenhang mit dem Volkslied “Es tönen die Lieder, der Frühling kehrt wieder”. In Deutschland tönt es nicht, da “klingt” es, als ob wir Deutsche ständig mit Klingen aufeinanderdreschen würden. Es ist mit Sicherheit für Schweizer in Deutschland die gefährlichste sprachliche Falle, in die sie unachtsam tappen können. Einmal “es tönt” gesagt, und sie sind von einem kundigen Deutschen als Schweizer entlarvt. Besonders leicht passiert dies bei der Bestätigungsfloskelt: “Das tönt gut.

    Die Schweizer bevorzugen die direkte, kurze Art der Ausdruckweise. Und weil das so schön praktisch ist und viel schneller geht, werden Sie, werter deutscher Leser in der Schweiz, über kurz oder lang auch anfangen, so zu sprechen! Das garantiere ich Ihnen.

    Dadäzue sage ich jetzt nix” ist hingegen die Variante, etwas auf Schweizerdeutsch länger und komplizierter auszudrücken. Wir hatten immer “dadazu” verstanden.

    Und in eigener Sache:
    Ich stelle mich grundsätzlich nur noch wie folgt vor:
    Mein Name ist Wiese, wie die grüne Wiese, ohne Ypsilon und ohne R”.
    Würde ich das nicht betonen, käme automatisch ein “Wyser” beim Schweizer dabei heraus. In Basel kann ich noch die Erklärung “Wiese wie der Fluss: Die Wiese” beifügen. Dennoch bin ich schon X-Mal als Herr “Wyser” angesprochen worden. Warum? Das “R” am Ende rollt so schön, und das allemanische Ypsilon als I-Ersatz steckt halt in den Genen der Schweizer.

  • Es gab einen Unterbruch (statt: es gab eine Unterbrechung)
  • Obwohl das Wort im Duden als Variante für “Unterbrechung” aufgeführt wird, würde es ein Deutscher nie im selben Kontext verwenden. Mit “Unterbruch” assoziiert der Deutsche höchstens Dinge wie den “Schwangerschafts-unterbruch” oder den “Leisten-bruch“. Doch hier zeigt sich sehr deutlich, dass fast jeder irgendwann der Faszination und Eleganz des knapperen “Unterbruchs” unterliegt, und anfängt, es selbst zu verwenden. Das tönt halt einfach besser.